Dreijähriger an Bord der "Landshut" "Ich wollte Cracker, aber Papas Hände waren gefesselt"

Dreijähriger an Bord der "Landshut": "Ich wollte Cracker, aber Papas Hände waren gefesselt" Fotos
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Vor 30 Jahren entführten Terroristen den deutschen Ferienflieger "Landshut", für 91 Geiseln begann ein tagelanges Martyrium. Steffen Waida war das jüngste Kind an Bord. Jahrzehntelang wollte er nicht über das Ereignis sprechen, jetzt bricht er sein Schweigen: Für einestages erinnert er sich an die Tage des Schreckens. Von

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Vor 30 Jahren, am 13. Oktober 1977, entführten vier palästinensische Terroristen die Lufthansa-Maschine "Landshut", Flug LH 181 von Palma de Mallorca nach Frankfurt am Main. 86 Touristen, die meisten Deutsche, und fünf Besatzungsmitglieder erlebten ein Martyrium, das erst am 18. Oktober 1977 mit der Befreiung in der somalischen Hauptstadt Mogadischu endete. Mit der Entführung sollten inhaftierte RAF-Terroristen freigepresst werden. Flugkapitän Jürgen Schumann wurde von einem der Entführer erschossen, drei der vier Terroristen wurden bei der Befreiungsaktion durch die deutsche Antiterroreinheit GSG 9 getötet.

Das Bild der befreiten Geiseln, die am Flughafen Frankfurt/Main das Flugzeug verlassen, ging um die Welt. Darauf ist auch ein junger Mann zu sehen, der sein dreijähriges Kind im Arm hält: Rhett Waida mit seinem Sohn Steffen. Der heute 32-jährige Steffen Waida, der als Industriekaufmann im Landkreis Stade bei Hamburg lebt, hat nur noch wenige Bilder aus den Stunden und Tagen in der "Landshut" im Kopf. Er spricht ungern über das Ereignis, und schon gar nicht öffentlich. Als ihn SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Hasnain Kazim um ein Gespräch bat, sagte er dann doch zu - Waida kennt den Journalisten aus gemeinsamen Schuljahren.

Steffen Waida:

In meinem Freundeskreis weiß fast jeder, dass ich an Bord der "Landshut" war, auch wenn ich so gut wie nie über die Entführung rede. Die Bilder sind zigmal im Fernsehen gewesen. Ich weiß nicht, wie oft mir Freunde oder Kollegen inzwischen gesagt haben: Du warst gestern wieder im Fernsehen. In fast jeder Sendung zum Deutschen Herbst tauchen die Bilder auf, wie wir die Lufthansa-Maschine in Köln-Bonn verlassen, mit der wir aus Mogadischu abgeholt wurden, und wie mein Vater mit mir im Foyer des Flughafens zu sehen ist. Ich bin da in eine Decke gewickelt. Meist ist in diesen Sendungen auch das Bild von dieser am Bein angeschossenen Souhaila Andrawes zu sehen, der einzigen überlebenden Terroristin, wie sie durch die Halle getragen wird und dabei das Victory-Zeichen macht. Das macht mich heute noch wütend.

Von der Entführung selbst habe ich nur noch wenige Bilder im Kopf, obwohl sie ja insgesamt fünf Tage dauerte. Ich weiß noch, dass ich rechts von meinem Dad saß und dass wir unsere Plätze auf der rechten Seite des Flugzeugs hatten, ganz weit vorne. Ich habe ein Bild im Kopf, wie ich nach links gucke und dort ein Mann mit einer Waffe herumgeht, einer der Entführer. Und ich kann mich erinnern, dass die Hände meines Vaters am Rücken mit Socken gefesselt waren. Das weiß ich noch genau, weil in dem Netz vor mir eine Tüte mit Crackern war. Die wollte ich unbedingt haben, kam aber selbst nicht ran, weil ich noch zu klein war. Ich habe meinem Vater immer wieder gesagt: Gib mir die Cracker. Aber er konnte sie mir nicht geben, weil er seine Hände nicht bewegen konnte. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass ich nach unserer Befreiung durch die GSG 9 vom rechten Flügel hinuntergereicht wurde; wir saßen dann in einem Bus und sind hinter eine Sanddüne gefahren.

