Dresden 1945 Liebe und Inferno

Dresden 1945: Liebe und Inferno Fotos
DEUTSCHE FOTOTHEK/Walter Hahn

Wie dicht können absoluter Horror und höchstes Glück zusammen liegen? Nur durch Zufall überlebte die Mutter von Erika Weder den vernichtenden Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 - und lernte auf der Flucht aus der brennenden Stadt den Mann ihres Lebens kennen. Von

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Allein die Nennung der schönen alten Stadt im Osten Deutschlands ruft in vielen Menschen böse Erinnerungen hervor. Die Bombardierung Dresdens in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 war wohl - nach der Ermordung von Millionen Menschen in den Konzentrationslagern - mit das Schlimmste, was dem deutschen Volk angetan wurde. Sinnloseres gab es nicht, als eine Großstadt ohne besonders "kriegsfördernde" Industrie bewusst in Schutt und Asche zu legen, immer und immer wieder Bomben auf die Trümmer zu werfen.

Meine Mutter, Jahrgang 1925, hat dieses Inferno überlebt und versucht seit sechzig Jahren, die Erlebnisse zu verarbeiten. Sie schafft es nicht. Immer wieder erzählt sie jedem, der zuhört, die "Story" ihrer Flucht aus der brennenden Stadt Dresden. Und immer wieder fängt sie an zu weinen, so tief sitzt das Grauen in ihr. An den Jahrestagen rufe ich sie oft an und lasse mir ihre Geschichte erzählen.

Der fehlende weiße Kragen

Mutter war als Funkerin eingezogen. Erst die Schulung in Übersee am Chiemsee, dann war sie ein paar Monate in Gießen, schließlich die Überstellung nach Dresden, wo an die 30 Mädchen und junge Frauen in den Funkstationen eingesetzt waren.

Am Abend des 13. Februar 1945 wollte Mutter mit ihren Kolleginnen ins Kino gehen, ein Film mit Marika Rökk hatte es ihnen angetan. "Die Frau meiner Träume". Erst aber war Kleiderkontrolle und bei ihr fehlte ein weißer Kragen, da wurde ihr der Ausgang gestrichen. Das hat ihr letztlich das Leben gerettet, denn das Kino mit den meisten Funkerinnen wurde gleich bei dem ersten Angriff dem Erdboden gleich gemacht.

Mutter floh mit ihrer Freundin Bobby in einen Keller, als die Bombenwelle über Dresden hereinbrach. Sie hörten es lange, das Pfeifen der Bomben, die Einschläge und verheerenden Explosionen. Sie blieben in dem Keller, bis die Treppe von oben her zu brennen anfing, da wussten sie, dass sie sich nicht mehr in Sicherheit befanden. Das Haus über ihnen stand in Flammen. Mutti ist mit ihrer Freundin durch einen anderen Kellerausgang, der behelfsmäßig in eine Wand geschlagen war, rausgekrochen. SS-Männer, die die beiden Frauen hörten, halfen ihnen dabei, den Splitterschutz vor dem Loch zu entfernen.

"Es fühlte sich an wie ein Erdbeben"

In einem Graben, der sich wohl neben den Baracken hinzog, überlebten sie auch den zweiten Angriff, der auf die brennende Stadt niederging. Mutter kann nicht sagen, wie lange die Angriffe dauerten, einmal erzählte sie, sie hatte das Gefühl, stundenlang die Einschläge nicht nur gehört, sondern auch an den Erschütterungen im Boden bemerkt zu haben. "Es fühlte sich an wie ein Erdbeben."

Die beiden Frauen holten aus der Unterkunft, die schon bedrohlich schräg, aber sonst noch unversehrt stand, ihre Koffer und warfen ihr Eigentum hinein. Sie nahmen auch Wolldecken mit, die sie in Wasser tauchten, bis sie tropfnass waren. Nur so, stellten sie sich vor, konnte man die Hitze abwehren.

Und dann begann der Wahnsinnsmarsch durch Dresden. Mutter und ihre Freundin kannten sich nicht gut aus, und Straßen waren nicht mehr erkennbar. Sie liefen einfach drauflos. Durch Häuserzüge, die lichterloh brannten, vorbei an unzähligen Menschen, die, durch die Hitze auf Kindergröße zusammengeschrumpft, überall umher lagen.

