Kultautor Edgar Wallace "Ich schreibe keine guten Bücher, ich schreibe Bestseller"

Edgar Wallace brauchte für einen Krimi nicht länger als ein Wochenende. Der Bestsellerautor produzierte wie besessen - und machte keinen Hehl daraus, dass er nur aus einem Grund so schreibwütig war.

imago/United Archives

1905 schlug er zum ersten Mal zu. Und ließ den britischen Außenminister umbringen. Drei Jahre später packte ihn erneut die Mordlust. Diesmal traf es eine Unterweltgröße namens Mr. Real. Danach konnte er nicht mehr von seinem Handwerk lassen und dachte sich immer spektakulärere Mordmethoden aus.

Etwa im Fall von Charles Creager, der 1923 durch einen Pfeil starb - abgefeuert vom "Grünen Bogenschützen". Oder in dem des ehrenwerten Inspektors Genter, den 1925 ein als "Frosch mit der Maske" verkleideter Schurke mittels Blausäure ins Jenseits beförderte. Frauen und Männer, Reiche und Arme, Ehrliche und Ganoven - er ließ sie alle sterben, ermordet in freier Natur, in verrufenen Schlössern, in heruntergekommen Hafenspelunken oder den besten Vierteln Londons.

Doch statt den Verantwortlichen dingfest zu machen, verlangte die Öffentlichkeit nach immer neuen Bluttaten. Schließlich fanden die Verbrechen, die seinem Hirn entsprangen, nur auf dem Papier statt. "Es ist unmöglich, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein!", behauptete der Verlag über den Krimi-Autor.

Schreiben gegen die Schulden

Wohl zu Recht. Jedes vierte in den Zwanzigerjahren in Großbritannien verkaufte Buch stammte demnach von Wallace. Die Nachfrage stillte der Autor mit Fleiß: Allein 1926 erschienen mehr als ein Dutzend Krimis aus seiner Feder, insgesamt schrieb Wallace mehr als 120 Kriminalstücke - zusätzlich zu seinen zahlreichen Kurzgeschichten, Theaterstücken, Gedichten und anderen Werken, die ihn zu einem der produktivsten Schriftsteller machen.

Wallaces Eifer hatte einen simplen Grund. Der Schriftsteller gab das Geld mit vollen Händen aus. Er spielte leidenschaftlich gerne, verzockte hohe Summen auf der Pferderennbahn und gönnte sich jeglichen Genuss. Beispielsweise einen cremefarbenen Rolls-Royce und einen eigenen Rennstall.

Noch in seiner Jugend wäre ein solcher Lebensstil für ihn völlig unvorstellbar gewesen. Am 1. April 1875 als unehelicher Sohn der mittellosen Schauspielerin Polly Richards geboren, adoptierte die Familie Freeman den kleinen Richard Horatio Edgar Wallace, weil seine Mutter nicht für ihn sorgen konnte. Zum Leidwesen seiner Eltern brachte der Junge nur wenig Begeisterung für die Schule auf - mit zwölf Jahren ging er ab.

Dafür liebte er Bücher - und das Theater. Um sich den Eintritt leisten zu können, versuchte er sich in allerhand Berufen: verkaufte Zeitungen, fuhr als Milchmann, arbeitete in der Druckerei und heuerte auf einem Fischkutter als Koch an. "Arbeit knochenbrechend", schrieb er frustriert an seine Familie, als er eine Stelle auf dem Bau gefunden hatte.

"Blut und Verbrechen"

Als 18-Jähriger ging Wallace 1893 schließlich zur Armee und landete in Südafrika. Dort begann er, für Zeitungen zu schreiben. Auf die Frage von Kollegen, worüber er berichten wollte, antwortete kurz: "Was Geld bringt." Eine günstige Gelegenheit sollte sich bald ergeben. Frisch aus der Armee entlassen, berichtete er als Kriegskorrespondent vom 1899 ausgebrochenen Zweiten Burenkrieg.

Zurück in England setzte Wallace seine Karriere als Reporter fort. Doch war ihm der Beruf nicht einträglich genug. Fast täglich flatterten Mahnungen ins Haus. Wallace beschloss, sich mit einem Krimi wortwörtlich aus den Schulden rauszuschreiben. "Heutzutage sind Religion und Unmoral die einzigen Dinge, durch die man ein Buch verkaufen kann", schrieb er seiner Frau Ivy. Er wusste genau, was er seinen zukünftigen Lesern liefern wollte: "Blut und Verbrechen".

"Die vier Gerechten" lautete der Titel seines ersten Werks von 1905. Mit einem Trick wollte er Käufer anlocken: Er setzte Preisgelder von insgesamt 500 Pfund für diejenigen Leser aus, die den kniffligen Fall zu lösen vermochten. Wie konnten die Mörder den britischen Außenminister töten, der sich in einem schwer bewachten Raum aufhielt und den niemand betreten hatte?

