Bergfilmpionier Arnold Fanck Vergessener Star

Das Leben eines Matrosen auf der Robinson-Insel - diese Geschichte animierte Regisseur Arnold Fanck 1938 zu seinem letzten großen Film. Die Nazis machten daraus Propaganda, Fanck zog sich zurück. Hier erinnert sich sein Enkel.

Archiv Matthias Fanck

Von Matthias Fanck


Wenn mein Großvater von seinen Dreh-Abenteuern erzählte, vergaß er alles um sich herum: Er saß in seinem Lehnsessel mit der längst erkalteten Pfeife in der einen, dem aufgeklappten Benzinfeuerzeug in der anderen Hand und nahm uns Enkelkinder mit in fremde, exotische Welten.

Großvater ließ die Eskimos und Eisbären lebendig werden und die Lawinen und Schneestürme losbrechen. Er entführte uns auf japanische Vulkane, grönländische Eisberge oder chilenische Hochplateaus. Gebannt lauschte ich dem alten Mann, der einst so berühmt gewesen war - und mittlerweile nahezu vergessen ist.

Oder wer kennt heute noch Arnold Fanck? Einzig seine Schüler Luis Trenker und Leni Riefenstahl sind den Menschen im Gedächtnis geblieben. Dabei war mein Großvater einer der wenigen Regisseure, die für sich in Anspruch nehmen dürfen, ein neues Filmgenre geschaffen zu haben: Anfang der Zwanzigerjahre hat er den Bergfilm erfunden und geprägt. Sein Drama "Die weiße Hölle vom Piz Palü" wurde 1929 zum internationalen Kassenschlager ebenso wie etwa 1931 die Ski-Komödie "Der weiße Rausch".

Mein Großvater drehte seine Filme unter größten Mühen und Schwierigkeiten: nicht im Studio mit Kunstschnee und Kunsteis, sondern in monatelanger Arbeit unter abenteuerlichen Bedingungen. Zog es ihn zumeist in eisige Höhen, reiste er 1938/39 in die entlegenen Weiten Südamerikas. "Ein Robinson" lautet der Filmtitel - und orientiert sich an einer wahren Begebenheit.

Überleben im Südpazifik

Es war die Geschichte des deutschen Matrosen Hugo Weber, die meinen Großvater inspirierte. Weber lebte auf der legendären Insel Juan Fernández: jenem Eiland im Südpazifik, auf dem um 1700 bereits der Freibeuter Alexander Selkirk ausgeharrt hatte, der später als "Robinson Crusoe" zu Weltruhm gelangen sollte.

Fasziniert von der Biografie Webers, erfuhr mein Großvater, wie der Signalmaat der Kaiserlichen Marine die Insel zum ersten Mal 1915 schwimmend erreichte, weil die Engländer sein Schiff, die "SMS Dresden", aufgebracht hatten. Jahre später kehrte Weber auf das ferne Eiland zurück, um dort ein Robinsonleben zu führen.

Das Drehbuch von 1938 basierte auf dem Schicksal jenes deutschen Matrosen, dazu spannte mein Großvater einen fiktiven Bogen zu seiner Gegenwart: Im Film läuft die neue "Dresden" der NS-Flotte die Insel kurz an, was Weber jedoch zu spät bemerkt und sie dann zuerst mit seinem kleinen Segelboot und später zu Fuß durch Feuerland und Patagonien verfolgt. Dort erreicht "Carl Ohlsen", wie der historische Weber im Film heißt, schließlich die "Dresden" - und kehrt mit ihr heim ins Reich.

Regimetreue Aufpasser mit an Bord

Als die "Bavaria-Fanck-Chile-Expedition" am 30. September 1938 mit dem italienischen Dampfer "Virgilio" von Genua nach Valparaiso aufbrach, war zwar ein Fanck'sches Drehbuch für den "Robinson" mit dabei. Expeditionsleiter, Produktionsleiter und Hauptdarsteller waren meinem Großvater jedoch aufgezwungen worden: mit linientreuen Parteigenossen und als "Aufpasser" für den eigensinnigen Regisseur.

Denn der Propaganda-Maschinerie der Nazis hatte sich mein Großvater, ein promovierter Geologe und filmischer Autodidakt, anfangs erfolgreich verweigert: 1934 drehte er "Der ewige Traum", die Geschichte der Erstbesteigung des Mont Blanc durch den savoyardischen Bauern und Kristallsucher Jacques Balmat. Produktionsgesellschaft war die jüdische "Cine-Allianz" von Arnold Pressburger und Gregor Rabinowitsch: ein Affront gegen den Propagandaminister.

Erst beim Japan-Film "Die Tochter des Samurai" 1937 bekamen mit dem "Volk-ohne-Raum"-Slogan nationalsozialistische Töne Platz in einem Fanck-Film. Dennoch traute Propagandaminister Joseph Goebbels meinem Großvater nicht über den Weg.

Neben den Nazi-Leuten war die gesamte Familie Fanck 1938 mit nach Südamerika aufgebrochen. Unter ihnen mein Vater Arnold Ernst. Der damals knapp 19-Jährige durfte als Kameraassistent und Fotograf bei den Aufnahmen zu "Ein Robinson" mitarbeiten. Für ihn war es die Reise seines Lebens: Ein halbes Jahr verbrachten Vater und Sohn zusammen, die Robinson-Reise war die intensivste Zeit ihrer Beziehung. So nahe waren sie sich nie zuvor - und nie mehr danach.

400 Fotos dokumentieren den Dreh

Mein Vater hat während der Reise viel fotografiert. Der Ordner mit rund 400 Schwarz-Weiß-Negativen im Format 6x6 und 6x9 cm hat sich im Familienarchiv erhalten. Ordentlich beschriftet finden sich darin die Stationen "Südamerika, Bremen und Virgilio, New York, Robinson-Insel, Peine-Gebirge, Wasserfälle, Conception, Villarica-See, Feuerland, Nachaufnahmen". Dank der Fotos lassen sich die Entstehungsgeschichte des Films sowie das Leben abseits der Kamera detailliert nachvollziehen.

Nach der Ankunft in Valparaiso fuhr das Filmteam mit dem chilenischen Kreuzer "Blanca Esmeralda" direkt auf die vor Chile liegende Robinson-Insel. Da die Dreharbeiten schneller erledigt waren als geplant, begann für die Expeditionsteilnehmer ein fröhliches Inselleben - auch davon erzählen die Fotos.

So freundete sich mein Vater etwa mit dem Kameraassistenten Arndt von Rautenfeld an, die beiden übernachteten in der sogenannten Robinsonhöhle, in der auch Selkirk um 1700 gelebt hatte. "Das war natürlich für den Jungen ein wunderbar romantisches Erlebnis", schreibt mein Großvater in seiner Autobiografie.

"Leben eines asozialen Einzelgängers verherrlicht"

Obwohl Goebbels NS-treue Aufpasser mit nach Südamerika geschickt hatte, war er mit dem filmischen Ergebnis nicht einverstanden: "Wie kann in dieser heroischen Zeit in einem deutschen Film das Leben eines asozialen Einzelgängers verherrlicht werden?", ereiferte er sich, nachdem er Anfang 1939 die ersten Meter des ungeschnittenen Materials gesehen hatte. Per Telegramm ordnete er an, die Dreharbeiten sofort einzustellen - bis zum Eintreffen eines neuen Manuskripts.

Mein Großvater dachte gar nicht daran: Er pochte auf seine künstlerische Freiheit, teilte sein Team und ließ seine Kameraleute Albert Benitz und Hans Ertl getrennt an den spektakulärsten Naturschauplätzen Chiles weiterdrehen - wo sie nur knapp einem katastrophalen Erdbeben entgingen.

Mitte Februar 1939 traf die Crew wieder in der Hafenstadt Punta Arenas zusammen. Dort saß sie zunächst fest, wegen des Bebens war der Schiffsverkehr fast vollständig zum Erliegen gekommen. Nun kam die große Stunde meines Großvaters: Er kabelte nach Bremen und New York und erreichte, dass der von 240 amerikanischen Millionären gecharterte Luxusliner "Bremen" einen Umweg über Punta Arenas machte.