Ein brennendes Trümmermeer

Das ist immer der Moment, in dem Mutti mit den Tränen kämpft. Da sieht sie wohl das ganze Elend vor sich, als sie mit Bobby hilflos durch die Stadt irrte, die einmal so schön gewesen war. Sie wohnten in der Comeniusstraße, das muss eine vornehmere Gegend gewesen sein. Und in diesem Grauen wussten die beiden nicht mal eine Richtung, die sie einschlagen sollten, um aus der Stadt zu kommen. Sie trafen auf Soldaten aus Lettland, die sich auskannten und die beiden jungen Frauen einfach mitzogen, über ein brennendes Trümmermeer an den Stadtrand. Blindlings liefen sie den Männern nach, kletterten über Trümmer, stiegen über Leichen, sahen überall Gepäckstücke und Deckenrollen liegen, die die Getöteten wohl auf die Flucht aus dem Osten mitgenommen hatten, es dann aber doch nicht geschafft hatten, sich in Sicherheit zu bringen.

Irgendwie fanden sie raus aus der Stadt, einen Hügel hoch und von oben sahen sie das brennende Dresden, riesige Feuer und schwarzen Rauch. Die Ortschaft hieß Freital und aus einem Haus kam eine ältere Frau, die die beiden Mädchen sofort ins Haus bat. Sie können nicht sehr hübsch ausgesehen haben, schwarz vom Ruß, zerrissen und verzweifelt. Die Frau führte einen kleinen Laden. Mutti hatte von Oma per Post Lebensmittelkarten bekommen, die genügten jetzt für einen kleinen Einkauf von Brot, Wurst und Käse.

Zeitzeugen gegen Historiker

Von dort oben sahen sie mit Entsetzen den dritten Großangriff auf Dresden, der wohl das Schlimmste war. Es gab doch schon Tausende von Toten. Sie berichtet auch von Tieffliegern, die sie gesehen habe, aus denen heraus die am Elbufer flüchtenden Menschen beschossen worden seien. Historiker haben dafür bisher keine Belege gefunden; meine Mutter erinnert sich so.

Bei der Frau durften sich Mutti und ihre Freundin auch ein bisschen waschen. Dann zeigte sie ihnen den Weg zum nächsten Bahnhof. Es war ein langer Fußmarsch. Dort geschah wieder ein Wunder: Der Bahnhof war unversehrt, und nach nur zehn Minuten Wartezeit kam ein Zug, der Richtung Bayern fuhr. Glücklich kletterten die beiden in den Waggon. Sie hatten keine Fahrscheine, aber der Schaffner sah sie nur an und verlangte nichts.

Dann kam das - für mich - größte Wunder: In dem Waggon saß ein Soldat, der aus dem Harz Richtung Rosenheim fahren musste. Seine Eltern waren in Essen ausgebombt und in den Harz evakuiert worden. Er hieß Peter, war Fallschirmjäger und hatte einen kurzen Urlaub bei den Eltern verbracht. Dieser Peter gefiel meiner Mutti ausnehmend gut. Sie gab ihm ihre Adresse und er ihr seine Feldpostnummer. Benzingutscheine vom Bürgermeister

In München trennte sich Bobby, sie wollte versuchen, zu Fuß nach Hause zu kommen. Mutti und der Soldat fuhren weiter nach Rosenheim. Er ging zu seinem Standort, von dort wurde er nach Bologna in Italien verlegt. Mutter kannte in Rosenheim Freunde ihrer Eltern, die sofort telefonierten. Opa besorgte Benzingutscheine für den Lieferwagen beim Bürgermeister und so wurde die Tochter heim geholt.

Übrigens hat meine Mutti im Dezember 1945 geheiratet, im Januar 1947 kam ich auf die Welt. Dieser Peter war mein Vater.

Neu Kirche, alte Erinnerungen

In dieser Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 und am folgenden Vormittag sind mehr als 35.000 Menschen ums Leben gekommen, darunter Tausende von Flüchtlingen aus der Gegend um Breslau, die vor den Russen geflohen waren. Meist Frauen, Kinder und alte Menschen.

Mutter ist jetzt über achtzig Jahre alt. Es ist mehr als sechzig Jahre her, dass sie diese Schrecken erleben musste, und immer noch ist ihr alles präsent. Immer und immer wieder erzählt sie das Erlebte, ganz selten kommt ein neuer Gedanke dazu, selten eine neue Erinnerung. Am schlimmsten ist es jedes Jahr um den 13./14. Februar. Da wissen wir dann, jetzt gibt es Dresden...

Am 30. Oktober 2005 wurde die Dresdner Frauenkirche eingeweiht, die bei den furchtbaren Bombenangriffen zerstört worden war. Der Sohn eines der britischen Piloten, die Dresden bombardiert hatten, schmiedete das große Kreuz, welches jetzt den Turm der wieder hergerichteten Frauenkirche schmückt.

Wenn nur Mutters Erinnerungen auch wieder hergerichtet werden könnten.

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