Donaldismus in Deutschland "Willenlose Werkzeuge von Entenhausen"

Donaldismus in Deutschland: "Willenlose Werkzeuge von Entenhausen" Fotos

Hat Donald Duck Sex? Trägt Daniel Düsentrieb ein Toupet? "D.O.N.A.L.D." ist eine Gruppe kluger Köpfe, die seit 35 Jahren ihr Leben dem Studium der Disney-Enten widmet. Auf einestages erklärt ihr Gründer Hans von Storch, wie man eine Comicwelt erforscht - und warum es Entenhausen wirklich gibt. Ein Interview von

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einestages: Herr von Storch, wo liegt Entenhausen?

Storch: Aller Wahrscheinlichkeit nach überall! Ich zumindest habe das Gefühl, dass Donald jederzeit um die Ecke kommen könnte - weil er die ganze Zeit tatsächlich um die Ecke ist.

einestages: So geht es vermutlich nur Ihnen und Ihren Mitstreitern, den Donaldisten. Seit wann glauben Sie an die Existenz von Donald Duck?

Storch: Ich wurde schon als Zehnjähriger Donaldist. Ich hatte aber als Kind nur wenig Geld, um mir die Hefte zulegen zu können. Deshalb habe ich Donald als junger Erwachsener noch mal neu kennengelernt…

einestages: …und 1977 den D.O.N.A.L.D. gegründet.

Storch: Die D.O.N.A.L.D.! Die Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus. Wir wollten damals den Entenhausen-Kosmos erforschen, dafür brauchte es eine Organisation.

einestages: Mit Verlaub, hatten Sie nichts Wichtigeres zu tun?

Storch: Nein, tatsächlich nicht. Ich war gerade mit meinem Studium fertig und lernte Dänisch. In Kopenhagen entdeckte ich eines Tages zufällig in einem Laden zwei donaldistische Magazine. So erfuhr ich von Jon Gisle, einem norwegischen Religionswissenschaftler, der als erster donaldistisch geforscht hat. Von ihm stammt die Theorie, dass Entenhausen das Zentrum der Welt ist, deren Achse direkt durch Dagobert Ducks Geldspeicher verläuft. Als ich das gelesen habe, wollte ich etwas Ähnliches in Deutschland machen. So entstand schon 1976 das Heft "Der Hamburger Donaldist", in dem wir unsere Forschungen veröffentlichten.

einestages: Was haben Sie untersucht?

Storch: Eigentlich alles - jede Merkwürdigkeit war erlaubt. Für mich war immer hilfreich, dass ich Mathematiker bin. Die sind nämlich immer an absurden Systemen interessiert. Ich frage mich: Wenn ich eine Annahme habe, welche Aussagen ergeben sich daraus? So bin ich auch an die Erforschung Entenhausens gegangen - und in diesem Sinne ist Donaldismus auch Mathematik.


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einestages: Wie sahen diese Hefte aus, in denen Sie Ihre Forschungsberichte veröffentlicht haben?

Storch: Ziemlich schäbig und auch inhaltlich nicht allzu tief ausgearbeitet. Die erste Auflage bestand aus zehn Exemplaren.

einestages: Trotzdem versammelten sich wenig später Hunderte Anhänger um Sie.

Storch: Ja, weil ich eine Anzeige ins "Hamburger Abendblatt" gesetzt habe: "Donaldisten lesen den Hamburger Donaldisten". Das bekamen ein paar Journalisten mit, einer von denen fragte dann in einem Artikel in der "Bild"-Zeitung: "Sagen Sie mal, Herr Storch, haben Sie nicht eine Meise mit Ihrer Ente?"

einestages: Waren Sie da nicht beleidigt?

Storch: Überhaupt nicht! Ich fand den Sprachwitz gewaltig - das war einfach großartig, das muss man anerkennen. Und das lasen viele, plötzlich meldeten sich immer mehr Leute, die mitforschen wollten. Mit dieser Truppe trafen wir uns zu einem Kongress - und gründeten spontan die Organisation.

einestages: Laut Satzung ist die Duck-Forschung eines der Hauptziele des Vereins. Nach welchen Regeln wird geforscht?

Storch: Die einzige Regel war von Anfang an: Es sollte interessant sein. Wichtig ist aber auch, dass die Grundlage aller Arbeiten die Berichte von Carl Barks sind.

einestages: Berichte? Barks hat doch einfach nur Comics gezeichnet.

