Einkauf im Intershop Ein Groschen zu wenig

Einkauf im Intershop: Ein Groschen zu wenig Fotos
Ulrich Koch

Westwaren gegen Westmark: Um an Devisen zu gelangen, betrieb die DDR ab 1962 die Einzelhandelskette Intershop. Während eines Ferienaufenthalts im Osten stand Ulrich Koch mit in der Schlange von DDR-Bürgern, die gern Westwarenluft schnuppern wollten - und erlebte eine beklemmende Szene, die er nicht vergessen kann. Von

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Zu den schönsten Erinnerungen an meine Jugend gehören die Besuche im Dorf meiner Großeltern, die in der Oberlausitz lebten. Um dort die Ferien zu verbringen, musste man von Westfalen aus erst eine halbe Weltreise mit dem Zug antreten, spannende Grenzkontrollen eingeschlossen. Meine Mutter nannte den Zug stets Interzonenzug, auch wenn es Mitte der siebziger Jahre längst ein normaler Reisezug war.

Später reisten wir mit unserem ersten Auto. Als Westler hatten wir immer Mitbringsel im Gepäck, die in der DDR Mangelware waren. Kaffee und Schokolade aus westlicher Produktion waren bei Tauschgeschäften auch noch in den Siebzigern fast eine Ersatzwährung. Allerdings war die zu beschenkende Verwandtschaft groß und die Ferien waren lang.

Mit Westwährung konnte man problemlos Nachschub in einem Intershop besorgen. So hießen spezielle Läden, in denen die Mark der DDR nichts galt. Für harte ausländische Währung konnte man dagegen fast alles einkaufen, was anderswo in der Deutschen Demokratischen Republik nicht erhältlich war. Und so kam es, dass ich irgendwann in einem Intershop in Dresden an der Kasse stand, während meine Eltern in der Stadt unterwegs waren.

Schon die Supermarktkasse vor mir war etwas besonderes, weil sie den Intershop nicht so nostalgisch wirken ließ wie viele andere Läden in der DDR. Anders als bei uns drüben im Westen wurde man damals in vielen Einzelhandelsgeschäften im Osten nämlich noch persönlich und an einer Theke bedient. Was aber nicht so richtig zum modernen Supermarktambiente passen wollte, waren die relativ leeren Einkaufskörbe vieler Kunden.

Devisen waren knapp und damit auch die Einkäufe im Intershop. Offenbar auch für die Frau vor mir. Sie wollte nur ein paar Tafeln Schokolade bezahlen und wühlte in ihrer gut gefüllten Geldbörse, nachdem die Kassiererin den Preis genannt hatte. Eine Zeit lang war das Geräusch von DDR-Aluminiummünzen zu hören. Einige Münzen Westgeld lagen schon vor der Kassiererin. Ein Groschen fehlte.

"Zurücklegen!" Die Kassiererin war das Warten leid und ihr Kommando wurde von einem vorwurfsvollen Blick begleitet. Die Kundin griff beschämt zur obersten Tafel und trat einen schweren Gang zum Regal mit der Schokolade an. Die kleine Schlange an der Kasse wartete schweigend. Verächtlich schob die Kassiererin das nun überzählige Wechselgeld der zurückgekehrten Frau zu. Schnell verließ diese mit gesenktem Kopf den Laden.

Als ich meinem Vater erzählte, was ich gerade erlebt hatte, sagte er mehr beiläufig: "Die paar Pfennige hättest Du ihr ja auch geben können." Ich war wie vom Donner gerührt. Bis heute kann ich jene unwürdige Situation im Intershop nicht vergessen - und wie leicht ich sie hätte retten können.

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