Kuriose Schnappschüsse Woher kommt der Bär?

Eisbären am Strand, auf dem Motorrad, mit Wehrmachtsoldaten: Jahrzehntelang sammelte ein Franzose Hunderte historische Fotos von Deutschen in Eisbärkostümen. Auf der Spur eines seltsamen Trends.

Jean-Marie Donat

Von


20 Jahre war Jean-Marie Donat alt, als er sich 1982 in seinen ersten Eisbären verguckte. Natürlich in Paris, der Stadt der Liebe.

Er traf damals seinen guten Freund Harald, einen 30-jährigen Deutschen, der als Barmann in Paris jobbte. Die beiden mochten es, in ihrer Freizeit in alten Fotoalben zu schmökern. Voyeure der Vergangenheit, die sich durch die Bilder ihrer älteren Verwandtschaft blätterten. Dann geschah es.

Im Album von Haralds Onkel entdeckte Jean-Marie das alte Schwarzweißfoto eines Menschen in einem Eisbärenkostüm. Der Eisbär bleckte seine beeindruckend langen Kunst-Eckzähne und legte einem gut gekleideten Mann in Anzug freundlich seine riesige Pranke auf die Schulter. "Ich war sofort fasziniert", erinnert sich Donat im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Das Ganze wirkte unglaublich surrealistisch. So etwas hatte ich noch nie gesehen."

Der Franzose wollte dieses Bild unbedingt haben. Sein Kumpel Harald wiederum hatte sich im Fotoalbum von Jean-Maries Onkel in eine Aufnahme verliebt, die einen Mann beim Schießen auf einem Rummel zeigte. So tauschten die beiden. Bild des einen Onkels gegen Bild des anderen Onkels. Eisbär gegen Schießstand. Eine irgendwie sehr besondere deutsch-französische Beziehung.

Jean-Marie Donat

Den Kontakt zu seinem Freund Harald hat Jean-Marie Donat längst verloren, seit der Deutsche in seine Heimat zurückgekehrt ist. Den Eisbären aber ist der 53-Jährige bis heute treu geblieben - und folgte ihnen sogar bis nach Deutschland, wo er zu seinem Erstaunen Hunderte ähnliche Motive fand: Urlauber, Paare, Soldaten, Polizisten, Kinder, die vor Jahrzehnten überall im Land mit Menschen in schneeweißen, zotteligen Kostümen für die Kamera posiert hatten. Sein Lieblingsbild ist das eines Eisbären, der mit einer Frau zärtlich zu tanzen scheint. "Die beiden sehen aus, als wären sie ein Liebespaar", sagt Donat, "das fand ich sehr berührend."

300 historische Fotos von Menschen in Eisbärkostümen hat Jean-Marie Donat bis heute gesammelt und daraus jetzt in seinem eigenen Kunstverlag "Innocences" den Bildband "TeddyBär" gemacht. 100 der Aufnahmen sind zudem derzeit auf einem Foto-Festival im südfranzösischen Arles zu sehen.

Inzwischen hat der Franzose so viele Eisbär-Bilder, dass er manchmal nachts von ihnen träumt. Eisbären am Strand. Eisbären auf dem Motorrad. Eisbären mit Wehrmachtsoffizieren. Eisbären mit US-Soldaten nach dem Krieg. Ein Terrorregime stürzte, Befreier kamen, die fröhlichen Eisbären-Menschen aber blieben. "Ich war zutiefst erstaunt. Das Ganze ist ein großes Rätsel."

Jean-Marie Donat

Die Bilder stammen anscheinend alle aus Deutschland. Dort zumindest hat Donat sie über Jahrzehnte auf Flohmärkten zusammengekauft. Er glaubt sogar, 30 verschiedene Eisbärenkostüme identifiziert zu haben. In seiner Heimat Frankreich dagegen fand er keine einzige solche Aufnahme. Hatte er also zufällig jenseits des Rheins einen längst vergessenen Brauch entdeckt? Deutschland, ein Volk der Eisbären-Liebhaber - und das eine Ewigkeit vor der Knut-Hysterie?

Zumindest ein paar Spuren gibt es: So verrät etwa die Kleidung der Fotografierten etwas über den Zeitraum der Aufnahmen. Manche Aufnahmen sind schon in Farbe. Donats Einschätzung nach wurden die Fotos alle zwischen 1920 und Anfang der Sechzigerjahre gemacht. Nur in Einzelfällen lassen sie sich genau datieren: Auf einem Bild etwa posiert ein Eisbär neben einem Schild, das auf das Oktoberfest 1962 verweist. Auf einer anderen Aufnahme hält der Eisbär eine Tafel mit der Aufschrift "Industrie-Ausstellung Berlin 1950".

Immer wieder hörte Donat, wenn er in Deutschland alten Bildern hinterherjagte, eine Geschichte, die das Rätsel erklären könnte: Im Berliner Zoo habe es Anfang der Zwanzigerjahre zwei Eisbären gegeben, die schnell immens populär geworden seien. Der Zoo habe deshalb Angestellte in Eisbärenkostüme gesteckt, um am Eingang mit Zoobesuchern zu posieren - die diese Fotos dann kaufen konnten. Das sei so erfolgreich gewesen, dass bald überall auf Jahrmärkten und Volksfesten professionelle Fotoateliers das Prinzip imitierten. Nach und nach seien dann die Eisbären-Menschen im ganzen Land beliebt geworden.

Wahrheit oder Legende? Donat weiß es selbst nicht. Er liebe es aber, "wenn manche Dinge ein Mysterium bleiben".

Jean-Marie Donat

Ernsthaft untersucht hat das Phänomen bisher nur der Kulturhistoriker Michael Schimek. 2011 schrieb er den Fachaufsatz "Der Foto-Eisbär - ein ungewöhnlicher Erinnerungsträger an schöne Augenblicke". 167 Fotos hat er für seine Forschung gesammelt. Auch er konnte nur selten Ort und Zeit eindeutig zuordnen. Schimeks Meinung nach begann der Trend aber nicht in Berlin, sondern Anfang der Dreißigerjahre in deutschen Bade- und Kurorten.

Drei bis fünf Mark habe damals den Urlauber ein Fotoshooting mit einem Eisbären gekostet. Das Geschäft boomte, so berichtete etwa das Fotostudio "Carl Bitterling" auf Rügen, dessen Foto-Bär den schönen Namen "Susi" trug. Die sonst so sparsamen Deutschen waren auf Reisen gern bereit, den stolzen Preis für ein kurioses Urlaubssouvenir zu bezahlen. Erst Mitte der Sechzigerjahre flaute das Geschäft langsam ab - womöglich, weil inzwischen viele Deutsche eigene Kameras besaßen und nicht mehr bereit waren, viel Geld für einen schrägen Schnappschuss zu bezahlen.

Warum aber ausgerechnet der Eisbär als Fotomotiv so populär wurde, kann auch Schimek "angesichts der Quellenlage" nicht beantworten. War es das exotische Aussehen? Oder die Ähnlichkeit zum beliebten Teddy? Fest steht für den Forscher jedenfalls, dass Menschen, die in Mickey-Mouse-Kostüme schlüpften oder als Gestiefelte Kater auftraten "weit weniger erfolgreich" waren als die "Eisbären".

Bei allen offenen Fragen ist zumindest eine Sache ist sicher: Die eisbärverrückten Deutschen haben in Frankreich nun einen Seelenverwandten gefunden. Zur Eröffnung seiner Fotoausstellung in Arles Anfang Juli hatte Jean-Marie Donat selbst ein Eisbärenkostüm mitgebracht. Dass er die flauschige Verkleidung am Ende doch nicht anzog, hatte einen trivialen Grund: Draußen brannte die Sonne bei 36 Grad.


Jean-Marie Donat präsentiert seine Bilder unter dem Titel "Vernaculaire!" noch bis zum 20. September im südfranzösischen Arles auf der Ausstellung "Les Rencontres de la Photographie".

Anzeige



insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Josef Georg Brecht, 27.07.2015
1. Das Original des Foto-Eisbären
kenne ich aus Titisee im Schwarzwald, wo schon seit den 50er-Jahren auch mengenweise französische Touristen verkehrt haben. Natürlich habe ich auch eine solche Fotografie, die mich mit einigem Respekt vor dem Eisbären zeigt - man weiß ja nicht, wer oder was sich unter dem Fell versteckt ;-)
Helge Nielsen, 27.07.2015
2. Foto mit Eisbär
als ich mit meinen Eltern 1957 im Harz war, besuchten wir auch die Edertalsperre. Dort wurden Fotos mit einem Eisbär gemacht. Bei mir (6 Jahre) klappte das nicht, weil ich geweint und Angst gehabt hätte. Und das von einem deutschen Jungen. Geht gar nicht. Also kein Bild.
Volker Eschen, 27.07.2015
3. Ist doch klar
Der Eisbär ist nun einmal das sympathischste von allen Säugetieren.
Thorsten Werner, 27.07.2015
4. Darmstädter Heinerfest
Beim Darmstädter Heinerfest, gab es auch in den 50'er und 60'er Jahren einen Eisbären der auf vielen Bildern zu sehen ist. Z. B. http://www.darmstaedterheinerfest.de/galerie/album/historisches-heinerfest Wiklich wissen welche bedeutung der Eisbär hat, hat hier auch niemand mehr. Aber das Kostüm wurde vor kuzem wieder endeckt, glaube ich gehört zu haben.
Karin Möller, 29.07.2015
5. Ich glaube,
ich weiß, welchen Bildband ich mir zum Geburtstag wünschen werde.... :-) Ich kann die Faszination des Sammlers direkt nachvollziehen. Vielen Dank auch an spon, dass Sie soviele Bilder veröffentlicht haben. Ich habe die Fotoreihe sehr genossen und den Link zur Seite schon weitergeschickt, weil er so schön ist.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.