Freigehalten von spendablen Amerikanern folgten nach den Abenteuern in Feuerland und Patagonien Wohlfühlwochen auf dem großen Schiff. Die Kreuzfahrt führte über Buenos Aires, Rio de Janeiro und Bahia bis nach New York. Dort musste mein Vater sich von Jenny, einer jungen Amerikanerin, verabschieden, in die er sich an Bord verliebt hatte. Anfang April 1939 traf die Crew in Bremerhaven ein.

Vom Star-Regisseur zum Waldarbeiter

Als "Ein Robinson" im Juni 1940 in München uraufgeführt wurde, begleitet von zackiger Militärmusik, flammenden Reden und einem Spalier der Marine-HJ für die komplette NS-Prominenz, sahen die Premierengäste letztlich einen Propagandafilm für die deutsche Kriegsmarine. Mein Großvater hatte sich unterdessen von dem stark umgestalteten Werk distanziert - und war nicht erschienen.

"Ein Robinson" sollte sein letzter großer Film sein. Ein paar eher entwürdigende Dokumentarfilme, unter anderem über die Nazi-Bildhauer Breker und Thorak sowie den Westwall, beschließen seine umfangreiche Filmografie.

Obwohl mein Großvater 1940 in die NSDAP eintrat, war ihm unter dem Nazi-Regime kein Erfolg mehr beschieden. Es folgten die Flucht aus Berlin und der Verlust seines ganzen Besitzes. Da all seine neuen Filmprojekte scheiterten, verdingte sich der einstige Star-Regisseur fortan als Waldarbeiter im Schwarzwald. Er starb am 28. September 1974 in Freiburg, weitgehend unbeachtet und vergessen.

Die nächste Reise meines Vaters Arnold Ernst führte 1939 an die Front, erst nach Frankreich, dann nach Russland. Sie endete 1942 - mit dem Verlust eines Beines in Stalingrad.

insgesamt 7 Beiträge
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Wolfgang Müller, 11.10.2015
1. Gewiß nicht unvergessen!!
Wer seinen Namen vergißt, muß schon Tomaten auf den Augen haben oder ein so kurzes Gedächtnis, daß es sich eh nicht lohnt, ein Gespräch zu führen. Lieber Herr Fanck, nein, Ihr Großvater wird sehr wohl geschätzt und als Vorbild in Erinnerung behalten.
Alex Eberl, 11.10.2015
2. Arnold Fanck
ist nicht vergessen. Ich bin uninteressiert an Film und Kino, aber der Name und der Zusammenhang mit der Filmgeschichte war mir sofort klar.
Ulrich Milde, 11.10.2015
3. Regie mit Gletschern, Stürmen und Lawinen
Das ist der Titel seiner Memoiren, sehr spannend geschrieben und mit einigen beeindruckenden (Schwarzweiss)Bildern. Das Buch habe ich mehrere Male geradezu durchgefressen; in die Hand nehmen und erst wieder weglegen, wenn man alles gelesen hat. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen, falls man noch eines antiquarisch auftreiben kann. Ein tolles Buch über das aufregende Leben eines beeindruckenden Mannes.
Hans-Gerd Wendt, 11.10.2015
4. Relativ
Tja, schöne Tage während der Enddreißiger. Andere hatten es nicht so gut, die saßen schon seit Jahren ein in Lagern und Zuchthäusern. Tut mir leid, das so krass sagen zu müssen, aber solche Relativierungen dieser Zeit gefallen mir nun mal nicht.
Andreas Kral, 12.10.2015
5. Das wunder vom schnee schuh...
Ich kann Ulrich nur zustimmen, das buch habe ich auch mehrmals gelesen. Das grosse problem ist das die Filme so gut wie nicht zu bekommen waren. Sie kurzem kann man einige auf amazon kaufen. Im Fernsehen kam er nie. Ihm ist es zu verdanken das skifahren mit zwei stoecken so populaer geworden ist.Ich war in der gluecklichen lage auf ebay die meisten seiner anderen buecher zu kaufen. Zugriff auf seine Filme waren sein groesstes problem die letzten 50 jahre.
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