Geburtstag zwischen Kidnappern

Ich soll während der gesamten Entführung sehr ruhig gewesen sein und nicht viel geweint haben. Jedenfalls haben mir das mein Vater und mein Patenonkel gesagt. Mit ihnen war ich im Urlaub auf Mallorca, meine Mutter war zu Hause im Alten Land bei Hamburg geblieben. Meine Eltern sind Gastronomen, da war es schwierig, dass wir alle gemeinsam verreisen. Für meine Mutter war das Ganze noch schlimmer als für uns, sie saß ja hier, wusste nicht, was passiert, und konnte nichts tun. Mein Vater und ich hatten während der Entführung auch noch Geburtstag: Mein Vater wurde am 14. Oktober 1977, dem zweiten Entführungstag, 28 Jahre alt, ich wurde drei Tage später drei.

Am Flughafen Köln-Bonn sind nach der Befreiungsaktion die GSG 9-Beamten geehrt worden. Ich habe das Bild im Kopf, wie sie alle in einer Reihe stehen; keine Ahnung, ob ich mich wirklich daran erinnere oder ob ich das aus den Medien weiß. Als wir von Mogadischu nach Deutschland geflogen wurden, saß einer der GSG-9-Beamten in der Reihe vor uns. Der hatte eine Verletzung am Hals, von einer Granate, die bei der Befreiungsaktion explodiert war. Mein Vater hat mir erzählt, dass der trotz seiner Verletzung mit Sekt angestoßen hat. Mein Vater fragte ihn: Tut das nicht weh? Er antwortete: Kribbelt ein bisschen.

Das waren echt Helden. Was die gemacht haben, war alles andere als einfach. Ihre Leistung verdient Respekt. Mich ärgert es, wenn sie immer nur als Killer dargestellt werden, nur weil sie mit einer Waffe herumlaufen. Sie haben Menschenleben gerettet.

Säckeweise Artikel über die Entführung

Auch vor Helmut Schmidt habe ich Respekt. Dem würde ich gerne mal begegnen, ihm die Hand geben und mich persönlich bei ihm dafür bedanken, dass er als Bundeskanzler damals richtig gehandelt hat. Das ist ein heller Kopf, heute noch. Er ist ein sehr geradliniger Mensch, das gefällt mir. Damals, nach der Entführung, hat er mir ein orangenes Go-Cart geschenkt. Leider habe ich das nicht mehr.

Mein Dad war mit mir später bei einem Kinderpsychologen. Dazu hatte die Lufthansa auch geraten, und ich glaube, die Lufthansa hat die Untersuchung auch bezahlt. Der Psychologe ist mit mir zu einem Flugzeug gegangen, und ich soll gejault haben, als dort ein Mann mit einer Waffe stand. Aber ansonsten gab es keine Auffälligkeiten. Mehr als die Untersuchung haben wir nicht bekommen. Heute könnte man wahrscheinlich Schadenersatz in Millionenhöhe einfordern, weil die Kontrollen so lasch waren und die Terroristen Waffen an Bord schmuggeln konnten.

Jahre später habe ich all die Artikel über die Entführung in die Hände bekommen. Mein Vater hat alles aufbewahrt, säckeweise Zeitungen und Zeitschriften, er lagert sie im Keller. Erst vor vier, fünf Jahren habe ich den offiziellen Bericht der Bundesregierung durchgelesen. Da steht auch viel über die RAF drin, über die Selbstmorde von Andreas Baader, Jan Carl Raspe und Gudrun Ensslin im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim und über die Entführung und Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Das waren ja die Folgen davon, dass die Terroristen mit ihrer Flugzeugentführung gescheitert waren.

