Ehebruch-Affäre um 1900 Leidenschaft, Exzesse und ein gehörnter Architekt

Sexskandal im Kaiserreich: Wenn zwei mächtige Männer um eine schöne Frau streiten, verlieren auch Preußen mal die Contenance. Gebannt verfolgte Deutschland vor jundert Jahren die grandiose Schlammschlacht zwischen einem Star-Architekten und einem Kanzlerberater - Schmutzwäsche ohne Ende.

Von Stefan Appelius


Es ist ein Lauschangriff der unfeinen Art, der sich am Abend des 8. März 1903 in einer noblen Villa in Berlin-Schöneberg anbahnt. Auf Strümpfen schleichen eine junge Haushälterin und ein wenig erfolgreicher Bildhauer durch eine stockdunkle Parterrewohnung und klettern lautlos auf ein Gerüst. Sie wagen nicht zu sprechen und vermeiden jedes Geräusch.

Die Bewohnerin der Wohnung über ihnen, die Sängerin Lucia Schmitz, frisch geschiedene Ex-Gattin des Architekturprofessors Bruno Schmitz, trifft sich gerade mit ihrem Liebhaber. Um ganz genau zu erfahren, was seine Ex-Frau mit ihrem Galan treibt, hat ein Strohmann des Professors die leerstehende Wohnung anmieten - und heimlich eine große Öffnung in den Parkettboden sägen lassen, nahe des Fensters an einer von langen Gardinen bedeckten Stelle. Sie ist groß genug, dass zwei Menschen zu gleicher Zeit bequem ihren Kopf hindurch stecken können.

Das Stuckgesims, mit dem die Öffnung tagsüber getarnt wird, haben die beiden von Schmitz angeheuerten Spitzel schon am Nachmittag zur Seite geschoben. Jetzt wollen sie genau beobachten, was in der Wohnung von Lucia Schmitz vor sich geht. Von besonderem Interesse ist Lucias Liebhaber: der Königlich Preußische Geheime Legationsrat Otto Hammann, seines Zeichens Pressechef im Auswärtigen Amt.

Stöhnen und Krachen

"Um ¾ 10 kamen Hammann und Frau Schmitz, die sich bis dahin im Esszimmer aufgehalten hatten, in den Salon. Es fiel uns sofort Hammanns größere Zärtlichkeit auf. Sie setzten sich beide, indem er sie auf den Schoß nahm, zuerst auf einen Stuhl direkt über unseren Kopf", notierte Schmitz' Haushälterin in ihrem Versteck: "Nach ganz kurzer Zeit begaben sich beide auf die vier bis fünf Schritte davon entfernt stehende Chaiselongue, woselbst sie 10 ¼ Uhr einen regelrechten Geschlechtsakt vollführten, wobei Hammann sich zunächst durch weniges lautes, dann bis zum Schluss sich immer mehr steigerndes Stöhnen, mit dem er seine regelmäßigen Stöße begleitete, bemerkbar machte."

Als Otto Hammann das Haus schließlich gegen 23 Uhr verlässt, muss man schon ganz genau hinsehen, um zu bemerken, dass sich die Gardine in der Portiersloge ganz sachte bewegt. Das Ehepaar Zernitzki ist schon seit einigen Wochen in den Komplott eingeweiht und hat die Herrschaften bei ihren nächtlichen Vergnügungen mehr als einmal selbst belauscht - schließlich zahlt Schmitz ihnen 1,50 Mark für jeden "Beobachtungsabend". Die beiden Detektive, die an diesem inzwischen recht frischen Sonntagabend auf der anderen Straßenseite herumlungern, sind weniger unauffällig. Auch sie wurden von Bruno Schmitz angeheuert, um das "verbrecherische Treiben" seiner Ex-Frau zu dokumentieren.

Warum sich der Baukünstler für das Intimleben seiner Ex-Frau interessiert? Zum einen geht es in diesem Rosenkrieg um viel Geld - vor allem aber um Rache. Bis vor kurzem nämlich waren der gebürtige Rheinländer Schmitz und Legationsrat Hammann beste Freunde. Schmitz ist seit der Einweihung der von ihm geschaffenen Nationaldenkmale auf dem Kyffhäuser, auf der Porta Westfalica und am Deutschen Eck ein gemachter Mann, der als Mitglied der Akademie der Künste seinen wuchtigen Traum von altgermanischer Herrlichkeit lebt.

