Weltkriegsbeginn Im Morgengrauen verjagt

Als die deutschen Truppen im September 1939 in Polen einfielen, trieb die SS jüdische Familien aus ihren Wohnungen. Josef Königsberg erinnert sich, wie er an diesem Tag geistesgegenwärtig ein paar Habseligkeiten rettete - während seine Mutter vor Schreck erstarrte.

AP

An einem schönen sonnigen Septembertag wollte ich mit meinem Vetter gerade wandern gehen, als sich die Nachricht vom Vormarsch der Deutschen herumsprach. Blitzschnell leerten sich in Katowice die Straßen, die Menschen flohen in ihre Häuser. Aus Angst verriegelten sie Fenster und Eingangstüren. Sollte es bewaffneten Widerstand geben, mussten wir mit Kampfhandlungen rechnen. Besondere Angst hatten wir vor Luftangriffen, denn die Häuser boten keinen Schutz vor Bomben.

Die große Stille, in der wir ängstlich abwarteten, wurde in den Nachmittagsstunden durch lautes Brummen von Motoren jäh unterbrochen. Zum Glück waren das keine deutschen Bomber. Ein Motorrad-Vortrupp sollte erkunden, ob mit Widerstand und vielleicht sogar mit Scharfschützen zu rechnen sei. Einige Minuten später erschienen die ersten deutschen Truppen. Die Kavallerie-Brigade blieb hundert Meter vor unserem Haus stehen, und die Soldaten auf den Pferden schauten sich neugierig um. Scheinbar hatten sie keine bösen Absichten.

Eine mutige Frau verließ ihr Haus, näherte sich der Truppe und fragte in deutscher Sprache, ob sie ihnen Wasser bringen könne. Die Soldaten winkten jedoch ab, offensichtlich hatten sie Angst, vergiftet zu werden. Einige stiegen von den Pferden ab und unterhielten sich mit den ersten Passanten, die couragiert ihre Wohnungen verlassen hatten. Wir atmeten erleichtert auf. Es sah ganz so aus, als ob die Besatzer die Zivilbevölkerung friedlich und korrekt behandeln würden.

"Aufmachen!"

Niemand ahnte im Herbst 1939, dass uns eine schlimme und tragische Zeit bevorstand, in der Millionen Juden, Polen, Russen und Zigeuner durch das unmenschliche Nazi-Regime versklavt und ermordet würden. Obwohl keiner auch nur in seinen schlimmsten Träumen daran dachte, dass die als kultiviert geachteten Deutschen zu derart bestialischen Taten fähig wären, wuchs das Misstrauen in der Bevölkerung von Tag zu Tag. Grund dafür waren Berichte von vereinzelten Übergriffen deutscher Soldaten, die ganze Straßenzüge überfielen und die dort lebende Zivilbevölkerung drangsalierten. Hauptsächlich waren es Männer, die brutal aus ihren Häusern getrieben wurden. Wir fragten uns, was mit ihnen geschehen sollte. Würden sie getötet oder deportiert? Heute wissen wir, dass sie nicht zurückgekehrt sind.

Die Menschen in den besetzten Gebieten waren der Allmacht der Eindringlinge ausgesetzt. Jeder Einzelne entwickelte seine eigene Strategie, um sich zu schützen. Diejenigen, die über genügend finanzielle Mittel verfügten, setzten sich in das noch nicht vom Krieg betroffene Ausland ab. Andere meinten, wenn sie sich nur unauffällig verhielten, würde ihnen schon nichts geschehen. Wie viele Männer in unserer Familie war auch mein Vater der Ansicht, dass die polnische Armee bestimmt rasch zurückschlagen und den Feind außer Landes treiben würde. Bis dahin hielten es die Männer für ratsam, in einem sicheren Versteck abzuwarten. Sie waren sicher, dass Frauen und Kinder verschont würden und ohne Sorge in den Wohnungen bleiben könnten.