Im Angesicht der Bombe

In meiner Familie ist die Geiselnahme kein großes Thema mehr, wir reden nur selten darüber. Mein Vater hat den Schrecken gut verarbeitet, er ist sofort wieder in den Job gegangen, ohne Pause. Er hat ja die Erschießung des Piloten ganz nah mitbekommen, und direkt vor ihm war die ganze Zeit eine Bombe platziert. Er hat viel mit seinen Freunden über die Entführung geredet, und viele seiner Gäste in seiner Gastronomie haben ihn auf die "Landshut" angesprochen. Das hat ihm geholfen, die Sache zu verarbeiten. Meine Eltern standen eine Zeit lang in Verbindung mit den anderen Geiseln, aber diese Kontakte sind eingeschlafen. So etwas wie einen Verein gibt es, glaube ich, nicht.

Zu der ganzen Geschichte äußert sich mein Vater nur noch selten öffentlich, zum Beispiel, wenn es um den heutigen Terrorismus oder um die RAF geht. Ich tue das auch, wir haben da die gleiche Meinung. Damals, nach der Befreiung, hätte mein Vater mit mir um die Welt reisen können, von Fernsehsendung zu Fernsehsendung. Wir hatten Angebote von Sendern aus der ganzen Welt, USA, Japan und so weiter. Aber meine Eltern haben entschieden, dass sie das nicht wollen. Ich sollte normal aufwachsen und nicht länger mit der Entführung konfrontiert werden. Das war die beste Entscheidung, die sie treffen konnten.

Die RAF wird heute verharmlost

Als es kürzlich um eine mögliche Begnadigung von inhaftierten RAF-Terroristen ging, habe ich eine E-Mail an Bundespräsident Horst Köhler geschrieben. Für mich wäre eine Begnadigung nicht vereinbar mit rechtsstaatlichen Prinzipien. Eine Freilassung wäre ein Spucken ins Gesicht der RAF-Opfer. Nie ist jemand grausamer mit diesem Rechtsstaat umgegangen als die RAF-Verbrecher - und die wollen jetzt auf rechtsstaatliche Gnade hoffen und vorzeitig entlassen werden? Ich meine, dass heutzutage die RAF sehr verharmlost wird.

Nur vier Tage später habe ich eine Antwort aus dem Bundespräsidialamt erhalten: Es sei noch keine Entscheidung gefallen. Ich fand es gut, dass sie mir wenigstens geantwortet haben - vielleicht auch nur, weil ich dazugeschrieben hatte, dass ich als Kind in der entführten "Landshut" saß. Immerhin war das kein Standardbrief.

Angst vor Terrorismus habe ich heute nicht. Wenn man fliegt, guckt man sich die Leute, die mitfliegen, schon genauer an. Und ich gebe niemandem, den ich nicht kenne, meine private Telefonnummer. Aber das sind, glaube ich, ganz normale Vorsichtsmaßnahmen.

In der Debatte über das Abschießen eines entführten Flugzeugs kann ich verstehen, dass es zwei Meinungen gibt. Auf der einen Seite will man so etwas wie die Terroranschläge vom 11. September 2001 nicht noch einmal erleben. Auf der anderen Seite: Wer darf denn über das Leben der Menschen an Bord des Flugzeugs entscheiden?

Aufgezeichnet von Hasnain Kazim

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1.
Michael Mönstermann 15.10.2007
'Jahrzehntelang wollte er nicht über das Ereignis sprechen, jetzt bricht er sein Schweigen': Ein 3-Jähriger muß ja auch erstmal sprechen lernen. Diese Erinnerungen an die Geschehnisse dürften wohl zum allergrößten Teil nicht seine eigenen sein, sondern ehr die seines Vaters, oder was er später darüber erfahren hat. Daher wäre es wesentlich interessanter gewesen, etwas über die Erinnerungen seines Vaters zu erfahren.
2.
Fred Navarro 16.10.2007
Tja - wer Menschen und erst recht wer Kinder entführt, braucht auch nach 30 Jahren nicht auf gute Kritiken warten !
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