Das wirksamste Heilmittel

Der promovierte Jurist Otto Hammann ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Der Sohn eines Gutsbesitzers hatte seine Brötchen zunächst mit der Schriftstellerei verdient, bevor er 1894 ins Auswärtige Amt kam. Hier stieg er rasch die Karriereleiter nach oben und genießt als Pressereferent das Vertrauen von Reichskanzler Bernhard von Bülow. Auch am Hof von Kaiser Wilhelm II. schätzt man Hammann, spätestens seit dieser nach Paris reiste, um im Staatsinteresse gewisse kompromittierende Briefe einer hochgestellten Persönlichkeit an eine Dame zurückzukaufen - und diese höchst delikate Mission mit äußerster Diskretion erfüllte.

Auch Lucia Schmitz und Erna Hammann sind befreundet, bis die kränkliche Gattin des Geheimen Legationsrats in einem mondänen Badeort das Zeitliche segnet. Fortan pflegt Lucia am Sonntagnachmittag mit Otto durch den Berliner Tiergarten zu spazieren. Und es geschieht, was nicht geschehen darf: Es funkt zwischen den beiden. Lucia, die temperamentvolle Enkeltochter des berühmten Malers Bonaventura Genelli, genießt die Aufmerksamkeit, die sie von ihrem Bruno schon lange nicht mehr kennt.

Doch Schmitz bemerkt, dass mit seiner Ehe etwas nicht mehr stimmt. Als er seinem Freund Hammann davon berichtet, rät ihm dieser, nicht ganz uneigennützig, das "wirksamste Heilmittel" sei eine "zeitliche Trennung". Schmitz geht darauf ein und mietet für seine Lucia eine eigene Wohnung. Doch die Trennung bringt ihn seiner Frau auch nicht näher, ganz im Gegenteil: Im Sommer 1902 stehen die beiden vor dem Scheidungsrichter.

"Vertragswidrige Fortsetzung des Geschlechtsverkehrs"

Einen Tag, bevor das Urteil verkündet wird, setzt Bruno Schmitz eine Vereinbarung durch, die es in sich hat. Seine Frau erhält das Sorgerecht für die Töchter Gabi, 10, und Angelika, 9. Schmitz verpflichtet sich, zur finanziellen Absicherung der Kinder den Betrag von 200.000 Mark zu hinterlegen. Eine Bedingung stellt der Baumeister allerdings: Um diese Summe zu erhalten, muss sich Lucia dazu verpflichten, bis zu einer neuerlichen Hochzeit in strenger sexueller Enthaltsamkeit zu leben - inzwischen hat Schmitz nämlich durch seine Detektive von ihrer Affäre mit seinem Freund Otto Hammann erfahren.

Weil Schmitz nicht zahlt, geht Lucia vor Gericht. Bruno aber denkt gar nicht daran, das Geld herauszurücken: "Zu meinem Entsetzen wurde mir bald wieder zugetragen, dass meine geschiedene Frau und Hammann nach wie vor geschlechtlich miteinander verkehrten", lässt er das Gericht wissen - und macht sich daran, Beweise für die "vertragswidrige Fortsetzung des Geschlechtsverkehrs mit Hammann" zu sammeln. Gleichzeitig beantragt er das Sorgerecht für seine Töchter, da Lucia wegen ihres "verdächtigen Umgangs mit anderen Männern" dafür "in Gemäßheit des Bürgerlichen Gesetzbuches" nicht mehr in Betracht komme.

Nun beginnt ein Schlagabtausch ganz ohne Glacéhandschuhe. Er gipfelt darin, dass Hammann, immerhin ein Berater des Reichskanzlers, vor dem Königlich Preußischen Amtsgericht Mitte Oktober 1903 unter Eid erklärt, es habe zwischen ihm und Lucia seit dem Tage ihrer Scheidung zwar "Exzesse der Leidenschaft" gegeben. Einen "normalen Geschlechtsakt" allerdings und eine "immissio penis", so seine Ausdrucksweise, bestritt Hamann. Schmitz schäumte vor Wut: "Sie wollen den Kampf, Sie sollen ihn haben", schleuderte er dem früheren Freund entgegen - an Beweismaterial mangelt es ihm nicht. Doch Lucia zieht ihre Klage zurück, um ihre Kinder nicht zu verlieren. Der Ausgang ist ein Teilerfolg für Bruno Schmitz, doch die Genugtuung währt nur kurz: Ein paar Monate später heiratet Lucia ihren Liebhaber.