Storch: Wir glauben: Der gute Barks hat Mitteilungen aus der realen Welt Entenhausen empfangen, dabei hat ihm Erika Fuchs…

einestages: …die Barks' Comics ins Deutsche übersetzt hat…

Storch: …geholfen. Sie haben also aufgeschrieben, was sie "gesehen" haben.

einestages: Die beiden sind also gewissermaßen donaldistische Propheten?

Storch: Genau. Sie waren keine besonderen Leistungsträger und müssen auch nicht besonders schlau gewesen sein. Sie haben einfach ordnungsgemäß aufgeschrieben, was sie in ihren Visionen gesehen haben - unabhängig davon, ob sie das verstanden haben oder nicht. Die Aufgabe von uns Donaldisten ist es herauszufinden, was wir aus den Berichten auf jene Welt schließen können, aus der sie kommen.

einestages: Barks und Fuchs sind erst seit einigen Jahren tot. Warum haben Sie die beiden nicht einfach befragt?

Storch: Das haben wir versucht. Aber es wurde ziemlich schnell deutlich, dass beiden nicht klar war, was sie da taten. Sie waren willenlose Werkzeuge von Entenhausen. Wir wussten besser, worum es wirklich ging.

einestages: Und worum ging es Ihnen?

Storch: Für mich persönlich war immer die Frage am wichtigsten, ob die Physik in Entenhausen mit der in unserer Welt übereinstimmt. Und es stellte sich heraus, dass die meisten physikalischen Gesetze auch in Entenhausen gelten.

einestages: Die meisten?

Storch: Mit einer Ausnahme! Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Der besagt in unserer Welt, dass nichts von alleine ordentlicher wird - aber in Entenhausen geht das: Dort kann man einen zerrissenen Zettel von einer Brücke werfen - und wenig später taucht er unbeschadet flussabwärts wieder auf. Das wissen wir aus einem dieser Berichte.

einestages: Was schließen Sie daraus?

Storch: Das heißt, Entenhausen befindet sich in einer Welt, die größer ist als unsere. Denn wir leben in jenem Teilraum der Welt, in dem der zweite Hauptsatz der Thermodynamik gilt. Also ist Entenhausen größer - oder was ganz anderes.

einestages: Sie haben 1982 zusammen mit einer Kollegin auch einen Artikel über Sex in Entenhausen geschrieben. Was haben Sie herausgefunden?

Storch: Uns war unklar, ob Sexualität in Entenhausen mit reproduktiven Funktionen versehen ist. Denn wir sehen in Entenhausen ja keine Väter und keine Mütter, sondern nur Onkel. Es gibt auf jeden Fall Eier, aus denen wohl auch die Enten schlüpfen. Aber wie diese Eier entstehen und woher sie kommen, das ist nach wie vor unklar. Möglicherweise werden sie sogar industriell gefertigt.

einestages: Und was bringen solche Forschungsergebnisse?

Storch: Wie jede gute Forschung zunächst einmal gar nichts.

einestages: Aber warum beschäftigen Sie sich dann überhaupt mit alten Comics?

Storch: Weil wir durchaus aus ihnen lernen können! In den achtziger Jahren haben wir uns zum Beispiel immer gefragt, was dieses kleine, dünne Pfadfinder-Handbuch von Tick, Trick und Track ist. Ein Buch konnte es nicht sein, denn es war allwissend. Es wusste sogar, was man tun soll, wenn sich eine Schildkröte in einen Schnabel verbissen hat.

einestages: Und was ist es?

Storch: Vermutlich ein Smartphone - was uns damals überhaupt nicht klar war. Das hat Carl Barks in den Sechzigern nicht richtig beschrieben, weil er nicht verstanden hat, was das ist.

einestages: Bringt uns diese Erkenntnis hier in Deutschland was?

Storch: Natürlich! In Entenhausen sind eine ganze Menge Erfindungen vorweggenommen worden. Es gibt auch einen Barks-Bericht, in dem ein Schiff mit Hilfe von Pingpongbällen gehoben wird. Ein paar Jahre später wurde das dann in unserer Welt auch so gemacht. Das heißt, man kann dank Entenhausen voraussehen, wohin sich unsere Welt entwickelt.

einestages: Was ist darüber hinaus das wichtigste Ergebnis der Forschung?

