Elefantenrunde 2005 "Herr, äh, Bundesschröder..."

Elefantenrunde 2005: "Herr, äh, Bundesschröder..." Fotos
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"Dafür lieben wir ihn", bekennt Franz Müntefering noch vier Jahre später. Er meint Gerhard Schröder und dessen Auftritt in der Elefantenrunde am Wahlabend 2005. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen Politiker ihr wahres Ich zeigen. Nur einem gelingt es an diesem Abend, ihm Paroli zu bieten. Von

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Es ist 20.15 Uhr. 18. September 2005. Bundestagswahl. Der Gong der Tagesschau ist gerade verhallt, als die "Berliner Runde", auch "Elefantenrunde" genannt, beginnt. 13 Millionen Bürger verfolgen die Livesendung in der ARD. Zu Gast sind: Gerhard Schröder, Bundeskanzler, SPD. Joschka Fischer, Bundesaußenminister, Bündnis '90/Die Grünen. Angela Merkel, Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin, CDU. Edmund Stoiber, Parteivorsitzender, CSU. Guido Westerwelle, Parteivorsitzender, FDP. Und Lothar Bisky, Parteivorsitzender, Die Linke/PDS. Nikolaus Brender, neben Hartmut von der Tann einer der zwei Moderatoren, stellt gleich zu Beginn mit Blick auf die Hochrechnungen fest: "Ergebnis: Die Sache ist kompliziert." SPD und CDU sind mit 34 beziehungsweise 35 Prozent beinahe gleichauf. Neben einer Großen Koalition sind nur ungeliebte Dreierkonstellationen möglich.

Für Schröder war die Ausgangslage vor der Wahl keineswegs günstig. Die Schlagzeilen in den Medien waren eindeutig, als er im Mai 2005 mit SPD-Chef Franz Müntefering Neuwahlen ausrief: "Schröders letzte Karte" etwa titelte der SPIEGEL. Die "Süddeutsche Zeitung" meldete "Rot-Grün fast ohne Chance". Die "Bild am Sonntag" legte mit "Rot-Grün zu dumm zum Selbstmord" nach, und der "Focus" kommentierte: "Tschüss, Herr Schröder". Die SPD lag in den Umfragen tatsächlich bis zu 23 Prozent hinter der CDU/CSU bei nur noch 26 Prozent. Die Union wurde von den Instituten währenddessen nah an der absoluten Mehrheit gesehen. Die Wahlchancen für die SPD somit: nahe Null.

Dann ist es 17 Uhr am Wahlsonntag. Die ersten, nicht offiziellen Prognosen haben die SPD-Spitze erreicht. Die Stimmung ist euphorisch. Nun scheint tatsächlich möglich, was gerade noch unmöglich schien: eine Regierungsfortsetzung mit einem Kanzler Schröder. Beinahe wie im Rausch betritt dieser kurz vor halb acht das Willy-Brandt-Haus und spricht zu seinen jubelnden Anhängern gewandt von "Medienmacht und Medienmanipulation". Mehr noch: Er spricht von einem "klaren Regierungsauftrag".

"Sind Sie jetzt schon zurückgetreten?"

2002 hatte es am Wahlabend so ausgesehen, als ob es für Rot-Grün nicht reichen würde. Die Wahl galt als knapp verloren, und der Bundeskanzler stellte bereits resigniert und kampflos fest: "Und wenn wir eine Mehrheit haben, werden wir sie nutzen." Erst zu später Stunde wurde klar, woran nur noch wenige geglaubt hatten. Schröder hatte eine Mehrheit. Es reichte für eine weitere Legislaturperiode. Dieses Mal, 2005, will er nicht so schnell aufgeben, will den Anspruch von vornherein aufrechterhalten und eine schallende Ohrfeige an die Medien verteilen. Schröder entscheidet sich, nicht Müntefering in die "Elefantenrunde" zu schicken, sondern selbst zu gehen.

