Sängerin Edith Piaf "Meine Chansons, das bin ich, das ist mein Fleisch"

Kleine Frau, ganz große Ausstrahlung: Edith Piaf sang, als hinge ihr Leben davon ab. Der populärste Hit gelang der Sängerin erst kurz vor ihrem frühen Tod.

imago/AGD

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Angstschweiß tropfte dem korpulenten Mann auf den Hemdkragen, als er sich endlich ans Klavier setzen durfte. "Ich werde mir nur ein einziges Lied anhören. Ein einziges", blaffte ihn Edith Piaf an, müde, gereizt, zerfressen von Krankheit, Morphium und Alkohol. Die Sängerin hielt Charles Dumont für einen uninspirierten Komponisten, mittelmäßig und obendrein hässlich. Dreimal hatte sie ihn bereits versetzt.

Auch diesmal waren Dumont und sein Freund, der Texter Michel Vaucaire, zunächst an der Wohnungstür abgewimmelt worden: Das vereinbarte Treffen sei abgesagt, so Piafs Sekretärin. Doch dann rief die Chansonette aus dem Schlafzimmer: Wenn sie nun schon da seien, sollten sie halt bleiben. Eine geschlagene Stunde ließ die 44-Jährige die beiden Männer an jenem Nachmittag des 5. Oktober 1960 noch warten - dann bekam Dumont seine Chance, wie er später in Interviews erzählte.

Er intonierte "Non, je ne regrette rien". Piaf bat ihn begeistert, das Stück gleich noch einmal vorzutragen. "Haben Sie das wirklich geschrieben?", fragte sie ungläubig. Als Dumont bejahte, jubilierte Piaf: "Darauf habe ich mein ganzes Leben gewartet. Dieses Chanson wird die Welt erobern!"

Genau so kam es: Jenes trotzige "Je ne regrette rien" ("Ich bereue nichts"), eine Ode an den Überlebenswillen, avancierte zum unsterblichen Hit, zum Inbegriff des französischen Chansons schlechthin. Warum sämtliche Cover-Versuche, von Milva über Shirley Bassey bis hin zu Johnny Hallyday, so kläglich gescheitert sind? Wieso niemand dieses "Je me fous du passé!" ("Ich pfeife auf die Vergangenheit!") so stählern in den Raum zu schleudern vermochte wie einst die Piaf?

Weil dies ihre Vergangenheit, ihre Maxime, die Quintessenz ihres Lebens war. Eines kunterbunten, viel zu kurzen Lebens, in dem es jede Menge zu bereuen gäbe. Und wo Mythos und Wahrheit so eng miteinander verquickt sind, dass einem ganz schwindelig wird.

Legenden: Geburt auf der Straße, Heilung per Wallfahrt

"Mein ganzes Leben gleicht einem beinahe unglaublichen Roman", schrieb Edith Piaf in ihren Memoiren. "Ich habe das Gefühl, dass selbst ich unwillkürlich lügen müsste, wenn ich davon erzählte." Unermüdlich strickte die Sängerin an ihrer eigenen Legende, begeistert zog die Regenbogenpresse mit. Die Verklärung begann schon mit der Geburt der Edith Giovanna Gassion, Tochter einer minderjährigen Straßensängerin und eines Zirkusakrobaten.

Fest steht, dass sie vor 100 Jahren, am 19. Dezember 1915, zur Welt kam. Aber wo genau? Obwohl Edith laut Klinikprotokoll ganz normal im Pariser Hôpital Tenon geboren wurde, hält sich hartnäckig die Fabel, ihre Mutter sei auf den Treppenstufen vor dem Haus Rue de Belleville 72 niedergekommen und das Kind direkt auf den Regenumhang eines anwesenden Polizisten geplumpst.

Ebenso surreal geht es weiter, das Märchen des nur 1,47 Meter großen "Spatz' von Paris": Aufgewachsen in den plüschigen Salons des großmütterlichen Bordells in der Normandie, erkrankte die kleine Edith mit vier Jahren an einer Augenkrankheit und erblindete. Laut Legende legten die Puffdamen all ihr Erspartes zusammen, spendierten eine Wallfahrt zur heiligen Thérèse von Lisieux. Und siehe da: Schon hatte das Mädchen das Augenlicht wieder! "Mein Glaube an etwas Größeres, Stärkeres, Reineres als alles, was es hier auf Erden gibt, ist grenzenlos", bekannte die Chansonette einmal.

Chansons über Trauer und Glück, Elend und Lust

Nach ihrer Genesung soll Piaf Woche für Woche in die Kirche geeilt sein, um eine Kerze für Thérèse anzuzünden. Sie sah sich, wie Biograf Jens Rosteck überzeugend herausgearbeitet hat, als Berufene mit einer klaren Mission: die Menschen mit ihrem Gesang mitten ins Herz zu treffen. Genau das gelang ihr wie kaum einer Zweiten.

Gebannt blickte das vornehme Pariser Publikum auf das spindeldürre, zerlumpte, ungeschminkte Straßengör, das ihr Entdecker, Varietékönig Louis Leplée, im Herbst 1935 im Kabarett Le Gerny's präsentierte - nur wenige Monate, nachdem Piafs zweijährige Tochter Marcelle an einer Hirnhautentzündung gestorben war. Auch wenn erdichtet sein mag, dass Piaf anschaffen gehen musste, um die fehlenden zehn Francs für Marcelles Begräbnis aufzutreiben: Ihre Zuhörer spürten doch, dass die kaum 20-Jährige genau wusste, wovon sie sang, in ihren Liedern über Trauer und Glück, Elend und Lust.

Noch heute gehen Piafs Chansons unter die Haut, etwa Klassiker wie "Hymne à l'amour" und "Padam, padam", vor allem aber das grandiose "La vie en rose": jüngst von Madonna auf einem Konzert in Stockholm gesungen, wo der Superstar am Tag nach den Anschlägen in Paris der Opfer gedachte.

"Meine Chansons, das bin ich, das ist mein Fleisch, mein Blut, mein Kopf, mein Herz, meine Seele", schrieb Piaf in ihren Memoiren. Noch deutlicher hat es ihr Freund, der Dichter Jean Cocteau, ausgedrückt: "Jedes Mal, wenn sie singt, meint man, sie risse sich endgültig die Seele aus dem Leib."

"Fieberhaft die große, wahre Liebe gesucht"

Just jene Intensität, Liebens- und Leidensfähigkeit war es auch, die Piaf rastlos von einem Mann zum nächsten trieb: "Immer habe ich fieberhaft die große, wahre Liebe gesucht." Und immer wieder wurde sie enttäuscht. Obwohl Piaf keine im klassischen Sinn schöne Frau war, worunter sie sehr litt, verdrehte sie Dutzenden Männern den Kopf - und verhalf einigen zu Ruhm.

Yves Montand etwa, den schlaksigen Sohn italienischer Einwanderer, zwang sie, mit einem Bleistift zwischen den Zähnen an korrekter französischer Aussprache zu feilen. Dem Sänger und Schauspieler trieb sie das Macho-Gehabe ebenso aus wie die großkarierten Anzüge und schubste seine Karriere an, wie auch die des Chansonniers Charles Aznavour. Unter ihre Fittiche nahm sie zudem den 18 Jahre jüngeren Georges Moustaki, der ihr das Lied "Milord" komponierte.

Doch kaum hatte sie sich erwärmt für einen Mann, ob Musiker, Filmkünstler oder Radsportler, da wandte sich Piaf schon wieder ab: "Nie konnte ich den, den ich liebte, lang in den Armen halten." Ausgerechnet Piafs große Liebe, der Boxer Marcel Cerdan, den sie ihren Memoiren zufolge "verehrte wie einen Gott", stürzte 1949 mit dem Flugzeug über den Azoren ab. Piaf gastierte damals in New York; auf ihr Drängen hin hatte Cerdan den Flieger genommen statt den Dampfer. Als sie die Todesnachricht erhielt, kollabierte Piaf - und stand schon am gleichen Abend wieder auf der Bühne.

Vom Morphium, mit dem sich Piaf nach Cerdans Tod tröstete, kam sie jedoch so wenig los wie vom Alkohol, von Beruhigungs- und Aufputschmitteln. Oftmals brach sie bei Auftritten zusammen, absolvierte einen erfolglosen Entzug nach der anderen. Als die Sängerin am Ende schien, eine vorzeitig gealterte, finanziell ruinierte, rheuma- und krebskranke Frau, trat 1960 Komponist Charles Dumont in ihr Leben. Und verhalf dem "Spatz von Paris" mit "Non, je ne regrette rien" zum letzten Höhenflug.

Das Testament des Spatzen

"Das bin ich! Es ist das, was ich fühle, was ich denke! Es ist sogar noch mehr, es ist mein Testament", rief die Sängerin laut ihrer Freundin Simone Berteaut, als sie Dumonts Song mit dem Text von Michel Vacaire erstmals hörte. Die ganze Nacht, erinnerte sich der Komponist später, musste er am Klavier sitzen; die gesamte Entourage der Sängerin wurde herbeizitiert, um das Lied zu begutachten.

Piaf rappelte sich auf, stakste zurück auf die Bühne - und startete ein fulminantes Comeback. "Unsicher, steif noch und fast durchsichtig blass" stand sie laut "Hamburger Abendblatt" am Abend des 29. Dezember 1960 im Pariser Olympia-Theater. Wie fast immer trug Piaf ihr altmodisches schwarzes Kleid, um den Hals das mit sieben Smaragden besetzte kleine Kreuz: ein Geschenk ihrer Freundin Marlene Dietrich.

Piaf zelebrierte ihr "Je ne regrette rien" auf der Bühne nicht wie eine Diva, tänzelnd und elegisch, sondern trotzig: beide Beine fest auf der Erde, die Fäuste geballt. Erst verhalten, dann immer atemloser, zum Schluss jubilierend: "Nein, überhaupt nichts! Nein, ich bereue gar nichts! Nicht das Gute, nicht das Schlechte, das ist mir alles so egal!" Ein halbe Stunde lang soll Paris seinem Star an jenem Abend mit Applaus gehuldigt haben.

"Könnte ich wählen, würde ich gern mitten im Singen auf der Bühne zusammenbrechen, um nie mehr aufzustehen", sagte Piaf einmal. Sie hatte nicht die Wahl. Nicht einmal ihr Wunsch, in Paris aus dem Leben zu scheiden, sollte sich erfüllen: Mit erst 47 Jahren starb die Chansonette am 10. Oktober 1963 im südfranzösischen Plascassier an den Folgen einer Leberzirrhose.

Um ihrem letzten Willen dennoch ein wenig gerecht zu werden, hievte ihr Ehemann Théo Sarapo den Leichnam in einen Krankenwagen und fuhr die ganze Nacht hindurch Hunderte Kilometer bis nach Paris. Bereitwillig fälschte Piafs Vertrauensarzt im Morgengrauen den Totenschein. Offizieller Todeszeitpunkt: der frühe Morgen des 11. Oktober 1963. Ort des Ablebens: Paris.

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Dominik Dunkel , 18.12.2015
1. Super Artikel
Über Edith Piaf! Danke.
Wollts Nursagen, 18.12.2015
2.
Keine Ahnung wer das ist, aber das Aufmacherbild ist schön.
Horst Rubo, 18.12.2015
3. Na so watt
„Je ne regrette rien“ gehört zum europäischen WeltkulturErbe, und der Artikel ist aufschlußreich und enthält jede Menge Details, von denen ich bisher nichts wußte. Eigentlich alles außer „Je ne regrette rien“. Aber dass es im Ersten WeltKrieg auch Feminismus gab, ist in der Tat bemerkenswert. Auf den Gedanken war ich bisher noch gar nicht gekommen, weiß auch nicht, wieso nicht.
Detlef Menzke, 18.12.2015
4. Danke
für den wunderbar feinfühligen Artikel
Rolf Dernen, 18.12.2015
5. Herzlichen Dank
Beim Lesen des Artikels bekam ich Gänsehaut und hörte innerlich die Piaf singen. Frau Iken, ich möchte mich von ganzem Herzen für diese wunderbar formulierten Zeilen bedanken.
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