Storch: Sehr interessant ist die Frage, was mit den Zähnen in den Schnäbeln der Ducks ist: Wenn die Enten mal so richtig stinkig sind, können wir ihre mordsmäßigen Zähne sehen. Aber wenn sie den Schnabel zum Singen öffnen, ist da nichts mehr. Die Zähne werden offenbar bei entsprechenden Stimmungen durch biochemische Prozesse erektionsartig aus dem Schnabel gedrückt. Ob das jemals eine Bedeutung für die menschliche Gesellschaft haben wird, weiß man zwar nicht - aber es ist interessant.

einestages: Und wie ist es mit der politischen Ebene? Erika Fuchs wurde in den sechziger Jahren der Vorwurf gemacht, die Comics seien linksgerichtet.

Storch: Ja, aber das war ja völliger Blödsinn. Es gibt immer irgendwelche Oberschlauen, die alles Mögliche da reindeuten und auch keine Donaldisten sein können, weil sie nicht diesen anarchistischen Spaß haben. Wir haben deshalb auch mal einen Film gedreht: "Die Verbrechen deutscher Hausfrauen an donaldisierenden Kindern".

einestages: Worum ging es darin?

Storch: Der Streifen hat gezeigt, wie Kinder damals gepiesackt wurden, damit sie ihre Comichefte abgeben. Viele von uns haben das in den fünfziger und sechziger Jahren durchlitten: Statt Donald sollten wir Goethe und Karl May lesen. Das war damals ein vollkommen phantasieloses Bürgertum, das sich in unsere Angelegenheiten eingemischt hat.

einestages: Haben Sie den Donaldismus und sich damals sehr ernst genommen?

Storch: Ich würde niemals zugeben, dass wir uns nicht ernst genommen hätten. Der Pfiff ist natürlich der gewesen, dass man an der Sache Spaß hatte - und deshalb ist das Ernstnehmen natürlich nur begrenzt möglich.

einestages: Wie feiern Sie eigentlich den Geburtstag der deutschen Donaldisten?

Storch: Wahrscheinlich gar nicht! Wer einmal Donaldist ist, ist es immer.

Das Interview führte Peter Maxwill

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1.
Markus Blohm 06.03.2012
Kaum zu gleuben was da behauptet wird. Das nennt sich auch noch Wissenschaft. Disney würde sich nen Ast ablachen...
2.
Günter Vrauer 06.03.2012
Das "Taschenlexikon für Frontsoldaten" sowie der neuzeitliche "Reibert" könnten durchaus als Vorbilder für das Pfadfinderhandbuch gedienthaben. Zumindest das Erstere dürfte dem Autor vielleicht sogar bekannt gewesen sein. Wobei ich davon ausgehe, das es ähnliche Publikationen auch im englischsprachigen Teil der Welt gegeben hat. Und in diesen Werken sind auch verblüffend viele unterschiedliche Dinge erklärt. Vom Knopf annähen über das wasserfeste Dach für die Nacht und der Zubereitung von Mahlzeiten und vieles Mehr
3.
bugme not 06.03.2012
Was ich mich immer schon gefragt habe: Sind die Enten / Gänse in Entenhausen Kannibalen? Oft haben die Enten zum Festtag einen Gänsebraten auf dem Tisch. Das ist eher gruselig wenn man überlegt, dass sie selbst Geflügel sind. Ist diese Frage im Rahmen des Donaldismus schon einmal beantwortet worden?
4.
Günter Vrauer 06.03.2012
Interessant wäre doch noch etwas über das Frauenbild in Entenhausen zu erfahren. Schliesslich wimmelt es dort von Frauen. Und nicht zu vergessen, wie steht man zu Okkultismus und Hexerei. Denn auch Gundel Gaukeley ist eine Mitbürgerin (oder nicht) von Entehausen.
5.
Werner Schäffer 06.03.2012
Herr Storch hat den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik wohl nicht richtig verstanden. Nach Boltzmann muss der zweite Hauptsatz statistisch interpretiert werden. Demgemäß ist eine Abnahme der Entropie nicht prinzipiell unmöglich. Demgemäß ist eine Abnahme der Entropie nicht prinzipiell unmöglich. Dies wird durch den poincarésche Wiederkehrsatz sogar explizit bewiesen: jeder Zustand, wenn auch mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit, tritt immer wieder auf. So ist der zerissene Zettel der später wieder ganz ist mitnichten ein Wiederspruch zu den in unserer Welt geltenten Naturgesetzen.
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