Einmarsch der Roten Armee "Wo liegt Berlin?"

Einmarsch der Roten Armee: "Wo liegt Berlin?" Fotos
Peter Wieneck

Als die Russen im Januar 1945 die Wohnungstür aufstießen, waren Peter Wieneck, seine Mutter und die Nachbarin starr vor Angst. Doch die Rotarmisten verlangten nur eines: eine Landkarte. In ihrer Panik händigten die Ostpreußen den einzigen Plan aus, den sie besaßen - einen Schnittmusterbogen. Wann würde der Betrug bemerkt?

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Rößel/Ostpreußen, die letzten Tage im Januar 1945. Meine Mutter, mein jüngerer Bruder und ich warteten seit geraumer Zeit auf der Ladefläche eines Lastkraftwagens der Wehrmacht. Das Fahrzeug stand vor unserer Wohnung auf der anderen Straßenseite in Fluchtrichtung Norden. Der Fahrer war losgezogen, um Holz für den Holzvergaser des Lkw zu besorgen. Das Kriegsgrollen aus Richtung Rastenburg, das etwa 15 Kilometer Luftlinie entfernt lag, näherte sich von Tag zu Tag. Der Soldat wollte uns und Nachbarn auf dem Marschweg seiner Einheit mitnehmen, um uns von der näherkommenden Front fortzubringen.

Wir warteten ungeduldig und begannen auf dem Lkw zu frieren. Da der Fahrer mit dem Holz nicht aufkreuzte, verließen wir mit den Nachbarn und unserem Handgepäck durchgefroren den Lastkraftwagen. In unserer Wohnung war es ein wenig wärmer, obwohl die Öfen schon seit Stunden nicht mehr befeuert wurden.

Unsere Stadt Rößel (heute Reszel) lag nur 22 Kilometer Luftlinie vom Führerhauptquartier Wolfsschanze entfernt, dessen Bunkeranlage am 24. Januar 1945 von der Wehrmacht gesprengt worden war. In die Rößeler Filiale des Kaffeeversandhauses Thams & Garfs waren noch am 25. und 26. Januar 1945 Nahrungsmittel aus der Wolfsschanze eingelagert worden. In Rößel funktionierte noch die Wasser- und Stromversorgung.

Russen im Anmarsch

Meine Mutter war verzweifelt. Wir liefen zu einem Kaufmannsladen in unserer Straße. Da sich der Familienvater nicht noch zusätzlich um fremde Menschen sorgen wollte, riet er uns, zurück in unsere Wohnung zu gehen. Eindringlich riet er uns, wir sollten uns sofort flach auf den Boden legen, sobald geschossen würde. Im Laufschritt gelangten wir zurück zu unserer Wohnung in der Schleusenstraße 19, Ecke Walkmühlenstraße. In einem Kellerraum in unserem Haus hatten sich mehrere Nachbarinnen mit ihren Kindern eingefunden. Gemeinsam wollten wir die gefürchtete Ankunft der Roten Armee überstehen.

Die Kellerdecke war mit mehreren Baumstämmen abgestützt, das Kellerfenster zum Hof verdunkelt und der Fußboden mit Matratzen und Decken ausgelegt. In einer Ecke nahe der Tür lagerten wir Kinder. Die Nacht war angebrochen, die Jüngeren, darunter mein Bruder, schliefen. Ich spürte die Angst und Sorge der Mütter. Ein Hindenburglicht, also eine Art Kerze als Notbeleuchtung, flackerte schwach.

Ob es der Staub von den zuvor im Raum gelagerten Kartoffeln oder der Hausbrandkohle war, der sich von der Kellerdecke löste und mir in die Augen fiel? Immer wieder musste ich meine Augen ausreiben. Im Halbschlaf bemerkte ich die Unruhe der Erwachsenen. Sie glaubten, etwas gehört zu haben, und löschten das Licht. Alle, die noch wach waren, hielten den Atem an und wagten sich nicht zu bewegten.

Schritte in der Nacht

Es herrschte Totenstille. Jeder lauschte angespannt in die Nacht hinein. Dann plötzlich, es war schon ziemlich spät, vernahmen wir schwache Geräusche und sehr leise, unverständliche Stimmen aus Richtung der Kellertreppe. Über uns, im Treppenhaus und in unserer Wohnung, bewegten sich fremde Menschen.

Waren es vielleicht nur Leute auf der Flucht, die Lebensmittel und für ein paar Stunden eine Unterkunft suchten? Oder waren es bereits die ersten sowjetischen Vorauseinheiten, die in die Stadt eingedrungen waren?

Ich hörte meine Mutter etwas flüstern und bemerkte, dass sie sich ganz vorsichtig durch den Kellerraum zur Treppe tastete. Nach einer Weile hörte ich sie wieder zurückkommen. "Es sind Russen", flüsterte meine Mutter kaum hörbar. Alle horchten nach oben. Jeder im Keller wird für sich gebetet haben. Endlich, nach vielen langen Minuten, vernahmen wir keine Geräusche mehr. Die fremden Soldaten waren weitergezogen. Wir atmeten auf. Was wäre geschehen, wenn eines der jüngeren Kinder aus dem Schlaf hochgeschreckt wäre, geschrien oder in der Dunkelheit nach seiner Mutter gerufen hätte?

