Erschütternde Weltkriegs-Tagebücher "Alles ging in Wahnsinn unter"

Erschütternde Weltkriegs-Tagebücher: "Alles ging in Wahnsinn unter" Fotos

Die Soldaten stöhnten vor Schmerzen, die Leichen stapelten sich, doch sie kämpfte weiter: Im Ersten Weltkrieg rettete Elsa Brändström als Krankenschwester in sibirischen Gefangenenlagern tausende Leben. Ihre Aufzeichnungen aus der Hölle des Krieges machten sie zur Berühmtheit - mit einem ungewollten Fan. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 11 Kommentare
    4.4 (21 Bewertungen)

Die Temperaturen im sibirischen Gefangenenlager Novo Nikolajewsk waren weit unter den Nullpunkt gefallen. In den Baracken roch es nach Fäkalien, Krankheit, Tod. Pflegerinnen staksten zwischen 2300 Männern umher, die stöhnend nebeneinander lagen. In einer Ecke stapelten sich die Körper derjenigen, die den Kampf ums Überleben bereits verloren hatten. Bald würden es genügend sein, um sie als Wagenladung zum nächsten Massengrab fahren zu lassen. Und auf dem Rückweg würde dasselbe Fuhrwerk wie immer frische Essensrationen mitbringen - für die noch lebenden Männer, die das Schlachtengewirr in diesem Winter 1914 hinter sich hatten. Und den Überlebenskampf als Gefangene im sibirischen Winter vor sich.

"Tage vergingen, an denen es nicht einen Tropfen Wasser gab. Schwerkranke schleppten sich mit letzter Kraft hinaus, um ihren brennenden Durst mit Schnee zu löschen... Während der Schneeschmelze sah man Kranke und Gesunde gierig das Wasser trinken, das gelb vom Menschenkot von den Latrinen herfloss. Die Sterblichkeit im Lager stieg und stieg, im April 1915 starben täglich 70 bis 85 Mann."

Diese Zeilen stammen von einer der Krankenschwestern, die damals im Lager gegen den Tod ankämpften: Elsa Brändström, die später als der "Engel von Sibirien" verehrt wurde. Denn die Schwedin versorgte während des Ersten Weltkriegs gefangene Soldaten hinter der Ostfront - auch, als der Krieg schon vorbei war. Ihre Erinnerungen an diese Zeit veröffentlichte sie 1921 unter dem Titel "Unter Kriegsgefangenen in Russland und Sibirien 1914-1920". Durch dieses Buch sollte sie nach Kriegsende zu einer Berühmtheit werden.

Unglaublich: Die Deutschen haben kein Horn am Kopf

Brändström wurde 1888 in St. Petersburg in eine schwedischen Diplomatenfamilie geboren. Im Alter von drei Jahren zog Elsa mit ihrer Familie wieder zurück nach Schweden, wo sie ihre Kindheit verbrachte und von 1906 bis 1908 das Lehrerinnenseminar von Stockholm besuchte. Ihr Vater war inzwischen zum schwedischen Botschafter unter Zar Nicholas II. ernannt worden und mit seiner Frau zurück nach St. Petersburg gezogen. Im Jahr 1908 folgte die inzwischen 20-jährige Elsa ihren Eltern.

In St. Petersburg erlebte Brändström 1914, wie Russland auf der Seite Serbiens gegen Österreich-Ungarn und das verbündete Deutschland in den Ersten Weltkrieg eintrat. Die allgemeine Kriegsbegeisterung ließ junge Männer erwartungsfroh in die Schlacht ziehen und führte gleichzeitig dazu, dass Scharen junger Russinnen sich für den Freiwilligendienst in Lazaretten und Gefangenenlagern meldeten. Selbst Elsa meldete sich ungeachtet ihrer schwedischen Herkunft noch 1914 für einen Einsatz als Krankenschwester in der russischen Armee - unaufgefordert, aus reiner Nächstenliebe.


einestages gefällt Ihnen? Hier können Sie Fan bei Facebook werden.

