Dr. Dre zum 50. Der Mann, der den Gangstern die Beats gab

Dr. Dre prägte den Westcoast-Rap wie kein anderer, er entdeckte Eminem und 50 Cent, rühmte sich als "ersten Milliardär des Hip-Hop". Im Februar 2015 feiert er seinen 50. Geburtstag. Rückblick auf eine Karriere im Kugelhagel und Drogensumpf.

Von

AP

Entsetzte Gesichter, Schreie. Die Kugeln schlagen in der Bushaltestelle ein, das Rot spritzt auf, läuft langsam an der Kleidung der Wartenden hinunter. Langsam lenkt Andre Young alias Dr. Dre den Wagen an den verstörten Passanten vorbei. Aus dem Fenster lehnt Eric Wright alias Eazy-E und feuert. Eine Drive-by-Schießerei, und dennoch: Young und Wright können sich vor Lachen kaum halten. Denn alles ist nur ein böser Jungenstreich: Die beiden haben sich eine Paintball-Waffe nebst roter Farbkugeln besorgt und versetzen die Bewohner von Torrance, einer Vorstadt von Los Angeles, in Angst und Schrecken.

Wenig später bleibt den jungen Männern dieses Lachen im Hals stecken. Als beide auf dem Asphalt knien, von Polizisten umstellt, die Mündungen echter Waffen an die Schläfen gepresst.

Die Rache für die Demütigung durch die Cops kommt auf ungewohntem Weg: Noch am selben Tag gehen die beiden Rapper ins Studio und nehmen einen Song auf, der eine Lawine in Gang setzen wird. Einen Song, der Dr. Dre, Eazy-E und ihre Bandkollegen Ice-Cube, M.C. Ren und DJ Yella zu Staatsfeinden macht. Die Polizei, sogar das FBI, wird sich bei der Plattenfirma beschweren, über den gewaltverherrlichenden Text und den offenen Aufruf zum Mord an Polizisten. "Fuck Tha Police" wird 1988 zur Hymne ihrer Hip-Hop-Crew N.W.A. - "Niggaz Wit Attitudes" - werden. Und das zugehörige Album "Straight Outta Compton" zum Wendepunkt der Hip-Hop-Geschichte.

Der Junge aus Compton

Als Dr. Dre 1965 als Andre Romelle Young geboren wurde, war die Situation Schwarzer in Compton hoffnungsvoll. In dem Hunderttausend-Einwohner-Vorort von Los Angeles wurden rassistische Mietgesetze abgeschafft. Immer mehr Afroamerikaner zogen in den vormals von der weißen Mittelschicht geprägten Ort. Das Versprechen von Wohlstand und Aufstieg lockte.

Bei den Youngs war davon kaum etwas zu spüren. Die alleinerziehende Verna Young arbeitete Doppelschichten, um die Familie durchzubringen. Einzige Abwechslung im harten Alltag waren die R'n'B- und Funk-Platten der Mutter. "Als ich vier oder fünf Jahre alt war, spielte ich Platten auf den Partys meiner Mutter", sagt Young in einem Interview. "Ich legte eine Platte auf und die Leute johlten und fingen an zu tanzen. Ich liebte es, Menschen mitzureißen."

Mit der gemeinsamen Liebe zur Musik wollte die Mutter ihren Sohn von der Straße fernhalten. Vorerst erfolgreich. Während auch in Compton der Drogenhandel und die Gewalt auf den Straßen zunahmen, legte der jugendliche Andre Young als "Dr. Dre" auf Partys auf, eine Anspielung auf den Spitznamen "Dr. J" seines Basketball-Idols Julius Erving.

Dr. Dre im Beat-OP

Schon bald schloss sich Dr. Dre der World Class Wreckin Cru an, einer Elektro-Gruppe, die mit Rap-Elementen experimentierte. Die Schule hatte er da, mit 16, schon abgebrochen. Und die Liebe zum Hip-Hop hatte die zum R'n'B der Mutter abgelöst.

"He'll rock the party, wherever you'll be/ Calling Dr. Dre to emergency." Es ist 1984 und Dr. Dre steht mit der World Class Wreckin Cru für das Musikvideo zu "Surgery" auf der Bühne. Der 19-Jährige trägt ein goldenes Glitter-Sakko, seine Hose glänzt schwarz. "L.A. is the place for you to be/ To witness Dr. Dre in surgery", haucht der Rapper und schlackert beschwörend mit den Armen.

Auf den Covern der Platten posierte Dr. Dre zu dieser Zeit in Designerkitteln, immer ein Stethoskop um den Hals. Mit der Lebensrealität von Andre "Dre" Young hatte dieses Image allerdings nicht mehr viel zu tun. Compton war mittlerweile einer der größten Gewaltherde der USA. Die Gangs Bloods und Crips lieferten sich blutige Schießereien auf offener Straße. Der Handel mit der neuen Droge Crack blühte.

Getto-Attitüde

Einer, der es in diesem Klima der Gewalt schon weit gebracht hatte, war Eric Wright. Als Eazy-E bekannt, handelte Wright mit Drogen und finanzierte so seine Ausflüge ins Musikgeschäft. Als Dr. Dre wegen mehrfacher Verkehrsdelikte hinter Gittern landete, zahlte Eazy-E die Kaution. Seine Bedingung: Dr. Dre solle für sein neu gegründetes Label Ruthless Records produzieren, denn bereits damals hatte Dre bewiesen, dass er zwar nicht der eleganteste Rapper war, aber ein untrügliches Gespür für die Produktion von eingängigem Hip-Hop besaß.

Gemeinsam mit der lokalen Rapgröße Ice-Cube und Wreckin-Cru-Scratcher DJ Yella gründeten sie 1986 die Formation N.W.A. Statt Glitzer- gab es jetzt Bomberjacken. Statt Wohlfühl-Hip-Hop bedrohliche Soundcollagen aus brutalen Beats, Sirenengeheul, Schüssen. Und Texte, die den Lebensstil zwischen Drogendeal und Straßenschießerei zelebrierten. Das Umfeld, vor dem seine Mutter ihn mit Musik hatte bewahren wollen - Dr. Dre rutschte durch die Musik hinein.

Nach Streitereien zwischen Eazy-E und Dr. Dre trennte sich die Gruppe, und Young gründete mit seinem ehemaligen Leibwächter Marion "Suge" Knight das nächste Label Death Row Records. Hier vereinte er auf seinem Album "The Chronik" Gangsta-Rap mit den eingängigen Funk-Sounds seiner Kindheit zum Genre G-Funk.

Der Produzent der Gangster

Doch die Musik wurde von Mord und Totschlag überschattet. Dank der Gang-Verbindungen seines Partners Knight gingen bei Death Row Mitglieder der Bloods ein und aus. Tontechniker wurden verprügelt, Schießereien waren an der Tagesordnung. Noch während der Aufnahmen zu Snoop Doggy Doggs Debüt stand der wegen Mordes bei einem Drive-by-Shooting vor Gericht. Und der bei Death Row unter Vertrag stehende Tupac Shakur lieferte sich einen gerappten Schlagabtausch mit den Künstlern des New Yorker Labels Bad Boy, an deren Ende nicht nur Shakur, sondern auch der Ostküsten-Rapper Notorious B.I.G. tot sein sollten.

Auch Dr. Dre verlor sich in der Spirale der Gewalt, wurde angeschossen, verprügelte eine Journalistin, Polizisten und wurde schließlich für Trunkenheit am Steuer eingesperrt. "Zu Anfang ging es nur um Nigger, die den Aufstieg schafften", sagte Dr. Dre dem Hip-Hop-Magazin "Blaze". "Dann wandelte sich das in so ein verficktes Don-Corleone-Ding."

Nachdem er sechs Monate im Gefängnis verbracht hatte, verließ Dre Death Row Records und gründete 1996 sein eigenes Label Aftermath. Es sollte die entscheidende Wende in seinem Leben sein. Als Produzent scheffelte er in den nächsten Jahren Millionen. Mit Eminem entdeckte er den erfolgreichsten US-Musiker der Nullerjahre. Er verhalf den Hip-Hoppern 50 Cent und The Game zum Durchbruch und produzierte Songs von Mary J. Blige, Gwen Stefani und Alicia Keys. Was auch immer Dr. Dre anfasste, wurde zu Gold. Das Leben in den Straßen Comptons tauschte er gegen eine Villa in einem Nobelviertel von Los Angeles, die ständig wechselnden Mädchen gegen ein ruhiges Familienleben mit Frau und Kind.

Milliarden fürs Badboy-Image

30 Jahre nachdem Dr. Dre im Glitzeroutfit auf den Bühnen Comptons stand, ist der Rapper und Produzent auf dem Zenit seines Erfolges angekommen. In einem YouTube-Video verkündete er gemeinsam mit dem Schauspieler Tyrese Gibson am 8. Mai 2014 den Verkauf seiner Kopfhörermarke "Beats by Dr. Dre" an den Apple-Konzern. Für unglaubliche 3,2 Milliarden Dollar. Als "der erste Milliardär des Hip-Hops", feiert sich Dr. Dre in dem Video. "Genau hier von der motherfuckin' Westküste."

Im August 2015 erscheint der Film zum Aufstieg Dr. Dres aus dem Getto zum Weltruhm. Der Titel: "Straight Outta Compton" - genau wie das stilprägende N.W.A.-Album von 1988. In einem Teaser zum Film fahren Dr. Dre und Ice-Cube durch Compton.

Langsam lenkt Andre Young den Wagen durch die Straßen. Am Straßenrand winken ein paar Kinder. Eine helle Stimme ruft "Okay, Dr. Dre". Die beiden gealterten Hip-Hop-Stars lachen gerührt.



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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Raproboter, 18.02.2015
1.
Wo habt ihr denn die verstümmelte Version von Straight outta compton ausgebraben? NWA ohne Schimpfworte? Geht ja gar nicht!
Hans Mans, 18.02.2015
2.
eine Legende, Bereicherung für die Kultur und ein großes Vorbild hoffentlich kommt Detox noch irgendwann raus
Christian Mauer, 18.02.2015
3. Happy B-Day Dr. Dre!
Wow, ein sehr cooler Artikel über einen der ganz großen im Musikbusiness! The Chronic war in meinen Augen das beste Album aller Zeiten, habe es immer im Auto und werfe es regelmäßig an. Auf den Film freue ich mich jetzt schon. Gibt es in Deutschland irgendwo eine B-Day-Party, wo man auflaufen kann? Let me ride deez nuts and keep the heads ringin - alles gute Doc!
Air Jordan, 18.02.2015
4. Unternehmergeist im 21. Jhd
Und das allertollste an dieser märchenhaften Lebensgeschichte ist die Tatsache dass er seine Homosexualität verheimlicht um Walt Disney noch die Gelegenheit zu geben seinen American Dream irgendwann verfilmen zu können
urs gfeller, 18.02.2015
5. mit Anapher, Antithese und Paradoxon
damit kann man es so weit bringen. Seht her.
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