Eine deutsche Teilungsgeschichte Bennos Brocken

28 Jahre lang wurde über den Brocken gescherzt, er sei der höchste Berg der Welt. Weil keiner hochkam. Mit dem Fall der Mauer änderte sich das - und freute Benno Schmidt. So sehr, dass er den Berg seither jeden Tag besteigt.

Björn Menzel

Rückblickend, sagt er, sei das der schönste Moment in seinem Leben gewesen. Sie haben gesungen und getanzt. Sie lagen sich in den Armen, damals, 24 Tage nach dem 9. November 1989. Auf dem Brocken im Harz ist die Grenze erst am 3. Dezember gefallen. Benno Schmidt, regional unter dem Namen Brocken-Benno bekannt und heute 76 Jahre alt, war dabei. Mit seiner Frau Helga stieg der Wernigeröder am Vormittag in seinen Trabant und fuhr nach Schierke. Im Tal hatte man gemunkelt, dass es nun soweit wäre - der Weg zum Brocken sei frei.

Bis dahin versperrten vier Kontrollstellen 28 Jahre lang den Weg hinauf. Ohne Passierschein war kein Näherkommen. Der höchste Gipfel im Harz zum Greifen nah - und doch unerreichbar. "Wir haben täglich gesehen, was uns genommen wurde", sagt Schmidt heute. Jahrelang schaute er von seiner Heimatstadt aus mit Wehmut zum Berg. Als junger Mann war er, wie es Tausende machten, zum Gipfel gepilgert. "Der Berg ist ein Deutscher", schrieb Heinrich Heine. Legendär sind auch die Aufstiege von Johann Wolfgang von Goethe. Viele Deutsche wollten auf den Spuren der Dichter wandeln. Doch eines Tages ging das nicht mehr.

Der Brocken sei der höchste Berg der Welt, wurde in den Jahren nach dem Mauerbau gescherzt - weil niemand rauf kam. Es war eine absurde Situation. Das kleine Städtchen Wernigerode und den Brocken trennte nicht etwa Grenze, nein, beide lagen in der DDR und somit auf der gleichen Seite des Eisernen Vorhangs. Doch den Gipfel in dieser Zeit zu erreichen war den meisten unmöglich.

"Gesperrt zum Schutze der Natur"

Die touristische Attraktivität des Berges hatte gegen Ende des Zweiten Weltkrieges stark gelitten. Im April 1945 zerstörte die US-Luftwaffe das Brockenhotel und weitere Gebäude. Der Gipfel wurde zu einer amerikanischen Enklave in der britischen Besatzungszone. Doch bald schon wechselte die Hoheit über den Berg infolge eines von den Alliierten vereinbarten Gebietsaustausches: Auf dem kargen Plateau machten sich die Sowjets breit. Sie postierten Kontrolleure am Berg und ließen 1951 eine Dienststelle der Volkspolizei errichten, denn schon bald florierte rund um den Brocken der illegale Grenzverkehr.

Die Sowjets erklärten den Berg zur Sperrzone. Ostdeutsche allerdings bekamen Passierscheine. Einen solchen besaß auch Schmidt. Zumindest erstmal. Denn er arbeitete in Schierke, dem kleinen Ort am Fuße des 1142 Meter hohen Berges. "Der Berg wirkte auf mich wie ein Magnet", sagt der Wanderer. Viele waren damals wie er zu Fuß unterwegs, einige mit dem Trabant auf der Brockenstraße. Sogar die Brockenbahn fuhr nach dem Krieg wieder.

Im August 1961, als der Mauerbau die deutsche Teilung sichtbar machte, wurde plötzlich auch für Benno Schmidt der Weg auf den Brocken schwierig. Zwar verlief die Grenze nicht über die Kuppe, sondern einige Kilometer weiter westlich. Um das Plateau aber ließ DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht eine Mauer errichten. 3,60 Meter hoch, Stacheldraht. Dahinter verschanzten sich Sowjettruppen, Streitkräfte der Nationalen Volksarmee und die Getreuen der Stasi. Sie horchten mit modernster Funk-Technik gen Westen und wollten dabei nicht gestört werden. Passierscheine für die Zivilbevölkerung gab es nun so gut wie keine mehr.

