Drogenkarriere Der Kunst-Stoff

Drogenkarriere: Der Kunst-Stoff Fotos
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Er hielt Nazi-Piloten wach und enthemmte GIs in Vietnam, half Literaten aus der Schreibblockade und war Mutters kleiner Helfer bei der Hausarbeit: Speed. Buchautor Hans-Christian Dany blickt zurück auf die erstaunliche Karriere des Amphetamins als teuflischem Treibstoff der Moderne. Von

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Über Jahrzehnte galt der Stoff als schäbiger Krümelkram, ein Kokain für Arme, das gerade mal in einen überwachen Zustand versetzte: Speed, genauer: Amphetamin. Der farblose Kunststoff war treuer Begleiter von Nazi-Piloten und amerikanischen GIs in Vietnam, erreichte als Partydroge die Mittelschicht, diente zur Ruhigstellung von Kindern und fungiert als Durchhaltemittel der immer länger arbeitenden Unterschichten in Südafrika, Thailand oder London.

Die Formel zur Überwindung der natürlichen Grenzen von Körper und Geist entdeckte der Rumäne Lazar Edelanu schon vor 120 Jahren. In brodelnden Glaskolben stellte er in einem Experimentalseminar der Berliner Humboldt-Universität am 18. Januar 1887 eine bis dahin unbekannte, anorganische Verbindung her. Da der Chemiestudent nicht ahnte, was sich mit dem von ihm im Reagenzglas hergestellten 1-Phenylpropan-2-amin praktisch anstellen ließ, landet die Formel zunächst im Archiv.

Fast ein halbes Jahrhundert verstrich, bis sich Amphetamin in eine populäre Alltagsdroge verwandelt hatte, zu haben als Pulver, Flüssigkeit oder Tablette. Ebenso vielfältig sind die Motive, den Kunst-Stoff zu nutzen: Mal soll er helfen, den Ansprüchen des Alltags gerecht zu werden, mal dient er zur Flucht aus der Wirklichkeit. Bei fast allen Verwendungen schwingt die Sehnsucht der Menschen mit, sich zu verbessern: Tiefer durchatmen, gezielter denken, schöner geformt sein, schärfer schießen oder schneller arbeiten.

Droge mit eingetragenem Warenzeichen

In Los Angeles entwickelt der Chemiker Gordon Alles in den zwanziger Jahren auf der Suche nach einem Asthmamittel ein künstliches Salz und lieferte damit den ersten Gebrauchswert des vierzig Jahre zuvor in Berlin synthetisierten Amins. Im nächsten Schritt vom Ding zur Ware bildet der Forscher aus den Initialen der chemischen Verbindung 1927 den zukünftigen Namen: Amphetamin. Ohne Gordon Alles zu informieren, stellten die Smith, Kline & French Laboratories aus Philadelphia kurz nach der Veröffentlichung des Patents einen Wirkstoff unter dem Namen Benzedrine her - der erste Auftritt der Droge unter eingetragenem Warenzeichen.

Eine der größten Erfolgsgeschichten der Pharmaindustrie beginnt also mit Patentpiraterie. Mitten in der Großen Depression 1932 wurde das neue Mittel in den USA zum Verkaufsschlager. Asthma schien auf einmal das größte Problem der amerikanischen Gesellschaft zu sein. Nie zuvor war es der Gesundheitsindustrie gelungen, eine Droge in so kurzer Zeit in solchen Mengen unter die Käufer zu bringen. Um neue Zielgruppen zu erreichen, wurden neue Anwendungsgebiete empfohlen: Epilepsie, Depression, Parkinsonsyndrom, Schizophrenie, Alkoholismus, Migräne, Polio, Impotenz oder Nachtblindheit. Für fast alle Indikationen sollte sich das Wundermittel schon nach wenigen Jahren als wirkungslos entpuppen; lediglich zwei Anwendungsgebiete sind seit den dreißiger Jahren bestätigt: die außermedizinische Nutzung als Aufputschmittel und die beruhigende Wirkung auf hyperaktive Kinder.

Als sich bei den Dreharbeiten zum Hollywood-Filmmusical "Wizard of Oz" herausstellte, dass die pubertierende Darstellerin Judy Garland für die Rolle der kindlichen Dorothy langsam zu reif wurde, verschrieb der Arzt der Filmstudios Benzedrine. Unter Produktionsdruck verabreichte er die appetitzügelnden Tabletten in so großen Mengen, dass Judys Hunger und damit das Wachstum des Busens auf null reduziert werden konnte. Allerdings traten ungeplante Nebenwirkungen auf: Mit sperrangelweit aufgerissenen, strahlenden Augen sang Garland das Lied "Over the Rainbow". Der Ohrwurm wurde ein Superhit - und Amphetamin war in der Popkultur angekommen.

