Drive-in-Kapellen Runter vom Gas, rein in die Kirche

Drive-in-Kapellen: Runter vom Gas, rein in die Kirche Fotos
www.heimatsammlung.de

Alle Raststätten sehen gleich aus? Stimmt nicht! Manchmal stechen seltsame Bauten aus der uniformen Architektur heraus: Autobahnkirchen. Und während den normalen Gotteshäusern die Kundschaft wegläuft, erleben die Drive-in-Kirchen einen Boom - und retten manchmal sogar Leben. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    4.3 (9 Bewertungen)

Sauber aufgereiht stehen die Wagen auf dem Autobahnparkplatz. Auf der einen Seite trennt sie die Leitplanke vom stetig dahinrasenden Strom von Fahrzeugen. Auf der anderen Seite liegen meist Wiesen und Felder, hinter einem kleinen Wall aus Müll und Klopapier. Rastplätze an deutschen Autobahnen, das sind Tankstellen, Schnellimbisse oder Selbstbedienungsrestaurants und Klohäuschen - die immergleiche Ausstattung.

Nur manchmal sticht ein seltsames Gebäude aus dieser uniformen Architektur heraus. Ein Türmchen aus Glas und Beton. Eine seltsame Pyramide. Oder eine Art Sprungschanze. Erst wenn man daran vorbeifährt, sieht man die Kreuze in den Fenstern. Ist es eine Kirche? Und wenn ja - was hat die da zu suchen? Geht da überhaupt jemand hin?

Die Antwort sieht so aus: Derzeit gibt es 38 Gotteshäuser an deutschen Fernstraßen. Kein anderes Land der Welt verfügt über ein vergleichbar dichtes Netz an Autobahnkirchen. Meist sind es kleine, bescheidene, zwischen Parkplatz und Toilettenhäuschen gelegene Kapellen. Oftmals 24 Stunden am Tag geöffnet, 365 Tage im Jahr. Mehr als eine Million Menschen, Fernfahrer ebenso wie Geschäftsmänner, Pilgerreisende ebenso wie Polizisten, fahren pro Jahr für ein schnelles Gebet neben der deutschen Leitplanke ab - Tendenz steigend. Sie kommen, um einen Moment lang runterzuschalten. Zünden eine Kerze an, tragen ihre Wünsche ins Anliegenbuch ein, spenden eine Münze und fahren weiter.

Die katholische Autobahnkirche in Adelsried ist die älteste ihrer Art. Am 12. Oktober 1958 wurde sie eingeweiht und ist längst zum Symbol für Besinnung inmitten der mobilen PS-Gesellschaft avanciert. Der promovierte Kirchenhistoriker Pater Wolfram Hoyer, 41 Jahre, hat seinen Lehrauftrag an der Universität aufgegeben, um Seelsorger an dem nur wenige Meter neben der A8 errichteten Gotteshaus zu werden.

einestages: Pater Wolfram, finden Sie es nicht manchmal ungemütlich, dass Ihre Kirche so direkt an der Autobahn liegt?

Pater Wolfram: Richtig leise ist es natürlich nicht. Wir hören hier in unserer Glaskapelle immer den Verkehrslärm.

einestages: Kein geeigneter Ort, um wirklich zur Ruhe zu kommen, oder?

Pater Wolfram: Es gibt kaum einen besseren! Gerade weil es draußen so laut und stressig zugeht, dürsten die Menschen nach einem Gegenpol, einem Ort der Andacht, um innezuhalten. Schon in der Bibel steht doch: "Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich werde euch Ruhe verschaffen!" Die Autobahnkirche macht nichts anderes, als die Leute genau da abzuholen, wo sie sind.

einestages: Auf der Überholspur?

Pater Wolfram: Genau. Die normalen Kirchen stehen oft weiß Gott wo, da geht dann keiner hin - während die Autobahnkirchen wunderbar ausgeschildert und leicht zu finden sind.

einestages: Einer Ihrer Kollegen hat die Autobahnkirche mal als "religiösen Selbstbedienungsladen" definiert, in dem sich jeder das rauspickt, was ihm wichtig ist. Wie sehen Sie das?