Gerüchte um "Gemütsumdüsterung"

Das ist Salz in die Wunden des Gehörnten. Seinen "Seelenfrieden" habe er erst wieder, wenn der "Zerstörer" seiner Familie und "Freundes-Verräter" von ihm zu Fall gebracht worden sei, wütet Schmitz. Inzwischen hat auch die Öffentlichkeit von dem Skandal erfahren. Das "Berliner Tageblatt" und die "Welt am Montag" breiten die Affäre um den "Künstler Professor Sch. und Geheimrat H." genüsslich vor ihren Lesern aus. Eingeweihte wissen längst, wer sich hinter den Abkürzungen verbirgt.

Hammann sitzt die Veröffentlichungen mit stoischer Ruhe aus: Im Herzen des geschassten Baumeisters dagegen brodelt es weiter; die Gazetten spekulieren gar über eine "Gemütsumdüsterung". Schmitz zeigt Hammann wegen Meineides an, doch die Staatsanwaltschaft lehnt es ab, Anklage zu erheben. Dann greift Schmitz zum äußersten Mittel. In einer kleinen Broschüre enthüllt ein anonymer Autor alle intimen Einzelheiten der Angelegenheit - die Schlammschlacht ist eröffnet. Sie hat offenkundig nur ein Ziel: Hammann zu Fall zu bringen.

Und jetzt geht es wirklich Schlag auf Schlag. Kaum ist die pikante Schrift erschienen, wird sie auch schon vom Amtsgericht Schöneberg verboten und in einer Polizeiaktion beschlagnahmt. Schmitz wiederum hat sich zwischenzeitlich mit einem Brief an den Reichskanzler persönlich gewandt: Der Regierungschef möge ein Disziplinarverfahren gegen den Ehebrecher in seinen Diensten eröffnen. Bülow könne den Mann unmöglich in seiner hohen Stellung belassen, denn der Beamte habe sich unwürdig verhalten. Gegenüber der Berliner Staatsanwaltschaft wählte Schmitz drastische Worte: "Ich muss ohnmächtig, mit gebundenen Händen zusehen, wie meine heiß geliebten Kinder im Hause des Mannes erzogen und mir entfremdet werden, der der Zerstörer ihrer Jugend, ihres Glückes und ihrer Zukunft, der Zerstörer meiner Ehe gewesen ist, der sich mir als der falschen Freunde Falschester gezeigt." Kurz: Hammann sei ein "kaltblütiger Verbrecher".

Im Namen des Königs

Am 21. Januar 1909 wird Geheimrat Hammann in den Reichstag vorgeladen, um sich wegen der Anschuldigungen vor der Kommission für den Reichshaushaltsetat zu verantworten. Drei Monate später wird gegen ihn ein Meineidsverfahren vor dem Schwurgericht des Landgerichts I in Berlin eröffnet. Und Bruno Schmitz, der Nebenkläger, lässt nicht locker: Er besteht auf einem Lokaltermin; die Verhandlungen ziehen sich an manchen Tagen bis Mitternacht hin. Anfang Juli 1909 verkündet das hohe Gericht "im Namen des Königs" sein Urteil - der Angeklagte Hammann wird freigesprochen. Schmitz muss alle Anschuldigungen zurücknehmen. Und er muss die Kosten des Verfahrens tragen, denn seine Anzeige habe nur den Zweck verfolgt "den Angeklagten zu schädigen". Es ist eine Niederlage auf der ganzen Linie.

Zur privaten Tragödie kommt der berufliche Abstieg. Der Geschmack der Menschen hat sich innerhalb weniger Jahre gründlich geändert. Schmitz' einst gefeierten Kolossalbauten lösen in der Berliner Gesellschaft nur noch Verlegenheit aus. Schmitz ist erledigt. Im Frühjahr 1916 stirbt er an einem Herzschlag, erst 58 Jahre alt. Sein Widersacher Otto Hammann kehrt ins Auswärtige Amt zurück, steigt dort zum Direktor auf. Doch als er 1912 eigentlich an der Reihe ist, in den Adelsstand erhoben zu werden, bleibt der Ritterschlag aus. Fünf Jahre später, im Herbst 1917, stirbt Lucia. Hammann bleibt auf seine alten Tage nur eine bescheidenere Leidenschaft, die Jagd. Die Wände seiner eleganten Wohnung in der Charlottenburger Wielandstraße schmücken die Geweihe von ihm erlegter Hirsche.

Sein größter Bock ist nicht dabei.



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