"Effi Briest"-Vorbild Ardenne Ins Grab geliebt

Sie suchten Liebe - und fanden den Tod: Ende des 19. Jahrhunderts flüchtete die zwangsverheiratete Adlige Elisabeth von Ardenne in die Affäre mit einem Offizier. Ihr Gatte streckte den Widersacher im Duell nieder. Doch ein Roman Theodor Fontanes sollte alle drei unsterblich machen.

Von Manfred Franke


Effi setzte sich an das offene Fenster, um noch einmal die kühle Nachtluft einzusaugen. Die Sterne flimmerten, und im Parke regte sich kein Blatt. Aber je länger sie hinaushorchte, je deutlicher hörte sie wieder, daß es wie ein feines Rieseln auf die Platanen niederfiel. Ein Gefühl der Befreiung überkam sie. "Ruhe, Ruhe."

Mit diesen letzten Worten endet das tragische Leben der todkranken Effi Briest in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman. 1895 erschien die Geschichte über die 17-jährige Effi, die gegen ihren Willen mit einem viel älteren Adligen verheiratet wird, erstmals in Buchform - und sorgte für erhitzte Diskussionen über überkommene Frauenrollen. Denn in dem Roman flüchtet sich die junge Effi aus ihrer unglücklichen Ehe in eine Affäre mit dem Offizier Crampas. Ihr Gatte entdeckt die Affäre - und fordert Crampas aus gekränktem Ehrgefühl zum Duell heraus. Der betrogene Ehemann tötet seinen Nebenbuhler und lässt sich anschließend von Effi scheiden, die an dem Tod ihres Liebhabers zerbricht.

Der Roman schien wie eine künstlerische Verdichtung, die die Moralvorstellungen ihrer Zeit in Frage stellen sollte: Fontane stellte Frauenrechte, Seitensprünge, Scheidung und vor allem den veralteten Brauch des Duells zur Ehrenrettung am Beispiel von Effi Briest zur Diskussion. Und doch war seine Protagonistin keine bloße Kunstfigur, sondern hatte ein ganz reales Vorbild: Die junge Adelige Elisabeth von Ardenne.

Am 26. Oktober 1853 erblickte Elisabeth, die zeitlebens "Else" genannt wurde, als jüngste von vier Töchtern des Adelsgeschlechts von Plotho auf dem Gut Zerben in Sachsen-Anhalt das Licht der Welt. Ihre Kindheit war bestimmt vom unbeschwerten, wilden Leben in freier Natur mit Kindern aus dem nahen Dorf. Aber je mehr Else allmählich zur Frau wurde, um so mehr verging diese Leichtigkeit: Als die Jungen konfirmiert wurden, schreibt Else v. Ardenne in ihren als Manuskript überlieferten autobiographischen Aufzeichnungen, "mussten sie dann gleich die Kühe hüten." Else wollte sich nicht von ihren alten Spielkameraden trennen und half den Jungen beim Hüten. Davon erfuhr bald die "olle Baronsche", wie Else trotzig ihre Mutter nannte - und brachte ihrer Tochter bei, solche Treffen seien "für ein so großes Mädchen nicht mehr statthaft."

Zur Heirat genötigt

Stattdessen hatte die Mutter andere Gesellschaft für ihre Tochter im Sinn: Sie bahnte die Verheiratung Elses mit dem fünf Jahre älteren Offizier Armand von Ardenne an. Wann immer Ardenne im Hause zu Gast war, so erinnert sich Ardenne in ihren Aufzeichnungen, sei sie hereingeholt worden, um seinem Klavierspiel zu lauschen - worauf sie stets wütend reagierte. Doch die Mutter setzte sich gegen die Trotzigkeit ihrer Tochter durch: Am 1. Januar 1873 wurde Else von Plotho zu Else von Ardenne. Die Mutter sicherte so die materielle Sicherheit ihrer Tochter, denn die finanzielle Situation der Familie wurde zunehmend prekärer. Zugleich gelang es Armand von Ardenne durch die Heirat, sich mit einer Familie aus brandenburgischem Uradel zu verbinden - nicht ungünstig für einen Mann, der in der preußischen Armee Kariere machen wollte.

