Lokomotiv-Duell Der Crash von Crush

Dieser Frontalzusammenstoß war die Attraktion von 1896: In der Prärie von Texas wollten Zehntausende erleben, wie zwei 40-Tonnen-Loks mit Volldampf ineinander rasen - das Spektakel endete in einem Debakel.

INTERFOTO

Von Stefan Wagner


Es ist eine Stadt, gebaut für einen Tag: mit zwei Telegrafenbüros, Restaurants, Musikbühnen, Getränke- und Volksfestbuden, Dutzenden Tribünen, Polizeistation nebst Gefängnis. 150 Kilometer südlich von Dallas bohren im Spätsommer 1896 rund 500 Arbeiter mehrere Brunnen, legen sechs Kilometer Gleise und errichten einen Bahnhof mit 700 Meter langem Bahnsteig. Auf große Schilder malen sie den Namen des neuen Ortes inmitten der Prärie: Crush, Texas.

So heißt der Namensgeber tatsächlich - William George Crush. Er ist Eisenbahnmanager für die Missouri, Kansas & Texas Railway Company (Spitzname "Katy"), die 1895 in Schwierigkeiten ist. Wachsende Konkurrenz und die Wirtschaftskrise von 1893 ließen die Fahrkartenverkäufe einbrechen; ein Viertel der US-Bahngesellschaften musste in den zwei Jahren zuvor bereits Konkurs anmelden. Crush gerät unter Druck für Ideen, wie "Katy" mehr Tickets verkaufen kann.

Schon länger hat der Manager die morbide Faszination von schweren Zugunglücken beobachtet. Zu dieser Zeit sind die häufigen Zugunfälle die schwersten von Menschen hervorgerufenen Katastrophen. Boulevardblätter schockieren mit detailreichen, blutrünstigen Schilderungen die sensationsgierigen Massen.

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Loks im Duell: Crash der Stahlkolosse - Nummer 999 trifft 1001

Crush entwickelt einen Plan: Zwei Züge sollen mit vollem Tempo vor Publikum ineinander rasen. Die Katy-Chefs lehnen zunächst ab - zu verrückt, zu gefährlich, zu teuer. Crush widerlegt die Bedenken. Das Unternehmen ersetzt gerade ohnehin die alten 40-Tonnen-Loks durch stärkere 60-Tonner. Warum also nicht die alten Lokomotiven nehmen, ein paar ausrangierte Waggons dranhängen und dann Tickets an alle verkaufen, die den "Monster Crash" sehen wollen?

"Stählerne Gladiatoren": Grün gegen Rot

Ein Jahr vorher hatten die Zeitungen über ein ähnliches Event in Ohio berichtet: "das realistischste und teuerste Spektakel, das je für die Unterhaltung eines amerikanischen Publikums produziert wurde". Die Ingenieure in Texas äußern keine Sicherheitsbedenken, die Katy-Bahnchefs sind vom PR-Effekt überzeugt. Sie beschließen das Crash-Projekt.

Kurz nach Sonnenaufgang erreichen Crush am 15. September 1896 die ersten der 33 Sonderzüge, so überfüllt, dass Passagiere auf den Dächern sitzen. Tausende kommen zu Fuß, per Pferd, mit Kutschen. Am Nachmittag stehen mehr als 40.000, vielleicht 50.000 Menschen auf dem sanft abfallenden Terrain, einer Art natürlichem Amphitheater, unten verlaufen die frisch verlegten Gleise.

Für ein paar Stunden ist Crush die zweitgrößte Stadt von Texas. Die Werbekampagne hatte Erfolg, wochenlang fuhren die für den Zusammenstoß vorgesehenen Lokomotiven Nr. 999 und Nr. 1001 durchs Land. Volksmengen bestaunten die "stählernen Gladiatoren", einer leuchtend grün, der andere knallrot - und alle wollen das spektakuläre Ende der Eisenmonster erleben.

Nun also: Volksfest. Quacksalber preisen Mittelchen an, Spiele amüsieren Familien, Politiker halten Reden, Kapellen beschallen die Menschen. Viele haben Alkohol aufs Gelände geschmuggelt, die 200 angeheuerten Sicherheitsleute haben gut zu tun. Jubel brandet auf, als um 15 Uhr die beiden Lokomotiven vorfahren. Jede zieht ein halbes Dutzend Güterwaggons mit Werbeplakaten - für den Ringling Brothers Circus, das Oriental Hotel in Dallas oder den Texas State Fair.

Die Menschen drängeln, alle wollen die Kolosse noch einmal berühren. Sie weichen erst zurück, als William Crush droht, das Spektakel abzusagen. Um 16 Uhr, jetzt soll der Zusammenstoß eigentlich stattfinden, kommen noch immer vollbesetzte Züge an. Der Start verschiebt sich, die Spannung steigt, die 40-Tonner zuckeln im Schritttempo an ihre Startpunkte.

Verrechnet - beide Kessel explodieren

Endlich erscheint um 17:10 Uhr Impresario William Crush auf einem Schimmel. Totenstille, leichter Wind. Crush hebt seinen Hut. Hält ihn quälend lange oben. Reißt ihn nach unten. Das Startzeichen. Telegrafisten senden die Nachricht an die Lokführer. Die öffnen, drei Kilometer vom geplanten Ort des Zusammenstoßes, die Drosseln. Stampfend setzen sich die Züge in Bewegung, die Lokführer springen ab.

"Das Donnern der Züge war wie das anschwellende Geräusch eines Zyklons", schrieb die "Dallas Morning News", "sie näherten sich rasch, begleitet von schrillem Pfeifen und den immer lauter werdenden knatternden Schüssen kleiner Knallkörper, die die Arbeiter auf die Schienen gelegt hatten, um den Effekt zu verstärken".

Dann die Sekunde, auf die alle so lange gewartet haben: Mit etwa 90 Stundenkilometern treffen die rasenden Maschinen am berechneten Ort aufeinander, hundert Meter von den Zuschauermassen entfernt. "Wörter und 'kodacs' (Fotografien) sind machtlos, wenn es darum geht, den Moment zu beschreiben, in denen die eisernen Monster ineinander krachten", schrieb die Zeitung "The Ferris Wheel". Dann: "Ein gewaltiger Krach, ein Schauer von Splittern. Es gab einen Augenblick der Stille, bevor, wie von einem einzigen Impuls ausgelöst, beide Kessel gleichzeitig explodierten."

Crushs Ingenieure haben sich verrechnet. Statt sich beim Frontalaufprall aufzustellen, wie zuvor bei Zusammenstößen, bohren sich die beiden Loks ineinander. Beide Heißwasserkessel zerreißt es in einer gigantischen Explosion. "Die Luft wurde erfüllt von fliegenden Geschossen aus Stahl", berichtete die "Dallas Morning News", "manche so groß wie eine Briefmarke, andere von der Größe eines halben Antriebsrades. Teile, die dann herabregneten auf die Gerechten und die Ungerechten, auf die Reichen und die Armen, auf die Kleinen und die Großen".

"Alle losen Schrauben aus meinem Kopf entfernt"

Die "schwarzen Wolken todbringenden Eisenhagels" töten drei Menschen und verletzen Dutzende schwer. Ein Eisenbolzen bohrt sich durch das rechte Auge des offiziell bestellten Fotografen Jervis C. Deane (von dem die wichtigsten Bilder in der Fotostrecke stammen) und bleibt in seinem Kopf stecken. Wie durch ein Wunder überlebt Deane. Über ihn wird berichtet, dass er nach der Explosion wieder aufstand, den Staub vom Jackett klopfte und "fortfuhr, seinen beiden Brüdern bei der Erstellung weiterer Fotografien zu helfen". Dutzende weitere Menschen verletzen sich, als sie auf Souvenirjagd in den glühend heißen Lokomotivwracks herumklettern.

Die Katy-Bahnbosse feuern William Crush sofort. Ihr Publicity-Coup - ein Debakel. Ihr Versuch, Fahrgäste zu gewinnen - ein mörderischer Flop. Ihre Sensation - eine Katastrophe!

Trotz der Toten und Verletzten berichten die Zeitungen verblüffend positiv. "Ein riesiger Erfolg", so "The Ferris Wheel". Die "Dallas Morning News" schwadroniert über "die Vergänglichkeit, die man beim Anblick des rauchenden Haufens" spüre, erwähnt aber vor allem, mit welchem Genuss 1500 Bürger von Dallas dem Spektakel beigewohnt hätten. Ragtime-Komponist Scott Joplin, der vermutlich unter den Augenzeugen war, komponierte unter diesen Eindrücken seinen "Great Crush Collision March".

William Crush wird gleich am Tag nach der Katastrophe wieder eingestellt und veranstaltet nie wieder Zug-Zusammenstöße, bleibt aber bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1940 im Dienst der Katy-Bahn. Das Unternehmen wird mit dem Publicity-Stunt berühmt - viele Texaner wollen fortan mit der Linie fahren, die so mutig ist, ihre eigenen Züge publikumswirksam zu schrotten.

Ohne viel Tamtam zahlt die Eisenbahngesellschaft den Hinterbliebenen und Verletzten des Unfalls hohen Schadensersatz. Fotograf Jervis Deane bekommt 10.000 Dollar plus "Gratis-Lifetime-Zugticket", damit darf er lebenslang auf den Katy-Strecken reisen. Nach seiner Kopfoperation annonciert der Lichtbildner in der Lokalzeitung: "Nachdem alle losen Schrauben und Eisenwaren aus meinem Kopf entfernt worden sind, freue ich mich mitteilen zu können, dass mein Fotografen-Atelier nun wieder geöffnet ist."

insgesamt 17 Beiträge
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Hendrik Schneider, 27.11.2017
1. Fotostrecke...
Das zweite Bild hat mit dem im Artikel beschriebenen Text gar nichts zu tun. Dieses Foto ist entstanden als sich die beiden Trassen beim Bau der Transkontinentalen Eisenbahn von Ost und West in Utah begegneten. Das Bild ist sehr bekannt und bspw. auch auf der Wikipedia Seite zu sehen. Die Verwendung hier ist ein weiteres gutes Beispiel für die miese Qualität der EinesTages-Rubrik bei Spiegel Online.
Jo Emich, 27.11.2017
2. @ #2
Ja stimmt. Und steht auch genau so in der Bildunterschrift. Also nix miese Qualität, sondern Hauptsache erstmal gemeckert.
Marcel Lindner, 27.11.2017
3.
Murica! Hat sich in den vergangenen 120 Jahren nicht geändert...
Hermann Gaul, 27.11.2017
4. und die Lokführer?
Würde mich mal interessieren, wie die weg gekommen sind?
Stephan Lohde, 27.11.2017
5. Das ist nicht euer Ernst?
Nicht nur Bilder anschauen, auch lesen! Unter dem 2. Photo steht doch geschrieben, wo es entstanden ist! Und im Text steht, dass die Zugführer abgesprungen sind, kurz nachdem die Züge losgefahren sind!! Was ist denn los mit euch?
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