Brender hat seine erste Frage noch nicht gestellt, da wird er schon unterbrochen. "Herr Bundeskanzler", beginnt der Moderator. Schröder antwortet mit einem breiten Grinsen: "Schön, dass sie mich schon so anreden." Brender erwidert verdutzt: "Sind sie jetzt schon zurückgetreten?" Schröder nur: "Nein!" Der Moderator wiederum: "Also, Herr Bundeskanzler". "Das werd' ich auch bleiben", unterbricht ihn Schröder ein weiteres Mal. In dieser Form geht das Gespräch weiter. Schröder ist nicht gewillt, einen sachlichen Dialog zu führen. Es scheint, als wolle er all seiner aufgestauten Wut über die Medien und seiner unendlichen Freude über diesen Überraschungssieg freien Lauf lassen.

Schröder möchte reden. Geradezu ironisch wirkt sein Ausspruch: "Darf ich jetzt auch mal reden, oder wollen sie mich ständig unterbrechen?" In Wahrheit ist er es, der die Moderatoren und anderen Politiker immer wieder unterbricht, bisweilen sogar ganz die Gesprächsführung übernimmt. Seine Botschaft: "Niemand außer mir" ist in der Lage eine stabile Regierung anzuführen, "niemand."

Das Wahlergebnisses lesen

In seiner Körperhaltung spiegelt sich seine wahlabendliche Verfassung wider, sein Kampfesgeist. In seinen Stuhl hineingepresst, den Daumen in der Nähe der Lippen und die anderen Finger zur Faust geballt, wirkt er angriffslustig, so gar nicht bundeskanzlerhaft, wie auf dem Weg in eine Schlacht. Seine letzte Schlacht. Mitgebracht hat er eine ganz eigene Lesart des Wahlergebnisses: "Verglichen mit dem, was in diesem Land geschrieben und gesendet worden ist, gibt es doch einen eindeutigen Verlierer - und das ist ja nun wirklich Frau Merkel." Beim besten Willen kann er sich nicht vorstellen, dass seine Partei auf ein Gesprächsangebot von Merkel eingeht, wenn sie Kanzlerin werden möchte: "Nun wollen wir doch die Kirche auch mal im Dorf lassen."

Schröder holt zu einem Rundumschlag aus, der mit Angriffen gegen Merkel, Stoiber, Westerwelle und die Moderatoren versehen ist. Von der Tann spricht ihn daraufhin nicht mehr als "Herr Bundeskanzler", sondern nur noch als "Herr Schröder" an, Fischer dreht sich distanzierend weg, Westerwelle schüttelt den Kopf, und auch Stoiber möchte etwas zu dem Herrn "Bundes-Bundes, äh, also Herr Bundesschröder" sagen. Mit seinen verklausulierten Aussagen ist er dem Bundeskanzler an diesem Abend jedoch nicht gewachsen und rhetorisch unterlegen.

Und Angela Merkel? Die höchsten Umfragen haben ihre Partei, die CDU/CSU, bei 49 Prozent gesehen. Eine absolute Mehrheit war zeitweise in greifbare Nähe gerückt. Und nun das: Ein Ergebnis, das dem von 1998, dem Jahr von Helmut Kohls Abwahl, sehr nahe kommt. Nicht mal mit der FDP reicht es zu einer Koalition. Der Supergau.

"Ich bin vielleicht jünger, aber nicht dümmer!"

So hört man zu Beginn der "Berliner Runde" eine ohne Betonung und monoton sprechende Kanzlerkandidatin. Es ist eine Frau zu sehen, deren Mundwinkel heruntergezogen sind, deren Blick ins Leere schweift und deren Schultern nach unten hängen. Sie wirkt müde, kampflos, fast den Tränen nah. Umso erstaunlicher ist die Wandlung der zur Mitte der Sendung hin noch einmal befragten Angela Merkel. Herausgefordert durch die Angriffe von Schröder, tritt sie mit einem Mal forsch auf, spricht nicht mehr in der "Wir"-Form, sondern betont vielmehr das "Ich". Auch vor Angriffen gegen Schröder schreckt sie nicht mehr zurück: "Es kann sein, dass der Bundeskanzler heute Abend noch Schwierigkeiten hat, von der Tatsache erfasst zu sein, dass Rot-Grün abgewählt ist." Ja, sie möchte Kanzlerin werden, ist nun die Botschaft.

