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Ein Bild und seine Geschichte Tränen am Tempelberg

Ein Bild und seine Geschichte: Tränen am Tempelberg Fotos
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Das Foto wurde zum Symbol für den Sieg Israels über seine arabischen Nachbarn: Drei junge Soldaten blicken 1967 ehrfürchtig auf die Klagemauer in Jerusalem. 40 Jahre später sind die Männer an den Tempelberg zurückgekehrt - und erinnern sich an den bewegendsten Moment ihres Lebens. Von

Drei junge Soldaten stehen im Krieg 1967 plötzlich vor der Klagemauer.

Tagelang hat Zion Karasenti, 24, in Uniform zu Hause gesessen und gewartet, die gepackte Tasche neben sich. Seine Freunde sind schon alle bei der Armee. "Zigi", fragen die Nachbarn den Fallschirmjäger, "gehst du nicht in den Krieg?"

Es ist Ende Mai 1967, der israelische Generalstabschef Jizchak Rabin hat mehr als 20.000 Reservisten mobilisiert - als Antwort auf die Drohungen aus Kairo. Der ägyptische Präsident Gamal Abd al-Nasser lässt seine Truppen in Richtung Israel vorrücken. Am 22. Mai sperrt er die Straße von Tiran, den einzigen Zugang des jüdischen Staates zum Roten Meer. "Unser Ziel", sagt Nasser, "ist die Zerstörung Israels."

Als der Truppentransporter endlich auch vor der Haustür der Familie Karasenti in Tiberias am See Genezareth hält, weint Zions Mutter. Von der Militärbasis am Flughafen Lod nahe Tel Aviv ruft er seine Eltern noch einmal an: "Wir warten auf eine Gelegenheit, uns selbst zu beweisen und zu zeigen, dass wir unser Land um jeden Preis verteidigen." So selbstsicher, wie er spricht, fühlt er sich eigentlich gar nicht, denn dies ist sein erster Krieg. Die Veteranen in seiner Einheit erzählen Horrorgeschichten aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948 und dem Suez-Krieg 1956.

Es ist der Morgen des 5. Juni 1967: Zion und seine Kameraden ordnen gerade ihre Ausrüstung, da sehen sie, wie israelische Kampfjets in Richtung Ägypten abheben. Die Soldaten schnallen ihre Fallschirme auf den Rücken. Sie sollen über dem Sinai abspringen und die Küstenstadt Arisch einnehmen.

Der oberste Militärrabbiner, Schlomo Goren, betet mit den jungen Soldaten, auch Zion ist in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen. Er kann es kaum glauben, als der Chef der israelischen Luftwaffe wenig später vermeldet: "Die ägyptische Luftwaffe hat aufgehört zu existieren." Arisch ist bereits eingenommen, der Auftrag für Zions 55. Fallschirmjäger-Brigade erledigt.

Drei Stunden später erfahren sie ihr neues Ziel: Jerusalem. Beim Kampf um die Heilige Stadt, deren Osthälfte von jordanischen Truppen besetzt ist, sollen sie die regulären Truppen verstärken.

Im Dunkel der Nacht, vorbei an den Beobachtungsposten der Jordanier, kriechen die Militärbusse mit den Soldaten die steile Straße hinauf nach Jerusalem. Zion Karasenti kennt die Stadt nur aus den Erzählungen seiner Eltern. Er war gerade fünf, als das jüdische Viertel in der Altstadt 1948 von den arabischen Armeen erobert und zerstört wurde. Seitdem hatten die Juden keinen Zugang mehr zur Altstadt.

Um 2.15 Uhr nachts greift Zions Brigade den "Ammunition Hill" an, einen strategisch wichtigen Hügel, von hier kann man schon die Altstadt sehen. Die Jordanier leisten heftigen Widerstand, 36 Kameraden sterben. Doch bei Sonnenaufgang ist der Hügel eingenommen. "Wir haben die Höhen besetzt und blicken auf die Altstadt, von der wir seit Generationen geträumt haben", hört Zion den Kommandeur, Mordechai "Motta" Gur, funken.

Es kommt zum Streit zwischen Armeeführung und Regierung. Die Offiziere wollen die Altstadt einnehmen und, wie ein General sagt, "einen Schandfleck beseitigen, der unserer Landkarte vor 20 Jahren aufgedrückt wurde, als unsere geheiligte alte Hauptstadt aus dem Herzen der Nation herausgerissen wurde". Die Regierung jedoch zögert, vor allem aus Angst vor zu vielen Toten im Häuserkampf der engen Gassen.

