Kölns gefallene Rotlichtgrößen "Dumm'se Tünn" und "Schäfers Nas"

Kölns gefallene Rotlichtgrößen: "Dumm'se Tünn" und "Schäfers Nas" Fotos
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Sie hießen "Dumm'se Tünn", "die Axt" oder "Frischse Pitter": In den Siebzigern wurde die Rotlichtszene in Köln von Männern mit skurrilen Namen und harten Fäusten regiert. Heute züchten die ehemaligen Unterweltgrößen Tauben oder kassieren Hartz 4 - und träumen in einer Kneipe ihrer Vergangenheit hinterher. Von

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Die Nacht auf den 20. September 1975 war eine der offenen Rechnungen und des offenen Faustkampfes. Ohne Messer oder andere Waffen trafen sich auf einem Kölner Boulevard nachts um zwei Uhr zwei Männer, um eine wichtige Frage endgültig zu klären: Wer sollte die alleinige Macht in der Unterwelt haben?

Die beiden Herren, die die Rotlichtszene der Domstadt über Jahre dominiert hatten, waren furchterregende Gestalten. Der Gastronom Heinrich Schäfer wurde aufgrund seines enormen Riechorgans "Schäfers Nas" genannt. Anton Dumm, besser bekannt als "Dummse Tünn", war ehemaliger Berufsboxer und später zeitweise Leibwächter von Romy Schneider. Der 170 Zentimeter große Kraftprotz schaffte angeblich hundert Liegestütze auf einem Arm.

Doch gegen "de Nas" war er machtlos. Das Ende der Schlägerei beschreibt Anton Dumm ganz pragmatisch: "Dä hät mer ene vor de Kopp jehaue, un da wor ich weg!"

Die Geschichte des Duells zwischen "Dummse Tünn" und "Schäfers Nas" begann in der ausklingenden Wirtschaftswunderzeit der Sechziger, als in Köln wieder zahlreiche Tanzlokale und Spielcasinos, Bars und Varietés entstanden waren. Man sehnte sich nach Vergnügungen und Unterhaltung. Bedient hatte diese Wünsche meist der Großgastronom Hans Herbert Blatzheim, Ehemann der Schauspielerin Magda Schneider. In dessen Dunstkreis begannen auch zahlreiche Kriminelle ihre einschlägigen Karrieren. Ihre Reviere wurden die Kölner Ringe und das Friesenviertel, der Eigelstein und die Brinkgasse, ihr Style dicke Schnauzer, Goldketten, Pelzmäntel und der Minipli - eine Frisur, die heute nur noch der Comedian Atze Schröder trägt.

Die Kölner Kriminalstatistik sah zu jener Zeit erbärmlich aus. Alleine von 1961 bis 1964 stieg die Zahl der jährlichen Straftaten um fast 6000 auf über 48.600, die Aufklärungsquote sank auf mickrige 34,4 Prozent: Der schlechteste Wert, den eine bundesdeutsche Großstadt jemals hatte. Es ging um Prostitution und Hehlerei, Glücksspiel und Gewalt.

Der Journalist und Dokumentarfilmer Peter F. Müller, der gemeinsam mit Michael Mueller für das 2011 erschienene Buch "Chicago am Rhein" mehr als 20 Protagonisten der damaligen Zeit interviewte, sieht die Gründe für diese unaufgeklärte Verbrechenswelle auch in der rheinischen Mentalität begründet: Der "Kölsche Klüngel" sei ja nichts anderes als ein "Man kennt sich, man hilft sich." Und dies hätte eben zur Kumpanei geführt – auch zwischen Kriminellen und Ordnungshütern.

"Menschenverachtender Zuhälter in Großausführung"

Heinrich Schäfer gelang es in diesem Umfeld, nicht mehr vor allem als gefürchteter Krimineller wahrgenommen, sondern zum Teil der Kölner Folklore zu werden. Höhepunkt der öffentlichen Reinwaschung: Das Millowitsch-Theater führte ein Stück über "Schäfers Nas" auf ("Der König vom Friesenplatz").

Josef "Jupp" Menth, ein pensionierter Kriminalbeamter, der während seiner Zeit bei der Sitte viel mit Heinrich Schäfer zu tun hatte, sieht den Mann mit der Riesennase aus eigener Erfahrung realistischer: "Ich kenne den als ganz brutalen, menschenverachtenden Zuhälter in Großausführung." Schläge hätten damals immer dazu gehört; manches Mal sei eine Frau auch auf eine heiße Herdplatte gesetzt worden, wenn sie den "korrekten Jungs" nicht zu Willen war.

Wie lange der Ruf von "Schäfers Nas" dennoch nachhallte, bewies 1996 der Raub eines Vortragekreuzes aus dem Kölner Dom. Das Lieblingskreuz von Kardinal Meisner aus dem 19. Jahrhundert war am helllichten Tag mitten aus der Schatzkammer entwendet worden - für das katholische Köln ein Unding. Um dem Frevel Einhalt zu gebieten, wandten sich Kirche und Polizei an den Zuhälterkönig. Der befand pflichtgemäß: "Dat jeht nit!" Und so drohte "de Nas" via "Bild" und "Kölner Express" dem unbekannten Täter: "Entweder das Kreuz kommt zurück oder es gibt Ärger!" Eine Drohung, die zog - kurze Zeit später wurde das Kreuz einem Mittelsmann übergeben und fand unbeschädigt den Weg zurück in die Schatzkammer.

Auf den Finderlohn von 3000 Mark verzichtete Heinrich Schäfer, das Angebot von Dompropst Henrichs, für ihn eine Messe zu lesen, nahm er dagegen mit den Worten "Das tut meiner schwarzen Seele gut" gerne an. Als Schäfer dem Kirchenmann dann gestand, er "hätte da ein paar Pferdchen laufen", gab dieser später an, er habe dies missverstanden: "Ich dachte, der meint die Rennbahn in Weidenpesch."

