Elefanten in Berlin Die Tragik der Dicken

Elefanten in Berlin: Die Tragik der Dicken Fotos
Scherf, Archiv Tierpark

Sie mussten Besucheranstürme, Bombenhagel und Besenspiele überstehen: Seit 150 Jahren wohnt eine Elefantensippe mitten in Berlin. Im Unterschied zu Eisbären und Steinläusen hatten es die Rüsseltiere mit den Zweibeinern nie leicht - umgekehrt aber auch nicht. Von

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Das Tier an sich ist unberechenbar. Das wusste schon Professor Dr. Bernhard Grzimek. Selbst bei der Steinlaus, die für das menschliche Auge kaum sichtbar ist, konnte man immer mit Überraschungen rechnen. Wie sehr muss das erst für den Elephas maximus bengalensis gelten.

Gerade war der Direktor des Zoologischen Gartens Berlin, Dr. Bernhard Blaszkiewitz, am Donnerstag dieser Woche dabei, die Unterschiede zwischen dem Asiatischen und dem Afrikanischen Elefanten zu erläutern, da passierte es: In einer Lautstärke von geschätzten sechzig Dezibel platterte ein faustdicker Strahl unüberhörbar auf den Steinboden im Elefantenhaus. Etwa eine Minute lang erleichterte sich ein beeindruckendes Exemplar des größten Landsäugetiers der Welt, von einem zusätzlichen Doppelschlag anderer Konsistenz und Herkunft abgeschlossen.

Selten erlebt man derart kreatürlich ungezwungene Verhaltensweisen bei einer Pressekonferenz, auf der ein neues Buch vorgestellt wird. Doch Natur ist überall schön, sagt Loriot, und der Zwischenfall passte zum Thema: Es ist genau 150 Jahre her, dass der erste Elefant das Berliner Zoo-Gelände betrat und sich gleich häuslich einrichtete. Er hieß "Boy" und kam im Spätsommer 1857 von der Menagerie Liphard in den Berliner Zoo, der selbst erst am 1. August 1844 eröffnet worden war.

Zwei Groschen für "Abul Abaz"

Allerdings wurde der erste Elefant, der überhaupt Berliner Boden betrat, schon am 21. Dezember 1689 der Öffentlichkeit vorgestellt. Für zwei Groschen konnte man ihn auf dem Neuen Markt besichtigen. Der allererste "deutsche" Elefant jedoch war ein Geschenk des Kalifen von Bagdad gewesen. Harun Al Raschid übergab ihn am 20. Juli 802 Kaiser Karl dem Großen in Aachen. Er hieß "Abul Abaz".

"Boy" war ein einfacher Zirkuselefant, damals etwa neun Jahre alt und 2,50 Meter groß. Wahrscheinlich stammte er aus Ceylon, dem heutigen Sri Lanka. Im Laufe der Jahre wuchs er auf eine stattliche Höhe von 3,30 Metern heran.

Möglicherweise hat ihn die riesige körperliche Überlegenheit gegenüber seinem Pfleger, den man auf einer alten Zeichnung mit einem Strohbesen auf Boys Rücken tüchtig Dreck fegen sieht, allzu übermütig gemacht. Wie auch immer: Am 3. Februar 1867 tötete Boy seinen Wärter Schmidt. Auch nach dem Umzug in die neue, prächtige Pagode asiatischen Stils blieb er nicht immer friedlich. Aber der Elefant ist auch keine Steinlaus, die höchstens mal einen Zementboden anknabbert.

Immer wieder kommen Elefantenpfleger zu Tode. Nach 22-jähriger Haltung starb Boy schließlich am 18. Juli 1879.

