Elser-Attentat vor 70 Jahren Allein gegen Hitler

Elser-Attentat vor 70 Jahren: Allein gegen Hitler Fotos
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Ein Möbeltischler, der seinen Job aufgab, um Hitler zu töten, hätte die Deutschen vor 70 Jahren um ein Haar vor der Katastrophe bewahrt. Doch Hitler entkam, Georg Elser wurde hingerichtet - und nach 1945 gar von Widerständlern diffamiert. Erst langsam setzt sich durch: Elser war ein großer Deutscher. Von

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Um 21 Uhr 20 am Abend des 8. November 1939 explodierte eine Bombe im Münchner Bürgerbräukeller. Sie riss acht Menschen in den Tod und verletzte 63 weitere. Der Mann, dem sie galt, Adolf Hitler, kam ohne jeden Kratzer davon - er hatte den Saal 13 Minuten zuvor verlassen, anders als ursprünglich angekündigt.

Das Attentat hatte der schwäbische Schreinergeselle Georg Elser ein volles Jahr lang vorbereitet. Am 8. November 1938 war er erstmals nach München gefahren, um dabei zu sein, wenn Adolf Hitler mit 2000 bierseligen "Alten Kämpfern" der NSDAP die Erinnerung an den Marsch auf die Feldherrnhalle, den misslungenen Putschversuch im Jahre 1923 zelebrierte. Elser mischte sich unter die Besucher und beobachtete das Schauspiel. Dabei gewann er die Überzeugung, dass der Bürgerbräukeller ein geeigneter Ort für ein Attentat auf Hitler sein würde.

Kurz zuvor, im September 1938, hatte Hitler Europa hart an den Rand eines Krieges geführt, als er die Annexion des Sudetenlandes gefordert hatte. Wann es zum Krieg kommen würde, schien nur noch eine Frage der Zeit. Die Wehrmachts-Generalität jedoch fühlte sich für eine kriegerische Auseinandersetzung noch nicht stark genug und diskutierte, ob und wie man den "Führer" beseitigen könnte. Doch der dafür nötige Mut fehlte den Militärs.

Der Schreiner Georg Elser besaß diesen Mut. "Ich stellte allein Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse der Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden könnte", erklärte er später im Gestapo-Verhör. Elser war sich im Klaren, dass er durch sein Attentat den NS-Staat nicht würde aus den Angeln heben können, aber er hoffte, ihm doch eine andere, gemäßigte Richtung geben zu können "Ich war davon überzeugt, dass der Nationalsozialismus die Macht in seinen Händen hatte und dass er diese nicht wieder hergeben werde", sagte er im Verhör. "Ich war lediglich der Meinung, dass durch die Beseitigung der genannten drei Männer eine Mäßigung in der politischen Zielsetzung eintreten wird."

Elsers Höllenmaschine

Mit eiserner Konsequenz setzte Elser seine Überlegungen in die Tat um - sich dabei völlig bewusst, dass er sein Leben riskierte. Er arbeitete ganz allein, wollte keine Mitwisser haben, um niemanden zu gefährden. In mehr als 30 Nächten mühevoller Arbeit gelang es ihm, die Säule hinter dem Rednerpult im Bürgerbräukellers auszuhöhlen, um die Bombe darin zu platzieren. Sein ebenfalls selbst konstruierter Zeitzünder war eine Meisterleistung, wie die ermittelnden Kriminalbeamten später einräumten: Weil er ganz sicher gehen wollte, baute Elser gleich zwei Uhrwerke ein. Zu einem festgesetzten Zeitpunkt würden diese über zwei voneinander unabhängige Mechanismen drei Schlagbolzen auslösen, die über drei Zündhütchen drei Sprengkapseln detonieren ließen, die ihrerseits den Sprengstoffs zur Explosion bringen sollten.

