Bauchredner-Star Dreist, vulgär und ganz schön hölzern

Bauchredner-Star: Dreist, vulgär und ganz schön hölzern Fotos

Hollywood-Stars standen Schlange, um sich von ihm beleidigen zu lassen: In den Dreißigern war eine Handpuppe namens Charlie einer der größten US-Promis. Ausgerechnet mit einer Radioshow wurde der Sidekick des Bauchredners Edgar Bergen berühmt - mit lockeren Sprüchen, bösem Witz und einem Sex-Skandal. Von Sven Stillich

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Im Jahre 1914 sitzt ein kleiner Junge in einer Schule in der Nähe von Chicago und kann das Ende des Unterrichts kaum erwarten. Er hat nur einen Gedanken: Es müsste doch endlich zu Hause im Briefkasten liegen, das Buch! Und wirklich: Er ist da, der Ratgeber, mit dem er sich das Bauchreden beibringen will. 25 teure Cent hat er ihn gekostet, und Edgar – so heißt der Elfjährige – verschlingt ihn sofort. Und er übt und übt. Auf dem Schulweg macht er Stimmen nach und verwirrt seine Freunde. Regelmäßig läuft seine Mutter zu Hause zur Tür, weil sie denkt, dass dort jemand ruft. Als eines Tages ein besonders hartnäckiger Verehrer der Mutter immer wieder klingelt, verscheucht Edgar ihn, indem er die Stimme seines Vaters nachmacht.

Edgar John Bergren, Sohn schwedischer Einwanderer, hat Talent. Aber eigentlich ist er zu schüchtern, um auf einer Bühne zu stehen. Doch ein paar Jahre später, auf der Highschool im Geschichtsunterricht, kritzelt er etwas vor sich hin, das sein Leben verändern und bestimmen wird. Auf dem Blatt entsteht die Skizze einer Puppe: ein aufgewecktes Kind, dessen Gesicht aussieht wie das eines irischen Zeitungsjungen in seiner Nachbarschaft. Bekleidet ist Edgars Kreation mit Anzug, Zylinder und Monokel.

Den Körper bastelt der Junge selbst. Dass er es mit seinem Projekt ernst meint, beweist er bei der Herstellung des Kopfes. Er gibt ihn für 25 Dollar - damals eine Riesensumme – bei Theodore Mack in Auftrag, dem örtlichen Holzschnitzer und Barkeeper. Die Puppe nennt er Charlie McCarthy. Mit dem "Mc" will er Theodore Mack eine Freude machen.

Ein Bauchredner im Radio?

Edgar und Charlie werden ein Traumpaar. Erst begeistern die beiden ihre Mitschüler (dank Charlie und dessen Charme besteht Edgar sogar eine wichtige Geschichtsklausur), später gehen die beiden auf Tour mit einem Wanderzirkus. Edgar nennt sich inzwischen "Bergen", weil das leichter auszusprechen ist. Er tritt als Magier, Zeichner und Bauchredner auf. Zehn Jahre lang geht das so. "Es war die beste Zeit meines Lebens", sagt Edgar Bergen später.

Erst als er Mitte der dreißiger Jahre auf der Bühne des New Yorker Place Theatres steht, ist die Zeit des Wanderns für ihn vorbei. Bergen wird zur lokalen Berühmtheit. Ein Auftritt im legendären "Rainbow Room", einem Nachtclub im 65. Stock des Rockefeller Centers, wird dann zum Startschuss für eine Karriere über Generationen hinweg: Zwei Produzenten im Publikum sind von ihm begeistert – dieser Mann muss ins Radio! 1936 gehen Charlie und Edgar zum ersten Mal über den Äther. Über Nacht werden sie zu Stars. 1937 bekommen sie ihre eigene Show, die fast 20 Jahre ein Sonntagsritual für viele Amerikaner sein wird. Heute ist dieser Erfolg natürlich kaum zu fassen: Ein Bauchredner und seine Puppe werden ausgerechnet per Radio berühmt?

Dass Edgar und Charlie einen solchen Erfolg haben, liegt auch nicht an den Bauchrednerkünsten von Edgar Bergen. Er ist nicht gerade der Beste aller Bauchredner. Die Bewegung seiner Lippen kann man stets ausmachen. Seine Kunst ist nichts im Vergleich zum Können seines Mentors Harry "The Great" Lester. Der ließ seine Puppe Frank Byron Jr. Streichhölzer ausblasen, während sie redete.

Dreist, vulgär - und aus Holz

Der Schlüssel zum Erfolg ist Charlie McCarthy. Er ist aufmüpfig, vulgär, spitzfindig, provozierend. Er ist alles, was man im Radio dieser Zeit eigentlich nicht sein darf. Aber Charlie darf das. Denn er ist ein Kind, und noch dazu eines aus Holz. So sagt er einmal zu Dean Martin: "Seit Jerry Lewis weg ist, bist du nicht mehr so lustig, hm?" Bei so viel Dreistigkeit bleibt dem Schauspieler nur noch die Gegenfrage: "Ist ein Holzfäller anwesend?!"