Wallace bewarb das Buch mit einer gewaltigen Kampagne: "Zusätzlich zu der Anzeigenwerbung" habe er, so gab er an, "tausend riesige Plakate bestellt, die etwa die Größe einer Wohnzimmerwand haben".

"Selbstverständlich können wir es uns nicht leisten"

Der Krimi verkaufte sich tatsächlich hervorragend. Zu Wallaces Leidwesen hatte er bei seinem Preisausschreiben allerdings vergessen zu erwähnen, dass jeder Geldgewinn nur einmal zu vergeben war. So stapelten sich bald die richtigen Lösungen. Zu guter Letzt musste ihm seine Zeitung, die "Daily Mail", finanziell aushelfen. Weil Wallace das Blatt zudem durch Fehler in seinen Artikeln viele Tausend Pfund an Schadenersatz kostete, endete die Zusammenarbeit bald.

Im Hause Wallace ging der Gerichtsvollzieher ein und aus. Schmuck und andere Wertgegenstände waren bald zu Geld gemacht, trotzdem legte sich der Schriftsteller keinerlei Beschränkung auf. "Selbstverständlich können wir es uns nicht leisten", klärte er seine Frau auf, "aber wenn ich darauf warten will, dass ich mir etwas leisten kann, werde ich nie etwas bekommen."

Am Ende verschaffte ihm sein Talent Ruhm - und Geld. Mit dem 1911 erschienenen Afrikaroman "Sanders vom Strom" wurde er noch bekannter, die einträgliche Krimi-Produktion nahm er im Akkord auf. Der körperlich immer träger und korpulenter werdende Wallace schrieb seine Geschichten allerdings nicht mehr selbst auf. Er diktierte sie seinem Sekretär, der auch die zahlreichen Fehler zu korrigieren hatte.

Ein Wochenendgast durfte beobachten, wie der Schriftsteller 1931 an einem Wochenende einen kompletten Roman diktierte - und sich hinterher für zwei Tage Schlaf zurückzog. 4000 Pfund hatte Wallace auf einen Schlag verdient. Die dauerhafte Anstrengung hatte allerdings ihren Preis. Wallace konsumierte rund 80 Zigaretten und 40 Tassen mit stark gesüßtem Tee. Pro Tag.

"Ich bin völlig blank"

Kritik an seinen in Windeseile produzierten Geschichten ließ Wallace kalt. "Ich schreibe keine guten Bücher", erklärte er einmal einem amerikanischen Reporter. "Ich schreibe Bestseller." Die Leser kauften Wallaces Massenware zu Millionen - und sahen sich seine Stücke im Theater oder auf der Leinwand an. Bizarre Morde, spannende Plots und die Verheißung auf eine baldige Neuerscheinung ließen die Schwächen in Charakterentwicklung und Aufbau schnell vergessen.

Wallace blieb gar keine andere Wahl, als Bücher am laufenden Band zu produzieren - seine Spielsucht und sein kostenintensives Leben benötigten ständig neue Geldquellen. In Hollywood, wo der Autor für das Drehbuch zum Streifen "King Kong" engagiert wurde, sollte ein neuer Markt erschlossen werden. Eigentlich wäre der Schriftsteller lieber in Großbritannien geblieben. "Es hat keinen Zweck", klagte er verzweifelt. "Ich bin völlig blank und muss einfach hinüber."

Seine Heimat sah er nie wieder. Sein unbehandelter Diabetes verschlimmerte sich akut, am 10. Februar 1932 starb des Meister des Grusels - anders als viele seiner Opfer - friedlich im Bett.



insgesamt 9 Beiträge
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Sinan Re, 01.04.2015
1.
Ein wirklich unterhaltsamer Artikel. Eine Serie mit knackigen Kurzbiografien bedeutsamer Autoren wäre nett. Wie wär's mit Virginia Woolf oder Philip K. Dick als nächstes?
Stephan Haag, 01.04.2015
2.
Muss es den immer so Bedeutsam sein?
Helmut Unger, 02.04.2015
3. Erstaunlich
daß auch SPON kein Wort über seine Afrikabücher verliert. Hat denn niemand auch nur eines davon gelesen? Es lohnt, denn sie offenbaren ein zutiefst kolonialistisches Denken. Um nicht zu sagen rassistisch.. Und in diesem Kontext erscheint so manch berühmtes Werk in ganz anderem Licht.
manfred kaese, 02.04.2015
4. die Sanders -Romane
sind ein faszinierendes Beispiel dafür, dass Herrenmenschengetue damals wirklich kein rein deutsches Phänomen war.. trotzdem, als Dramaturg bis heute unübertroffen,der Mann.
Bernd Walther, 02.04.2015
5. Blickfang
War ja mal wieder klar: von allen Fotos der Drehorte, Filmausschnitte, Poster kam auf der SPON-Gesamtseite als Lockmittel für den Artikel nur ein einziges in Betracht, natürlich jenes mit Mieder und Strapsen. Sex sells, gelle.
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