Doppelleben eines Comic-Zeichners Pardon wird nicht gegeben

Doppelleben eines Comic-Zeichners: Pardon wird nicht gegeben Fotos
bpk/Seyfried/einestages

Ein Altlinker mit Faible für Militärgeschichte? Gerhard Seyfried, König des knallbunten Anarcho-Comics, hat ein hochseriöses Buch über den Boxeraufstand geschrieben. Er selbst sieht in beiden Genres klare Parallelen. Von

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Mit frecher Feder hingestrichelte Zottel-Anarchos und knollennasige Polizistentrottel sind sein Markenzeichen: In farbenfrohen Underground-Comics hat der Zeichner Gerhard Seyfried das Lebensgefühl der links-alternativen Szene der alten Bundesrepublik mit scharfer Beobachtungsgabe und feinem Sinn für schrägen Humor wie niemand anders auf den Punkt gebracht. Sein Cartoon "Freakadellen und Bulletten" fehlte auf kaum einem WG-Klo, seine Deutschlandkarten mit Städten namens Pest-Berlin, Lynchen, Kaputtgart oder Gestankfurt zierten Hausbesetzer-Wohnküchen.

Doch jetzt hat der Kultzeichner der undogmatischen Linken umgesattelt - und schreibt historische Bücher. Für sein neuestes Werk hat sich Seyfried wieder eines der finstersten Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte vorgenommen: Nachdem er 2004 dem Herero-Aufstand ein Buch gewidmet hatte, nimmt er in "Gelber Wind", das gerade im Eichborn Verlag erschienen ist, nun die brutale Niederschlagung des Boxeraufstandes in China im Jahr 1900 ins Visier.

"Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht", hatte Kaiser Wilhelm II. öffentlich verkündet, als sich im Juli 1900 eine deutsche Expeditionsstreitmacht nach China einschiffte, um das von Aufständischen belagerte Diplomatenviertel Pekings zu entsetzen. "Wie vor 1000 Jahren die Hunnen sich einen Namen gemacht haben, so möge der Name Deutscher auf 1000 Jahre durch euch in einer Weise bekannt werden, dass niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen auch nur scheel anzusehen." Die Soldaten nahmen Wilhelm wörtlich, und seit der "Hunnenrede" galt der Name als Synonym für deutsche Zerstörungswut.

Ein Altlinker mit Faible für Militärgeschichte

Schwere Kost also und eigentlich nicht gerade witzig. Warum ein vergleichsweise nüchterner, streng entlang der Fakten erzählter historischer Roman anstelle der vor Phantasie sprühenden Seyfriedschen Wimmelbilder, auf denen sich Spießer, Hippies, Bullen oder Kreuzberger Punks trollen?

Für Seyfried ist beides lebendige Zeitgeschichte: Die eine selbst erlebt im Kreuzberg der Siebziger, als Hausbesetzer Seyfried schon mal Pressekonferenzen in okkupierten Wohnungen gab, während Sicherheitsleute sich mit Äxten durch die Tür hackten. Die andere gespeist aus seiner für einen Altlinken ungewöhnlichen, aber langjährigen Leidenschaft - der Militärgeschichte. Als "wohltuenden Kontrast" empfindet Seyfried heute diese beiden Seiten seiner selbst: "Ich kann mich in meinen Cartoons mit bissiger Satire und Blödelei austoben, andererseits aber auch ernsthafte Sachen schreiben und mich intensiv mit Historischem beschäftigen."

Seiner Liebe zum Detail fröhnt der Zeichner auch als Historiker. Selbst das jeweilige Wetter an den einzelnen Tagen des Jahres 1900 hat er aus chinesischen Quellen nachrecherchiert. Insgesamt vier Jahre betrieb er Quellenstudium, wälzte Bücher, wühlte sich durch Archive. Vier Protagonisten tragen die Handlung, basierend auf Originaldokumenten der damaligen Zeit, Zeitungsartikel und Tagebüchern: eine deutsche Privatlehrerin und der deutsche Pressekorrespondent in Peking, ein Seeoffizier des Kreuzergeschwaders und ein Reichstagsabgeordneter in Berlin.

Ein Mord als Startschuss für den Aufstand

Ende des 19. Jahrhunderts ist China seit Jahrzehnten faktisch vom Wohlwollen fremder Mächte abhängig. Teile der Bevölkerung empfinden die vielen Ausländer in ihrem Land zunehmend als Bedrohung, sie fürchten um ihre traditionelle Lebensweise. Zunächst richtet sich der Zorn gegen konvertierte chinesische Christen, es kommt zu Massakern. Im Dezember 1899 wird auch der erste europäische Missionar umgebracht.

