Edelhure Nitribitt Rätsel im Negligé

Sie war schön, reich, provokant - und die bekannteste Hure Deutschlands. Vor 50 Jahren wurde Rosemarie Nitribitt ermordet. Bis heute ist ihr Tod nicht aufgeklärt. Und bis heute hält es niemand für nötig, den Schädel der Toten zu bestatten: Er wird in einem Museum ausgestellt.

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Anmutig sitzt sie in der Badewanne. Sie kokettiert, strahlt verspielt ihren Betrachter an, die Arme hat sie über dem Busen verschränkt, Schaum bedeckt sittsam die nackte Haut. Es ist ein hübsches Bild, ein heiteres. Es zeigt Rosemarie Nitribitt aus Frankfurt. Nicht lange, nachdem die übermütigen Plantsch-Fotos entstehen, wird die junge Frau brutal getötet. Ihr Mörder wird nie gefasst.

Die Treibjagd auf die bekannteste Hure Deutschlands wird paradoxer Weise erst nach ihrem Tod losbrechen - mit einem Furor, wie ihn die nagelneue Bundesrepublik noch nicht gesehen hat. Es scheint, als wolle alle Welt die rätselhafte schöne Rosemarie wieder und wieder in Besitz nehmen - ohne dass sie in der Sache noch mitzureden hätte. Jahrzehntelang, bis heute, bis jetzt, wird man versuchen, die Geheimnisse der Rosemarie Nitribitt ans Licht zu zerren. Es wird nicht gelingen.

Sex mit Männern und Frauen

Die Nitribitt. Das Mädchen Rosemarie. Was für eine Geschichte! Eine Frau aus einfachsten Verhältnissen, missbraucht, weggesperrt, misshandelt, aber immer aufmüpfig und angriffslustig, kämpft in den geordneten Verhältnissen der paranoid-blitzblanken Adenauer-Republik um ihren Platz in der Gesellschaft - der dort aber für "eine wie die" so nicht vorgesehen ist.

Sie wird sich Konventionen widersetzen, wird selbstbewusst leben, wird sich frech nehmen, was sie haben will, wird zu Geld kommen, das sie liebt - viel Geld. Sie wird damit protzen und es horten. Sie wird Sex verkaufen und sich freigebig und gierig wegschenken - an Zufallsbekanntschaften, Männer wie Frauen.

Sie wird ehrgeizig an ihrem Image arbeiten - das große Geld, die guten Kunden gibt's nur ganz oben, und eine von ganz unten erhält nur Zutritt in die illustren Kreise, wenn die Fassade intakt ist. Sie wird die Dame spielen mit Versatzstücken der Dekadenz - Mercedes-Coupé, weißem Pudel und Brillantring am Finger. Und wird erpicht bleiben auf die schnellen Nummern, bei denen sie sich unter Wert verkauft. Kleinvieh macht auch Mist.

Knallhart und zärtlich

Bekannte, Weggefährten und Zeitzeugen werden sie als charmant beschreiben, als vulgär, verspielt, knallhart, mädchenhaft, flirtend, abgebrüht, geizig, verschwenderisch, einsam und voller Ängste, vorlaut und dominant. Ihre Kunden werden eine zärtliche Geliebte preisen, in schwärmerischen Briefen nach ihrer Nähe seufzen. Die devote Klientel wird zu schätzen wissen, wie herrisch sie die Peitsche zu schwingen versteht.

50 Jahre nach ihrer Ermordung scheint es, als könne man sich höchstens der Figur Rosemarie Nitribitt annähern. Der Mensch Rosemarie Nitritbitt bleibt ein Rätsel.

Als die Polizisten der Streife Frank 40 am Nachmittag des 1. November 1957 die gediegene Wohnung Rosemarie Nitribitts in der Frankfurter Stiftstraße 36 betreten, stinkt es dort abscheulich. Verwesungsgeruch. Es ist stickig warm, die mondäne Fußbodenheizung ist tagelang auf Hochtouren gelaufen. Im Schlafzimmer jappt Nitribitts Pudel, der dort eingesperrt war, seit der Mörder kam. Im Wohnzimmer liegt die Leiche der stadtbekannten Prostituierten.

