Einführung der Gurtpflicht Anschnallen bitte!

Selten reagierten die Westdeutschen so hysterisch wie bei der Einführung der Gurtpflicht. 1975 verweigerten sich Millionen Menschen dem Lebensretter Sicherheitsgurt. Männer fürchteten um ihre Freiheit, Frauen um ihren Busen - am Ende spaltete der bizarre Glaubenskrieg die ganze Republik.

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Deutscher Verkehrssicherheitsrat

Es waren groteske Szenen, die sich in der ersten Januarwoche 1976 an den Ampeln vieler westdeutscher Großstädte abspielten. Fernsehreporter hatten sich dort aufgebaut, und in den Rotphasen steckten sie ihre Mikrofonpuschel in die Autos. "Wie ist es so mit ihm?", fragten sie. Oder: "Warum noch ohne?" Je nachdem, ob sie es mit einem gehorsamen oder renitenten Staatsbürger zu tun hatten.

In genau diese zwei Gattungen Mensch zerfiel 1975 die Bundesrepublik, das ganze Jahr hindurch hatte ein tiefer ideologischer Graben das Land getrennt. Und alles wegen einer profanen Entscheidung der Politik: Bonn hatte zum 1. Januar 1976 die allgemeine Anschnallpflicht auf Pkw-Vordersitzen verfügt. Worüber heute niemand mehr nachdenkt, weil der Griff zum Sicherheitsgurt nach dem Hineinsetzen schon ein Automatismus geworden ist, sorgte Mitte der siebziger Jahre für einen Aufschrei.

Doch was genau hatten die Deutschen damals gegen das Anschnallen? Dass der Gurt helfen konnte, gab eine große Mehrheit sogar zu. 90 Prozent hielten ihn "für ein notwendiges, da sinnvolles aktives Rückhaltesystem", ergab eine damals in der Bundesrepublik in Auftrag gegebene Umfrage. Gegen eine Pflicht zum Einbau hatten zwei Drittel der Befragten nichts einzuwenden. Aber sich selbst anschnallen? Nein danke! Obwohl 1972 bereits 36 Prozent aller Autos Gurte installiert hatten, nutzten ihn im Stadtverkehr nur fünf Prozent der Autofahrer. Auf Autobahnen waren es zwar immerhin 15 Prozent, angesichts der höheren Geschwindigkeiten aber immer noch viel zu wenig.

Aggressionen gegen den Gurt

Um die Ursachen für die hohe Zahl an Gurtmuffeln zu ergründen, beauftragte das Bundesverkehrsministerium 1974 eine psychologische Studie. Wie tief die Aversion gegen das Anschnallen bei vielen saß, überraschte selbst die Psychologen des durchführenden Instituts. Manche Probanden verweigerten schlicht die Antworten, andere Befragte griffen die Interviewer sogar verbal an. Die Psychologen registrierten "starke latente Spannungen, unausgetragene Konflikte, affektive Verfestigungen und Bereitschaft zu kämpferischen Auseinandersetzungen".

Weiter hieß es, "dass der Sicherheitsgurt primär mit den Gefahren eines Unfalls und seinen Folgen assoziiert wird und erst sekundär mit seiner eigentlichen technischen Funktion, nämlich vor diesen Gefahren zu schützen". Deshalb gerieten die Betroffenen beim Stichwort Anschnallen "psychologisch in die Klemme. Einerseits sehen sie ein, daß sie mit Gurten sicherer fahren, andererseits aktualisiert der Sicherheitsgurt bei ihnen Angst, die sie vermeiden wollen".

Dabei war Anfang 1971 längst klar, dass in Sachen Verkehrssicherheit etwas gewaltig schiefläuft in Deutschland. 21.332 Verkehrstote meldeten die Statistiker in jenem Jahr, mehr als jemals zuvor. Die ganze Dramatik wurde erst im Vergleich deutlich. Im Jahr 2010 starben knapp 4000 Menschen im Straßenverkehr - bei etwa dreimal so vielen Fahrzeugen und 20 Millionen mehr Einwohner in Deutschland.

