Dynamit-Erfinder Nobel Knall auf Knall

Er sprengte sein eigenes Haus in die Luft und brachte Berge zum Beben: Bevor Alfred Nobel den berühmtsten Preis der Welt ins Leben rief, entdeckte er durch Zufall das Dynamit und wurde reich - glücklich machte ihn seine bombige Erfindung nicht.

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Von Ariane Stürmer


Im September 1864 begann in Stockholm die neue Zeitrechnung mit einer Explosion. Einem ohrenbetäubenden "Rumms!", einem Fenster zerschmetternden Donner, der die Stockholmer an diesem Herbsttag vom Brunch aufschreckte.

Alfred Nobel, späterer Stifter des Nobelpreises und Inhaber von 355 Patenten, lebte mit seiner Familie auf einem Anwesen im Süden Stockholms. Das Grundstück mit Haupthaus und Nebengebäuden lag am Rande eines Arbeiterviertels, mit Blick auf die Insel Langholmen und das dortige Gefängnis. Anwohner wussten, dass die Nobels auf ihrem Grundstück mit explosiven Chemikalien experimentieren und mancher hatte die Ahnung, dass es eines Tages zur Katastrophe kommen würde.

Es war ein Samstag, gegen 10.30 Uhr, als "die Häuser in ihren Grundfesten erschüttert wurden", wie es später in einem Zeitungsbericht hieß. Der nobelsche Laborschuppen war explodiert - und mit ihm Alfred Nobels jüngster Bruder, der Ingenieur Hertzman, die Dienstmagd Maria, der Laufbursche Herman und der Tischler Johan Peter Nyman. Von ihnen übrig geblieben waren "formlose Massen von Fleisch und Knochen", schrieb ein vom Anblick der Zerstörung entsetzter Reporter.

In dem Gebäude waren 125 Kilogramm Nitroglyzerin gelagert - ein hochexplosiver Stoff, an dem Alfred Nobel bereits seit 1858 geforscht hatte und der ihn zu einem der reichsten Männer der damaligen Zeit mit Fabriken in ganz Europa und den USA machen sollte. C3H5(ONO2)3 war bereits 1847 von dem italienischen Chemiker Ascanio Sobrero entdeckt worden. Anders als Nobel hielt Sobrero den Stoff für zu gefährlich, um ihn kommerziell zu nutzen. Zu Recht, wie es nun schien. Doch Alfred Nobel ließ sich nicht einmal vom Tod seines Bruders abschrecken und forschte weiter - bis er die Erfindung seines Lebens machte.

Ganze Berge fliegen in die Luft

Zunächst aber musste sich der 31-Jährige nach einem neuen Platz für sein Labor umsehen - Stockholm verbot dem Wissenschaftler "die Herstellung und Lagerung von Nitroglyzerin auf bebautem Gebiet". Als Antwort kaufte Nobel einen alten Schleppkahn, verankerte ihn im Mälarsee vor den Toren der Stadt, baute dort seine erste Mini-Nitroglyzerinfabrik auf und gründete mit der Nitroglyzerin AG die erste Gesellschaft der Branche. Ihr Kapital bestand aus 125 Aktien und drei Aktionären. Immerhin.

Um das Nitroglyzerin künftig mit Erfolg verkaufen zu können, musste Alfred Nobel vor allem zwei Probleme lösen: Die Flüssigkeit detonierte bei Stößen und ließ sich auf den damals üblichen Transportwegen, also Güterzügen oder Pferdegespannen, äußerst miserabel transportieren. Zudem brachte Feuer das Sprengmittel nicht zur Detonation - für die Explosion von Nitroglyzerin brauchte es einen kurzen, heftigen Schlag. Nun hätte ein Sprengmeister zum Beispiel mit einem Hammer auf einige Tropfen der Flüssigkeit einschlagen können - die Tatsache, dass es die letzte Handlung des Mannes sein würde, verhinderte diese Zündungsvariante.

Nobel aber war sich sicher: Nitroglyzerin war der Sprengstoff der Zukunft. Er musste nur herausfinden, wie man es sicher transportieren und zünden könnte. Schließlich kam er auf die Idee, ein Sprengloch zur Hälfte mit Nitroglyzerin zu füllen. Er hängte ein hölzernes mit Schwarzpulver gefülltes Behälterchen hinein und verband dieses durch eine Zündschnur mit der Außenwelt. Nobel zündete die Schnur an, das Schwarzpulver explodierte, die Explosion verursachte eine heftige Druckwelle, die Druckwelle erhitzte das darunter lagernde Nitroglyzerin plötzlich und heftig und das Gemisch dehnte sich mit solcher Gewalt aus, dass sich ganze Berge bei Schausprengungen "zu heben schienen und eine Unmenge von Steinen losgebrochen wurde", so ein Zeitungsbericht. Alfred Nobel hatte die Initialzündung erfunden. Sein Behälterchen nannte er zunächst Patentzünder, später verwendete er Knallquecksilber statt Schwarzpulver und nannte es Sprengkapsel.

Immer wieder tödliche Explosionen beim Transport

Die ersten Großbauprojekte kauften das Sprengöl, die schwedische Eisenbahn sprengte sich so ihren Weg durch das Gestein, um ihr nördliches und südliches Schienennetz zu verbinden. Ein Problem aber blieb: Das Nitroglyzerin explodierte immer wieder beim Transport. 1866 traf es einen Dampfer vor der Atlantikküste Panamas, 47 Menschen starben. In Sydney wurde unbeabsichtigt ein Lagerhaus gesprengt, in San Francisco eine Fabrik, schließlich explodierte auch die in Deutschland gegründete Fabrik Nobels.

