Ei-Erfindungen Total oval

Eieiei! Seit Jahrhunderten entwerfen begEisterte Designer und Erfinder Eier-Sessel, Eier-Häuser, ja sogar eiernde Räder. einestages hat sich auf österliche Eiersuche durch die Designgeschichte gemacht - und zeigt die schönsten und schrägsten Exponate.

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Lässig lehnt sich das Model in die tiefen Kunstfellpolster des Sessels zurück. Die gibt es, so verrät die Anzeige, nicht nur in Schokoladenbraun, sondern auch in Hafenblau, Lippenstiftrot oder Go-Go-Grün. Doch das ist noch nicht das Beste daran.

Es sind die siebziger Jahre, aber der Sessel, in dem die Blondine ruht, ist wie aus der Zukunft, das Modernste vom Modernen. Während sie eine Zigarette genießt, wird sie über eingebaute Lautsprecher mit Musik berieselt und erlebt, so der Werbetext, "den totalen Klang", ja, das "totale Vergnügen". Möchte sie dazu etwas lesen, wird sie dabei zur Augenschmerzprophylaxe von einer integrierten "Hochintensitäts-Lampe" unterstützt. Aber auch das ist noch nicht das Beste an dem futuristischen Möbelstück.

Denn das Sitzmöbel ist nicht nur farblich und technologisch, sondern wirklich "in jeder Hinsicht vollendet" - es hat nämlich auch die "perfekte Form": die eines riesigen, weißen Plastik-Eis. Und die ist das Beste daran. Jedenfalls nach Einschätzung der Firma Panasonic, dem Hersteller des "Audio Egg"-Sessels, der direkt einem Science-Fiction-Film entsprungen sein könnte.

So zukunftsweisend das Design den Käufern damals auch vorkam, die Idee war ein alter Hut: Schon seit vielen Generationen hatten Designer und Erfinder, Ingenieure und Architekten einer nicht enden wollenden Liebe zu dieser "perfekten Form" gefrönt - und tun es bis heute. Mit Ei-Häusern, Ei-Autos, Ei-Uhren - und noch viel abwegigeren Dingen in Eiergestalt.

Auf Eier-Rädern in den Krieg

Etwa John F. Kopszynski. In der Septemberausgabe 1949 des US-Magazins "Popular Mechanics" sah man ein Bild des amerikanischen Erfinders, der ordentlich zurechtgemacht in Mantel, Anzug und Krawatte im Matsch vor einer sonderbaren Maschine hockte. Die sah aus wie ein Miniaturtrecker mit hoffnungslos verbeulten Rädern. "Reifen mit 'Ecken' drin mögen unnütz scheinen", erklärte der Artikel, doch Kopszynski habe ihren Nutzen entdeckt: Er hatte ein Fahrzeug konstruiert, das auf eiförmigen Reifen fährt.

Das verbessere, so der Artikel, die Bodenhaftung des Vehikels, so dass es unvergleichlich sicher durch Matsch und unwegsames Gelände fahre. Kopszynskis Erfindung wurde bereits als Nachfolger der (viel teureren) Kettenfahrzeuge gehandelt - und verschwand dann doch spurlos in der Versenkung. Hätte die Geschichte damals einen anderen Verlauf genommen, so würden heute vielleicht Panzer auf ovalen Rädern über die Kriegsschauplätze der Welt eiern.

Auch jenseits des Atlantik wusste man indes die Eiform zu schätzen: 1936 schuf der Konstrukteur Max Würdig im sächsischen Bad Düben einen Wohnwagen, der durch seine sonderbare Form besonders aerodynamisch sein sollte: Er sah aus wie ein auf der Seite liegendes Ei. Eigentlich hatte Würdig den Wagen nur für sich und seine Freundin gebaut, nachdem den beiden auf Reisen die Übernachtung in einem Gasthof verwehrt worden war, da sie unverheiratet waren. Aber das rollende Wohn-Ei fiel einfach auf, und so ging es in den dreißiger Jahren in Serienfertigung. Liebevoll "Dübener Ei" getauft, sichert es sich bis heute einen Platz im Herzen von Campingfreunden.

Lebensretter Ei

Doch die Revolution, die das Ei-Design ins digitale Zeitalter hinüberführen sollte, kam weder aus den USA noch aus Europa, sondern aus dem fernen Osten, wo in den neunziger Jahren ein ganz besonderer Eier-Hype geboren wurde: Im Jahr 1996 präsentierte der japanische Spielzeughersteller ein sonderbares Plastik-Ei mit Display. Auf dem nur vier Zentimeter breiten Bildschirmchen erschien ein kleines kükenartiges Wesen, das von seinem Besitzer gepflegt, umsorgt und gefüttert werden wollte. Das Tamagotchi. Kümmerte der "Halter" sich, wuchs und gedieh sein Tamagotchi. Vernachlässigte er es, so starb das Küken im Plastik-Ei.

Ein virtuelles Haustier? Die Idee schien vollkommen absurd. Doch Kinder und Jugendliche rissen den Händlern die kleinen bunten Eier förmlich aus den Händen. Binnen weniger Monate war die Nachfrage so groß, dass Europa in einen waren Tamagotchi-Rausch verfiel und horrende Schwarzmarktpreise für die digitalen Haustiere gezahlt wurden. Leider hielt der Boom kaum länger an als die meisten Tamagotchi-Leben. Schon nach wenigen Monaten flaute das Interesse wieder ab.

Doch das Interesse an anderen Ei-Erfindungen blieb bis heute ungebrochen - ob erfolgreich oder nicht, absurd oder praktisch. Folgen Sie einestages auf einer österlichen Eiersuche durch die Designgeschichte, von amerikanischen Eierhaus-Siedlungen bis zu einem Hightech-Ei, das einem Staatsoberhaupt das Leben retten sollte.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Ralf Bülow, 06.04.2012
1.
Ist mal wieder typisch: Es fehlt das Garchinger Atom-Ei ! Mehr dazu: http://de.wikipedia.org/wiki/Forschungsreaktor_M%C3%BCnchen
Diary Ayad, 09.04.2012
2.
Nicht nur das. Etwas verrückter wäre der Tenga Egg Mehr dazu; http://www.amazon.de/Tenga-199900150-Egg-Wavy/dp/B001L1R244/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1333905755&sr=8-1
Marco Faustmann, 09.04.2012
3.
wie wärs denn noch mit den etwas exotischen Fahrradketteblätter? Sind in den 80gern aufgekommen und sollten eine bessere Übertragungskennlinie bringen. http://de.wikipedia.org/wiki/Biopace
karl wirth, 09.04.2012
4.
Eier-Satz und Eier-Deutsch: Der kürzeste Satz, in dem vorkommt: Ein Mann eine Frau, Liebe, zwei Eier und ein Zimmer? Ein Mann ging mit einer Frau auf ein ZImmer ..... Nein, viel einfacher und harmloser: Ei,ei, liebe Frau Zimmermann.!
Thomas Behir, 09.04.2012
5.
Interessant sind auch die Toiletten im Sketch Club in London: http://www.flickr.com/photos/dewonderful/204708735/ Und natürlich die Eier auf dem Dach des Hauses von Salvador Dali.
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