Eichmann-Ausstellung in Israel Die Brille des Massenmörders

Aus den Geheimarchiven des Mossad: Eine Aktion des israelischen Nachrichtendienstes beendete 1960 die Flucht von Adolf Eichmann. 50 Jahre nach dem Todesurteil für den NS-Verbrecher zeigt eine Ausstellung in Israel nun erstmals geheime Schriftstücke zum Fall Eichmann - und dessen ganz banale Besitztümer.

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Buenos Aires, am Abend des 11. Mai 1960: Um 20.04 Uhr stieg der Daimler-Benz-Angestellte Riccardo Klement im Stadtteil San Fernando aus dem Bus der Linie 203. Er war auf dem Weg nach Hause, zu seiner Frau Vera und den vier Söhnen. Klement bog in die Garibaldi-Straße ein, nur noch wenige Meter trennten ihn vom gemütlichen Feierabend. Als er auf der Höhe eines parkenden Buick angelangt war, sprach ihn einer der Agenten des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad an.

"Einen kleinen Moment bitte", sagte dieser auf spanisch. Klement drehte sich um- und der Agent griff an. Der Motor des Buick heulte auf, um die Kampfgeräusche zu übertönen, die nun folgten. Zwei weitere Agenten, darunter Rafi Eitan, eilten zu Hilfe, um Klement zu überwältigen. Nach einer halben Minute saß der 54-Jährige im Wagen.

Noch während der Fahrt identifizierte Eitan den Verbrecher anhand zweier Narben. Der knochige Mann mit den schmalen Lippen und der dicken Brille, der den Decknamen Riccardo Klement trug und jahrelang unbehelligt in Buenos Aires gelebt hatte, war niemand anders als der ehemalige SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann: der oberste Logistiker des Holocaust - jener Mann, der die Deportation von Millionen Juden in die Vernichtungslager organisiert hatte.

Schlüssel, Kamm und Geheimdokumente

Die Mossad-Agenten eskortierten Eichmann mit einer Sondermaschine der El-Al nach Israel. Am 22. Mai traf er in Tel Aviv ein und wurde vor Gericht gestellt. Am 15. Dezember 1961 endete einer der spektakulärsten Prozesse des 20. Jahrhunderts mit dem Todesurteil durch den Strang. Anlässlich des 50. Jahrestags der Urteilsverkündung ist an diesem Montag in der Knesset in Jerusalem eine Ausstellung eröffnet worden, in der der Mossad erstmals Dokumente und Fundstücke offenlegt, die mit der spektakulären Gefangennahme, Entführung und dem Prozess Eichmanns zusammenhängen.

Gezeigt werden laut einer Knesset-Sprecherin rund 70 Objekte, darunter etwa die berühmte Glaskabine, in der Eichmann während des weltweit für Aufsehen sorgenden Prozesses saß. Sie stand bislang im Kibbuz Lochamei Hageta‘ot im Norden Israels. Auch der Stuhl, auf dem der Organisator des Massenmords während der Verhandlungen saß, soll zu sehen sein. Zudem werden Dinge gezeigt, die Eichmann während seiner Festnahme bei sich trug: so etwa die Schlüssel des einstigen SS-Obersturmbannführers, seine Brille und sein Kamm sowie ein kleines Messer und die Augenklappe, die Eichmann während seiner Entführung tragen musste.

Zudem werden die gefälschten Pässe der Mossad-Agenten sowie andere, für die Entführung benötigten Schriftstücke sowie Fotos in der Ausstellung zu sehen sein: eine kleine Sensation. Schließlich hielt der Mossad bislang jegliche Dokumente im Zusammenhang mit ausgeführten Aktionen strikt unter Verschluss. Zustande gekommen ist die Ausstellung auf Betreiben des Likud-Politikers und Ex-Generals Yossi Peled. Vor ein paar Monaten, so eine Knesset-Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE, war der Minister ohne Geschäftsbereich einer Einladung des Mossad gefolgt und durfte erstmals die im Zusammenhang mit Adolf Eichmann stehenden Objekte besichtigen.