"Siam" im Bombenhagel

In seinem mit wunderbaren Schwarzweiß-Fotografien reichhaltig bebilderten Band schildert Zoodirektor Blaszkiewitz die Geschichte der Elefanten in Berlin. Es ist nicht nur ein Panorama für Elefantenliebhaber, sondern auch eine Zeitreise in die Vergangenheit, bei der sich Natur, Kultur und Politik nicht wirklich trennen lassen. So überlebte beim Bombenangriff auf den Zoo im November 1943 nur ein einziger Elefant die alliierten Luftangriffe. Es war der indische Elefantenbulle "Siam", der zuvor beim Zirkus "Krone" aufgetreten war.

Die Pagode war zerstört, aber nach der schnellen Wiedereröffnung des Zoos schon im Sommer 1945 präsentierte sich Siam gleich wieder mit erhobenem Rüssel und ragenden Stoßzähnen seinen zahlreichen Bewunderern. Deutlich sieht man auf der alten Fotografie russische Elefanten-Fans in Uniform. Gerade hatten sie die Nazis besiegt und die rote Fahne auf dem Reichstag gehisst, nun brauchten auch Offiziere und einfache Soldaten ein bisschen Abwechslung.

Es lohnt aber auch ein Blick auf die Wärter im Wandel der Zeiten. Stolz präsentiert 1881 ein Pfleger mit Vollbart und Dienstmütze "seine" beiden Elefantenbullen "Omar" und "Rostom" aus Hindustan, die ursprünglich der Prince of Wales, später König Edward VII., erworben hatte.

Kurzes Leben: "Toni I"

Im 20. Jahrhundert sieht man nur noch glatte Gesichter. So sitzt am 31. Mai 1925 ein fescher Pfleger auf der 22-jährigen asiatischen Elefantenkuh "Toni II", um mit ihr einen kleinen Spaziergang durch den Zoo unternehmen. Es ist gut zu sehen, dass die junge Dame einen ganz schönen Schritt draufhatte.

Am 18. Dezember 1906 wurde der erste kleine Elefant im Berliner Zoo geboren - "Editha". Leider nahm Mutter "Toni I" ihr Kleines nicht an, und so verendete es trotz aller Bemühungen schon am 24. Tag seines kurzen Lebens.

Inzwischen gelingt die Elefantenzucht viel besser. Das letzte Elefantenbaby namens "Panya" wurde im vergangenen August geboren. Und wer glaubt, die Hysterie um den kleinen Eisbär "Knut" sei einmalig gewesen, der irrt: Als der kleine Elefantenjunge "Kalifa" in den zwanziger Jahren das Licht der Welt erblickte, musste die Polizei den Besucheransturm in geordnete Bahnen lenken.

"Kein Elefant mehr zu bekommen"

Dreißig Elefanten leben derzeit in den beiden Berliner Zoos, und die eigene Zucht, so Direktor Blaszkiewitz, wird unterdessen immer wichtiger. "Aus Indien ist praktisch kein Elefant mehr zu bekommen." Gerade in Asien sei der Bestand bedroht, und auch in Afrika müsse man wachsam bleiben. Zwar gebe es in Südafrika, Zimbabwe und Botswana noch viele Tausend Elefanten, doch ihre Zahl sei stark zurückgegangen - vor allem wegen Jagd und Wilderei.

So spiegelt die Geschichte der Elefanten in Berlin zugleich den Zustand und die Entwicklung der Art in freier Wildbahn wider. Das vorgelegte Buch zeigt eindrucksvoll, wie sehr das große Rüsseltier zu Kultur und Geschichte des Menschen gehört.

Blaszkiewitz, Bernhard: Elefanten in Berlin, Lehmanns Media-Lob.de, erschienen November 2007

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hanns schneider 15.12.2007
Eines nicht mehr allzu fernen Tages wird der Mensch auch den Elefanten von der Erde vertrieben haben. Nur noch wenige Exemplare werden, in den Tierparks eingesperrt, vorhanden sein. Mögen die Elefantengehege noch so groß sein, bedeuten sie für die in freier Wildbahn täglich 30 bis 50 km zurücklegenden Tiere doch ein Gefängnis. Von den Zirkuselefanten gar nicht zu reden.
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