Dann wird im Juni 1900 der deutsche Gesandte Clemens Freiherr von Ketteler in Peking auf offener Straße erschossen. Der Mord ist der Startschuss für den Aufstand des fremdenfeindlichen Geheimbunds der "Boxer", wie sie von den Kolonialmächten wegen ihrer taoistischen Entspannungsübungen, einer Art Schattenboxen, genannt werden. Tausende von Aufständischen belagern das Pekinger Botschaftsviertel, in dem sich die Diplomaten mit ihren Familien, Dienern und Gästen nebst kleinen Schutzwachen verschanzt haben. Auch 3000 chinesische Christen sind dorthin geflohen - die die Europäer aber einfach von den Lebensmittelzuteilungen ausschließen. Insgesamt 55 Tage müssen die Belagerten unter immer dramatischeren Umständen um ihr Leben fürchten, bevor sie befreit werden.

Das chinesische Kaiserhaus gibt sich ob des Aufstands entsetzt, scheint aber im Geheimen mit den Aufständischen zu paktieren - China erscheint in den Augen der westlichen Öffentlichkeit plötzlich als Schurkenstaat. Eine multinationale Streitmacht aus Deutschen, Franzosen, Briten, Italienern, Japanern, Österreich-Ungarn, Russen und Amerikanern fällt in das Reich der Mitte ein und führt einen mehrmonatigen Straffeldzug durch.

"Germans to the front!"

500 deutsche Matrosen unter dem Kommando des britischen Admirals Edward Seymour stoßen am 22. Juni 1900 auf Peking vor, um die Eingeschlossenen zu befreien. Der Befehl des Briten "Germans to the front" wird schnell zum geflügelten Wort. Der (authentische) Tagebucheintrag eines deutschen Seeoffiziers zeigt die andere Seite der Medaille deutscher Tapferkeit: "Alle Chinesen, die aufrecht stehen blieben, wurden getötet und auch die Verwundeten nicht geschont", heißt es dort.

Doch trotz aller Brutalität muss die multinationale "Friedenstruppe" 40 Kilometer vor Peking kehrtmachen. Ein Grund: Die Chinesen haben mit deutscher Hilfe von altertümlichen Wallbüchsen auf Krupp-Kanonen und moderne Maschinengewehre umrüstet. So bekommen die europäischen Truppen beim Boxeraufstand erstmals die Schlagkraft ihrer eigenen Waffen in Feindeshand zu spüren - es ist der erste Sieg der Chinesen über westliche Truppen seit Menschengedenken. Doch am Ende behalten die "fremden Teufel" doch die Oberhand: Am 28. August 1900 befreien ihre Truppen das Gesandtschaftsviertel, halten eine Siegesparade ab - und plündern ausgiebig den Kaiserpalast in der "Verbotenen Stadt".

"Damals wurde Deutschland nicht am Hindukusch, sondern eben in Peking verteidigt", sagt Seyfried provokant. Auch wenn er im Buch ohne erhobenen moralischen Zeigefinger erzählt, ist er hier angesichts der vielen offenkundige Parallelen zur heutigen Zeit vielleicht sogar noch politischer als in seinen Comics.

Inzwischen führen die Deutschen sich nicht mehr als Hunnen auf, aber sie sind so ziemlich überall auf der Welt zwischen Afghanistan und dem Horn von Afrika mit Soldaten engagiert - in zehn Ländern insgesamt. "Selbstverständlich sind es samt und sonders friedenssichernde Missionen", stichelt Seyfried, "und ebenso selbstverständlich bleibt bei allen Militäreinsätzen und kriegerischen Verwicklungen die Wahrheit als erstes auf der Strecke."

Bei seinen Recherchen hat Seyfried am meisten überrascht, wie einige Europäer schon damals spürten, dass die Fremdenfeindlichkeit der Chinesen ihre Ursache in der Rücksichtslosigkeit der Kolonialisten hatte. So notierte der österreichische Diplomat Arthur von Rosthorn angesichts des Wütens der Westmächte in sein Tagebuch: "Wenn ich Chinese wäre, wäre ich Boxer."

Zum Weiterlesen:

Gerhard Seyfried: "Gelber Wind oder der Aufstand der Boxer". Eichborn-Verlag, Frankfurt a. M. 2008, ca. 600 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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