Hellwache Angreifer

Dann patentierten 1937 deutsche Chemiker ein Verfahren, mit dem Abfälle der Großchemie zu Metamphetamin recycelt werden können. Das war preisgünstiger, als die aus Japan bekannte Methode, die noch den natürlichen Rohstoff Ephedrin als Ausgangsmaterial nutzte. Diese Innovation des "Dritten Reiches" entpuppte sich als ausgesprochen durchsetzungsfähig. Nach dem Krieg wurde die "Nazi method" weltweit übernommen und dient bis heute weltweit in illegalen Speed-Laboren zur Herstellung der Droge. Das immer weiter verfeinerte Produkt heißt mittlerweile in seinen lokalen Varianten in Südostasien "Yaba" oder "Shabu", in Ostdeutschland "Pep", in anderen ehemaligen Ostblockländern "Piko", in Südafrika "Tik" und in den USA "Speed", "Meth", "Crystal", "Tina" oder "Crank".

Bald interessierte sich auch die Wehrmacht für die neue Droge Pervitin. Nicht lange, nachdem das Produkt in den Handel gekommen war, begannen die ersten Experimente an Berliner Studenten. Die abendliche Einnahme von neun bis zwölf Milligramm Pervitin, so das Ergebnis, beseitigte das Schlafbedürfnis für die Nacht und den kommenden Tag - genug Zeit zum Angreifen.

Als deutsche Soldaten im Morgengrauen des 1. September 1939 Polen überfielen, marschierten viele von ihnen unter Einfluss des synthetischen Wachmachers. In der gesamten frühen Phase des Zweiten Weltkrieges, den "Blitzkriegen" gegen Polen, Frankreich und Dänemark, wurde Metamphetamin von der Wehrmacht massenhaft eingesetzt. Aber auch die Briten teilten über 72 Millionen Tabletten an ihre Soldaten aus, und auch Japan versorgte seine Kämpfer mit Metamphetamin.

Wenn enthemmte Sprachzentren Gas geben

Durch den Krieg wird die Droge noch populärer. Pervitin ist in der Bundesrepublik bis 1988 auf Rezept in der Apotheke erhältlich; erst seitdem unterliegt es dem Betäubungsmittelgesetz. In Ostdeutschland findet es sich im "Lehrbuch für Apothekenfacharbeiter in der DDR" unter der Rubrik "Stimulanzien". Vor allem als Dopingmittel im Sport kam Amphetamin seit den fünfziger Jahren immer öfter zum Einsatz - voran im Radsport. Weil es in der Wechselwirkung mit extremer körperlicher Anstrengung nur schwer zu dosieren ist, gab es jedoch auch Pannen; für besonders Aufsehen sorgten die Todesfälle der Radrennfahrer Kurt Jensen (1960) und Tony Simpson (1967).

Immer mehr Menschen entdeckten Amphetamin nun aber auch als "Vitamin fürs Gehirn". Man nahm Speed im akademischen Milieu, Eltern verabreichten es ihren Kindern als Hausaufgabendroge. Neben der Stärkung intellektueller Leistungsfähigkeit kann Amphetamin eine Faszination für monoton wiederholte Tätigkeiten auslösen und selbst stumpfe Routinearbeiten in prickelndes Vergnügen verwandeln - die Kunde vom chemischen Motivationsturbo, der die Menschen in vor Glück strahlende Putzteufel verwandelt, drang schnell in größere Kreise vor. Bald sprachen Pharmafirmen die neu ausgemachte Zielgruppe in ihrer Werbung direkt an und bewarben die Frischmacher als Mutters kleine Helfer.

Dass Amphetamin auch einen wahren Wortfluss auslösen kann, stieß ab den frühen vierziger Jahren bei jenen auf Interesse, die im Tausch für ihr täglich Brot an Schreibmaschinen zahllose Seiten mit Buchstabenketten füllen: Journalisten, Drehbuchautoren, Schriftsteller und andere Lohnschreiber. Mit dem rezeptfrei erhältlichen Stoff konnten sie schneller, länger und oft besser schreiben. Doch ist der Produktivitätsgewinn mit Risiken behaftet - regelmäßig schert der neurochemisch beschleunigte Schreibfluss aus der Fahrbahn des Verstandes aus und nimmt gewagte Abkürzungen querfeldein. Während die enthemmten Sprachzentren weiter Gas geben, kann der Schreibende in den vorbeihuschenden Wortwäldern nicht mehr erkennen, ob er wirklich mehr Einfälle hat oder in seinem Schreibverlangen noch den dürrsten Gedanken zu Papier bringt.

