Doppelagenten im Kalten Krieg Getäuschte Täuscher

Der Skandal erschütterte das Königreich: Anfang der fünfziger Jahre flog in Großbritannien ein Team von Cambridge-Absolventen auf, die als erfolgreiche Diplomaten für den KGB spitzelten. Der britische Geheimdienst war blamiert, der Ruf seiner Agenten als Stümper gefestigt. Doch nun soll alles ganz anders gewesen sein.

Corbis

Von Peter Münder


Southampton, Freitag, 25. Mai 1951, kurz vor Mitternacht: Die beiden Männer, die in einem Austin A 40 an den Kai der britischen Hafenstadt rasen, haben Glück. Die Fähre "SS Falaise" hat bereits die Taue eingeholt, um nach Frankreich auszulaufen, doch die Gangway ist noch angelegt. Die beiden Gestalten hasten an Bord, ihr Auto lassen sie einfach am Kai stehen.

Die verspäteten Passagiere sind britische Diplomaten: Donald Maclean, 38, und Guy Burgess, 41. Beide arbeiten in Washington bei der britischen Botschaft. Nach London hatte man sie zurückgerufen, um sie zu verhören. Wochenlang war Maclean vom britischen Inlandsgeheimdienst MI5 und von Scotland Yards Special Branch überwacht worden; er steht im Verdacht, für den sowjetischen Geheimdienst KGB zu spionieren. Burgess ist in Washington wegen Trunkenheit, aggressivem Verhalten und mehrerer Verkehrsdelikte aufgefallen. Nun sind beide auf der Flucht.

Auf obskuren Umwegen gelingt es dem Duo, sich nach Moskau abzusetzen. Nach den ersten Zeitungsberichten spielt die Regierung den Fall allerdings schnell herunter: Zwei "unbedeutende Junior-Diplomaten", die stark alkoholisiert hinter dem Eisernen Vorhang verschwinden - sind die nicht schon durch ihr selbst gewähltes Exil in Stalins Sowjetunion hinreichend bestraft? Die Realität sieht anders aus: Maclean und Burgess haben tatsächlich für die Russen spioniert - siebzehn Jahre lang.

Der dritte Mann

Und die beiden waren nicht allein. In der Washingtoner Botschaft sitzt noch ein weiterer Maulwurf der Sowjets: Kim Philby. Der dritte Mann ist die Verbindung der Briten zu den US-Geheimdiensten - und er hatte das Fluchtmanöver von Maclean und Burgess geplant. Philby war es, der Burgess von Washington aus in Marsch gesetzt hatte, um Maclean zu warnen und zur Flucht zu überreden.

Maclean, Burgess und Philby, die gemeinsam am Trinity College in Cambridge studierten, bilden den harten Kern der "Cambridge Five", einem Team von fünf Doppelagenten, die für Moskau arbeiten. Zu ihnen zählt auch der später überführte Sir Anthony Blunt, ein Cousin der Queen und Kurator der königlichen Gemäldesammlung, sowie der Dechiffrierexperte John Cairncross. Alle fünf waren um 1930 während ihrer Studienzeit in der alten Universitätsstadt erst überzeugte Kommunisten und dann KGB-Spione geworden.

Philby stieg bis zum Chef der britischen Gegenspionage auf, während er in Wirklichkeit für den KGB arbeitete. Seit dem Verschwinden von Maclean und Burgess war zwar auch er verdächtig, doch Philby gab sich keine Blöße. Obwohl er intensiv verhört wurde, gab er nichts Verwertbares preis. Dem britischen Auslandsgeheimdienst MI6 blieb nichts anderes übrig, als ihn 1952 in den vorzeitigen Ruhestand zu schicken. Philby heuerte als Beirut-Korrespondent des "Economist" und des "Observer" an. Als er im Januar 1963 doch enttarnt wurde, setzte auch er sich in einer Nacht- und -Nebel-Aktion ab. In Moskau schrieb er seine Memoiren ("My Silent War", 1968), im Mai 1988 starb er als depressiver Alkoholiker im russischen Exil.

