Ein Foto und seine Geschichte Der Tag, an dem die Erde aufging

Die Astronauten trauten ihren Augen kaum - und drückten auf den Auslöser. 1968 wurde ein Schnappschuss der "Apollo 8"-Mission zur Bild-Ikone aus dem All. einestages erinnert an die Entstehung des Fotos, das unser Weltbild veränderte, und zeigt die berühmtesten Aufnahmen des Blauen Planeten.

Nasa/ AFP

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Der Blick zurück war nicht geplant. Als die drei Amerikaner Frank Borman, William Anders und James Lovell als "Apollo 8"-Mission im Dezember 1968 vom Kennedy Space Center in Florida ins All aufbrachen, schaute die Welt nach vorn: Über die Weihnachtsfeiertage sollten die Männer den Mond umkreisen und als erste Menschen dessen bis dahin noch unbekannte Rückseite erforschen. Ihre Reise war gründlich vorbereitet worden, der Tagesablauf minutiös festgelegt. Sie waren darauf gefasst, unerwartete Dinge zu sehen. Mit einem aber hatten sie offensichtlich nicht gerechnet - wie die Aufzeichnung des Voice-Rekorders vom 24. Dezember später verriet:

"Oh, mein Gott! Seht euch das an!" - "Hey, nicht fotografieren, das ist nicht vorgesehen." (Gelächter) - "Hast du einen Farbfilm, Jim?" - "Gib mir den." - "Oh man, das ist großartig!" - "Beeil dich! Schnell." - "Hast du?" - "Mach gleich mehrere! Hier, gib sie mir." - "Beruhige dich, Lovell." - "Gut, ich hab es - oh, das ist ein guter Schuss." - "Jetzt variiere … variiere die Belichtung ein bisschen." - "Hab ich. Ich hab zwei gemacht." - "Bist du sicher, dass wir es jetzt haben?" - "Mach einfach noch eins, Bill."

Richard Underwood, technischer Leiter der "Apollo"-Fotografie im Spaceflight Center der Nasa in Houston, ließ sich Zeit. Um das wertvolle Material, das die Crew bei ihrer Rückkehr am 27. Dezember mitbrachte, nicht zu gefährden, hatte er auf eine maschinelle Verarbeitung verzichtet und die Filme in fünfstündiger Prozedur selbst im Labor entwickelt. Das Resultat präsentierte die Nasa am 30. Dezember der Öffentlichkeit.

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Ein Foto und seine Geschichte: Der Tag, an dem die Erde aufging

Eine Aufnahme stach heraus; das Pressebüro hatte ihr den pathetischen Titel "Earthrise" gegeben. Sie zeigte im Vordergrund über die gesamte Breite des Bildes eine graue, pockennarbenartige Oberfläche, die unwirtliche Kraterlandschaft des Mondes - und darüber im nachtschwarzen All eine blau-weiß leuchtende Kugel, die untere Hälfte im Schatten.

Mit dem Anblick dieses 'Erdaufgangs', so erklärte der Text zum Bild, seien die Astronauten von "Apollo 8" nach ihrem Eintritt in die Umlaufbahn des Mondes begrüßt worden. Die Wortschöpfung erinnerte an Sunrise, Sonnenaufgang. Sie klang optimistisch und implizierte den Anbruch von etwas Neuem. Die "Washington Post" druckte das Foto auf ihrer Titelseite und schrieb dazu "From the Moon, Man Sees the Shining Earth" und die "Times" versah das Bild auf ihrer Jahresendausgabe mit nur einem einzigen Wort: "Dawn", Dämmerung.

Das Bild ging in die Geschichte ein. Als der Moment, in dem die Menschen die "aufgehende Erde" zum ersten Mal mit eigenen Augen sahen - und sich ihrer Zerbrechlichkeit bewusst wurden. Dabei war es längst nicht das erste Foto vom Mond in Richtung Erde, wie der Autor Robert Poole mehr als 40 Jahre später feststellte. Bemerkenswert war die Begeisterung für die Aufnahme aber vor allem deshalb, weil sie eigentlich gar nicht zeigte, was man darauf zu sehen glaubte.

Globale Perspektive dank Hitlers V2

Daran, dass die Erde eine Kugel war, bestanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts kaum mehr Zweifel - und dennoch hatte niemand diese Kugel als solche je gesehen oder fotografiert. Dies zu tun, setzte voraus, dass man eine hinreichend große Distanz zwischen Kamera und Motiv brachte. In den zwanziger und dreißiger Jahren waren es zunächst Ballonfahrer, die darum wetteiferten, sich möglichst weit vom Erdball zu entfernen.