Starr vor Angst

Ein Teil der sowjetischen Truppen kam über die Reichsstraße 141 aus Richtung Heligelinde (heute Swieta Lipka) und Robaben (heute Robawy) nach Rößel. Bewohner der östlichen Häuser der Schleusenstraße, die die Eisenbahntraße Rößel-Rastenburg (heute Ketrzyn) und die Chaussee nach Klawsdorf (heute Klewno) einsehen konnten, sahen, dass sowjetische Soldaten von Klawsdorf nach Rößel marschierten. Die Stadt Rößel wurde am Sonntag, den 28. Januar 1945 von der Roten Armee ohne Kämpfe eingenommen. Die Soldaten steckten mehrere Gebäude in Brand gesteckt. Einwohner Rößels berichteten später von unvorstellbaren Übergriffen marodierender Trupps.

Wir selbst verlebten die nächsten Tage nach der überstandenen Nacht gemeinsam mit Nachbarn in deren Dachgeschosswohnung. Von einem Fenster aus sah man ein niedergebranntes Haus in der Walkmühlenstraße, dessen schwarz verkohlte Dachsparren schaurig in den Himmel ragten.

Damit unser neues Quartier von draußen verlassen aussah, beschlossen wir, uns von den Fenstern fern zu halten. Doch plötzlich, durch ein polterndes Treppensteigen, kündigte sich Besuch an. Alle Augen schauten angstvoll zur Wohnungstür. Die Tür wurde aufgestoßen und zwei Rotarmisten, die Waffen im Anschlag, stürmten herein. Wir erstarrten vor Angst.

Zum ersten Mal sah ich ganz nahe vor mir unsere Feinde und ihre Maschinenpistolen mit den runden Magazinen. Einer der Soldaten trat näher und reichte, zur Verwunderung aller, uns Kindern einen Fotoapparat, den wir sofort zu untersuchen begannen. Die Anspannung unserer Mütter wurde durch diese unerwartete Geste ein wenig gelindert. Der Rotarmist verlangte radebrechend nach einer Landkarte.

Wo liegt Berlin?

Frau Rehwald, die Wohnungseigentümerin, gab zu verstehen, dass sie keine Landkarte besitze. Doch der Rotarmist glaubte ihr nicht und verlangte nun drohender nach der Karte. Frau Rehwald begann, in der Wohnung zu suchen. Zu unserer Erleichterung fand sie nach einer Weile tatsächlich etwas.

Das Gesicht des Rotarmisten hellte sich auf. Er faltete den Papierbogen auseinander, betrachtete ihn prüfend und wollte dann noch wissen, wo Berlin liege. Wir schauten selbst auf den Plan - und sahen mit Schrecken, dass der Soldat einen Schnittmusterbogen in den Händen hielt! In ihrer Not hatte unsere Nachbarin nach einem solchen Bogen aus einem ihrer Modehefte gegriffen.

Ängstlich deutete Frau Rehwald auf irgendeine Zahl oder Überkreuzung der vielen verschiedenen, im Zickzack verlaufenden Schnittmusterlinien. Der Rotarmist zeigte sich zufrieden, nahm seinen Fotoapparat wieder an sich und verließ mit seinem Kameraden die Wohnung.

"Hittler kaputt!"

Im Juni 2009 entdeckte ich zu meiner Überraschung einen Augenzeugenbericht in einer 50 Jahre alten Ausgabe des "Rößler Heimatboten". Unter der Überschrift "Bischofstein, die Tragödie einer ostpreußischen Stadt" berichtete 1959 ein ungenannter Autor über seine Erlebnisse vom 10. Februar 1945 im Dorf Damerau nahe Bischofstein (heute Bisztynek) in Ostpreußen, etwa 14 Kilometer Luftlinie westlich von Rößel entfernt.

"Noch war der Krieg in Ostpreußen nicht zu Ende", schrieb der Autor, "das entnahmen wir den Nachrichten, die wir mit einem Batterie-Empfänger heimlich hörten, bis die Batterie leer war. Seitdem waren wir von der Welt abgeschnitten. Daß noch gekämpft wurde, konnten wir an dem Artilleriefeuer beobachten, das an den Abenden und in der Nacht in verschiedenen Richtungen hell aufleuchtete. In der Gegend von Heiligenberg und Heiligenbeil wurde heftig gekämpft. 'Germanski kaputt', sagten die Russen, 'Ruski bald in Bärrlin!'.

Und dann nahmen sie eine erbeutete deutsche 'Landkarte' vor und zeigten uns, wie sie sich die Eroberung von Berlin dachten. Auf allerlei schwarzen und gepunkteten Linien fuhren sie hin und her, ließen Panzer und Armeen marschieren und machten 'Hittler kaputt'. Die Landkarte kam uns sehr bekannt vor, es war - ein Schnittmusterbogen! Wir mussten uns das Lachen verbeißen."

Vermutlich war dies "unsere" Landkarte aus der Schleusenstraße gewesen. Wann mögen die Rotarmisten bemerkt haben, dass man mit dieser Karte nur Kleider schneidern konnte?

Im Januar 1945 fürchteten wir noch, dass sie nach der Aufdeckung des Notbetrugs zurückkehren würden, um Rache zu nehmen. Sie kamen nicht.

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