Dresdner Bombenopfer Die schwierige Suche nach der Zahl X

Dresdner Bombenopfer: Die schwierige Suche nach der Zahl X Fotos
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Der Bombenangriff auf Dresden wird bis heute von Rechtsextremisten politisch missbraucht: 250.000 Tote habe es gegeben, behaupten sie. Seriöse Studien gehen von bis zu 35.000 Toten aus. Eine Historikerkommission sollte die tatsächliche Opferzahl ermitteln. Rolf-Dieter Müller erklärt das Vorgehen.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Müller, 60 Jahre nach dem Bombenangriff auf Dresden wollen sie mit einer Historikerkommission eine möglichst genaue Zahl der Opfer ermitteln. Wie lässt sich diese Aufgabe heute, sechs Jahrzehnte danach, bewältigen?

Müller: In einem ersten Schritt haben wir uns auf kommunale Unterlagen aus dieser Zeit gestützt - etwa Daten des Friedhofbestattungsamtes, Listen der auf den verschiedenen Friedhöfen beerdigten Menschen oder Ergebnisse stadtarchäologischer Grabungen aus den sechziger Jahren. Diese Unterlagen des Dresdner Stadtarchivs bestätigen die Einschätzung, dass man von mindestens 25.000 Toten ausgehen kann. Die Daten sind aber lediglich unsere Basis, sozusagen die erste Stufe.

SPIEGEL ONLINE: Und die zweite?

Müller: In der zweiten Stufe werden wir uns mit den Berichten und Spekulationen beschäftigen, die von einer weitaus höheren Opferzahl ausgehen. Dazu werden wir eine Reihe von Fachgutachten einholen, die vor allem an zwei Punkten ansetzen. Da ist zum einen die Spekulation über schlesische Flüchtlinge. Es ist häufig zu lesen, Dresden sei voller Flüchtlinge gewesen. Wenn in Dresden tatsächlich 100.000 Schlesier verbrannt sein sollten, wäre das eine Größenordnung, die in irgendwelchen Vermisstenzahlen auftauchen müsste. Deshalb arbeiten wir mit dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes zusammen. Der zweite Komplex ist die Behauptung, hunderttausende Menschen seien gewissermaßen spurlos verbrannt. Hierzu werden wir uns feuerwehrtechnischen Gutachten zuwenden, die der Frage nachgehen, inwieweit Menschen im Zentrum des Feuersturms spurlos zu Asche verbrennen konnten. Aus den Schilderungen detaillierter Leichenbergungsberichte geht zum Beispiel hervor, dass die meisten Opfer erstickt und nicht verbrannt sind. Diese Beobachtung spricht gegen die These, dass hunderttausende Menschen zu Asche verbrannt sein sollen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, die Opferzahl exakt ermitteln zu können?

Müller: Natürlich werden wir nicht jedem einzelnen Schicksal mit letzter Gewissheit nachgehen können. Unsere sichere Ausgangsbasis sind mindestens 25.000 Tote. Hinzukommt die Zahl x. Wir wollen dieses x soweit wie möglich eingrenzen. Der Luftangriff auf Dresden wird doch bis heute politisch instrumentalisiert: Rechtsradikale inszenieren den Fall Dresden als alliiertes Kriegsverbrechen ungeheuren Ausmaßes, als die schlimmste menschliche Katastrophe - schlimmer als Hiroshima und Nagasaki. Es gibt plumpe Fälschungen, da wird bei den Opferzahlen einfach eine Null drangehängt. Dann hat man statt der mindestens 25.000 Toten gleich 250.000 Opfer. Und solche Zahlen sind vielfach kolportiert worden und finden sich in etlichen Zeitzeugenberichten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das auch der Grund dafür, dass Dresdens Oberbürgermeister Ingolf Roßberg die Kommission eingesetzt hat?

Müller: Sicherlich hat die Stadt ein politisches Interesse, sie will aber auch mit ihrer eigenen Geschichte ins Reine kommen. Es geht um den Ruf der Stadt und um das Andenken der Toten. Die Opfer wurden in den vergangenen Jahren missbraucht. Damit muss Schluss sein. Dresden wünscht sich eine amtliche und inhaltlich fundierte Bewertung der Opferzahlen, wie es sie auch in anderen Städten gibt, etwa in Hamburg oder Darmstadt. Nirgendwo sonst gibt es diesen politisch missbrauchten Streit um Opferzahlen. Unverbesserliche werden wir mit unserer Arbeit sicher nicht zur Vernunft bringen. Dennoch muss man den Rechtsradikalen die Argumente nehmen, mit denen sie in der Öffentlichkeit Verwirrung stiften. Wir schließen aber auch nicht aus, dass uns rechte Kreise bei unserer Arbeit stören werden.

SPIEGEL ONLINE: Was genau meinen Sie?

Müller: Der Oberbürgermeister wird demnächst in einer Presseerklärung Dresdner Bürger um sachdienliche Hinweise zum Bombenangriff bitten. Wir hoffen auf möglichst präzise Erinnerungen: Wer hat wo gelebt, wie viel Überlebende und Tote gab es nach eigener Beobachtung in den Kellern, in den Straßen. Unser Ziel ist eine kartographische Darstellung. Wir schließen nicht aus, dass wir nach dem Aufruf des Oberbürgermeisters verstärkt Eingaben erhalten, die auf Fälschungen beruhen. Zum Beispiel kursiert bereits ein angeblicher Brief aus dem Büro des Oberbürgermeisters aus den neunziger Jahren, in dem von 220.000 Toten die Rede ist. Dieser Brief ist eine offensichtliche Fälschung. Solchen Dingen werden wir nachgehen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Welche weiteren Experten sitzen in der Kommission?

Müller: Es war von Beginn an klar, dass das Gremium keine rein Dresdner Angelegenheit sein sollte. Deswegen ist die Kommission mit überregional bedeutenden Institutionen und Experten besetzt. Dazu gehören zum Beispiel der Historiker Horst Boog, der als renommiertester Forscher zum Thema Luftkrieg gilt, und Götz Bergander, dessen Buch "Dresden im Luftkrieg" ein Standardwerk zu diesem Thema ist. Selbstverständlich sind auch das Dresdner Stadtmuseum und das Stadtarchiv vertreten. Insgesamt hat das Gremium zehn Mitglieder.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben von der noch unbekannten Zahl x gesprochen. Wenn Sie eine seriöse Schätzung abgeben, mit wie viel Opfern rechnen Sie insgesamt?

Müller: Wir arbeiten da ergebnisoffen. Wenn uns jemand 100.000 Opfer nachweisen kann, dann werden wir das anerkennen. Aber ich gehe eher von 30.000 als von 40.000 Opfern aus. Im nächsten Jahr möchten wir einen Abschlussbericht vorlegen. Wir werden uns alle Mühe geben, dass diese Arbeit Bestand hat.

Das Interview führte Björn Hengst

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