Viele der Freiwilligen in den Armeelazaretten quittierten allerdings nach kurzer Zeit ausgelaugt ihren Dienst, so dass nur wenige Helferinnen den ganzen Krieg über im Einsatz blieben - so wie Pflegerin Brändström: Für sie begann 1914 eine sechs Jahre lange Odyssee, die sie ihren Angaben zufolge mit 700.000 Gefangenen in Kontakt brachte und in die unwirtlichsten Ecken Russlands verschlug. Dort begleitete sie die Kriegsgefangenen tagtäglich, beschrieb und analysierte deren Alltag in Lagern und Lazaretten:

"Wie schwer auch die äußeren Verhältnisse auf dem Einzelnen lasteten, ... so wurden diese Leiden doch oft weit von dem seelischen Druck der Gefangenschaft übertroffen ... Die Gefangenenpsychose griff mehr und mehr um sich. Eine nagende Unruhe, ein verzweifeltes Gefühl der Leere, Missmut und Abscheu gegen alles nahmen überhand ... alles ging in Wahnsinn unter - wild und unbändig, oder scheu und still."

"Man löste die angefrorenen Leichen mit Spaten vom Boden"

Die grassierenden Krankheiten führten nicht nur zu Psychosen und einer hohen Sterblichkeit unter den Gefangenen, sondern sie machten laut Brändström auch permanent Transporte notwendig: Schwerverletzte wurden verlegt, Tote begraben, und ständig kamen in den Lagern neue Gefangene von den Fronten im fernen Westen an. So wie in Kiew, wo die Schwedin realisierte, wie sehr die Propaganda diesen Krieg auch weit vom Schlachtengetümmel entfernt beeinflusste:

"Da rollt ein langer Zug in die Station, und aus den aufgeschobenen Türen springen die Kriegsgefangenen hinter den Posten herunter. Bauern und Bäuerinnen gehen rund um die Gefangenen herum, sie flüstern und gaffen und kommen näher. Zum ersten Mal sehen sie Gefangene. Aus der Zeitung hat man ihnen die Beschreibung dieser gefährlichen 'Germanskis' vorgelesen… Plötzlich fasst ein Bauer einen kühnen Entschluss: Vorsichtig lüftet er die Mütze eines Gefangenen und starrt, alle starren - es ist kein Horn an der Stirn, wie man von den Deutschen behauptet hat."

Für Brändström waren solch bizarre Stereotypen bedeutungslos: Sie versorgte vor allem Deutsche und Österreicher, doch die Nationalität der Leidenden war für sie so zweitrangig wie der Ort, an dem sie arbeitete: Sie pflegte Kranke in Fabriken, Zirkusgebäuden und Gefängnissen, kümmerte sich um Todgeweihte in Scheunen, Schulhäusern, Kasernen und Baracken. Immer wieder wechselte die Schwedin das Lager, um in weit entfernten Orten den Gefangenen zu helfen, die gerade eine strapaziöse Fahrt von der Front hinter sich hatten.

"Im Februar 1915 kamen zwei Waggons in Samara an… Jeder vermutete mit Recht Lebensmittel darin, aber sie enthielten 65 Türken, von denen noch acht lebten. Man leitete die Waggons auf ein Gleis vor der Stadt, hob dort eine Grube aus, löste die angefrorenen Leichen mit Hacke und Spaten vom Boden und warf sie in die Grube."

Telegramm von Hitler

Für die Krankenschwester Brändström war jeder Tote wie eine Niederlage, schließlich war sie in Russland, um Leben zu retten. Es sollte etwa zwei Jahre dauern, bis das Massensterben unter den Kriegsgefangenen aufhörte. Erst Ende 1916, so berichtet sie, seien die Bedingungen in den Lagern erträglicher gewesen.

"Die anfänglich zugewiesenen elenden Unterkünfte hatten gegen gute Gebäude ausgetauscht werden können, auch verfügten die Operationsräume und Apotheken nun über Instrumente, Arzneien und Geldmittel... Außerdem gründeten einzelne Gefangene in den Lagern Privatunternehmungen... In den späteren Jahren konnte man wirklich die größeren Gefangenenlager … ein Kulturzentrum in den sibirischen Einöden nennen."

Doch während die Gefangenen gegen Kriegsende sogar Zeitungen herausgaben, Fußballvereine gründeten und Symphoniekonzerte organisierten, wurde die Lage für Brändström selbst immer schwieriger - viele ihrer Kolleginnen waren deshalb längst wieder in die Heimat gereist. Denn inzwischen war die russische Revolution ausgebrochen und die kommunistischen Aufständischen, die Bolschewisten, eroberten weite Teile des Landes. So wurde Brändström zur Augenzeugin des blutigen Umbruchs im Land und kam schließlich sogar zwischen die Fronten der verfeindeten Bürgerkriegsparteien. Nur mit Glück entging sie dabei der Erschießung. 1920 kehrte sie schließlich nach Schweden zurück. Als Heldin.

