Ein Leben unter Protest Atomkraft? Jein danke!

Rudi Reichenbach kämpft seit mehr als 30 Jahren gegen Kernkraft. Fast genauso lange bearbeitete er in seiner Firma Aufträge von Atomkraftwerken - mit einem "Atomkraft? Nein danke!"-Button an der Weste. Wie hat er diese Gratwanderung ausgehalten?

Anne Jäger/Rudi Reichenbach

Das Großraumbüro der Firma ABB Automation Products im unterfränkischen Alzenau ist nicht gerade ein Ort, den man als lauschig bezeichnen würde. Raumteiler trennen je zwei Schreibtische von den anderen Arbeitsplätzen, an denen Buchhalter in Sakko und Krawatte vor ihren Computern sitzen. An den Kunststoffwänden hängen vereinzelt Kalender, wie man sie am Jahresende von Kirchengemeinden oder Apotheken geschenkt bekommt. Nur ein Arbeitsplatz am Fenster hebt sich von der allgemeinen Ödnis ab wie die Spielecken, die kinderfreundliche Zahnärzte in ihren weißgetünchten Wartezimmern einrichten: Poster von Greenpeace und politische Botschaften, Plakate von Kabarettaufführungen und Zeitungsartikel bedecken die Trennwand, die Rudi Reichenbachs Reich von der funktionalen Strenge des Großraumbüros scheidet - hier hat der heute 61-Jährige ein ganzes Berufsleben lang seine Überzeugungen zur Schau gestellt.

Und davon hat Rudi Reichenbach reichlich: gegen Kernkraftwerke und Ausländerfeindlichkeit, für die Frauenbewegung und die Legalisierung von Marihuana - Rudi Reichenbach ist gegen fast alles, was die linke und alternative Szene ablehnt, und für alles, was diese gutheißt. Das Interessante dabei: Der Mann, der seit über 30 Jahren eine Lederweste trägt, an der für jedermann sichtbar ein "Atomkraft? Nein danke!"-Button prangt, erhielt, kurz bevor er in den Ruhestand trat, eine Auszeichnung für 45 Jahre Betriebszugehörigkeit. Umso bemerkenswerter, als seine Firma, die elektrische Instrumente und Messapparate herstellt, auch Atomkraftwerke (AKW) ausstattete. Wie aber bekam Reichenbach das hin: jeden Tag die eigene Arbeitskraft in einem Unternehmen zu Markte zu tragen, das den eigenen Überzeugungen entgegenarbeitet, und doch sich selbst treu zu bleiben? Ist er sich überhaupt treu geblieben? Und, ganz allgemein gefragt: Was bleibt von einem Alt-68er wie ihm am Ende des langen Marsches durch die Institutionen übrig?

Stolz präsentiert Reichenbach seinen Pass. Der Mann auf dem Passfoto ist immer noch der gleiche. Nur die Haare sind lichter geworden, und im Gesicht zeugen Falten davon, dass ein paar Jahre vergangen sind, seit das Foto geschossen wurde. Der Pass ist auf Rudi Reichenbach, Bürger der "Republik Freies Wendland", ausgestellt. Diese Initiative hatten Atomkraftgegner Anfang der achtziger Jahre gegründet und im Wendland ein Gelände für Probebohrungen zur Errichtung der Atomdeponie Gorleben besetzt, um dort provisorisch ein Dorf zu bauen. Reichenbach war einer von ihnen, was drei der geschätzten fünfhundert Fotos an seiner heimischen Wohnzimmerwand bezeugen. "Je mehr Leute autarke Energieversorgung machen, umso mehr kommen Großkonzerne ins Wackeln", doziert der AKW-Gegner. Seine Stimme wird beim Thema Energieversorgung mehrere Dezibel lauter, sein Oberkörper ist einnehmend über den Tisch gebeugt.

Schlaflose Nächte

Dass nicht jeder in seinem Betrieb seine energiepolitischen Ansichten willkommen hieß, ist ihm klar. "Ein bisschen Agitation gehört zu meinem Leben zwangsläufig dazu", sagt er schulterzuckend. "Ganz ohne Konformität geht es allerdings auch nicht", gesteht er dann. Immer wieder verfällt Reichenbach in den für ihn und seine Gesinnungsgenossen typischen Politjargon - die vielen Jahre in Bürgerinitiativen haben ihn geprägt. Er wäre gerne in die Politik gegangen, aber auch dort hätte er sich in gewissem Maß anpassen, Kompromisse schließen müssen. "Das wäre dann zu viel Konformität für mich", sagt er und in seiner Stimme schwingt Stolz mit. Vermutlich darüber, ein Vorhaben eingehalten zu haben, das er vor sehr langer Zeit formuliert hat: sich nie ganz der Gesellschaft anzupassen und ein bisschen der Sand im Getriebe zu sein.

Doch was hat ihn an seinem Arbeitsplatz festgehalten? Wieso überhaupt eine Bürotätigkeit? Im Alter von 16 Jahren riet ihm ein Berufsberater zu einer Ausbildung zum Industriekaufmann. Zehn Jahre später entwickelte er seine ersten politischen Ideen. Doch die Ausbildung hatte er da nun mal absolviert und Reichenbach war überzeugt: "Wenn man was macht, muss man sich bemühen, es richtig zu machen." Woher die - zumindest in dieser Frage - eher konservative Haltung kommt, lässt sich nur erahnen: Auch sein Vater hat bis zum 63. Lebensjahr durchgehend in demselben Unternehmen gearbeitet. Reichenbach vermutet jedenfalls, dass seine Vorgesetzten ihn wegen dieser Einstellung akzeptiert haben. Offenbar habe er seine Arbeit gut gemacht.

Im Übrigen war Rudi Reichenbach auch sonst gewissen bürgerlichen Standards gegenüber aufgeschlossen - der Alternative baute zum Beispiel ein Haus. "Da brauchst du gewisse Kohle", begründet er sein Verhalten, "und dann bist du plötzlich auf deine Brötchen mehr angewiesen als auf deinen Kopf." Was nicht bedeutet, dass ihn das Geschäftsmodell seiner Firma fortan kalt ließ. Reichenbach war zwar satt, aber emotional aufgewühlt. "Da gab es viele schlaflose Nächte", erzählt er, denn auch im Freundeskreis sei seine Arbeit immer ein Thema gewesen. Reichenbach ist Mitgründer der Bürgerinitiative für Umweltschutz und gegen Atomkraft Rödermark. In der hessischen Kleinstadt demonstrierten die Umweltschützer gegen die Nutzung der Grube Messel, die heute zum Weltkulturerbe gehört, als Mülldeponie und missionierten mit ihren Ständen Mitmenschen zur fürsorglicheren Nutzung der Umwelt.

Love, Peace, Revolution

"Wenn dir ein Politiker gegenübersitzt und behauptet, man hätte radioaktiven Müll die nächsten 200.000 Jahre im Griff, der muss doch einen Dachschaden haben", berichtet Reichenbach heute von seiner Motivation, die Bürgerinitiative zu gründen. Um sich am Widerstand im Wendland zu beteiligen, fuhren die Mitglieder der Initiative mit zwei Autos nach Gorleben und bauten dort an einer eigenen Hütte. Reichenbach nahm sich dafür zwei Wochen Urlaub.

Was die Alternativen dort gemacht haben, außer eine eigene Unterkunft zu errichten? "Überwiegend Love, Peace and Revolution", erzählt Reichenbach und grinst. Bevor die Anti-AKW-Aktivisten auf Demos nach Brokdorf oder Gorleben fuhren, trafen sie sich bei ihm und malten Plakate. In der Gegend um Gorleben beklebten sie die Ortsschilder mit "Gorleben ist überall" und fasteten aus Protest gegen das Kernkraftwerk Harrisburg. "Dann sitzt du am nächsten Tag mit deinem Anti-AKW-Button in der Firma und erhältst einen Auftrag, auf dem 'AKW1' steht. Das ist schon ein bisschen kompliziert", räumt Reichenbach ein, wobei sein Blick abschweift und einige Sekunden in der Luft verweilt. Man sieht ihm förmlich an, wie er sich an diese schweren Zeiten erinnert. Wie er sich dann gefühlt hat? Die prompte Antwort lautet: "Beschissen!"

Heute ist der 61-Jährige ein bisschen zur Ruhe gekommen: Er schreibt Leserbriefe, ist Gewerkschaftsmitglied und saß, bevor er in Rente ging, eine Zeitlang im Betriebsrat seiner Firma. Obwohl er die Gewerkschaft als "starken Systemträger" versteht, machte er mit, mit dem Ziel, etwas zu bewegen. Wenn er schon "im System" drinstecke, wollte er seine Energie dazu verwenden, sich so zu zeigen, wie er ist. War das der lange Marsch durch die Institutionen? Reichenbach glaubt nicht so ganz daran. Er habe zwar das AKW-Zulieferunternehmen nicht grundsätzlich verändert, aber wahrscheinlich seine Kollegen inspiriert. Seine Plakate hängen, obwohl er längst im Ruhestand ist, immer noch in dem Großraumbüro in Alzenau. "Damit die anderen drüber nachdenken."



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