Ehrung mit 97 Jahren Schindlers unbekannte Schwester

Ehrung mit 97 Jahren: Schindlers unbekannte Schwester Fotos
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Sie riskierte ihr Leben, um Tausende Juden vor den Nazis zu retten: Irena Sendler schaffte 2500 Jungen und Mädchen aus dem Warschauer Ghetto und verhalf ihnen zu einem neuen Leben in Freiheit. Erst jetzt wurde die 97-jährige Polin geehrt. Von

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Eine Heldin will sie nicht sein. Der Begriff irritiere sie, sagt Irena Sendler. "Das Gegenteil ist wahr. Mein Gewissen schmerzt mich noch immer, dass ich nicht mehr tun konnte", schreibt sie auf der Homepage der Gruppe "Kinder des Holocaust". Aber viele von denen, die sich in der polnischen Vereinigung engagieren, haben Irena Sendler ihr Leben zu verdanken.

Der 97-Jährigen müsste eigentlich ein ebenso exponierter Platz in der Geschichte zukommen wie dem Unternehmer Oskar Schindler, der 1300 Juden unter dem Vorwand, er benötige sie für kriegswichtige Produktionen, das Leben rettete. Schindler wurde durch Steven Spielbergs Verfilmung ein Denkmal gesetzt, sein Name wurde weltberühmt. Irena Sendler rettete rund 2500 Kindern aus dem Warschauer Ghetto das Leben - ihr Name ist fast gänzlich unbekannt.

Doch jetzt wurde die Katholikin vom Parlament in Warschau zur nationalen Heldin ernannt. Sie sei ein Symbol für alle Polen, die während der Besatzung durch die Nazis ihr eigenes Leben riskiert hätten, um das vieler Juden zu retten, sagte Präsident Lech Kaczynski. "Sie verdient großen Respekt von der gesamten Nation."

Die Hölle des Warschauer Ghettos

Als der Krieg 1939 ausbrach, war Sendler 29 Jahre alt. Sie arbeitete als Krankenschwester beim Warschauer Sozialamt und versorgte Arme und Notleidende. Nach der Einnahme Warschaus entzogen die Nazis den jüdischen Bürgern jegliche Sozialleistungen. Gemeinsam mit Kolleginnen, denen sie vertraute, fälschte Sendler Namenslisten, so dass die Juden weiterhin unterstützt werden konnten.

Als die Nazis im November 1940 das Warschauer Ghetto errichteten, verschlechterte sich die Möglichkeit zu helfen für Sendler und ihre Mitarbeiter. Binnen weniger Monate waren rund 400.000 Menschen innerhalb der 18 Kilometer langen und drei Meter hohen Mauer des Ghettos eingepfercht worden - die Bedingungen, unter denen sie lebten, unvorstellbar. Im Schnitt mussten sich rund sieben Menschen ein Zimmer teilen, Hungersnöte und Seuchen breiteten sich aus, es fehlte an allem. Es sei die "Hölle" gewesen, erinnert sich Sendler in ihren Aufzeichnungen.

Sie und ihre Kolleginnen besorgten sich Passierscheine und versorgten als Sanitäterinnen Tag für Tag die Menschen hinter den Mauern. Als 1942 die Deportationen der Juden aus dem Ghetto begannen, beschloss Sendler, die Kinder aus dem Ghetto zu retten. Sie sollten nach dem Krieg Keimzelle eines neuen jüdischen Lebens werden, sicherstellen, dass es den Nazis nicht gelang, alles Jüdische zu vernichten. Der Leiter der Zegota, einer Organisation, die polnische und jüdische Gruppierungen im Untergrund ins Leben gerufen hatten, bot Sendler die Zusammenarbeit an. Die 32-Jährige leitete fortan das Kinderreferat der Organisation.

"Es gab keine Garantien"

Sie und ihre Helferinnen gingen von Familie zu Familie und boten an, die Kinder in Sicherheit zu bringen. "Wir sagten, dass wir die Möglichkeit haben, Kinder zu retten und über die Mauern zu schmuggeln" notirte Sendler. "Aber auf die Frage, welche Garantien wir geben, konnten wir nur antworten, dass es keine Garantien gibt."

Fürchterliche Szenen hätten sich daraufhin abgespielt: In einigen Fällen hätte der Vater zugestimmt, aber die Mutter und Großmutter hätten sich weinend an das Kind geklammert und geschrien. Manchmal, erinnert sich Sendler, sei sie dann am nächsten Tag noch einmal zu den Familien gegangen. Nicht selten waren die Gebäude dann leer, die Familie von der Gestapo deportiert.

Insgesamt wurden rund 2500 Kinder aus dem Ghetto gerettet: Teils wurden sie unter der Liege eines Krankenwagens versteckt, teils durch das Gerichtsgebäude am Rande des Ghettos - mit einem Eingang auf der Ghettoseite und einem auf "arischem" Boden - geschleust. Auch die Kanalisation und Kellergewölbe dienten dazu, sie in Sicherheit zu bringen. Einige wurden mit Schlafmitteln betäubt und dann in Säcken, Koffern oder Werkzeugtaschen aus dem Ghetto getragen. Wurden die Helfer überprüft, so gaben sie an, die Kleinen seien krank - oder gar tot.