Pater Wolfram: Ich würde eher von einer Karawanserei für die Seele sprechen. Hier hat jeder die Möglichkeit, physisch und psychisch auszuruhen. Pipi zu machen und danach den Kopf frei zu kriegen - das ist auf normalen Autobahnrastplätzen ohne Kirche nicht so einfach.

einestages: Ihre 1958 geweihte Kirche "Maria, Schutz der Reisenden" ist die erste deutsche Autobahnkirche überhaupt. Welche Idee stand hinter dem Bau?

Pater Wolfram: Gedacht war die Kapelle ursprünglich nur als weithin sichtbares Denkmal für Gott. Ihrem Stifter, dem Papierfabrikanten Georg Haindl aus Augsburg, war es komisch vorgekommen, dass es an jeder Straßenecke vor Kruzifixen nur so wimmelt, während auf den größten deutschen Straßen nichts an den Herrgott erinnert. Deshalb kaufte er an der A8 ein Hügelchen und ließ die Kapelle hinstellen. Schon Wochen vor der offiziellen Eröffnung drückten sich die Leute die Nase an der Tür platt, legten Blumen ab und zündeten Kerzen an. Da wurde klar: Die Leute wollen mehr als bloß ein Denkmal - sie wollen einen richtigen Zufluchtsort. So wurde aus der sporadisch geöffneten Wegkapelle eine richtige, rund um die Uhr geöffnete Kirche.

einestages: Ein Jahr später zog dann die evangelische Kirche nach. Wie passt das zum Zeitgeist der fünfziger Jahre?

Pater Wolfram: Es war die Zeit der beginnenden Motorisierung. Der Stress mit der Geschwindigkeit begann - und damit das Bedürfnis nach Erholung.

Wie es sich für Deutschland gehört, ist auch die Befriedigung solch einfacher Bedürfnisse wie das der inneren Einkehr streng geregelt. Es kann nicht einfach jeder Pater ein Gotteshaus in die Landschaft stellen lassen, wo es ihm gerade passt. Nach einem Beschluss der Konferenz der Autobahnkirchenpfarrer unterliegt eine Autobahnkirche gewissen Vorlagen. So darf sie etwa nicht weiter als tausend Meter von einer Autobahnabfahrt gelegen sein, muss über Parkplätze und Toiletten verfügen, mindestens von 8 bis 20 Uhr geöffnet und so geräumig sein, dass auch eine ganze Busladung darin Platz findet. Zudem müssen zwischen zwei Autobahnkirchen mindestens 80 Kilometer liegen.

einestages: Nach 1990 hat sich die Zahl der Kirchen von 11 auf aktuell 38 mehr als verdreifacht. Was haben Mauerfall und Wende mit dem Boom der Besinnungs-Drive-ins zu tun?

Pater Wolfram: Nach Öffnung der Grenzen stieg das Verkehrsaufkommen sprunghaft an. Gläubige Autofahrer aus Osteuropa, besonders aus Polen, haben ein erhöhtes Bedürfnis nach religiöser Rast. Zudem nutzten viele Menschen im Osten die Möglichkeit, in der Nähe der Autobahn gelegene Dorfkirchen in Autobahnkirchen umzufunktionieren - und so Subventionen zu erhalten.

einestages: Autobahnkirchen gibt es fast ausschließlich hierzulande. Warum?

Pater Wolfram: Ganz einfach: Weil die Deutschen so gern Auto fahren.

einestages: Wie kann man sich Ihre Kunden vorstellen?

Pater Wolfram: Alle Menschen, die Auto fahren können - und viele, von denen Sie es nicht erwarten würden: Menschen in teuren Kleidern und großen Autos, Handwerker im Blaumann, Polizisten, Fernfahrer, Pilger auf dem Weg nach Lourdes. Neulich hatte ich sogar eine Reisegruppe Japaner zu Besuch. Da las ich die Messe kurzerhand auf Latein. Das Vaterunser haben sie lautstark und fröhlich mitgebetet.

Der im Jahr 2008 veröffentlichten Studie "Spurwechsel: Gott auf der Autobahn" zufolge machen vor allem verheiratete katholische Männer über 40 mit mittlerer bis höherer Bildung bei einer Autobahnkirche Halt. 85 Prozent der Befragten suchten regelmäßig die christlichen Auftankstationen auf, 10 bis 15 Prozent hatten zum ersten Mal an einer Autobahnkirche angehalten.

einestages: Fahren auch an Ihrer Autobahnkirche vor allem die Männer ab?