Da hat auch Stoiber nichts mehr entgegenzusetzen. Spricht er zu Beginn der Sendung noch davon, dass Frau Merkel "zunächst" einen Regierungsauftrag habe, stellt er sich später uneingeschränkt hinter "seine" Kandidatin. Mit Schröders Angriffen wird so auch der bayrische Ministerpräsident wieder auf CDU/CSU-Linie gebracht.

Nur einem Politiker der konservativen Seite gelingt es an diesem Abend wirklich, Gerhard Schröder Paroli zu bieten: dem FDPler Guido Westerwelle. Als der Noch-Bundeskanzler auch ihm ins Wort fällt und fragt, ob er denn die Geschichte der sozialliberalen Koalition in den Siebzigern kenne, antwortet der Freidemokrat: "Ich bin vielleicht jünger als Sie, aber nicht dümmer." Schröder verstummt. Es ist einer der wenigen Momente in dieser Sendung, wo das sofort geschieht.

Die Reihen hinter Merkel schließen sich

Währenddessen ist der Linke Lothar Bisky schlicht "rund herum zufrieden". Joschka Fischer hingegen kann sich nur schwerlich mit Dreadlocks in einem Jamaika-Bündnis vorstellen. Er ist an diesem Abend schon auf dem Weg zum Elder Statesman. Dass es für seinen Freund Schröder aber doch noch fast gereicht hätte, freut auch ihn. "Also, ich kann es immer noch nicht glauben", sagt er in den Abspann der Sendung hinein - und schaut strahlend zu seinem Sitznachbarn, dem Bundeskanzler. Um 21.15 Uhr ist die Berliner Runde vorbei, und Ulrich Wickert berichtet in einem Tagesthemen Extra zur Wahl über die aktuellsten Entwicklungen. Was aber bleibt? Vom Wähler wird Schröders Auftritt später als nicht gut bezeichnet, die Reihen hinter Angela Merkel schließen sich wieder. Sie selbst wird von ihrem eigentlichen Gegenspieler zu neuem politischem Leben erweckt.

Der CDU-Politiker und Merkel-Widersacher Friedrich Merz meint denn auch: "Wahrscheinlich hat Gerhard Schröder an diesem Abend die Kanzlerschaft von Angela Merkel abschließend gesichert." Der Grüne Jürgen Trittin fügt hinzu: "Frau Merkel wird ihm noch einmal dankbar dafür sein. Denn damit waren alle Granden der CDU, die in der Wahlnacht noch dabei waren sie abzusägen, gezwungen, sich mit ihr zu solidarisieren." Schröder selbst schließlich schließt sich dem Urteil seiner Ehefrau Doris Schröder-Köpf an. "Suboptimal" sei der Auftritt an diesem Abend gewesen.

Doch Schröders raubtierhaftes Verhalten bewirkt auch Positives für seine Partei. Er kann seinen Führungsanspruch zwar nicht aufrechterhalten, doch die CDU muss sich denselben teuer erkaufen. Für die Geschichte der Bundesrepublik beispiellos, bekommt der knapp unterlegene Koalitionspartner, hier die SPD, mehr Ministerposten als der größere Partner, die CDU/CSU. Auch 2009 möchte der heutige Altkanzler im Wahlkampf wieder mitmischen. Diesmal wird aber Frank-Walter Steinmeier in der "Elefantenrunde" am Wahlabend sitzen. Angela Merkel ihm gegenüber. Als (Noch-)Kanzlerin. Gewählt auch von der SPD.

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1.
Karl Wilhelm Meier, 13.07.2009
War es nicht so, dass Westerwelle auch noch sinngemäss bemerkte: Wir wissen ja nicht Herr Bundeskanzler, wo sie vor dieser Sendung waren.
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