Die Zuhörer lachen auch über seine Dispute mit W. C. Fields, der des Öfteren zu Gast in der Show ist. Einmal sagt der Komiker: "Ich liebe Kinder. Ich erinnere mich noch, wie ich mit meinen eigenen staksigen Beinen durch die Wohnung getapst bin." Und Charlie pariert frech: "Wann war das? Letze Nacht?" Dennoch sind regelmäßig die Superstars Hollywoods in der Show zu Gast: Rita Hayworth, Gary Cooper, Frank Sinatra, Judy Garland, Groucho Marx und viele mehr.

Im Dezember 1937 besucht die damalige Femme fatale, Mae West, die Show. Charlie ist ganz schüchtern, als er sie trifft. "Du warst nicht so nervös und zurückhaltend, als du mich in meinem Apartment besucht hast", sagt Mae West, "du brauchtest nicht viel Zuspruch, um mich zu küssen." "Das habe ich getan?", fragt Charlie. "Aber sicher", antwortet Mae West, "ich habe Bissstellen, die es beweisen - und Holzsplitter auch." Ein Skandal! Der Sender bekommt säckeweise Post mit Beschwerden, Mae West darf bis 1950 nicht mehr im Radio auftreten.

Ein ganz besonderer Oscar

Der Erfolg der Show von Bergen und Charlie tut das keinen Abbruch. An einem Oktoberabend 1938 läuft ihre Sendung zeitgleich mit Orson Welles' "Krieg der Welten". Das legendäre Hörspiel über den Angriff von Außerirdischen versetzt Amerika in Panik. Viele Zuschauer denken, dass es sich wirklich um eine Alien-Invasion handeln könnte. Doch die höhere Einschaltquote haben trotzdem Egdar Bergen und Charlie McCarthy.

Der Bauchredner und seine Puppe machen nun Werbung in Zeitungen, sie spielen in großen Kinofilmen mit. Die Puppe ist inzwischen mit 10.000 Dollar gegen Kidnapping, Verlust oder Zerstörung versichert. Bergen macht 100.000 Dollar im Jahr allein mit dem Verkauf von Merchandising. 1938 bekommt er für seine Kreation einen Ehren-Oscar - aus Holz.

Auch privat läuft es gut für ihn. 1941, er ist nun 38 Jahre alt, wird er während einer Show auf ein 19-jähriges Model aufmerksam. Frances Westerman sitzt in der ersten Reihe, zwei Jahre später ist sie die Nummer zwei in Bergens Leben - nach Charlie McCarthy. 1946 kommt ihre Tochter Candice Bergen zur Welt, die später als Schauspielerin berühmt wird. Die kleine Candice bekommt das Zimmer von Charlie, in dem sowieso ein kleines Bett und Stühle stehen. Die Puppe zieht um und wohnt ab sofort unter Edgars Bett.

Ein Schwachkopf macht Charlie Konkurrenz

Charlie ist inzwischen nicht mehr die einzige Puppe, die Bergen spielt. Er hat einen Sidekick bekommen, der alles ist, was McCarthy nicht ist: dumm, naiv, liebenswert. Mortimer Snerd ist "eine Kombination aus Schwächen", sagt Bergen einmal über ihn. "Er ist doof, aber er hat einen Vorteil gegenüber uns: Er weiß das und bringt uns zum Lachen."

Ende der fünfziger Jahre präsentiert Edgar Bergen seine letzte Radioshow. Doch er hört nicht auf, sein Publikum zum Lachen zu bringen. Zusammen mit Charlie tritt er im Fernsehen auf. In der "Muppet Show" zum Beispiel, wo er sich ein lustiges Wortgefecht mit Kermit liefert. Als der Frosch Charlie anfährt: "Du kommst etwas hölzern daher", kontert der gelassen: "Normalerweise rede ich auch nicht mit Fröschen."

Als Edgar Bergen Mitte September 1978 mit 75 Jahren ankündigt, sich aus dem Showgeschäft zurückziehen zu wollen, hat er alles erreicht: Er hat drei Sterne auf dem Hollywood Walk Of Fame (jeweils einen für Film, Fernsehen und Radio), die Fuß- und Handabdrücke von Charlie und ihm sind vor dem berühmten Grauman's Chinese Theatre auf dem Hollywood Boulevard in Beton verewigt.

Einen seiner letzten Auftritte hat er im ersten Muppets-Film. Dessen Premiere erlebt er allerdings nicht mehr. Der Film ist "dem Gedächtnis und der Magie von Edgar Bergen" gewidmet. Für Jim Henson, dem Macher der Muppets, war der Bauchredner stets eines seiner Vorbilder. "Diese Welt war besser, weil er gelebt hat", sagt er nach Edgar Bergens Tod am 30. September 1978, "und ich denke, das ist das Beste, was ein Mensch mit seinem Leben anfangen kann."

Charlie McCarthy ist heute im Smithsonian Museum in Washington ausgestellt. Hinter Glas, mit einem Mikrofon, aber stumm für immer.

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1.
Sylvia Götting 10.01.2013
Jetzt weiß ich ja, wer Vorbild für Jeff Dunham's Bubba j war: http://www.youtube.com/watch?v=cYIhNLEzAds
2.
Robert M. Laue 10.01.2013
wenn man schon schreibt: "Edgar nennt sich inzwischen "Bergen", weil das leichter auszusprechen ist"...so sollte man vorher vielleicht irgendwie erwähnen, daß der Mann ursprünglich "Bergren" hieß....
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