Nichts erinnert mehr an die heitere schöne Frau, die, in der Badewanne sitzend, ihrem Liebhaber zulächelte.

Fliegenlarven in den Nasenlöchern

Rosemarie Nitribitt wurde erst der Schädel eingeschlagen, dann wurde sie erwürgt. Sie liegt vor der Couch, ihr rechtes Bein ruht angewinkelt auf dem Möbel. Ihr Gesicht ist blutverkrustet und grotesk aufgedunsen, ein entsetzlicher Anblick. Die Verwesung hat eingesetzt. Man findet Fliegenlarven in ihren Nasenlöchern.

Wer hat Rosemarie Nitribitt ermordet? Wer hat der Sterbenden in perverser Fürsorglichkeit ein rosafarbenes Frottierhandtuch unter den Kopf gelegt - und sich dann davon gemacht? Wer hat das Bargeld gestohlen, das sie in der blauen Kassette im Wohnzimmerschrank aufbewahrte?

Die Fragen sind müßig. Es gibt keine Antworten.

In einer neuen Biografie zeichnet der Autor Christian Steiger nach, wie skandalös schlampig die Frankfurter Kripo im Fall Nitribitt ermittelte. Zu den Kunden der Glamour-Prostituierten gehörten immerhin die Spitzen der Gesellschaft, darunter Sprösslinge der Großindustriellen-Clans Quandt oder Bohlen und Halbach - die Liebesbriefe Haralds von Bohlen und Halbach, die dieser an sein "Fohlen" schrieb, wurden Jahrzehnte nach dem Mord veröffentlicht. Während diese möglichen Verdächtigen behandelt wurden, wie's ihnen kommod war - mit Nacht-und-Nebel-Verhören beispielsweise, um keine Reporter aufzuscheuchen - ging man anderen Spuren erst gar nicht nach, sicherte Indizien nicht, ignorierte Zeugen-Hinweise.

Polizei und Justiz, so scheint es, wollten nicht wirklich wissen, wer Rosemarie Nitribitt ermordet hatte.

Mit elf Jahren vergewaltigt

Rosemarie Nitribitt, Taufname Maria Rosalia, stammte aus der Eifel, die älteste von drei Töchtern, die ohne Vater aufwuchsen - jedes der Mädchen hatte einen anderen Erzeuger. 1937 steckt man sie "wegen Verwahrlosung" ins Heim. Maria Rosalia kommt zu Pflegeeltern, wird mit elf Jahren von einem 18-Jährigen vergewaltigt.

Nur wenige Jahre später hat sie bereits wechselnde Liebhaber, schläft für Geld und Naturalien mit französischen Soldaten. Mit 14 hat sie eine Abtreibung, gilt als nicht mehr erziehbar. Eine Odyssee durch immer drakonischere Züchtigungsheime und Verwahranstalten beginnt, immer wieder schafft sie es abzuhauen.

In diesen Jahren entsteht, so ist zu vermuten, ihr Traum: zu Geld kommen, es besser haben. Als Mannequin reüssiert sie nicht, zu derb sind ihre Manieren, zu breit ihr Eifel-Dialekt. Sie schafft an - selbstbestimmt, einen Zuhälter hat sie nie.

Innerhalb von nur vier Jahren etabliert sie sich als Top-Prostituierte in Frankfurt, geht im legendären schwarzen Mercedes 190-SL auf Freier-Fang. Sie residiert in einem hypermodernen Apartmenthaus in der Stiftstraße - wer an der Gegensprechanlage ihren Codenamen "Rebecca" kennt, dem drückt sie die Tür auf. Sie scheffelt ein Vermögen. "Nur manche der Männer, die sie besuchen, verdienen mehr als Rosemarie Nitribitt", schreibt ihr Biograf Steiger. Ihrer Mutter wird die 24-jährige tote Rosemarie 120.000 Mark hinterlassen.

In ihrer Gier nach Geld schlägt sie über die Stränge - sie erpresst Kunden, droht ihnen mit Preisgabe ihrer Identität, behauptet auch schon mal, schwanger zu sein. Auch Boshaftigkeit gehört durchaus zu ihrem Naturell. Sie schikaniert ihre Zugehfrau, spannt homosexuellen Freunden "just for fun" die Liebhaber aus. "Irgendwann schlägt mir noch einer den Schädel ein", sagt die Nitribitt zu einem Bekannten.