Die Stelle, an der damals der erste Kontrollposten saß, kennt Schmidt heute noch ganz genau. Der Schlagbaum befand sich am Ausgang von Schierke. Genau da, wo heute die Brockenstraße den kleinen Harzort verlässt und in den Wald abtaucht. "Gesperrt zum Schutze der Natur". Ein Schild neben dem Eckerloch-Weg weist heute 2,2 Kilometer vor dem Gipfel auf den Nationalpark hin. Wo nun die Natur geschützt wird, versperrten einst militärische Vorposten den Zugang zur innerdeutschen Grenze. "Hier begann der Schutzstreifen", sagt Brocken-Benno.

"Aufmachen, Aufmachen!"

Genau dort stand auch die große Sprungschanze im Wald. Der erste Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, hatte ihr den Namen "Schanze der Einheit" gegeben. Doch als der gebürtige Braunschweiger Anfang der sechziger Jahre starb, war an eine politische Einheit nicht zu denken. Weil die Schanze nun im DDR-Grenzsperrbezirk lag, durfte sie nicht mehr genutzt werden und verfiel. Wegen einer anderen, der Wurmbergschanze, musste ursprünglich sogar die Grenze im Harz verschoben werden. Die Springer wären sonst fast vom Westen bis in den Osten geflogen.

Wenige Meter vor dem Gipfel des Brocken befindet sich seit 1994 links am Weg ein Stein. "Brocken wieder frei!" steht in den Granit gemeißelt. Ein Satz mit Ausrufezeichen. Das Datum: 3. Dezember 1989. Das kleine Denkmal erinnert an Tag und Ort der Maueröffnung auf dem Brocken. Augenzeugen berichten, dass damals 3000 Menschen vor dem Gittertor standen. Die DDR-Bürgerbewegung "Neues Forum" hatte zur Sternwanderung auf den Gipfel aufgerufen. Kurz zuvor wurde bekannt, dass die Brockenstraße wieder passierbar ist.

"Freier Brocken - Freie Bürger" habe auf den Plakaten der Demonstranten gestanden, erinnert sich Schmidt. Und sie hätten "Aufmachen, Aufmachen!" geschrien. "Der NVA-Grenztruppenoffizier hinter dem Tor wusste wohl selbst nicht so recht, was er machen sollte." Gegen 12.45 Uhr öffnete ein Grenzer das Tor einen kleinen Spalt breit. Die Menge jubelte und stürmte den Gipfel. Es gab kein Halten mehr. Dieser Moment machte den Brocken zum Symbol der Deutschen Einheit.

Jeden Tag einmal

Nun, 19 Jahre nach der Öffnung, steht von der Betonmauer nichts mehr. Die Bundeswehr hat sie abgebaut. Bis Ende 1994 dauerte der geordnete Rückzug aller Streitkräfte. Zwei Millionen Besucher erklimmen seitdem jährlich den einst "höchsten Berg der Welt". An guten Tagen werden 30.000 Gäste gezählt. Die Brockenbahn fährt wieder, es gibt einen Bahnhof, ein Hotel, ein Museum, den Brockengarten und einen Brockenwirt. Und es gibt Brocken-Benno.

Seit wann der Wernigeröder Benno Schmidt einfach nur Brocken-Benno genannt wird, ist nicht mehr genau festzustellen. Aber es muss ungefähr dann passiert sein, als bekannt wurde, dass es da einen gibt, der seit der Maueröffnung täglich einmal auf den Brocken wandert. Selbst als im Januar 2007 der Orkan "Kyrill" tobte, war er auf dem Gipfel. Am Tag der Deutschen Einheit in diesem Jahr absolviert er seinen 5485. Aufstieg.

"Es ist ein Segen, dass es die Grenze nicht mehr gibt", sagt Benno Schmidt. Und fügt an: "Nicht nur weil ich nun den Brocken besteigen kann." Es habe sich auch bei ihm durch das DDR-Regime viel Ärger aufgestaut. Seit Jahren führt er Gruppen durch die Landschaft und berichtet ihnen von der "Sperrzone Brocken". Die Einrichtung eines offiziellen Grenzweges war seine Idee. Seit zwei Jahren haben Wanderer nun die Möglichkeit, den ehemaligen Verlauf zwischen Deutschland Ost und Deutschland West im Harz abzuschreiten. "Mit Nostalgietourismus hat das nichts zu tun", sagt Schmidt, "sondern mit deutscher Geschichte."



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