"Wie viele Mütter kann man denn haben?"

Als Krankenschwester, die vor allem für die Bekämpfung ansteckender Krankheiten zuständig war, wurde Sendler von den Wachleuten nicht genau kontrolliert: Die Nazis hatten große Angst, dass sich Seuchen im Ghetto ausbreiten könnten.

Zuerst habe man die Kinder in sichere "Nothilfeeinheiten" gebracht, schreibt die studierte Literaturwissenschaftlerin auf der Homepage. Dort habe man versucht, in kürzester Zeit den Kindern so gut wie möglich polnische Bräuche und zum Teil auch die polnische Sprache beizubringen, damit sie bei Kontrollen "nicht von polnischen Kindern zu unterscheiden waren".

Dank ihrer guten Kontakte besorgte Sendler den Kindern eine neue Identität und ein neues Zuhause in polnischen Familien, Klöstern und Waisenhäusern. Die Unterbringung außerhalb des Ghettos gestaltete sich allerdings fast noch schwieriger als die Befreiung selbst. Aus Gründen der Sicherheit mussten die Kinder von einem Unterschlupf zum nächsten gebracht werden. "Sagen Sie, wie viele Mütter kann man denn haben?", habe sie einmal ein kleiner Junge weinend gefragt. "Das ist jetzt nämlich schon meine dritte."

Die Listen waren in Sicherheit, Sendler selbst war es nicht

Die Namen der Kinder, die sie aus dem Ghetto brachte, schrieb Irena Sendler verschlüsselt auf Zigarettenpapier. Die Listen versteckte sie in Flaschen, die sie in einem Garten vergrub. Die Kleinen sollten nicht für immer bei den neuen Familien oder in den Heimen bleiben, sondern bei Kriegsende zu ihren Eltern zurückkehren. 1945 waren die meisten Erwachsenen aber tot - vergast im Konzentrationslager Treblinka.

Am 20. Oktober 1943 klopfte es an Sendlers Wohnungstür. "Vor der Tür standen elf Soldaten. In zwei Stunden rissen sie beinahe das Haus ab, suchten unter dem Fußboden und in Kopfkissen." Doch die Suche nach den Namenslisten blieb erfolglos. Sie waren in Sicherheit. Sendler selbst war es nicht. Sie wurde auf der Wache von SS-Männern verhört, gefoltert, kam ins Gefängnis. Man brach ihr Beine und Füße, die Folgen der Misshandlungen spürt sie noch heute, 63 Jahre später. Doch Sendler schwieg eisern - im Gegensatz zu denen, die sie zuvor denunziert hatten.

Sie wurde zum Tod verurteilt. Kurz vor ihrer geplanten Erschießung gelang es der Zegota, einen SS-Mann zu bestechen. Der schlug Sendler auf der Fahrt zu ihrer Hinrichtung bewusstlos und ließ sie am Wegesrand liegen. Am nächsten Tag konnte sie auf den Schildern der Nazis in Warschau von ihrer eigenen Hinrichtung lesen. Sie änderte ihre Identität, ließ ihr altes Leben und ihre im Sterben liegende Mutter zurück. Sogar bei deren Beerdigung suchten die Gestapo-Leute nach der Tochter - vergeblich. Sendler arbeitete im Untergrund weiter für die Zegota.

Rund 50 Jahre geriet Sendler in Vergessenheit

Über Jahrzehnte geriet das Engagement der "Judenhelferin", wie Sendler im Sozialismus abschätzend bezeichnet wurde, in Vergessenheit. "Auf der Liste der Helden war einfach kein Platz für eine engagierte Frau, die zwar der Linken entstammte, doch von der ideologischen Utopie des Kommunismus weit entfernt war", schreibt der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Michal Glowinski, der als Kind von Sendler gerettet worden ist, in einem Buch über die Polin.

Für ihren Mut geehrt wurde die Katholikin erst sehr viel später: 1965 wurde sie von der Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Titel "Gerechte unter den Völkern" ausgezeichnet. Vor vier Jahren erhielt sie die höchste Auszeichnung Polens: Den Weißen Adler für Tapferkeit und großen Mut. In diesem Jahr soll Sendler eine der 181 Nominierten für den Friedensnobelpreis sein. In Polen hatte das Jüdisch-Polnische Forum 25.000 Unterschriften für ihre Nominierung gesammelt.

Irena Sendler lebt heute in einem bescheidenen Zimmer in einem katholischen Pflegeheim in Warschau - als Heldin, die keine sein will.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 18.03.2007

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Klaus Lütjen 22.04.2013
Meinen allertiefsten Respekt vor dieser Frau. Frau Sendler und Herr Schindler sind großartige Beispiele für Menschen, die in dieser schweren Zeit Menschen gerettet haben. Nicht alle Menschen einer Nationalität gehören in einen Sack. Weder stimmt das Vorurteil die Deutschen seien alle Verbrecher gewesen noch die Polen kollektiv Antisemiten.
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