"Historisch bedeutungsvolle Dokumente"

Der 70-Jährige sei tief beeindruckt gewesen und habe den Auslandsgeheimdienst darum gebeten, die bislang streng geheim gehaltenen Dokumente für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. "Es handelt sich um historisch bedeutungsvolle Dokumente, die unbedingt ausgestellt werden müssen", so Minister Peled zu SPIEGEL ONLINE. Peled ist laut einer Knesset-Sprecherin derzeit der einzige Politiker im israelischen Parlament, der unmittelbar unter dem Holocaust gelitten hat.

Während sein Vater sowie einige Familienmitglieder in Auschwitz ermordet wurden, gelang es der Mutter, die drei Kinder, darunter den sechs Monate alten Yossi, bei einer Familie im belgischen Antwerpen unterzubringen, die die Kinder adoptierte und christlich erzog. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Yossi Peled acht Jahre alt war, holte die Mutter ihre Kinder in Antwerpen ab und ging mit ihnen nach Israel. Erst jetzt, Ende der vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, erfuhr der Junge von seiner wahren Herkunft.

Zu diesem Zeitpunkt lebte Adolf Eichmann unbehelligt von der Öffentlichkeit in der Lüneburger Heide. Dort verdingte er sich als Waldarbeiter und betrieb eine kleine Hühnerzucht. Zwar war der Holocaust-Logistiker nach Kriegsende von einer US-Streife gefangengenommen worden. Doch gelang ihm im Februar 1946 die Flucht aus der Gefangenschaft der Alliierten: Ein SS-Mann im Kriegsgefangenenlager hatte Eichmann geholfen, wie Biograf David Cesarani rekonstruiert hat.

1950 schaffte es Eichmann, mit der Unterstützung von Nazi-Sympathisanten und Kirchenmännern nach Argentinien zu fliehen. Hier gab er sich als Riccardo Klement aus, der angeblich aus Bozen stamme. 1952 ließ Eichmann seine Frau und die Söhne nachkommen. Er arbeitete als Mechaniker bei einer Mercedes-Benz-Fabrik und führte ein bescheidenes, aber ruhiges Leben - bis zu seiner Entführung am 11. Mai 1960. Eichmann wurde in der Nacht zum 1. Juni 1962 im Gefängnis von Ramla, unweit von Tel Aviv, gehenkt. "Ich bin bereit", waren die letzten Worte des Massenmörders.

Die Eichmann-Ausstellung wurde heute um 14 Uhr israelischer Ortszeit in Anwesenheit von Premier Benjamin Netanjahu, dem ehemaligen Minister und Mossad-Agenten Rafi Eitan sowie dem ehemaligen Vizechef des Mossad, Avraham Shalom, eröffnet und ist für drei Wochen in der Knesset zu sehen. Aufgrund der Brisanz der ausgestellten Exponate, so eine Knesset-Sprecherin, werde sie rund um die Uhr von der Polizei bewacht.



insgesamt 2 Beiträge
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Mathias Völlinger, 12.12.2011
1.
Und Fritz Bauer musste alles vor dem nazidurchseuchten BND verbergen. Gehlen. Der Vatikan durfte ja auch nichts wissen. Mengele konnte ja entkommen. Globke wurde persönlicher Referent von Adenauer und Filbinger wurde Ministerpräsident in Baden-Württemberg. Wenigstens hat Kiesinger eine kleine Watsche bekommen, während Lübke senil wurde. Achja, die Amis hatten ja den lupenreinen Antinazi von Braun. Gottseidank hat Freisler den Löffel abgegeben bevor er erster Präsident des BVG wurde
Franziska Münnich, 14.12.2011
2.
Die Journalistin Gaby Weber hat nachgewiesen, dass die Gefangennahme Eichmanns anders abgelaufen sein muss, als von der israelischen Regierung damals verbreitet und heute noch abgeschrieben, nämlich viel profaner und ohne irgendeinen sensationellen Beitrag des Mossad. Journalistische Sorgfaltspflichten hätten verlangt, dass Journalistin Katja Ilken die neuen Erkenntnisse zumindest würdigt. Schlüssel, Brille, Kamm, Pfeifenstück, Taschenmesser und die anderen persönlichen Gegenstände befanden sich im Eigentum von Adolf Eichmann, so dass das Eigentum mit seinem Tod auf seine Erben überging. Wenn die Erben diese Gegenstände nicht an den Staat Israel übereigneten, hat Israel das Eigentum daran schlichtweg unterschlagen.
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