Das US Army Air Corps, ein Vorläufer der Air Force, beteiligte sich an diesem Wettstreit und brachte 1934 zusammen mit der National Geographic Society in einem windstillen Tal der Black Hills in South Dakota einen Helium-Ballon an den Start, von dessen kugelförmiger Kabine aus die Crew zugleich neue Erkenntnisse über die Stratosphäre gewinnen wollte. Der Rekordversuch missglückte, die mitgeführte Kamera zerschellte, die Insassen aber überlebten die unsanfte Landung und wagten sich mit dem Nachbau "Explorer II" am 11. November 1935 erneut in den Himmel.

Knapp 40 Jahre nach dem spektakulären Foto der "Apollo 8"-Mission filmte die japanische Raumsonde "Kaguya" im November 2007 den "Erdaufgang" in bester Fernsehqualität.

Was sie nach acht Stunden aus rund 22 Kilometer Höhe mit zur Erde brachten, war ein Foto, das die gesamte Landschaft zwischen Wyoming und Montana und die dahinterliegende Bergkette umfasste. Für die Forschergemeinschaft wichtiger: Mit einem leichten Bogen am Horizont dokumentierte das Bild erstmals offiziell die Erdkrümmung.

In den Folgejahren allerdings ging es in der Luftfotografie zunächst weit weniger um eine derart globale Perspektive. Mit Beginn des Krieges interessierte man sich ausschließlich für Details: Aufnahmen aus größerer Höhe dienten vor allem der Aufklärung über dem Terrain des Gegners. Doch es sollte ausgerechnet Hitlers "Wunderwaffe" V2 sein, die schließlich den Blick auf die Erde als Ganzes weitete.

"Columbus hatte recht!"

Hitler selbst sollte davon allerdings nichts mehr mitbekommen: Durch die Verschiffung der sogenannten Vergeltungswaffen gegen Ende des Krieges in die USA hatten die Amerikaner mit der deutschen Raketentechnik das geeignete Transportmittel für weitere Vorstöße in den Himmel. Mit Kameras bestückte V2 erreichten in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre mehr als die fünffache Höhe von "Explorer II". Am 26. Juli 1948 lieferten sie aus einer Entfernung von mehr als 1100 Kilometer zum Horizont einen Blick über den Golf von Kalifornien, von Wyoming im Norden bis Mexico im Süden. Die Landschaft erschien als eine flache Kuppel, die sich in den schwarzen Weltraum wölbt. "Columbus hatte recht!", titelten Zeitungen und Magazine, die das Bild dieses Mal begeistert aufgriffen und auf den Mythos anspielten, wonach Kolumbus die Segel gesetzt habe, um zu beweisen, dass die Erde rund sei.

Mit Hilfe von Satelliten stieß die Menschheit in den fünfziger und sechziger Jahren weiter ins All vor - das Interesse der Öffentlichkeit aber galt jetzt vor allem dem Mond. So konnte es passieren, dass das erste Satellitenfoto von der Erde nicht die Nasa, sondern das US Weather Bureau machte, Amerikas staatlicher Wetterdatenlieferant.

Den "weltweit ersten Blick von der Umgebung des Mondes auf die Erde" veröffentlichte die Nasa schließlich im September 1966. Die Bildunterschrift erklärte dazu, dass rechts im Bild die Oberfläche des Mondes zu sehen sei, links daneben die Erde mit der US-Ostküste oben links und der Antarktis am unteren Ende der Erdsichel. Doch die Aufnahme, die "Lunar Orbiter 1" am 23. August zur Erde gesandt hatte, blieb ohne größere Resonanz.

Im darauffolgenden März gab die Nasa das Foto erneut an die US-Presse. Dieses Mal erschien es in mehreren Zeitungen - allerdings entgegen der expliziten Beschreibung nicht in der üblichen Ausrichtung mit dem Nordpol nach oben. Das Bild war um 90 Grad gedreht worden, mit der Erde über dem Mond. Die Nasa hatte es mit einem geradezu prophetischen Satz versehen: "Dies ist der Blick, den die Astronauten haben werden, wenn sie um die Rückseite des Mondes herumkommen und die Erde erblicken." Allerdings hatte die Sonde das Foto kurz vor Verschwinden hinter dem Mond gemacht - streng genommen war es kein "Erdauf-" sondern eher ein "Erduntergang".

Es kann nur einen geben

Die Frage der Perspektive hatte sich auch gestellt, als die Crew von "Apollo 8" Ende Dezember 1968 zur Erde zurückkehrte. Sie hatte den Heimatplaneten auf der Äquatorebene umkreist und in gleicher Ebene auch den Mond. Dabei war die Erde nicht vor ihnen "aufgestiegen", sondern um die linke Seite des Mondes herum erschienen - mit einer vertikal von Nord nach Süd verlaufenen Tag-Nacht-Grenze.

Die Vorstellung von einem aufsteigenden, leuchtenden Heimatplaneten allerdings war offenbar so faszinierend, dass es kaum jemanden zu stören schien, dass die Erde in der schließlich veröffentlichten Version des Fotos auf der Seite lag - und zudem durch einen entsprechenden Zuschnitt des Bildes größer erschien als im Originalfoto.

Die Präsentation verfehlte ihre Wirkung nicht. Der Anblick des strahlenden und zugleich so zerbrechlich wirkenden Blauen Planeten galt als eines der Erweckungserlebnisse der modernen Umweltbewegung. Das Foto wurde zur Ikone - und entzündete schließlich einen Streit darüber, wer die Aufnahme eigentlich gemacht hatte. Sowohl Frank Borman als auch William Anders reklamierten die Urheberschaft auf das erste Foto vom "Erdaufgang" für sich. Beide galten als glaubwürdig - doch es sollte viele Jahre vergehen, bis feststand, dass sie beide auf ihre Weise recht hatten: Die berühmte Farbaufnahme stammte von Anders, Frank Borman allerdings hatte zuvor ein Schwarzweißbild geschossen, auf dem die Erde noch teilweise vom Mond verdeckt wurde. Dieses Bild allerdings blieb rund 30 Jahre unveröffentlicht - schließlich konnte es nur ein erstes Foto geben.

Zum Weiterlesen:

Robert Poole: "Earthrise - How Man First Saw the Earth". Yale University Press 2008, 236 Seiten.



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Seite 1
Sebastian Färber, 18.12.2013
1.
"... und zeigt die berühmtesten Aufnahmen des blauen Planeten." Und dann ist der Pale Blue Dot nirgendwo zu finden. Darüber hinaus ist die auf der Seite liegende Erde gar nicht mal so falsch, für einen Betrachter auf dem Mond würde die Erde tatsächlich auf der Seite liegen. Auf- und untergehen würde sie aber nicht, da die Rotationsgeschwindigkeit der Mondachse seiner orbitalen Periode entspricht.
Peter Brunkert, 18.12.2013
2.
Den hab ich auch vermisst.
Ada Zaurak, 18.12.2013
3.
hmm, das wichtigste photo, pale blue dot, fehlt. fräulein grothe zeigt sich wie so häufig ihrem thema klar gewachsen :-(
Oliver Fromme, 18.12.2013
4.
Der Artikel hätte korrekterweise darauf hinweisen sollen, dass, wenn man sich auf der Mondoberfläche befindet, die Erde niemals auf- oder untergeht, sondern immer an derselben Stelle stehenbleibt. Dies liegt an der gebundenen Rotation des Mondes, der der Erde immer die gleiche Seite zuwendet. So aber erweckt der Artikel den (falschen) Eindruck, solche Erdauf- bzw. untergänge seien möglich. Tatsächlich können sie nur aus dem Orbit eines um den Mond kreisenden Fahrzeugs beobachtet werden, aufgrund der Eigenbewegung des Fahrzeugs.
Pablo Hartmann, 18.12.2013
5.
Im Artikel fehlt der Hinweis, dass es weder einen Erd-Aufgang noch einen Erd-Untergang auf dem Mond zu beobachten gibt ... Nur, wenn man sich selbst bewegt, kann dieses "Erscheinen" oder "Verschwinden" sichtbar werden. Denn: Der Mond wendet der Erde immer dieselbe Seite zu. Wer sich dort ein Häuschen baut, oder sein Picknik auspackt, wird die Erde immer, zu jeder Erd-Tages- oder Erd-Nacht-Zeit am exakt selben Fleck an seinem Mond-Himmel sehen. Die Erde bewegt sich für einen Mond-Beobachter absolut gar nicht. Das einzige, was sich ändert, ist die Stellung der Sonne. Manchmal sieht man also die Erde in vollem Sonnenschein, ganz selten auch den Mond-Schatten auf der Erde ... und manchmal ist der Mond-Garten in der Sonne und manchmal im Schatten. Aber die Erde steht immer exakt am selben Fleck über den Mondgrundstücken, und ist daher auch immer nur von der Erd-zugewandten Seite aus sichtbar.
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