Durch Armands Arbeit als Berufsoffizier musste die junge Familie von Ardenne - die bald um zwei Kinder angewachsen war - binnen kurzer Zeit immer wieder den Wohnsitz wechseln. Sie zogen von Rathenow nach Berlin, dann weiter nach Düsseldorf, von dort nach Metz und wieder zurück nach Düsseldorf. Dort nahm das Ehepaar am gesellschaftlichen Leben teil, unter anderem an den "Malkasten-Abenden", die von Düsseldorfer Künstlern arrangiert wurden.

Dabei kam es zu "jener denkwürdigen" Begegnung, "die das Schicksal dazu ausersehen hatte, die Familie v. Ardenne mit … mir zusammenzuführen" - so schrieb Emil Hartwich, Königlicher Amtsrichter in Düsseldorf, später in einem seiner vielen Briefe an Else. Hartwich war ein Sportler - und ein Freigeist: Weit über das Rheinland hinaus trat er als Propagandist der "Bewegung für Körperpflege" hervor. Er lebte selbst vor, was er in Reden und Schriften vertrat: Anstatt morgens den Weg ins Gericht gemessenen Schrittes zurückzulegen, joggte Hartwich ins Büro und schwamm im Rhein. "Man kann sich vorstellen", so ein Zeitzeuge, "welches Aufsehen das damals erregte. … In vornehmer Gesellschaft erlaubte er sich oft … den Scherz, auf den Händen in die Festräume hineinzulaufen." Der ungewöhnliche Richter beeindruckte die junge Else tief.

Und auch er war von ihr verzaubert. Else von Ardenne war eine charismatische Frau, die auf die Künstler bei den "Malkasten-Abenden" nachhaltigen Eindruck hinterließ. So schreibt der Düsseldorfer Maler Wilhelm Beckmann in seinen Lebenserinnerungen "Im Wirbel der Zeiten": "Wir waren oft in dem blumenduftenden Garten des wundersamen Rokokoschlosses bei Wein und Liedern, Gedichten und Gesängen bis tief in die sternenhelle Nacht hinein um eine aristokratische Frau vereint. Die Herrin, wie sie sich nannte und genannt sein wollte, war Else von Ardenne." In sie hatte sich Hartwich in einer Weise verliebt, dass, wie es Beckmann ahnte, "eines Tages die Glut der Empfindungen die gewaltsam zurückgehaltene Selbstbeherrschung durchbrechen würde."

Eine tödliche Affäre

Elses Ehemann betrachtete das Interesse Hartwichs an seiner Frau mit wachsendem Argwohn: Nachdem Armand ins Kriegsministerium versetzt worden war und mit seiner Familie aus Düsseldorf nach Berlin gezogen war, schrieb Hartwich auffällig häufig Briefe an Else. Dann spitzten sich die Dinge noch weiter zu: Hartwich kam anlässlich des Todes seines Schwiegervaters für eine Weile selbst nach Berlin und nutzte diese Zeit dafür, Else oft zu besuchen. In ihren Aufzeichnungen erinnert sie sich an einen Besuch Hartwichs, bei dem es zu einem schicksalhaften Zwischenfall kam: "Zusammen gehen wir glücklich wie die Kinder zu Müllers. Armand ist schon da, zu unserem Amüsement."

Der jedoch war alles andere als amüsiert darüber, als hintergangener Ehemann dazustehen. Er öffnete nach diesem Treffen gewaltsam den Schrank, in dem Hartwichs Briefe lagen und fand ein Schreiben, in dem Hartwich über seine Ehe schreibt, seine Frau und er seien "auf dem schönen Standpunkt angekommen, dass wir uns beiden stets das Beste gönnen, ohne immer den andern in seinem Tun und Treiben zu hindern." Außerdem deutete sich in einigen Briefen an, Else und Hartwich würden bereits Pläne für eine Scheidung Elses schmieden.