Pater Wolfram: Womit wir eine wahre Marktlücke bilden. Schließlich entspricht das genau dem Bevölkerungssegment der traditionellen Gottesdienstmuffel, an das die normalen Kirchen sonst nicht rankommen. Vor allem nach dem Bankenkollaps 2008 steuerten uns zahlreiche Geschäftsleute an - die wussten einfach nicht, wo sie sonst hin sollten.

einestages: Nehmen Sie solchen Verzweifelten die Beichte ab?

Pater Wolfram: Natürlich - wenn dies erwünscht wird. Meist reicht es den Leuten jedoch schon, einmal kurz innezuhalten. Zudem bin ich nicht ständig vor Ort. Allerdings steht meine Telefonnummer, in Stein gemeißelt, an der Türe. Wenn jemand mich braucht, fahre ich sofort vom Dominikanerkloster in Augsburg die 16 Kilometer bis nach Adelsried raus. Ansonsten halte ich am Sonntag drei Messen. Unter der Woche bin ich nur hin und wieder da. Sitze vor der Kirche, lese ein Buch, rauche eine Pfeife und warte, wer so kommt.

einestages: Und wie lange bleiben die Menschen?

Pater Wolfram: Selten länger als zehn Minuten. Sie sprechen ein Gebet, zünden eine Kerze an - und sind wieder weg.

einestages: Werden Sie häufig aufgefordert, Autos zu segnen?

Pater Wolfram: Der Weihwasserwedel kommt ständig raus: Ich segne Autos, Räder, alles. Neulich waren es sogar Kinderwägen, von Omakraft betrieben.

einestages: Einmal im Jahr gibt's den Reisesegen sogar als SMS aufs Handy…

Pater Wolfram: …genau, am Tag der Autobahnkirchen. Er findet dieses Jahr am 3. Juli statt.

Im Hochsommer, zur Feriensaison, haben die Autobahnkirchen Hochkonjunktur. Nicht selten verdoppelt sich die Anzahl der Besucher in den Sommermonaten. Auch zu Ostern und Weihnachten nehmen besonders viele Autofahrer den Fuß vom Gas. Von den derzeit 38 Autobahnkirchen befinden sich 18 in evangelischer, acht in katholischer und zwölf in ökumenischer Trägerschaft.

einestages: Was sind das für Menschen, die in einer Autobahnkirche heiraten?

Pater Wolfram: Das sind Leute, die bei ihrer Hochzeit nicht lange einen Parkplatz suchen wollen! Nein, im Ernst: Wenn bei uns jemand heiraten möchte, ist das eine sehr einfache Geschichte, ohne Orgel, ohne Bänke, dafür mit Verkehrslärm. Viele, die ich traue, sind ehemals Ausgetretene, also Menschen, die keine Gemeinde mehr haben oder sich schämen, in ihre alte Gemeinde zurückzukehren.

einestages: Die Autobahnkirche als Sammelbecken für verlorene Schafe?

Pater Wolfram: Ja, ich denke schon. Was vor allem an der möglichen Anonymität liegt - die manchmal jedoch auch fatal sein kann. Am schlimmsten war für mich der Fall eines Mädchens, das ein paar Wochen lang immer wieder kam und verzweifelte Sätze ins Anliegenbuch eintrug - um sich dann umzubringen. Wir wussten nicht, wer sie war, bis die Eltern kamen und mir von dem Suizid erzählten. Bei einem anderen Besucher hatten wir mehr Glück. Eines Abends kam ein Mann in die Kirche, schrieb mehrere Seiten voll, um seinen geplanten Selbstmord zu erklären und kniete sich dann vor dem Kreuz nieder. Ein anderer kam, las, was dort geschrieben stand und benachrichtigte die Polizei. Die nahm den Verzweifelten auf eine Tasse Kaffee ins Kommissariat mit und sprach so lange mit ihm, bis er seinen Selbstmordgedanken aufgab.

einestages: Autobahnkirchen können also Leben retten.

Pater Wolfram: Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass sie einen verkehrsberuhigenden Einfluss haben, das akzeptieren sogar Versicherungen! Wer bei uns hält, fährt danach deutlich weniger aggressiv - und zwar unabhängig davon, ob er nun glaubt oder nicht.

Artikel bewerten
4.3 (9 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH