Chaos beim Beatles-Dreh Fab Four am Idiotenhügel

Chaos beim Beatles-Dreh: Fab Four am Idiotenhügel Fotos
Tourismusverband Obertauern

Teatime, Groupies, Schneegestöber: Als die Beatles im März 1965 zu Dreharbeiten nach Österreich kamen, stand die Alpenrepublik Kopf. Erst wurden die Pilzköpfe für Damen gehalten, dann biss Ringo einer Einheimischen in den Finger - und am Ende gaben sie ein Konzert, das bis heute einzigartig blieb. Von

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Der Flughafen Salzburg-Maxglan platzt aus allen Nähten, als am 13. März 1965 um 14.10 Uhr bei Tauwetter eine Maschine der British European Airways auf der Landebahn aufsetzt. Dass gerade kein x-beliebiges Flugzeug gelandet ist, ist schon klar, bevor sich die Tür des Fliegers öffnet und vier Jungs mit eigenartigen Frisuren heraustreten. Auf dem Flughafen herrscht der Ausnahmezustand.

"Yeah, yeah, yeah!", erklingt es synchron aus 5000 Mündern, als Paul McCartney, John Lennon, Ringo Starr und George Harrison auf die Gangway treten. Sie wollen in Österreich Szenen für ihren zweiten Film "Help!" aufnehmen - und werden bereits sehnsüchtig erwartet. Eine Hundertschaft der Polizei ist angerückt, doch die österreichische Ausprägung der "Beatlemania" zeigt sich zivilisiert. Kein Fan verliert das Bewusstsein, und die bereitgestellten Wasserwerfer, werden gar nicht gebraucht.

Ein wenig Tumult gibt es trotzdem. In die Menge hat sich eine kleine Meute Protestler gemischt: Die Schüler einer Mittelschule. Sie wittern, inspiriert durch Vance Packards werbepsychologisches Buch "Die geheimen Verführer", Fremdbestimmung durch die Musiker. Ihnen gruselt es vor der Massenhysterie, die die Fab Four regelmäßig auslösen. Gegen diese Attacke auf ihr Unterbewusstsein wollen sie sich nun zur Wehr setzen: Eine Schülerkapelle versucht mit Blasmusik den Lärm zu dominieren, andere halten Banner hoch: "Beatles go home". Dann hagelt es Schneebälle, die Aufrührer suchen das Weite. "Das hat Salzburg noch nicht gesehen", schreiben die "Salzburger Nachrichten" am nächsten Tag.

Die Beatles werden für Frauen gehalten

Die Pressekonferenz, die die vier Liverpooler kurz nach ihrer Landung im Österreichischen Hof geben, gerät zu einer der dubiosen Selbstinszenierungen. "Was wissen Sie über Mozart?", fragt einer. John Lennon: "Mozart? Wunderbar. Wie geht es ihm?" Oder: "Würden Sie in Österreich auftreten?" "Warum nicht, wenn die Kasse stimmt." "Was würden Sie verlangen?" "Zehn Pfennige", lässt George Harrison wissen.

Die Beatles sind nicht gekommen, um die Öffentlichkeit zu foppen - sie wollen für Dreharbeiten ins kleine Nest Obertauern. Während weibliche Fans in Salzburg noch den schneematschbedeckten Boden küssen, setzen sie sich in einen Bus, der die lawinengefährdete Passstraße hochächzt. Obertauern gilt als schneesicher, in der Nähe gibt es einen See und einen Bahnhof, wie vom Drehbuch gewünscht.


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Zudem erhofft sich Beatles-Manager Brian Epstein, in 1700 Metern Höhe den nervigen Fanmassen entkommen zu können - in einer Zeit, als die Beatles längst Stadien füllen und sich kaum noch unerkannt bewegen können. Tatsächlich scheint die Rechnung zunächst aufzugehen: Viele Einheimische haben bisher nur vage etwas von den vier Engländern gehört. Einer hält die langhaarigen Musiker bei ihrer Ankunft aus der Entfernung betrachtet sogar für "Weiber".

Ein bezahlter Skiunfall

Die erste Klappe zu "Help!", dessen deutschsprachige Fassung später unter dem Titel "Hi-Hi-Hilfe!" vertrieben wird, fällt am nächsten Tag um 9.00 Uhr. Neben den Fab Four und der Crew sind auch vier junge Skilehrer aus Obertauern am Kirchbühellift eingetroffen. Sie werden in den kommenden Tagen die gleichen dunklen Kostüme wie die Liverpooler tragen - und ihnen so zum Verwechseln ähnlich sehen. Es sind die Doubles Herbert Lürzer, Hans Pretscherer, Franz Bogensperger und Gerhard Krings, die McCartney, Starr, Lennon und Harrison in den actionreichen Skiszenen vertreten sollen.

Ihr Einsatz ist dringend nötig, denn die Briten haben sich als blutige Anfänger auf Brettern entpuppt. "Nur John Lennon konnte ein bisschen Ski fahren", sagt Gerhard Krings. Die erfolgsverwöhnten Musiker fallen vor der Kamera weniger durch sportliche Begabung als durch Kaspereien auf. Doch der Handlung der skurrilen Klamotte kommt das sehr entgegen. "Der erste Film war realistisch. Der, den wir jetzt drehen, ist surrealistisch - ein Comic-Strip, der in Bewegung geraten ist", erläutert Regisseur Richard Lester einem Reporter des Wiener "Kuriers". Als "saublöd" werden die Stuntmen Krings und Lürzer die Szenen später beschreiben. "Die Handlung verstehe ich immer noch nicht", sagt Lürzer heute.

Surreal sind auch die Szenen, die sich rund um das Set abspielen. Einmal rast eine deutsche Touristin namens Anneliese Müller in einen Pulk und rammt John Lennon. Ein Unfall? Es geht das Gerücht, Frau Müller habe sich von den zu Dutzenden angereisten Journalisten für den Crash bezahlen lassen. Ein anderes Mal gibt Ringos frisch Vermählte, Maureen Starkey, ihrem neuen Glück einen Kuss - um zu bemerken, dass sie gerade Double Hans Pretscherer knutscht. Und immer wieder unterbrechen die Beatles die Dreharbeiten und rufen zur spontanen Teatime.

Die doppelten Beatles

In den ruhigeren Momenten ziehen sich die vier Musiker mit ihren Frauen auf die Zimmer im Hotel Edelweiß zurück - die Touristen noch heute als "Beatles-Zimmer" buchen können. Nur Paul, der als einziger ohne weibliche Begleitung angereist ist, wird verdächtig oft mit einer hübschen Dame gesehen, die ihm den Skisport näherbringen soll: Gloria Mackh, amtierende Miss Österreich, Skilehrerin und Hotelierstochter aus Obertauern. Schon bald taucht in der Klatschpresse ein Foto auf, das die beiden eng umschlungen zeigt.

Aber nicht jeder der Fab Four zeigt sich so aufgeschlossen gegenüber der lokalen Damenwelt: Als an einem Kneipenabend ein Mädchen versucht, dem Drummer Ringo Starr die Haare zu stutzen, beißt er ihr einfach in den Finger - so will es jedenfalls eine Anekdote, die damals herumgereicht wird.

Von einer denkwürdigen Begebenheit gibt es indes nur noch vage Überlieferungen: Es ist einer der Abende im Hotel Marietta, der Residenz der über 60-köpfigen "Help!"-Crew. "Da haben sie dann gespielt, vor vielleicht hundert Leuten", erinnert sich Lürzer. Der Regieassistent Clive Reed feiert an jenem Abend seinen Geburtstag. Die eine oder andere Einlage haben sich die Fab Four schon an den Vorabenden nicht nehmen lassen, doch dieses Mal gerät alles aus den Fugen. "Ich hatte noch nie so viele geöffnete Whiskey-Flaschen gesehen", so Lürzer.

Der Saal platzt aus allen Nähten

Gegen ein Uhr nachts stürmen die Pilzköpfe die Bühne, auf der zuvor die Hotelband geklimpert hat. Erst mit Coverversionen von Klassikern wie "Summertime" oder "Fly Me to the Moon", später mit ihren eigenen Hits bringen sie die Hotelbar Schistall zum Brodeln. Einige Erholung suchende Hotelgäste beschweren sich im Nachthemd an der Rezeption wegen Ruhestörung, doch der Hotelbetreiber schafft es nicht einmal mehr, sich in die vor Zuschauern berstende Bar hineinzuquetschen. Schließlich gibt die Musikanlage ihren Geist auf. Die Bilanz: gerissene Klaviersaiten, geplatzte Schlagzeugfelle - und ein Abend, auf den Obertauern noch heute stolz ist.

Die Geburtstagsparty in dem Alpennest geht als einziges Österreich-Konzert der Beatles in die Geschichte ein. 1965 führt das Beatles-Management zwar noch Verhandlungen über offizielle Auftritte in Wien. Doch sie platzen - wohl wegen Unstimmigkeiten über die Gage.

Gemeinsam kehren sie nur auf der Leinwand zurück, als "Hi-Hi-Hilfe!" am 7. Januar 1966 im Wiener Kosmos-Kino Österreich-Premiere feiert. Doch mit der Stimmung an jenem denkwürdigen Abend in der Hotelbar "Schistall" kann die nicht mithalten.

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1.
Thomas Gruender 07.03.2013
leider gibt es keine dvd-veroeffentlichung der deutschen syncronisation, oder doch? diese war zwar ein wenig zotig, aber gehoert doich zu meinen kindheitserinnerungen, und glaub ich vom zdf produziert...
2.
Eugen Gregor Fluge 08.03.2013
Vor dem freudigen Beatles-Ereignis gab es ein sehr trauriges Ereignis: Am 2. März 1965 riss eine Lawine zwischen Untertauern und Obertauern einen Bus mit, der mit skandinavischen Jugendlichen besetzt war. 13 Menschen fanden den Tod.
3.
Fred Thurner 11.03.2013
Hi, ich war dabei 1965! Ich bin mit Paul am Tisch gesessen und haben geplaudert. Meiner Begleiterin aus Berlin, mit einem Gipsbein, hat Paul eine Blume gezeichnet mit Autogramm. Ich bin überzeugt der Gips steht heute noch irgendwo in Berlin. War eine tolle Zeit, sie so nahe mit den Beatles zu verbringen - da haben mich viel beneidet.
4.
Ingo Röllig 11.03.2013
>Vor dem freudigen Beatles-Ereignis gab es ein sehr trauriges Ereignis: >Am 2. März 1965 riss eine Lawine zwischen Untertauern und Obertauern einen Bus mit, der mit skandinavischen Jugendlichen besetzt war. 13 Menschen fanden den Tod. Verzeihung. Aber dieses traurige Ereignis steht in keinem kausalen Zusammenhang mit den Dreharbeiten zu diesem Film.
5.
Ingo Röllig 11.03.2013
>leider gibt es keine dvd-veroeffentlichung der deutschen syncronisation, oder doch? >diese war zwar ein wenig zotig, aber gehoert doich zu meinen kindheitserinnerungen, und glaub ich vom zdf produziert... Ich kenne nur diese eine Synchro. Die hat es aber auch in sich ;-)
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