Nach der Katastrophe von Stockholm hatte der Erfinder am 20. Juni 1865 seine erste Gesellschaft außerhalb Schwedens gegründet. Er spekulierte darauf, dass Deutschland sein Sprengöl gut würde brauchen können, weil Bergbau und die Verlegung neuer Eisenbahnschienen Hochkonjunktur hatten. Am 1. April 1866 begann die nahe Hamburg gelegene Fabrik "auf dem Krümmel beim Gut Gülzow" mit 50 Angestellten die Produktion von Nitroglyzerin. Es ist das Gelände, auf dem heute das Atomkraftwerk steht.

Der Erfinder selbst tüftelte wie schon in Stockholm auf dem Wasser. Auf der Elbe war ein Kahn festgezurrt, auf dem Nobel 1866 die Entdeckung machte, die den Bau des Gotthard-Tunnels und des Panama-Kanals beeinflussen sollte: Er erfand das Dynamit. Umstritten ist, wie er die Entdeckung machte. Der Legende nach soll ihm der Zufall zu Hilfe gekommen sein. Als eine Ladung des hochexplosiven Nitroglyzerins leckte und die Flüssigkeit in das zum Schutz gegen Stöße umgebende Kieselpulver auslief, hätten sich die beiden Stoffe zu einer formbaren Masse verbunden - und Nobel den Stoff gefunden, der gegen Stöße viel unempfindlicher war als sein Sprengöl und trotzdem hochexplosiv. Der Forscher selbst allerdings bestritt in mehreren Briefen, die Erfindung des Dynamits sei reiner Zufall gewesen. Er habe die angeblich beschädigte Ladung nie gesehen.

Der Traum von Frieden

So oder so: Das Dynamit oder "Nobels Sicherheitspulver" war erfunden und mit ihm nicht nur ein kraftvolles Sprengmittel für den industriellen Einsatz, sondern auch eine gefürchtete Waffe. Eine Welle terroristischer Anschläge rollte Ende des 19. Jahrhunderts über Europa, Tausende Attentäter aus der Arbeiterklasse erhoben sich gegen die Regierenden. Man nannte sie Dynamitarden, die Männer mit ihren Dynamitbomben. Zar Alexander II etwa starb bei einer Explosion während einer Kutschfahrt durch St. Petersburg.

Alfred Nobel hatte sich verkalkuliert: Er war sich sicher gewesen, dass es keine Kriege mehr geben würde, wenn nur erst die fürchterlichsten Waffen erfunden wären. Er sagte: "Ich würde gerne ein Mittel oder eine Maschine von so schrecklicher massenvernichtender Wirkung erfinden, dass Krieg dadurch für immer unmöglich gemacht würde." Und obwohl sein Sprengstoff nie für den blutigen Einsatz gedacht gewesen war, musste er jetzt einsehen, dass er das Gegenteil erreicht hatte. Mit dem deutsch-französischen Krieg von 1871 wurde das Dynamit endgültig zur grausamen Waffe.

Nobel aber scheute den Gedanken, dass es seine Idee gewesen war, die Tausende tötete oder verstümmelte. Er forschte weiter im Sinne einer sicheren Nutzung für Berg- und Schienenbau. Denn mit der Erfindung des Dynamits hatte er zwar ein weitgehend sicher zu transportierendes Sprengmittel geschaffen, aber wegen der Mischung mit Kieselpulver hatte es eine deutlich geringere Sprengkraft als die Basissubstanz Nitroglyzerin.

Das ultimative Sprengmittel

Angeblich war es erneut ein Zufall, der ihm aus dem Dilemma half. Nobel, inzwischen 42 Jahre alt und nach Paris umgezogen, plagte in einer Nacht des Jahres 1875 eine kleine Wunde am Finger. Also wühlte er sich aus den Laken, schlurfte zu seinem Labor und kramte die dort aufbewahrten Wundverbände hervor. Er beträufelte den Finger zur Desinfektion mit Kollodium, einer Mischung aus Äther, Alkohol und Cellulosenitrat, verband ihn und ging wieder ins Bett. Als ihn nach wenigen Stunden erneut der schmerzende Finger aus den Träumen riss, ging er ein zweites Mal in sein Labor, um erneut das Kollodium aufzutragen. Da bemerkte er die geleeartige Masse, die nach dem Verdunsten des Äthers vom Kollodium übrig geblieben war. Nobel habe daraufhin den Einfall gehabt, sein Nitroglyzerin mit dem Gelee zu vermengen - so die Legende. Das Ergebnis jedenfalls war die Vervollkommnung des ultimativen Sprengmittels: Stoßunempfindlich und explosionsstark.

Die Sprenggelatine bestand ihre Bewährungsprobe kurz darauf beim Bau des 15 Kilometer langen Gotthard-Tunnels. Um 1880 notierte man den Fortschritt: 18 Meter schafften die Arbeiter pro Monat mit Dynamit - 28 mit Sprenggelatine.

Alfred Nobel machte ein Vermögen. Die daraus bis heute jährlich entstehenden Zinsen finanzieren die Nobelpreise für Physik, Chemie, Medizin, Literatur und Frieden.



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