Schwülstige Phantasien

Nach ihrem Tod beginnt die Inbesitznahme der Nitribitt durch andere, der große Reibach von Zeitungen, Illustrierten, Filmproduzenten. Der Hauptverdächtige im Mordfall, Nitribitts Freund Heinz Christian Pohlmann, wird für eine mehrteilige Enthüllungsstory von der "Quick" eingekauft. Das laute Boulevardmagazin setzt gar 50.000 Mark auf die Ergreifung des Nitribitt-Mörders aus.

Pohlmann soll schließlich Hauptdarsteller eines Nitribitt-Kinofilms werden. Den Deal verbietet letztlich nur der Umstand, dass der Mord-Prozess zu dem Zeitpunkt noch bevorsteht. 1960 wird Pohlmann freigesprochen, aus Mangel an Beweisen.

Der Fall Nitribitt bedient in der verklemmten jungen Bundesrepublik schwülstige Phantasien. Die Schauspielerin Nadja Tiller, deren Karriere damals gerade Fahrt aufgenommen hatte, wagt sich an die Rolle des "Mädchens Rosemarie".

Die Dreharbeiten beginnen bereits im April 1958, gerade mal ein halbes Jahr nach Nitribitts Tod. "Ich wurde gewarnt, den Part zu übernehmen", sagt Nadja Tiller SPIEGEL ONLINE. "Ein Verleger aus Österreich und jemand aus der Chefetage des Springer-Verlages riefen mich an und sagten 'Bist du verrückt? Du wirst dich damit ruinieren.'" Zu einer Zeit, da Romy Schneider im Kino die keusche, Rehe herzende "Kaiserin Sissy" gab, sprach Nadja Tiller Drehbuch-Sätze wie "Ich habe 18.000 Mark bekommen - für ein Mal."

Der Dreh in Frankfurt wird ein Kesseltreiben. Die "Mercedes"-Niederlassung an der Kaiserstraße, bei der die Nitribitt Kundin war, verbittet sich, in einem Film über die Prostituierte gezeigt zu werden: "Wir haben dort heimlich gedreht, im Morgengrauen, die Kamera stand in einem Bus mit schwarzen Vorhängen", erzählt Nadja Tiller. "Alle sprangen im Quarree, waren total hysterisch."

Der Schädel der Toten ist heute Ausstellungsstück

Der Persönlichkeit Nitribitt nachzuspüren, wurde nicht von Nadja Tiller verlangt. "Die Geschichte dieser Frau war nicht die, die der Film erzählen wollte", sagt sie heute. "Autor Erich Kuby und Regisseur Rolf Thiele wollten die Doppelmoral im aufstrebenden, erfolgreichen Deutschland entlarven, der Film hatte ja sehr kabarettistische Züge."

"Das Mädchen Rosemarie" wird ein Welterfolg, macht seine Hauptdarstellerin zum Star. "Besonders verrückt waren die Italiener", erzählt Nadja Tiller. "Die haben noch jahrelang 'La Ragazza Rosemarie!' hinter mir hergerufen."

Die Schaulust ist ungebrochen. Scheußlichster Beweis: Der Schädel des Mordopfers, der ursprünglich zur weiteren Beweisaufnahme in Polizeigewahrsam verblieb, ist heute das Glanzstück in einer Dauerausstellung über die berühmteste aller Huren.

Rosemarie Nitribitt wurde ohne Kopf bestattet. Den Schädel wenigstens nachträglich ins Grab zu geben - diese Geste des Respekts scheint bis heute niemand für nötig zu halten.

Zum Weiterlesen:

Christian Steiger: "Rosemarie Nitribitt - Die Autopsie eines Deutschen Skandals", Heel Verlag; Königswinter 2007; 200 Seiten; 19,95 Euro.

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Hubert Hummelt, 18.02.2008
1.
Der Schädel ist am 11. Februar 2008 in ihrem Reihengrab auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof beerdigt worden.
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