Als "Schäfers Nas" 1997 im Alter von 61 Jahren an Herzversagen starb, war das Kölner Milieu schon lange ein anderes: Ausländische Banden hatten das Kommando übernommen, die alten Weggefährten waren in die Jahre gekommen, die Gelder durch Glücksspiel, Alkohol und Drogen verprasst. Heute treffen sich einige von ihnen immer noch in einer Kneipe im Friesenviertel, dem "Grünen Eck", und hängen alten Zeiten hinterher – Zeiten, in denen schöne Frauen und schnelle Autos ihr Leben bestimmten, nicht der Bezug von Hartz IV oder eine kleine Rente.

"Mir sin all jeputzt"

An manchen Tagen sitzen bis zu 20 ehemalige Rotlichtgrößen beisammen, trinken und tauschen Anekdoten aus, manchmal bis in die frühen Morgenstunden. Da ist "Karate Jacky", einst für Olympia nominiert und einer der am meisten gefürchteten Straßenkämpfer Deutschlands, der heute verarmt in einem Männerwohnheim lebt. Oder Hans "Sir" Münnichhoff, früherer Millionär und Bordellkönig, jetzt besitzlos. Und Herrmanns Tünn, besser als "Die Axt" bekannt, weil er damit gerne mal einen Laden demolierte. Heute sagt er: "Mir sin all jeputzt."

Die wohl schillerndste Figur der Szene ist der "Lange Tünn" – vielleicht gerade, weil er so normal wirkt, so charmant herüberkommt. Auch heute noch macht er in Diskotheken "ab und zu die Tür"; zahlreiche Filmchen kursieren über ihn im Internet – Filme, in denen Zitate zu hören sind wie "Wenn ich treffe, kippt der direkt. Aber ich muss treffen!"

Dem Autor Peter F. Müller hat der "Lange Tünn" auch als Türöffner ins Milieu gedient: "Ich hatte einen Dokumentarfilm aus den achtziger Jahren über den Tünn gesehen, und nachdem ich mich das erste Mal mit ihm getroffen habe, kam ein Schneeballsystem ins Rollen. Danach fassten auch die anderen Vertrauen." Besonders beeindruckt hat Müller bei seinen Recherchen, dass keine der damaligen Unterweltgrößen heute traurig zurückblicke. Man "lebe und feiere sich selbst", sagt er; alles unter dem Motto "so isset halt!"

Anton Dumm, der große Gegenspieler von "Schäfers Nas", ist bei diesen Treffen nie dabei: Heute züchtet der Rentner Tauben, betreibt einen Reiterhof und gibt sich in der Öffentlichkeit altersmilde. Was er denn noch groß von den alten Zeiten erzählen solle, fragt er – die seien doch schon ein Leben lang vorbei.

Zum Weiterlesen:

Peter Müller, Michael Mueller: "Chicago am Rhein - Geschichten aus dem kölschen Milieu". Kiepenheuer & Witsch, 2011, 160 Seiten.

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1.
Richard Bade 10.08.2012
"begann in der grauen Wirtschaftswunderzeit der Sechziger,... ihr Style waren dicke Schnauzer, Goldketten, Pelzmäntel und der Minipli - eine Frisur, die heute nur noch der Comedian Atze Schröder trägt.", kaum zu glauben, Anfang der Sechziger, Minipli??
2.
Fabian Schmidt 10.08.2012
Es ist mir unbegreiflich, wie frühere Verbrecher rückblickend gefeiert werden. Das ist ähnlich wie das verherrlichen von Mafiabossen in Südamerika, die jetzt sogar als Sammelbilder für Kinder verfügbar sind. Halten wir fest: Menschenhandel, Gewalt und Totschlag, Prostitution. Es ist bezeichnend für Köln, die wohl korrupteste und dreckigste Stadt der Republik, dass hier Kriminelle Kultstatus haben.
3.
thorsten krach 10.08.2012
Viel interessanter wäre es, den Opfern von diesen glorifizierten Verbrechern einen Artikel und ein Forum zu bieten, damit sie berichten können, wie man sie misshandelt,gefoltert und entwürdigt hat.
4.
Hartmut Ungers 10.08.2012
Peter F. Müllers Film ist ein köstliches Stück neuer Zeitgeschichte, daß sich niemand entgehen lassen sollte. Ohne zu beschönigen oder zu dramatisieren, wird einem das Zeitgefühl der 60-er und 70-er Jahre, trefflich nahegebracht. Erzählt werden die Episoden der damaligen Protagonisten des Milljöh und ihre heutigen Kommentare und Einsichten. Dazu die alten Fotos und Filme. Doku at it's best. Auch der damals zuständige KHK, Josef "Jupp" Menth, kommt zu Wort und sagt an einer Stelle, daß einem Ehrenwort aus dem Milljöh absolute Verbindlichkeit zukam, im Gegensatz zu manchem Wort aus dem Kreis der bürgerlichen Honoratioren. Wie auch in den Kiezen der anderen Großstädte, war es Anfang der 80-er Jahre die leichteste Übung, diese Milieu-Strukturen hochzunehmen und zu beenden. Seither gilt: "Ausländische Banden hatten das Kommando übernommen, ... " mit den bekannten Folgen, die heutzutage das Bild in den Städten prägen. Da lacht keiner mehr.
5.
Lisa Langenberger 10.08.2012
Hier kann man übrigens eine Doku über "den langen Tünn" online gucken: http://dokumonster.de/sehen/5832-de-lange-tuenn-wdr-doku/
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