"Speed kills", warnten die Hippies

Amphetamin blieb bis Ende der siebziger Jahre eine weitgehend unbescholtene Technologie, mit der Menschen das Trugbild vom industriell funktionierenden Körper zu verwirklichen versuchen. Doch schrittweise springen die Zusammenhänge aus der Spur. Die britischen Mods nutzten Speed in den Sechzigern noch als chemischen Treibstoff gegen die Angst vor einem Dasein im sozialen Mittelmaß. "Speed kills", warnten dagegen bereits Ende des Jahrzehnts die Hippies.

Anfang der Siebziger war die Phase der Technikbegeisterung und des industriellen Fortschrittsglaubens endgültig vorbei - der Ölschock traf die Weltwirtschaft im Mark, der "Club of Rome" verkündete das "Ende des Wachstums" und selbst in den USA, dem Land der unbegrenzten Freiheit, wurden Geschwindigkeitsbegrenzungen im Straßenverkehr erlassen. Nahezu zeitgleich wurde nun die einstige Alltagsdroge Speed im Zuge des "War on drugs" als zerstörerisches Suchtmittel gebrandmarkt - und taucht aus dem Mainstream ab in die Subkulturen am Rande der Gesellschaft, prägt Punk und dessen Ausläufer.

Zwar erleben Drogen Ende der Achtziger so einen neuen Boom, der bis in das 21. Jahrhundert anhält und sich sogar steigert. Doch die Droge ist längst nicht mehr ein Treibstoff der Träume, der Nutzer fühlt sich nicht mehr als Komplize von Fortschritt, Aufklärung oder gar revolutionären Veränderungen. Diese Gesellschaft hat alle Utopien hinter sich gelassen. Jetzt geht es darum, zu funktionieren und was oder wer nicht funktioniert, wird repariert - mit ganz neuen chemischen Substanzen wie Ecstasy, Prozac oder Viagra.

Zum Weiterlesen:

Hans-Christian Dany: "Speed. Eine Gesellschaft auf Droge". Edition Nautilus, Hamburg 2008, 192 Seiten. Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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1.
Sebastian Fuchs 21.05.2008
Eine kleine Anmerkung: Amphetamine sind keine anorganischen sondern organische Substanzen!
2.
Michael Möller 21.05.2008
Der Artikel ist leider schlecht recherchiert. Er erweckt den Eindruck als ob es sich hier um eine Substanz handelt, in Wirklichkeit werden aber zwei Substanzen beschrieben. Im Ersten teil geht es wirklich um Amphetamin (alpha-Methylphenethylamin, C9H13N bzw. "Speed"). Im absatz "Hellwache Angreifer" wird dann plötzlich Methamphetamin (N-Methylamphetamin, C10H15N bzw "Crystal") beschrieben. Diese beiden Drogen sind zwar ähnlich in Namen und Wirkung, aber meines Wissens nach gibt es große Unterschiede im Suchtpotential und Nebenwirkungen. Völlig unverständlich wird die Gleichsetzung von speed und Crystal im Artikel dann beim letzten Satz "... mit ganz neuen chemischen Substanzen wie Ecstasy..." Ecstasy (bzw. 3,4-Methylendioxy-N-methylamphetamin, C11H15NO2) gehört genauso in die Gruppe der Amphetamine wie Speed und Crystal und wurde ebenfalls schon anfang des 20. Jahrhunderts "entdeckt".
3.
Silke Martin 21.05.2008
Der englische Radprofi, der 1967 tot vom Rad gefallen ist, hieß TOM Simpson, nicht Tony.
4.
Jens Habermann 21.05.2013
Egal, wohin ich schaue: Junkies! - Toll ist die auch in Deutschland grassierende Verschreibungswut von Ritalin, der chemischen Keule, rat- und sinnloser Pädagogen und Psychologen.
5. optional
Helmut Kuzmics 24.06.2014
Sehr interessant! Aber warum soll man Ihr Buch bei der Firma Amazon kaufen? Etwas mehr Nachdenken, statt Bequemlichkeit fördern wäre für jeden Autor gut...
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