Dr. Hope Allein unter Männern

Sie tarnte sich als Mann - und schaffte es mit diesem Trick, 1880 als erste Frau in Deutschland das Staatsexamen in Medizin zu machen. Die Pioniertat von Hope Bridges Adams blieb mehr als hundert Jahre unbeachtet. Spurensuche nach einer fintenreichen Revolutionärin.

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Volk Verlag

"Völlig ausgeschlossen! So etwas haben wir nicht", lautet die niederschmetternde Auskunft im Münchner Büro des Alpenvereins. Man sei im Krieg ausgebombt worden und danach umgezogen, nein, ein Fotoalbum eines Dr. C. A. Lehmann gebe es hier mit Sicherheit nicht. Der Geschäftsführer hätte die hartnäckige Besucherin wohl gerne weitergeschickt, aber eine Universitätsprofessorin kann man schließlich nicht einfach wegschicken. Marita Krauss ist als kriminalistische Spurensucherin unterwegs. Seit mehr als 15 Jahren fahndet sie nach einer Visionärin. Jeder Tipp könnte sie ihr näher bringen. Doch wieder einmal scheinen alle Spuren in einer Sackgasse zu enden.

Was nützt ihr nun der zufällige Hinweis, dass Hope Bridges Adams Lehmann drei Fotoalben über das Leben ihres verstorbenen Mannes angelegt und eines davon der Sektion Oberland des Alpenvereins geschenkt hatte? "Wenn es schon kein Archiv gibt, dann vielleicht irgendeinen Schrank oder eine Truhe mit alten Unterlagen?" Um sie endgültig von der Sinnlosigkeit ihres Unterfangens zu überzeugen, werden ihr die Türen eines schnöden Aktenschranks geöffnet: ein Stapel mit verstaubten Hüttenbüchern. Marita Krauss räumt ihn aus - und findet das gesuchte Album mit der Aufschrift "Dr. C. A. Lehmann".

Doch wer war diese Frau des begeisterten Alpinisten Lehmann überhaupt? Dr. Hope Bridges Adams Lehmann hatte nicht nur als erste Frau in Deutschland ein medizinisches Staatsexamen abgelegt, sie war auch eine große Vorreiterin der Frauenemanzipation: Um 1900 entwickelte Hope Ideen, die in viele Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und auf dem Gebiet der Medizin zu ihrer Zeit utopische Zukunftsvisionen waren - und noch heute geradezu atemberaubend modern klingen. Aber sie hat keinen Platz in der Geschichtsschreibung.

Zu intellektueller Leistung nicht fähig

Marita Krauss sorgt dafür, dass Hope nicht völlig in Vergessenheit gerät: Seit vielen Jahren trägt die Historikerin mit Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte an der Universität Augsburg zum Teil winzige Mosaiksteinchen zum Leben von Hope Bridges Adams Lehmann zusammen - und konnte so nach und nach eine aufregende Biografie rekonstruieren.

Am Anfang sind da nur Hopes eigene Bücher und die sehr verstreuten Resten eines Briefwechsels. Ansonsten gibt es praktisch nichts: keinen Nachlass, keine autobiografischen Aufzeichnungen. "Eine Mischung aus Glück, Zufall und Findigkeit", sagt Marita Krauss, "war nötig, um das Leben dieser Frau wieder sichtbar zu machen." Sie spürt schließlich Hopes Nachkommen in Montevideo auf und findet sogar einen Brief, mit dem die Kaiserin Victoria Auguste sich persönlich beim Reichskanzler dafür einsetzt, dass man Fräulein Hope Bridges Adams doch zum medizinischen Staatsexamen zulassen solle.

In Berlin regiert zu jener Zeit der Kaiser, in Paris staunt man über den Eiffelturm, in London sorgen die ersten U-Bahnen für Aufsehen - und Frauen müssen enge Kleider tragen, dürfen nicht studieren und nicht ohne Erlaubnis ihrer Männer arbeiten, kein eigenes Vermögen haben, geschweige denn wählen. Junge Mädchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert werden in martialische Korsetts geschnürt und auf den einzigen Sinn ihres Lebens vorbereitet: Sie sollen möglichst gut verheiratet werden. Man hält sie für körperlich schwach und nicht zu intellektueller Leistung befähigt.

Allein unter Männern

Statt junge Mädchen mit Spitzen und Tüll auszustaffieren, solle man ihnen lieber gesunde und kräftigende Bewegung an der frischen Luft verschaffen, fordert Hope Bridges Adams Lehmann. "Ein Rad wäre ein besseres Geschenk als ein Ballkleid", schreibt sie selbstbewusst in einem ihrer Aufsätze.

Nur wenige sind damals ihrer Zeit voraus - wie der britische Eisenbahningenieur und Erfinder William Bridges Adams, der seine 1855 geborene Tochter Hope am Londoner Bedford College, einem der ersten britischen Frauencolleges, neben Literatur und Sprachen auch Mathematik und Latein lernen lässt. Nach dem Tod des Vaters siedelt Hope mit ihrer Mutter von England auf den Kontinent über. Vermutlich sollte sie Sprachlehrerin werden, denn das war eine gesellschaftlich akzeptierte Berufstätigkeit für Frauen.

Hope jedoch schreibt sich zum Wintersemester 1876/77 an der Leipziger Universität als Gasthörerin in Medizin ein - mehr ist nicht möglich. Gerade in der Männerwelt der Medizin begegnen Frauen immer wieder scheinbar unüberbrückbaren Vorbehalten, die von schlichter Prüderie bis hin zur Angst vor Konkurrenz reichen: "Man denke sich nur die junge Dame im Seziersaal mit Messer und Pincette vor der gänzlich entblößten männlichen Leiche sitzen", schreibt ein indignierter männlicher Kollege noch viele Jahre später. Frauen, so die männlichen Zeitgenossen, sollten lieber Krankenpflegerin, Heilgehilfin oder allenfalls Hebamme werden.

"Weg mit dem Korsett!"

Um im Hörsaal als Frau weniger aufzufallen, lässt sich die junge Hope einen strengen Kurzhaarschnitt verpassen und trägt Westen und Jacken. Gegen alle Widerstände gelingt es ihr, das Studium an der Leipziger Uni abzuschließen. Das medizinische Staatsexamen legt sie 1880 ab - akzeptiert wird es nicht. Zur Promotion geht sie nach Bern und nach einer weiteren Prüfung erhält sie ihre Approbation in Großbritannien. 1904 wird ihr Staatsexamen endlich vom Bundesrat in Berlin anerkannt. Nun darf sie auch in Deutschland ihren Doktortitel führen.

Die österreichische Kaiserin Elisabeth gilt zu dieser Zeit als die schönste Frau der Welt. Sie schnürt sich ihre Wespentaille auf 47 Zentimeter und trägt anstatt der Unterröcke seidene Unterhosen, um unnötige Schichten zu sparen - zweifelsohne ein Skandal. Kein Skandal aber ist es, dass sich die Kaiserin mit strapaziösen Hungerkuren die Gesundheit ruiniert. Auch ein durchschnittliches Korsett drückt die Rippen so stark zusammen, dass die Atmung erheblich eingeschränkt und lebenswichtige Organe deformiert werden. "Weg mit dem Korsett!" ist eines der Schlagworte um die Jahrhundertwende.

Genau das fordert auch Hope in ihrem "Frauenbuch", mit dem sie 1896 enormes Aufsehen erregt. Sie beschreibt darin nicht nur minutiös die Folgen des Schnürens für die Gesundheit der Frau, sondern entwickelt für nahezu alle Bereiche des Lebens Konzepte, die Frauen zu mehr Selbstbestimmtheit verhelfen sollen - von Ratschlägen für eine gesündere Lebensweise mit viel Bewegung an der frischen Luft über sexuelle Aufklärung und Verhütungsmethoden bis hin zu einem glühenden Plädoyer für die Gleichberechtigung von Mann und Frau: "Die Frau ist nur dann ganz Weib, wenn sie ein ganzer Mensch ist, und nur ein ganzer Mensch, wenn sie ganz Weib ist."

Scheidung

Eine militante Frauenrechtlerin jedoch ist Hope nicht - erst recht keine Männerhasserin. Die "Frauenfrage" ist für sie auch eine Männerfrage: "Wie töricht jede Betrachtung der Frau abseits des Mannes, wie aussichtslos jeder Befreiungskampf der Frau, der nicht den Mann mitbefreit."

Hope lebt ihre Forderungen auch selbst: Sie lässt sich 1895 von ihrem ersten Mann Otto Walther scheiden, um den wesentlich jüngeren engagierten Sozialisten Carl Lehmann zu heiraten. Mit dem Vater ihrer beiden Kinder praktizierte sie ein Modell, das noch heute als fortschrittlich angesehen werden darf: Sohn und Tochter leben während der Schulzeit bei der Mutter und ihrem neuen Mann in München, die Ferien verbringen sie bei ihrem Vater im Schwarzwald.

Wohl auch aus ihren eigenen Erfahrungen heraus schreibt Hope: "In einer besseren Zeit werden sich Vater und Mutter bei der Kinderpflege unterstützen und ablösen." In einer zukünftigen sozialistischen Gesellschaft, so ihre Forderung, sollten sich beide Elternteile bei einem sechs- bis achtstündigen Arbeitstag die Erziehungsarbeit gleichberechtigt teilen können.

Schwerer Rückschlag

Hope Bridges Adams Lehmann war in vieler Hinsicht fortschrittlich: So dürfte sie wohl eine der ersten Frauen gewesen sein, die in München ein Auto chauffierten. Ihr Alltag als berufstätige, geschiedene Mutter, als praktizierende Ärztin und als politisch aktive Sozialdemokratin wäre auch heute noch nicht selbstverständlich - vor hundert Jahren war er revolutionär.

Begeisterung erntete sie dafür nicht: 1914 musste sie einen schweren Rückschlag einstecken, als die Münchner Hebammen sie wegen angeblich illegaler Abtreibungen vor den Richter brachten. Aufhalten aber ließ sich Hope nicht.

Ebenso wenig wie Marita Krauss. Auch die beiden anderen verschollen geglaubten Fotoalben hat sie auf abenteuerlichen Wegen wiederentdeckt - eines war zwischen Dachbalken eines alten Hauses versteckt. Die Fotos sind zugleich eine interessante Quelle zum geselligen Leben im München der Jahrhundertwende, denn in der Wanderbewegung offenbarte sich ein erstaunlich selbstverständliches Nebeneinander von Sozialdemokratie und Katholizismus.

Das Leben der Hope Bridges Adams Lehmann war Vorlage für den Zweiteiler "Dr. Hope - Eine Frau gibt nicht auf", der bei arte am Freitag, 19. März 2010, ab 20.15 Uhr zu sehen ist. Das ZDF zeigt den Film am Montag, 22. März, und Dienstag, 23. März, jeweils um 20.15 Uhr.

Zum Weiterlesen:

Marita Krauss: Hope - Dr. Hope Bridges Adams Lehmann - Ärztin und Visionärin. Die Biografie, Volk Verlag, München 2009, 216 Seiten.

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Seite 1
Friedemann Weber, 20.03.2010
1.
Interessant, aber möglicherweise nicht vollkommen richtig: Das könnte von der Definition "Studium" abhängen. 1754 promovierte Dorothea Christiana (Christiane?) an der Universität Halle zum Doktor der Medizin. Sie stammte aus Quedlinburg, wo sie als Ärztin arbeitete und gilt gemeinhin als erste deutsche promovierte Ärztin.
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