Zions Brigade soll die Altstadt zunächst nur umzingeln. Sie rücken zum Skopusberg vor mit der Hebräischen Universität und zum Auguste-Viktoria-Krankenhaus auf dem Ölberg. Von hier aus sehen sie die goldene Kuppel des Felsendoms und das heilige Plateau, auf dem wohl einst der jüdische Tempel stand.

In der zweiten Kriegsnacht fordert der Uno-Sicherheitsrat einen Waffenstillstand. Im israelischen Kabinett macht sich die Sorge breit, der Krieg könnte zu Ende sein, bevor Israel die Klagemauer kontrolliert. Am Mittwoch, den 7. Juni 1967, um 8.04 Uhr weist Verteidigungsminister Mosche Dajan Brigadekommandeur Gur schließlich an, durch das Löwentor in die Altstadt einzurücken. Viel leichter als erwartet nehmen sie den Tempelberg ein, ein paar jordanische Heckenschützen sind schnell überwunden, viele Bewohner hissen weiße Fahnen. Um 10.15 Uhr funkt Gur den für Israel historischen Satz: "Der Tempelberg ist in unseren Händen!"

Die Fallschirmjäger tanzen vor dem Felsendom, hissen die blau-weiße Fahne mit dem Davidstern, posieren für Siegesfotos. In einer Mauer entdeckt Zion eine Öffnung, dahinter eine steile Eisentreppe. Er steigt hinunter und findet sich in einer schmalen Gasse wieder, links ärmliche Hütten, rechts mächtige Steinquader. "Wo bin ich hier?", fragt er eine vorbeilaufende Soldatin. Sie antwortet: "Das ist die Klagemauer."

Zion kann es nicht glauben. "Ich war unter Schock und begann zu weinen", erinnert er sich. Er kritzelt etwas auf ein Zettelchen und steckt dieses, wie später andere auch, zwischen die mächtigen Steinquader. "Es war der bewegendste Moment meines Lebens", sagt er.

Andere Kameraden strömen herbei. Da ist Chaim, der aus dem Jemen einwanderte, und Jizchak "Itzik", dessen Eltern aus Europa kamen.

Der Fotograf David Rubinger sieht die drei, wie sie dicht nebeneinanderstehen und an der Mauer emporgucken. Auf dem Boden liegend schießt er das Foto: Zion steht links, Chaim rechts, Itzik in der Mitte, er hat den Helm abgenommen, sein blonder Schopf kommt zum Vorschein. Ehrfürchtig schauen die drei auf die Klagemauer.

Als der Fotograf den Film später zu Hause entwickelt, hält er nicht viel von dem Bild, am Rand ist ein Soldat abgeschnitten, einige Gesichter sind nur halb zu erkennen. Doch seine Frau sagt sofort: Das ist das beste. Er schickt das Foto an die Armee, die es an die Zeitungsredaktionen verteilt, kostenlos. Das Foto wird überall gedruckt, es wird zum Symbol des israelischen Sieges.

Vor zwei Jahren, zum 40. Jahrestag des Krieges, trafen sich die drei an der Klagemauer wieder. Ein Fotograf bat sie, sich wie damals, am 7. Juni 1967, aufzustellen. Kaum einer erkannte die drei Kameraden. Neben ihnen beteten Ultraorthodoxe, junge Zionisten tanzten, und japanische Touristen steckten Zettel in die Ritzen zwischen den Steinen.

Itzik Jifat lebt immer noch in Tel Aviv, er ist Gynäkologe geworden. "Ich frage mich, ob es das alles wert war", sagt er heute über die Eroberung Jerusalems. "Alles scheint so kompliziert, und unsere Politiker haben keine Vision für die Zukunft."

Chaim Oschri, der Jemenit, leitete lange eine Fabrik zur Herstellung von Enzymen. Er ist tief gläubig, lebt nach den Regeln des orthodoxen Judentums, die es ihm verbieten, am Sabbat Auto zu fahren oder Elektrizität zu nutzen. Er sagt: "Wo immer wir her sind, ob aus Polen oder dem Jemen, es ist Jerusalem, das uns eint."

Zion Karasenti, 66, lebt nun in Afula im Norden Israels. Er wurde Tänzer, choreografierte lange erfolgreich israelische Folkloregruppen. Er möchte einen Kompromiss mit den Palästinensern, sagt er, selbst für Jerusalem lasse sich irgendeine Lösung finden. "Aber die Klagemauer, die dürfen wir nie wieder hergeben."

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