Lasche Vorschriften aus Bonn

Die Politik reagierte: Die Geschwindigkeit auf Landstraßen wurde auf maximal 100 km/h festgezurrt, die Notfallversorgung mit Hubschraubern verbessert, die Promillegrenze bei 0,8 festgelegt. Doch sollte die Zahl der Verkehrstoten deutlich sinken, musste man härtere Bandagen anlegen, im wahrsten Wortsinn. Aber genau damit tat sich die Politik schwer.

Zwar war der Gurt unter Verkehrsexperten und Unfallforschern als höchst effiziente Sicherheitsmaßnahme längst unumstritten. Viele Länder hatten deshalb die Autohersteller zum Einbau der Gurte verpflichtet. Selbst Trabis und Wartburgs liefen seit Anfang 1970 nicht mehr ohne vom Band. Die DDR gehörte zu den ersten Ländern, die den Einbau vorschrieben. Nur in Bonn fürchtete man den entrüsteten Sturm von Bürgern und Medien.

Erst ab Anfang 1974 mussten neue Pkw Gurte installiert haben, zum 1. Januar 1976 wurde dann endlich die Anschnallpflicht eingeführt. Allerdings wurde eine Missachtung anfangs nicht mit einem Bußgeld geahndet. "Lex imperfecta" nennt das der Jurist, "Wischiwaschi" die Autofahrer. Vor allem weil sich der Gesetzgeber die Möglichkeit einer Verfolgung per Bußgeld offenhielt, falls das Volk sich dem Anschnallen dauerhaft verweigerte.

Sicherheit verkauft sich schlecht

Es war vor allem die Angst, durch den Gurt am Auto gefesselt zu sein, die viele von seiner Benutzung abschreckte. Horrorgeschichten machten die Runde. Man würde nach Unfällen im Auto verbrennen oder im Wasser ertrinken, weil man sich nicht befreien kann. Für rationale Argumente war in jenen Tagen kaum noch jemand empfänglich.

Experten gaben zu bedenken, dass man nur selten in der Lage sei, aus einem brennenden Unfallfahrzeug zu steigen, wenn man nicht angeschnallt war. Und dass Pkw unter Wasser geraten, sei so selten, dass es statistisch noch nicht einmal erfasst würde. Solche Argumente zerstreuten die Ängste nicht. Der SPIEGEL widmete ihnen im Dezember 1975 sogar die Titelgeschichte: "Gefesselt ans Auto".

Doch es waren noch andere psychologische Momente verantwortlich für die Renitenz vieler Bürger. Das Auto galt als Inbegriffe der Moderne, als Symbol von Freiheit und Lust. Dass das Autofahren auch gefährlich ist, hatten viele verdrängt. Weil sich die Autofahrer beim Anschnallen zumindest im Unterbewusstsein mit den mobilen Gefahren auseinandersetzten, wird der Gurt gerne "vergessen". Auch deshalb hatten viele Hersteller den Einbau vermieden. Heute kaum vorstellbar: Noch 1970 sagte VW-Chef Kurt Lotz in einem Interview: "Sicherheit verkauft sich schlecht."

Spießbürger gegen Egoisten

Es tobte in Glaubenskrieg in Deutschland in jenen Tagen, der unerbittlich ausgefochten wurde - mit allen sozialen Konsequenzen. Gurtträger galten als ängstliche und kleinliche Spießbürger. Wer sich anschnallte, stand überdies im Ruf, mit missionarischem Eifer seine Umwelt zu nerven. Nicht wenige Autofahrer legten anfänglich genau deshalb den Gurt nicht an, weil sie solche ablehnenden Äußerungen vermeiden wollen. Umgedreht bezichtigten überzeugte Gurtträger die Gegner als verantwortungslos, arrogant und egoistisch - und forderten vereinzelt sogar Fahrverbote für Gurtmuffel.

Der Streit beschäftigte sogar die Rechtswissenschaft. Hat der Staat das Recht, dem Bürger die Verfügung über seinen Körper zu nehmen? Warum pickt der Staat sich gerade den Gurt zur Disziplinierung heraus, wo sich doch jeder auch zu Tode rauchen oder trinken kann? Ist es nicht jedermanns Recht, sein Leben auch mit einem Flug durch die eigene Windschutzscheibe zu beenden?

Und tatsächlich unterstützten einige Gerichtsentscheidungen anfangs die Gurtgegner. Haftpflichtversicherer, die schuldlosen, aber nicht angeschnallten Unfallopfern Entschädigungen kürzen wollten, wurden zurückgepfiffen. Einige Gerichte bezweifelten zunächst, dass der Gurt in jedem Fall nützlich ist. Meist wurden dabei Fälle angeführt, in denen Autofahrer durch den Gurt daran gehindert wurden, während eines Unfalls instinktiv vom Sitz zu rutschen. Weil es solche Vorfälle gab, auch wenn sie sehr selten vorkamen, forderten Juristen, es jedem selbst zu überlassen, ob man sich anschnallt.

Platter Busen durch den Gurt?

Neben der Ablehnung vieler Bürger waren es diese juristischen Bedenken, die Bonn zunächst von einem Bußgeld Abstand nehmen ließen. Stattdessen hoffte man auf die Einsicht der Autofahrer und eine massive Werbekampagne. Schon ab 1974 wurde mit Plakaten und Anzeigen versucht, den Westdeutschen den Gurt näher zu bringen. Im Circus Krone produzierte man sogar eine Fernsehshow für die ARD: "Mit Gurt und ohne Fahne". Moderator war Frank Elstner, der am Beginn seiner Fernsehkarriere stand. Allein 1974 wurden acht Millionen Mark in die Gurtreklame investiert.

Doch die Werbemaßnahmen allein ließen die sogenannte Gurtanlegequote nur mäßig steigen. Erst die ungeliebte Anschnallpflicht selbst führte ab 1976 zu steigenden Zahlen. Doch weil die Polizei kein Bußgeld verhängen durfte, stagnierte die Entwicklung bald wieder. Im Stadtverkehr war 1979 immer noch knapp die Hälfte der Autofahrer nicht angeschnallt. Da man es nach wie vor mit einem harten Kern von Verweigerern zu tun hatte, wurde das bereits angedrohte Bußgeld 1984 schließlich doch eingeführt. Wer nicht angeschnallt war, zahlte 40 Mark.

Das war selbst Überzeugungstätern auf Dauer zuviel. Die Zahl der Gurtbenutzer stieg rapide. Heute liegt sie bei 95 Prozent. Längst ist der Gurt als Lebensretter Nummer eins fest in den Autos etabliert - und auch in den Köpfen.

Wie absurd die ganze Debatte damals war, lässt sich wohl am ehesten daran bemessen, dass die Reporter damals an der Ampel Fahrerinnen mit ausgeprägter Oberweite penibel nach ihrem Wohlbefinden befragten. Und tatsächlich ließen sich einige hinreißen, ihre Furcht vor negativen Auswirkungen auf Form und Volumen des Busens zum Ausdruck zu bringen, die er verursachen könnte - der Gurt.

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Seite 1
Roger Töbi, 01.01.2011
1.
Ich werde nie die trockene Aussage des Augenarztes in der Notaufnahme vergessen. Ich arbeitete Mitte der 1970er Jahre als Rettungssanitäter auf einem Rettungswagen und dem Hubschrauber. Bei einem Heli-Einsatz war ein Mittelklassewagen in der Stadt bei normalen Tempo 50 ins Schleudern geraten und frontal gegen einen Mast gefahren. Der Fahrer war nicht angeschnallt und mit dem Kopf voran durch die Frontscheibe geschleudert worden. Wegen der starken Gesichtsverletzungen hatten wir über Funk um einen Augenarzt in der Notaufnahme gebeten. Im Krankenhaus wollte der dann die Augen des Fahrers untersuchen, schaute kurz in beide (leeren) Augenhöhlen und meinte dann ganz trocken: "die liegen wohl beide noch am Unfallort auf der Straße", drehte sich um und ging. Ich fuhr seitdem nie wieder ohne Gurt. Es gab damals übrigens sehr brutale Fotos von echten Unfällen (hat auf dem Heli z.B. der Pilot gemacht), auf dem Rettungswagen fuhr manchmal ein Fotograf mit. Auf Messen und Veranstaltungen vom ADAC und anderen Verkehrsvereinen wurden diese wirklich heftigen Bilder dann gezeigt - um die Akzeptanz für den Gurt zu steigern... man war damals bei den Mitteln nicht gerade zimperlich.
Jakob Maria Mierscheid, 01.01.2011
2.
Nix für ungut, aber der Gurtzuführer ist doch kein Schnick Schnack, man käme ohne ihn schlicht nicht an den Gurt heran.
Andreas Hasselman, 01.01.2011
3.
ich habe 1982 den führerschein gemacht für klasse 3 (pkw) und war damals schon ehrenamtlich im rettungsdienst in darmstadt/südhessen beim asb, einen besseren beweis für den sinn des gurt anlegens konnte mann gar nicht finden ich entsinne mich noch an 1 nächtlichen "disco.crash" auf einer einsamen landstrasse im odenwald in der nähe von ober-ramstadt...wie besetzten dort nachts auf 1 aussenwache einen krankenwagen...2 x vw-golf typ 1 frontalcrash...1 fahrer angeschnallt überlebte mit schweren verletzungen...der andere wurde durch die windschutzscheibe geschleudert, lag mehrere meter entfernt im strassengraben...tot...
heiner holl, 01.01.2011
4.
es gibt menschen, die selbigen für vernunftbegabt, ja die krone der schöpfung halten. spätestens seit dem drama der gurtpflichteinführung sollte sowas eigentlich nicht mehr vorkommen. die zahl der verkehrstoten stieg übrigens nach dem 1.1.76 erst mal weiter an, fiel dann allmählich, erst nach dem bußgeld 1984 sank die zahl der verkehrstoten drastisch
Manfred Haferburg, 01.01.2011
5.
Hier steckt eine Erklärung für viele Probleme, mit denen wir uns heute rumärgern: "starke latente Spannungen, unausgetragene Konflikte, affektive Verfestigungen und Bereitschaft zu kämpferischen Auseinandersetzungen". Von der DDR zur DDG: Deutsche Dagegen Gesellschaft. Ob Castor oder Stuttgart 21, ob Transrapid oder Stromtrasse - es hagelt völlig irrationale Proteste, bis hin zu vermeintlich legitimer Gewalt. Ich glaube, dass wir in einer hochgradig neurotischen Gesellschaft leben. Das Trauma des 2. Weltkriegs wurde nie verarbeitet, sondern eher noch verstärkt. Heute fühlt sich bereits die 3. Generation für die Verbrechen der Nazis schuldig. Die polotical correctness erlaubt im Namen der Meinungsfreihet keine Meinungsfreiheit, Denk- und Sprechverbote sind an der Tagesordnung. Selbst unsere sont so kluge Kanzlerin erwartet von einem Buch, das es "hilfreich" zu sein hat. Sarrazin wird gebrandmarkt und im Volke gärt unterschwelliger Hass auf das Nichtaussprechbare. Dies erzeut die "latenten Spannungen, die unausgetragenen Konflikte" und wird uns eines schlechten Tages um die Ohren fliegen.
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