Desaster für den britischen Geheimdienst

Zwanzig Jahre nach dem Tod des berüchtigten Meisterspions fasziniert die bizarre Geschichte der fünf Oberschicht-Schnösel, die ihr eigenes Land an Stalin verrieten, die Briten noch immer. Der "Spion des Jahrhunderts" lieferte Stoff für zahllose Bücher und Filme, allen voran für John le Carrés "Dame, König, As, Spion". Das britische Establishment "konnte einfach nicht glauben, dass Mitglieder ihrer Klasse zu so einem Verrat fähig waren", hatte Philby in seinen Memoiren höhnisch notiert.

Der Fall Philby war ein Desaster für den Geheimdienst Ihrer Majestät - aber womöglich war er auch ein nützlicher Sündenbock: Philby wurde für fast alle britischen Geheimdienst-Desaster der Nachkriegszeit verantwortlich gemacht. Fehlgeschlagene Putschversuche und Sabotage-Akte - ob auf dem Balkan oder im Baltikum - waren natürlich von Philby veursacht worden, wie es immer wieder hieß. Aber war es tatsächlich so? Wurde Philby möglicherweise überschätzt? Waren die britischen Geheimdienstler wirklich solche Stümper, dass sie Maclean, Burgess und dann auch 1963 auch Philby entkommen ließen?

Ein Buch des Autors Samuel J. Hamrick, ehemaliger hoher Beamter des US-Außenministeriums und Mitarbeiter des Army Intelligence Corps, rüttelt am Mythos der "Cambridge Five" und insbesondere der Agentenlegende Philby. In "Deceiving the Deceivers" (Yale University Press, New Haven, 2004) liefert Hamrick, der unter dem Pseudonym W. T. Tyler bereits diverse Spionage-Romane geschrieben hat, eine völlig neue Version der bekannten Maulwurfslegende: Die britische Abwehr, so die zentrale These, hatte die Doppelagenten Maclean, Burgess und Philby bereits 1949 durchschaut - und sie dann überaus geschickt mit Falschinformationen gefüttert. Das tumbe Tölpel-Image hätten MI5 und MI6 bewusst in Kauf genommen, meint Hamrick, um die Verräter mit geschickten Tricks zu täuschen und die Kontakte der KGB-Spione aufzudecken. "Wir haben bisher große Teile der Maulwurf-Story völlig falsch interpretiert", lautet das Fazit des Autors.

Der große Bluff

Hamrick hat für sein Werk jahrzehntelang in den USA unter Verschluss gehaltene sowjetische Telegramme des britisch-amerikanischen Decodierungsprogramms "Venona" ausgewertet. Auch freigegebenes Material der Moskauer KGB-Archive konnte er sichten, dazu die spärlichen britischen Dokumente, die die Londoner Regierung freizugeben gezwungen war. In den Akten der Geheimdienste will er Anhaltspunkte für die Operation "Trojan" entdeckt haben, in welche die "Cambridge Five" ohne ihr Wissen eingespannt worden seien. Das Ziel: Falschinformationen über das gewaltige britisch-amerikanische Atomwaffenpotential an Stalin weiterzuleiten und die Sowjets von einem nuklearen Erstschlag abzubringen.

Die führenden britischen Geheimdienstler Dick White vom MI5 und Jack Easton vom MI6 hätten bereits im Zweiten Weltkrieg Erfolge mit dem "Umdrehen" von Nazi-Spionen erzielt, die mit Desinformationen über die alliierten Invasionspläne gefütterten wurden, so Hamrick. Als sie 1949 - und eben nicht erst 1952, wie bisher angenommen - den KGB-Maulwürfen auf die Spur gekommen seien, hätten die Briten ihre erprobte Methode auch auf Philby, Burgess und Maclean angewendet.