Als "Engel von Sibirien" wurde Brändström nun innerhalb weniger Jahre vor allem in Deutschland zum Star: Dort wurde die Schwedin mit Preisen und Würdigungen überhäuft, fünfmal wurde sie für den Friedensnobelpreis nomminiert. Als die Universität Tübingen sie 1927 zum Ehrendoktor ernannte, stand in der Urkunde, dass Brändström "dem Gebot des Herzens folgend mutig für die Bedrängten eintrat und den Schwachen half". So war auch ihre Reaktion auf ein Telegramm folgerichtig, das sie 1933 aus Berlin erhielt - von Adolf Hitler. Der Diktator schlug der berühmten Retterin Tausender deutscher Soldaten ein persönliches Treffen vor. Brändströms Antwort war denkbar knapp: "Nein".

Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wanderte sie mit ihrem Mann in die USA aus.

Zum Weiterlesen:

Elsa Brändström: "Unter Kriegsgefangenen in Russland und Sibirien 1914-1920".

Artikel bewerten
4.4 (21 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Gerhard Kozik 26.03.2013
Klasse, sie hatte wohl schon 33 den Mut und die Vision das richtig einzuschätzen. Viele erst nach 1945, auch die, die nacher groß als Widerständler geehrt wurden.
2.
Hariolf Kling 26.03.2013
Verwandtschaft Nun wenn man bedenkt, das die damaligen Herrscherhäuser fast alle miteinander verwandt waren. Dann frage ich mich ernsthaft, wie es zu einem solchen brutalen Krieg kommen konnte. Dazu kamen die späteren Reperationszahlungen. Wenn man genauer hinschaut, sieht man das es damals wie auch im 2. Weltkrieg nur einen Sieger gegeben hat und das waren die USA. Wäre es nicht möglich gewesen, das die USA die Europäer so lange gegeneinander aufgehetzt haben, das es zu so einem Wahnsinn gekommen ist, weil die amerikanische Wirtschaft immer am Boden lag.
3.
Reinhard Kupke 26.03.2013
Ein Verbandpäckchen trugen auch wir bei der NVA der DDR bei uns. Für den sog. "Ernstfall" lag für jeden auch ein Set mit Spritzen gegen Schmerz, Nervengas usw. bereit. Das hatte nichts mit den Lazaretten zu tun, das war für die Erstversorgung Verletzter im Kampfgebiet.
4.
Susanne Stohl 26.03.2013
>Verwandtschaft >Nun wenn man bedenkt, das die damaligen Herrscherhäuser fast alle miteinander verwandt waren. Dann frage ich mich ernsthaft, wie es zu einem solchen brutalen Krieg kommen konnte. Dazu kamen die späteren Reperationszahlungen. >Wenn man genauer hinschaut, sieht man das es damals wie auch im 2. Weltkrieg nur einen Sieger gegeben hat und das waren die USA. Wäre es nicht möglich gewesen, das die USA die Europäer so lange gegeneinander aufgehetzt haben, das es zu so einem Wahnsinn gekommen ist, weil die amerikanische Wirtschaft immer am Boden lag. Verwandtschaft bedeutet nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Jeder, der schon mal ein Fest mit der gesamten Sippschaft hinter sich hat, kann Ihnen dies bestätigen. Die Zeichen standen in Europa schon Jahre vor Ausbruchs des 1. WK auf Krieg. Die Amerikaner mussten niemanden in Europa gegen den anderen aufhetzen. Die Ermordung des österr. Erzherzogs war nur willkommener Anlass. Ich empfehle Ihnen statt der üblichen Geschichtslektüre "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus, der wie kein anderer die Stimmung dieser Zeit einfing. Er beschrieb zwar reale Geschehnisse in Wien, diese galten aber für ganz Europa. Mein Lieblingszitat von Hrn. Krauss, kurz nach Ausbruch des 1. WK: ?In dieser großen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr dazu noch Zeit bleibt ..."
5.
Thorben Gebert 26.03.2013
Elsa Brändström wanderte 1933 in die USA aus, weil ihr Ehemann eine Dozentenstelle an der Havard Universität annahm. Das hatte keine politischen Gründe. Eine Havard Dozentur kriegt man nicht jeden Tag angeboten, das ist ein riesiger Karriereschritt. Das ist auch die erste Elsa Brändström-Biografie, die ich bisher gelesen habe, in der Hitler überhaupt erwähnt wird. Aber der Spiegel kriegt doch wirklich immer den Dreh zu Adolf Hitler hin, ganz nach dem Motto: "Unser täglich Führer gib und heute".
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH