Helden unserer Jugend Als Cody den jungen George Clooney verdrosch

Ein Nerd mit Honecker-Brille, zwei Vietnam-Veteranen und ein Super-Roboter machten in "Ein Trio mit vier Fäusten" die schlimmsten Gauner dingfest. Bastian Schlange hat sich die Lieblingsserie seiner Kindheit noch mal angesehen - und sich ganz schön alt gefühlt.

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Zum Autor
  • Bastian Schlange, Jahrgang 1982, ist Journalist und Autor ("Wattenscheider Schule", "Ruhrbarone") und lebt in Dortmund.
Zwei Strandplayboys in hautengen Jeans - einer mit Schnäuzer, der andere mit Hubschrauber. Ein Nerd mit geklebter Hornbrille. Dazu eine Jacht, eine Corvette und ein Super-Roboter. Ergibt? "Ein Trio mit vier Fäusten".

Auf meinem Fernseh-Stundenplan steht die zweite Staffel des Detektiv-Trios. 22 Folgen in zwölf Tagen. Mein neues Leben am Hafen der Dortmunder Nordstadt im Tausch gegen das Treiben in der Marina von King Harbor, Kalifornien. Sonne und Meer statt grauem Himmel.

Im Flur stapeln sich Umzugskartons, im Arbeitszimmer warten Gerippe zerlegten Mobiliars auf ihre Auferstehung. Das Kapitel "Studentenbude" mit Staubmäusen und verschimmeltem Geschirr ist endlich abgeschlossen. Ein kalter, klarer Neustart. Beste Voraussetzungen für einen Blick zurück - in die Achtziger.

Tag 1: Eingeölte Pobacken und eine einsame Nacht

Ich klappe den Laptop auf und spiele die erste Folge der zweiten Staffel ab. Die Kamera fährt langsam über vier eingeölte Pobacken, erst über die einer Brünetten in einem grünen Bikini, dann über die einer Blondine in einem roten. Es ist die erste, einsame Nacht in meiner neuen Wohnung.

Szenenwechsel. "Okay, ihr könnt zu der Party", sagt Cody, während er zufrieden die Lippen unter seinem Schnäuzer schürzt. Drei Society-Gören in Schulterpolster-Blazern auf dem Deck der "Riptide", der detekteieigenen Jacht, jubeln. "Aber", setzt er an, und die Mädchen verstummen, "wir werden euch begleiten". Drei Schulterpaare senken sich unter ihren Polstern. "Was?!", quiekt die Erste, "Das ist ein Witz!" die Zweite, "Auf keinen Fall!" die Dritte.

Die Vietnam-Kriegsveteranen Nick Ryder und Cody Allen sind Privatdetektive, ausgerüstet mit einem roten Chevrolet Corvette Cabrio, einem GMC Pickup, einem Schnellboot "Ebb Tide" und mit "Screaming Mimi", einem alten pinkfarbenen Militärhubschrauber. Die drei Mädchen sind zu Besuch in Kalifornien, wurden am Flughafen beinahe gekidnappt, nur knapp von den beiden Privatschnüfflern gerettet und wollen jetzt zu einer ultracoolen Jachtclub-Party.

Nick, herb und urmännlich, fasst sich auf den trainierten Brustkorb: "Hey, was ist denn los mit euch? Ich dachte, es wäre echt cool für euch, mit älteren Männern auszugehen." "Mit älteren ja, aber nicht mit Rentnern." Nick fällt das Macho-Grinsen aus dem Gesicht. "Ich bin 34!"

Mir fällt die Schale mit den matschigen Pommes aus der Hand. Umzugsessen. Nur drei Jahre trennen mich und Nick. Resignatives Altern nennt man das: Man findet sich mit der traurigen Wirklichkeit ab, nimmt bewusst die körperlichen und geistigen Verluste wahr.

Nick, Cody und Murray Bozinsky, der liebenswerte Technik-Nerd mit Honecker-Brille, verklumpen verloren in einer Schiffsecke, während die Girls zu Rock'n'Roll-Rhythmen die Tanzfläche stürmen. Nick resümiert: "Hier passen wir ja rein wie die Torte in den Briefkasten."

Als ich die dritte Flasche Tyskie-Pils öffne, erkenne ich, dass der Entführer, mit dem sich Cody prügelt, vom jungen George Clooney gespielt wird - mit damals noch pechschwarzem Haar und einem faltenfreien Babyface. Ich schlucke. So lange kann es doch noch gar nicht her sein, dass ich um kurz vor sechs ins Wohnzimmer meiner Eltern gerannt bin, um rechtzeitig zum "Trio mit vier Fäusten" aufs ZDF zu schalten.

Älterwerden ist wirklich das Letzte.

Tag 3: Sexismus und die biologische Uhr

Es ist 22.20 Uhr, und ich habe gut drei Zentner Holz verbaut, Kabel verlegt und Stahlleisten geflext. Ich liege auf meinem neuen Bett, fahre den Laptop hoch. Zum ersten Mal beschleicht mich das Gefühl, angekommen zu sein.

Der Sexismus der ersten Staffel flacht in der zweiten ab. Die Jungs werden erwachsener. Werte wie Freundschaft, Familie, Liebe rücken in den Vordergrund, aber auch Themen wie Rassismus und Krieg.

Nick, Cody und Murray bekommen in der Folge "Strapazierte Gastfreundschaft" von einem befreundeten Pfarrer ein Kind in die Arme gedrückt. Die Mutter ist verschwunden, der Vater ist der künftige Polizeichef von Los Angeles - ein skrupelloser Ehebrecher, der die junge Frau lieber ermorden lassen möchte, als schlechte Publicity zu riskieren.

Das Baby spuckt Cody Milchschleim auf die Schulter. Nick spöttisch: "Was haben die Frauen bloß gegen dich?" Cody ist vernarrt in die kleine Maus, sehnt sich nach einer Frau, nach Kindern und Familie. Als der Fall gelöst ist, die Mutter gerettet und Cody das Baby zurückgibt, erklingt traurige Musik.

Vor meinem Fenster verschlingt die Dunkelheit den Dortmunder Hafen. Ich will auch Familie.

Tag 5: Staubige Kisten und tiefe Krisen

Bei einem Umzug tanzen Erinnerungen und Sehnsüchte einen sentimentalen Tanz. Von vielen Geschichten konnte man sich trennen, die anderen überrollen einen wieder, wenn man die Deckel eines Pappkartons aufklappt. Ich sortiere aus und räume ein. Im Hintergrund lasse ich noch ein paar Folgen laufen, während ich mich durch die Kisten und mein Leben kämpfe.

Ich blättere gerade einen Stapel Fotos durch, als mich Cody vom Bildschirm fragt: "Was fangen wir mit unserem Leben an? Was haben wir überhaupt vorzuweisen? Das Wichtigste in unserem Leben sind die Sonne, der Strand und Mädchen in Bikinis. Was soll das alles?"

Hier in der Nordstadt gibt es kaum Sonne oder Strand und erst recht keine Bikini-Girls.

Die letzten Worte gehören Nick, der mit Murray und Cody über sein Leben sinniert: "Weißt du was", sagt er und rahmt seine bezaubernd blauen Augen in kleine philosophische Fältchen, "ich glaube, dass eigentlich niemand erwachsen werden will. Ich jedenfalls nicht. Ich glaube, unheimlich viele Leute wehren sich dagegen." Er macht eine kurze Pause und lächelt. "Wir haben gelernt, dass die Verantwortung für das, was man tut, nicht ausschließt, ab und zu Spaß wie ein Kind zu haben. Daran ist gar nichts falsch."

Tag 8: Das Geheimnis des Trios

Wie fand sich dieses ungleiche Trio? Wie konnte so eine tiefe Männerfreundschaft zwischen zwei Machos und einem Genie entstehen? 25 Jahre hatte ich ohne Antworten gelebt. Nach 990 DVD-Minuten sollte sich das ändern.

In "Geheimmission Bozinsky" verlässt Murray die Detektei und wird Leiter einer Abteilung für künstliche Intelligenz im Silicon Valley. Auf seiner Abschiedsparty sagt Nick zu Murrays neuem Boss: "Täuschen Sie sich nicht, hinter dieser Hasenfuß-Fassade steckt ein Draufgänger."

Es folgt eine Rückblende zur ersten Begegnung des Trios: Nick und Cody hatten den Auftrag bekommen, einen vermeintlich durchgeknallten Captain durch drei Staaten zu überführen. "Er hat eine Army-Forschungseinrichtung zerstört und griff seinen Vorgesetzten an. Dem Colonel hat er die Nase und sich selbst die Hand gebrochen."

Aus der Zelle tritt mit Schluckauf und gegipstem Daumen Murray Bozinsky. Der Schluckauf ist eine Folge von Aufregung und Ärger, der Gips das Ergebnis einer dummen Daumenhaltung beim Faustschlag. Während des Hubschrauberflugs doziert er hicksend über die Ungerechtigkeit, seine friedlichen Computerprogramme für Kampfeinsätze missbrauchen zu wollen, und endet letztendlich bei Myrna, einer geheimnisvollen Schönheit aus New Orleans.

Nachdem Murray gestanden hat, dass er noch Jungfrau ist, legen Nick und Cody einen Zwischenstopp in New Orleans ein. Aufgedreht wie ein 16-Jähriger vor seinem ersten Date kauft Murray in einer Drogerie Mundwasser, Deo, Kaugummis, Nasenspray und Augentropfen und plappert wirr von der Liebe. Nick unterbricht ihn: "Ganz ruhig, Tiger. Für die echte Liebe haben wir nicht genug Geld." Murray ist verwirrt. Er weiß nicht, dass es in einen Puff geht.