So sei es sehr wahrscheinlich, meint Hamrick, dass Informationen über das gerade erst im Aufbau befindliche kümmerliche anglo-amerikanische Nuklearwaffenpotential gegenüber der hochgerüsteten Sowjetarmee aufgebauscht wurden, um gegenüber Stalin eine glaubwürdige Abschreckungsstrategie zu suggerieren. Dieser Bluff funktionierte, weil Stalin großen Respekt vor dem westlichen Atomwaffenpotential und dem überlegenen amerikanischen Know-How gehabt habe.

Zweifel an Hamricks These

Längst nicht alle Fachleute mögen sich Hamricks späte Ehrenrettung für die britischen Geheimdienstler zu Eigen machen. "Es wäre natürlich ein gigantischer Bluff von großer historischer Bedeutung gewesen - wenn es wirklich so war", meint etwa Phillip Knightley, 79. Im Arbeitszimmer seines Hauses im Londoner Stadtteil Notting Hill hat der Journalist diverse Philby-Buchcover, Photos seiner Moskauer Treffen mit Philby im Januar 1988 und seine gerahmten Auszeichnungen als "Journalist des Jahres" an den Wänden hängen. Es sind exklusive Jagdtrophäen, denn Knightley war der erste, der nach Philbys überstürzter Flucht aus Beirut 1963 dessen KGB-Aktivitäten untersuchte und die Skandalgeschichte der Maulwürfe enthüllte.

Der Chefreporter des "Insight"-Spezialteams der "Sunday Times" hat unzählige Artikel über Philby und die KGB-Doppelagenten geschrieben - und mit seinen Enthüllungen selbst einiges zur Legendenbildung beigetragen. Kurz vor Philbys Tod konnte er den Überläufer 1988 in Moskau eine Woche lang intensiv befragen. Knightley ist von Hamricks These "nicht restlos überzeugt, weil es dafür keine absolut stichhaltigen Beweise gibt".

Dass Philby von seinem Podest als Jahrhundertspion geholt wird, stört Knighley nicht sonderlich: "Die maßlose Überschätzung und Dämonisierung Philbys ist schon grotesk", sagt er. So seien die vom US-Geheimdienst "dilettantisch aufgebauten" antikommunistischen albanischen, jugoslawischen und baltischen Partisanengruppen "nicht von Philby verraten, sondern längst von Moskau infiltriert" gewesen. Auch hätte der KGB Philby und seinen Freunden seit ihrer Rekrutierung in den dreißiger Jahren immer misstraut. "Philbys frühe KGB-Führungsoffiziere waren alle wegen Spionage für die Deutschen oder die Polen erschossen worden und deswegen suspekt", konstatiert Knightley.

In einem Punkt allerdings liegt Hamrick völlig falsch, glaubt Knightley. Dass das Urteil über die Schlapphüte des MI5 und MI6 revidiert werden muss, hält er für Unfug: "Die meisten waren wirklich totale Stümper."

"Nichts ist, wie es scheint"

"Was Hamrick so plausibel darstellt, mag sich tatsächlich so abgespielt haben, es klingt glaubwürdig. Aber er kann kein einziges Dokument als Beweis vorzeigen, so dass ich nicht restlos von seinen Thesen überzeugt bin - auch wenn ich mich bei der Lektüre seines spannenden Buches oft gefragt habe, warum ich nie auf diese Ideen gekommen bin, die Hamrick entwickelt hat", erklärt Knightley.

Den Haupteinwand fehlender, beweisträchtiger Dokumente kann Hamrick mit dem einleuchtenden Argument kontern, dass das streng geheime "Trojan"-Projekt ohne Wissen der Regierungschefs durchgeführt wurde. Man hatte wohl einfach schon zu viele Pannen erlebt und wollte keine Spuren hinterlassen.



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