Elefantenstar Hattie Das Vier-Tonnen-It-Girl

Elefantenstar Hattie: Das Vier-Tonnen-It-Girl Fotos

Dick im Geschäft: Die Elefantenkuh Hattie war Anfang des 20. Jahrhunderts der größte Star des New Yorker Zoos. Der hochbegabte Dickhäuter spielte Mundharmonika, tanzte Walzer und ließ Schauspieler vor Neid erblassen. 1922 wurde das Tier plötzlich krank - und der ganze Big Apple hielt den Atem an. Von

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Jewell war untröstlich. Mit großer Sorge beobachtete sie, wie ihre Freundin vom Arzt behandelt wurde. Bereits seit mehr als einer Woche konnte Hattie ihre Beine nicht mehr bewegen. Dr. H. F. Nimphius hatte seine Patientin auf eine strenge Kleiediät gesetzt und Bäder verordnet. Gegen die Schmerzen verabreichte er ihr Whiskey, einen Liter jeden morgen, einen weiteren zur Nachtruhe.

Aber es wollte einfach nicht besser werden. Hattie hatte bereits 400 Pfund Gewicht verloren. Seit Tagen schon konnte sie nicht mehr aufstehen. Ganz New York bangte um das Wohl seines Stars und las begierig Tag für Tag das Neueste über Hatties Gesundheitszustand in der "New York Times". Da geschah das Unglück: "Plötzlich", so berichtete die New Yorker Tageszeitung am 20. November 1922 erschüttert, "ließ ein Krampf von der Rüsselspitze ausgehend ihren gesamten Körper erzittern." Einen schwachen Versuch habe sie noch unternommen, ein letztes Todestrompeten auszustoßen. Dann war es vorbei. Der berühmteste Elefant Amerikas war tot.

Die leidenschaftliche Zuneigung der New Yorker zu dem Dickhäuter begann bereits 1903, wenige Monate, nachdem Carl Hagenbeck die damals vermutlich drei Jahre alte Elefantendame an den New Yorker Zoo verkauft hatte. Denn Hattie war nicht einfach irgendein Elefant. Das stellte ihr Trainer William Snyder, den alle Bill nannten, von Anfang an fest: "Hattie liegt mir sehr am Herzen", schwärmte er, "sie ist das interessanteste Tier, das wir jemals hatten. Warum? Ich kann gar nicht aufzählen, was sie alles gelernt hat. Und das in weniger als einem Jahr!"

Snyder sprach aus Erfahrung. Denn bevor er sich der Dressur von Hattie widmete, hatte er jahrelang die berühmten Elefanten des Zirkus Barnum & Bailey trainiert. Manche Elefanten, so der berühmte Dompteur, bräuchten Jahre, allein um zu lernen, die unterschiedlichen Betonungen in der menschlichen Stimme zu erkennen, etwa um eine Frage von einem Kommando zu unterscheiden. Hattie hingegen habe das schon nach weniger als einem Monat begriffen.

Und die Tricks, die Hattie beherrschte, beeindruckten Kinder ebenso wie die Presse: In ihrer Show tanzte Hattie den Walzer auf den Hinterbeinen und spielte selbst Mundharmonika dazu, stellte sich tot, gab Snyder die Hand oder imitierte ein Baby, indem sie auf Knien über den Boden krabbelte und mit ihrem Trompeten den Ruf "Mama, Mammmaaa!" nachahmte.

"Hattie wollte einfach lernen"

Der Reporter der "New York Times" konnte sich bei dieser Darbietung kaum halten. "Hattie ist so neu", floss es ihm 1904 aus der Feder, "so jung, so wundervoll; sie ist so freundlich, ihre Haut und ihr Wuchs sind so schön und insgesamt so unelefantös, dass sich ihre Berühmtheit im Nu bis in den letzten Winkel dieser Metropole verbreitet hat." Sie ziehe so große Besuchermengen an, dass selbst Leslie Carter oder Lily Langtry grün vor Neid werden müssten.

Ganz so wohl gewachsen wie die beiden Schauspielerinnen war Hattie dann wohl doch nicht. Aber auch sie hatte ein Schönheitsrezept: Einmal im Monat wurde der Elefant von der Rüsselspitze bis zum Schwanz mit Öl gepflegt. Dies, so die "New York Times", sei einer der Gründe für ihren ungewöhnlich glänzenden Teint, der für ihre "unabscheuliche" Erscheinung sorge. Und das sei "ganz und gar ungewöhnlich für Elefanten".

Auch ihr Trainer Snyder schien sich dem Charme des Wunderelefanten nicht entziehen zu können: "Wenn Hattie eine Frau wäre", sinnierte er, "wäre sie eine von diesen süßen, lächelnden Kammerzofen, wie man sie aus dem Varieté kennt - oder sie wäre die cleverste Lady im Zirkusring."

So stolz war Snyder auf seine beste Schülerin, dass er sie in den Shows fragte: "Habe ich dich jemals geschlagen, Hattie?" Worauf der Dickhäuter zur Freude der Kinder mit einem Aufschrei der Empörung antwortete und heftig den Kopf schüttelte. So unterschied der Profidompteur im Interview ganz offen zwischen Hattie und seinen bisherigen Schülern und behauptete: "Bei den meisten Elefanten ist das Lernen von Tricks eine Frage von Zeit und davon, wie man die Kunststücke in sie hineinprügelt. Doch Hattie wollte einfach lernen."

Zwei Laster, zwei Kräne und 20 Helfer

Auch James Coyle, der Direktor des New Yorker Zoos, war begeistert. Hattie sei kurz davor, der wertvollste Elefant der Welt zu werden. Carl Hagenbeck bot im Jahr nach dem Verkauf plötzlich die vielfache Summe, um den talentierten Dickhäuter nach Hamburg zurückzuholen.

Am Ende ihres Lebens jedoch war die wissbegierige Hattie ein trauriger Anblick, der die Bewohner des Big Apple erschütterte. Fünf Tage vor ihrem Tod brach die Elefantendame in ihrem Gehege zusammen und konnte sich nicht mehr bewegen. Weil das tonnenschwere Tier nicht einfach transportiert werden konnte und damit Hattie sich nicht auch noch erkältete, veranlasste der Tierpfleger James O'Rourke, ihr aus siebzig Ballen Stroh ein Bett zu bauen.

Erst nach drei Nächten im Freien gelang es, Hattie zurück in ihren Stall zu schaffen. Dazu brauchte es zwei Laster, zwei Kräne und 20 Helfer. Vor der Prozedur wurden Hattie vier Liter Whiskey gegeben, um ihre Schmerzen zu betäuben.

Es sollte das letzte Mal sein, dass Hattie den Himmel sah. Die größte Attraktion des New Yorker Zoos starb am 18. November 1922. Doch die Öffentlichkeit erfuhr erst mit zwei Tagen Verzögerung von Hatties Tod, Direktor Coyle wollte erst den Leichnam seines Stars wegschaffen.

Er hatte Angst, dass Scharen von Kindern zu Hatties Gehege stürmen und beim Anblick ihres toten Lieblings in Tränen ausbrechen würden.

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Britta Be 20.11.2012
Leider werden heutzutage Elefanten auch noch auf ziemlich qualvolle Weise trainiert und dressiert. Elefantenhaken gibt es noch immer, zudem muss v.a. bei aus freier Wildbahn eingefangenen Elefanten erst der Wille gebrochen werden. Dies geschieht durch Festbinden und daraus resultierende Bewegungsunfähigkeit über mehrere Tage, Lärm (Elefanten sind lärmempfindlich) sowie Hungern. Das sollte sich jeder bewusst machen, der einen Zirkus besucht oder im Urlaub auf Elefanten reitet! Elefanten wie Hattie, die entgegen ihrer Natur gerne Kunststücke vollführen, gibt es wohl eher selten.
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