Ein Jazz-Klavier klimpert leise. Nick und Cody sitzen auf roten Brokatsesseln in einer Südstaaten-Villa. Frauen kichern. Die beiden beschließen gerade, ihre Kontakte spielen zu lassen, um Murray vor dem Militärgefängnis zu bewahren, als Murray mit Myrna im Arm die Stufen einer schweren Holztreppe herunterschwebt.

Nick feixt: "Sieh dir mal das Grinsen an." Cody: "Und, merkst du was? Er hat keinen Schluckauf mehr." Auf Nicks Gesicht legt sich ein selbstgefälliges Macho-Lächeln: "Ja, das war eine Spezialbehandlung." Und der Beginn einer innigen Männerfreundschaft.

Es ist Samstag. Ein Kater vom Vorabend dämpft die Freude darüber, dass eines der bedeutendsten Rätsel meiner Jugend gelöst ist. Ich kenne jetzt das Geheimnis des Trios, die Geschichte ihrer Freundschaft.

Zurück nach Kalifornien: Der Job im Silicon Valley war nur ein Fake-Angebot von Russen, um Murray zu entführen. Nick und Cody verfolgen den Wagen der Kidnapper im Helikopter und stoppen ihn, indem sie Murrays Hardware aus dem Heli auf das Auto schleudern. Wenig später schließen sie ihren geretteten Freund in die Arme: "Murray, wir haben endlich gelernt, deine Computer richtig zu benutzen!"

Kurz bevor ich erschöpft einnicke, vernehme ich noch Murrays Worte: "Ihr seid mehr als Freunde für mich. Ihr seid wie Brüder."

Tag 12: Abschied

Der Kreis der vergangenen zwölf Tage schließt sich. Es ist Mittag, die Wohnung eingerichtet und das Internet endlich gelegt. Zeit, sich wieder den wichtigen Dingen im Leben zu widmen und von den drei Jungs Abschied zu nehmen.

Kreatives Altern nennt man das: Man entwickelt die Gelassenheit, sich von Erwartungen zu befreien, und lernt, die richtigen Dinge loszulassen - wie das Verzweifeln am Älterwerden.

So einfach ist das. In der Theorie.

Dieser Artikel ist eine stark gekürzte Version aus der Neuerscheinung "Colt Seavers, Alf & ich". Nächste Woche in der einestages-Serie Helden unserer Jugend: "Anna - Die Serie".

"Ein Trio mit vier Fäusten" wird derzeit auf RTL Nitro ausgestrahlt

SO: 17:45 Uhr

Rerun: SA: 06:20 Uhr

Lesen Sie hier alle Folgen aus der Rubrik "Helden unserer Jugend".

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Christian Simons, 01.06.2014
1. Mit Schirm, Charme und Rollator
Wenn einem die Heldin seiner Jugend (Diana Rigg aka Emma Peel) als verhutzelte Omi in "Game Of Thrones" wiederbegegnet, dann hat man für die verfrühte TV-Midlife-Crisis des Autors nur ein müdes Lächeln übrig...
Hartmut Stroh, 01.06.2014
2. Halber Satz?
"Bastian Schlange, Jahrgang 1982, ist Journalist und Autor ("Wattenscheider Schule", "Ruhrbarone") und lebt in Dortmund. Susanne Blech sowie Gründungsmitglied des Instituts für Zeitgenossenschaft." Wie? Was? Blech?
Stefan Martens, 01.06.2014
3. Die einzige Serie die ich mir noch anschauen kann
Warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil sich die Serie schon damals nicht sonderlich ernst genommen hat. Aber das trifft für "Ein Colt für alle Fälle" auch zu. Und die Serie ist einfach nur noch peinlich wenn man sie heute sieht. Weitere Serien die einem wirklich peinlich sind: Knight Ryder, Airwolf und Street Hawk oder eben ein Colt für alle Fälle. Alles perfekte Beispiele für lächerliche Tricks, dämliche Dialoge und infantile Dramaturgien. Aus meiner Jungend (Jahrgang 1976) fallen mir wirklich nur wenige Serien ein die man sich auch heute noch ohne scharmesröte ansehen kann. Remington Steele Das Model und der Schnüffler Ein Engel auf Erden Wunderbare Jahre oder Alf
thore melitat, 02.06.2014
4. ich dachte
das boot hieß rip tide. muss ich mal googeln. früher fand ich die Serie nicht so toll, vorallem der Nerd hat genervt.
Jörg Stoffers, 02.06.2014
5. Rip Tide ist das große Boot.
Ebb Tide das Schnellboot. Ich musste aber auch gerade noch den Trailer angucken.
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