Dies sollte sich jedoch als fataler Irrtum erweisen. Einen Vorgeschmack auf die Grausamkeiten, die uns erwarteten, bekamen wir schon bald zu spüren. Mein Vater verbrachte die Nacht in seinem Versteck, und wir Kinder waren mit der Mutter allein zu Hause. Um 6 Uhr morgens wurden wir plötzlich durch einen Tumult im Treppenhaus aus dem Schlaf gerissen. Laute Stimmen, die auf Deutsch Befehle brüllten sowie Schreie und lautes Weinen unserer Nachbarn machten uns Angst. Und dann waren sie auch schon an unserer Wohnung. Zwei SS-Männer donnerten mit ihren Fäusten gegen die Tür und riefen laut: "Aufmachen! Beeilung!" Meine Mutter warf sich hastig ihren Morgenmantel über und öffnete ihnen mit zitternden Händen.

"Ich heiße nicht Sara"

Sofort drangen die Uniformierten ins Zimmer ein: "Binnen zehn Minuten habt ihr alles zusammengepackt! Ein Koffer dürfte für euch reichen. Und ein bisschen plötzlich. Zack-zack!", brüllte einer der SS-Männer. Jeder Widerspruch war sinnlos. Meine Mutter war vor Schreck wie versteinert und stand nur fassungslos da. Ich reagierte schnell und ergriff, was mir in die Hände fiel: Hosen, ein paar Hemden, Unterwäsche und meine Briefmarkensammlung warf ich in einen eilig vom Schrank geholten Koffer. Dann rannte ich atemlos in das Zimmer meiner Mutter, holte einige Kleidungsstücke von ihr und meiner Schwester und packte sie in kürzester Zeit trotz des Verbotes in einen zweiten Koffer. Einer der SS-Männer, der dies bemerkte, zuckte nur mit den Schultern. "Meinetwegen", murmelte er. "Alles andere bleibt ja sowieso hier." In einem unbemerkten Augenblick steckte ich auch einige Schmuckstücke ins Gepäck.

Als einer der SS-Leute zur Toilette ging und der zweite telefonierte, sah ich eine weitere Chance, noch mehr wichtige Gegenstände zu retten. Ich öffnete leise ein Fenster und ließ alles, was ich schnell greifen konnte, in den Hof hinunter. So landeten unter anderem Bettwäsche und einige Töpfe in einem unter unserem Fenster gelegenen Busch. Viel war das nicht, aber immerhin besser als gar nichts. So müssten wir wenigstens nicht auf dem nackten Fußboden schlafen und Mutter hätte für uns Kochgeschirr, dachte ich.

"Na los, Sara, ein bisschen dalli. Beweg dich, sonst verlässt du deine Wohnung mit einem nackten Arsch", brüllte einer der Peiniger, als er von der Toilette kam, meine Mutter ungeduldig an. "Ich heiße nicht Sara, mein Name ist Regina Königsberg", wagte meine Mutter zaghaft anzumerken. "Bei uns heißen alle Jüdinnen Sara", antwortete der SS-Mann mit einem herablassenden Lächeln. Seine kalten Augen sahen meine Mutter verächtlich an.

"Was machen wir jetzt?"

Dieser Morgen sollte unser Leben schlagartig verändern. Wir wurden kurzerhand aus unserer Wohnung getrieben und unseres Hab und Guts beraubt. Da standen wir nun mit ein paar Habseligkeiten auf der Straße - hilflos und verzweifelt. Und es sollte noch schlimmer kommen. Meine Mutter fand aber als Erste ihre Fassung wieder und begann die Sachen aufzusammeln, die ich kurz vorher heimlich aus dem Fenster geworfen hatte. Mit einem dankbaren Blick tätschelte sie mir die Wange und sagte zärtlich: "Mein kluger, mutiger Junge!"

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Meine kleine Schwester weinte leise. Ihr Kopf war tief in ihren Schultern vergraben, das noch ungekämmte halblange Haar verdeckte ihr Gesicht. Von Zeit zu Zeit löste sich eine Träne und fiel schwer auf den nackten kalten Asphalt. Die Kleine tat mir unendlich leid. Ich schlang meine Arme um sie und versuchte, sie zu beruhigen. "Was machen wir jetzt nur?", schluchzte sie. Wiederum war es meine Mutter, die tröstende Worte für uns alle fand. "Zuerst schauen wir uns nach einer neuen Bleibe um. Alles wird wieder gut." Leider sollte sich ihre Zuversicht nicht bewahrheiten.



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