Armand stellte Else zur Rede und beorderte Hartwich sofort telegraphisch nach Berlin. Beide gaben ihre Affäre zu. Nach den Vorstellungen der Zeit konnte die Ehre eines hintergangenen Ehemanns "vom Stande" nur im Duell wieder hergestellt werden. Hartwich nahm die Herausforderung an. Das Duell fand am 27. November 1886 in der Nähe von Berlin im Rixdorfer Volkspark Hasenheide statt. Hartwich soll in die Luft geschossen haben, Ardenne nahm seinen Gegner exakt ins Visier. Mehrfach getroffen verstarb Hartwich vier Tage später an schweren Darmverletzungen in der Charité.

Unbestrafter Mörder

Nur zwölf Tage nach Hartwichs Tod, Am 13. Dezember 1886, wurde im Deutschen Reichstag das Duellunwesen diskutiert. Kritiker wie der Abgeordnete Reichensperger von der Zentrumspartei beklagten, bei tödlichen Duellen entstünde aus irrgeleitetem Ehrgefühl heraus ein "Schaden der Gesamtheit". Insbesondere wurde die Tradition kritisiert, nach der Offiziere aus ihrem Offiziersstand ausgestoßen wurden, wenn sie eine Duellforderung ablehnten. Konservative Fürsprecher wie der adlige Abgeordnete Reinhaben von der Deutschen Reichspartei beriefen sich unterdessen darauf, ein betrogener Ehemann erleide die schlimmste denkbare Demütigung - daher sei es ein "kategorischer Imperativ", dass die verursachte Schmach "mit dem Leben des Beleidigers gesühnt werden muss." Die Fürsprecher setzten sich durch: Erst nach dem Ersten Weltkrieg sollte der Brauch des Duells in Deutschland verschwinden.

Die Strafe, die Armand von Ardenne nach der Erschießung Hartwichs traf, war entsprechend gering: Er leitete zwar das bei Duellen mit Todesfolge vorgeschriebene Militärstrafverfahren gegen sich ein und wurde zu Festungshaft verurteilt. Aber nur 18 Tage nach Haftantritt wurde er bereits wieder "in Ehren" entlassen und von Kaiser Wilhelm I. zur Audienz empfangen. Seine Ehe mit Else von Ardenne wurde im März 1887 geschieden.

Anders als Effi Briest, die in Fontanes Roman an dem Tod ihres Geliebten zerbricht und schließlich todkrank wird, resignierte Else nicht - obwohl Berliner Zeitungen ihren Fall unter Nennung aller involvierten Personen öffentlich ausschlachteten. Sie zog aus Berlin fort und absolvierte in der Schweiz zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester, die sie später noch durch eine weitere Ausbildung in Nervenheilkunde ergänzte. Sie brillierte in ihrem Beruf und arbeitete noch viele Jahrzehnte lang sehr erfolgreich in verschiedenen deutschen Krankenhäusern, Nervenheilanstalten und Lazaretten, bevor sie schließlich am 5. Februar 1952 verstarb.

Armand v. Ardenne lehrte unterdessen an der Preußischen Kriegsakademie und wurde Divisionsgeneral in Magdeburg. Erst ein Streit mit Wilhelm II. unterbrach die Karriere. Bis zu seinem Tod arbeitete Ardenne als Militärschriftsteller und heiratete Julia Peters. Eine Frau, die wie er geschieden war.



insgesamt 2 Beiträge
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Ralf Bülow, 02.05.2011
1.
Lieber Herr Franke, vielleicht setzten Sie noch ein Bild von Manfred von Ardenne hinzu, der ein Enkel der von Ihnen geschilderten Elisabeth war. Auch er ging später in die Literaturgeschichte ein, als Baron Ludwig von Arbogast in Uwe Tellkamps Roman "Der Turm".
Dr. Manfred Franke, 04.05.2011
2.
Lieber Herr Bülow, Dank für den Hinweis. Der aber war nicht nötig, da ich Manfred von Ardenne persönlich kannte und von ihm die Erlaubnis erhielt, die schriftlichen Hinterlassenschaften seiner Großmutter verwenden zu können. (Vgl. mein Buch "Leben und Roman der Elisabeth von Ardenne, Fontanes Effi Briest, Droste Düsseldorf 1994.) Die Redaktion einestages habe ich ausdrücklich auf ein Bild M v A's hingewiesen. Die Veröffentlichung unterblieb ohne mein Zutun.
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