Elsers Höllenmaschine funktionierte präzise und tadellos - exakt zu dem von Elser bestimmten Zeitpunkt zerriss ein Feuerball den Festsaal und verwandelte ihn in eine Trümmerlandschaft. Herabgestürzte Balken und Ziegel, zertrümmerte Tische und Stühle, zerschlagene Bierkrüge lagen durcheinander. Rohrmatten, Stahlträger und Drahtgeflecht hingen herab. Die gesamte Szenerie war von einer dicken Schicht aus Kalk und Dreck überzogen, in der Decke klaffte ein riesiges Loch, durch das der Münchner Himmel zu sehen war. Elser hatte die statisch günstigste Stelle für seinen Sprengsatz gewählt. Zwei Längs- und ein Querträger, die weitere Träger stützten, waren aus ihrer Verankerung gerissen worden, so dass die ganze Dachkonstruktion eingestürzt war.

Nachdem er die Bombe installiert und scharf gestellt hatte, war Elser nach Konstanz gefahren, an die Schweizer Grenze. Doch bei dem Versuch, illegal in die sichere Schweiz zu gelangen, wurde er um 20.45 Uhr verhaftet - eine gute halbe Stunde bevor die Bombe im 230 Kilometer entfernten München hochging. Schon am folgenden Tag war seine Verbindung zu dem Anschlag klar und Elser wurde nach München überführt, wo er tagelang verhört und brutal gefoltert wurde.

Die Verschwörungstheorien des "Führers"

Dass es in ihrem scheinbar so perfekten Überwachungsstaat möglich gewesen war, ein Attentat auf den "Führer" über einen so langen Zeitraum derart präzise zu planen und so effektiv durchzuführen, irritierte die Nazis zutiefst. Dass ein Einzelner all das zu Wege gebracht haben sollte, schien ihnen erst recht unglaublich.

Als ihn die Nachricht von der Bombe im Bürgerbräukeller erreicht hatte, ließ der gerade noch mal davongekommene Hitler verbreiten, der britische Geheimdienst stecke hinter der Sache. Ein bewusste Lüge, die als Retourkutsche gedachte war: Der "Führer" nämlich war tief enttäuscht, dass die Briten Deutschland nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen den Krieg erklärt hatten; seine Rede im Bürgerbräukeller war eine einzige Hasstirade gegen England gewesen.

Einige Tage später erweiterte Hitler seine Verschwörungstheorie noch: Die Briten seien demnach Auftraggeber und Financiers gewesen, durchgeführt habe sie Otto Strasser, ein ehemaliger Nationalsozialist vom linken Flügel der Partei, der sich mit Hitler überworfen hatte und jetzt im Schweizer Exil lebte. Alle diese Theorien waren völlig haltlos, wie auch die Nazis bald einsehen mussten. Elser hatte völlig allein gehandelt, wie er nicht zuletzt durch präzise technische Zeichnungen, die er in der Haft anfertigte, und einen Nachbau des Explosionsapparates bewies.

Himmler folterte selbst

Eine Woche nach dem Attentat wurde Elser nach Berlin in das berüchtigte Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße 8 überführt. Unbedingt wollten die Nazis herauskriegen, was das für ein Mensch war, dem es um ein Haar gelungen war, den "Führer" zu töten. Hitler ließ sich über den Fortgang der Ermittlungen laufend berichten. Auch Elsers gesamte Familie wurde inhaftiert und zum Teil monatelang festgehalten. Die "Zentralkommission Anschlag München" unter der persönlichen Leitung von Reinhard Heydrich, dem Chef des SS-Reichssicherheitshauptamtes, ließ den Attentäter wieder und wieder brutal foltern. SS-Chef Heinrich Himmler persönlich nahm an den Verhören teil; nach Zeugenaussagen soll er sich auch selbst an den Folterungen beteiligt haben.

Kripo- und Gestapo-Männer ließ erst von Elser ab, als sie ein Vernehmungsprotokoll aus ihm herausgeprügelt hatten, das in der Druckfassung mehr als 100 Seiten umfasste. Alle Facetten seiner Persönlichkeit sind dort ausgeleuchtet, von der Freude am Zitherspiel bis hin zu seinen Frauenbekanntschaften. Wir erfahren aber auch, dass er der Holzarbeitergewerkschaft angehört hatte, "weil man Mitglied dieses Verbandes sein sollte". Und er hatte die KPD gewählt, solange das noch möglich gewesen war. 1958 entdeckte der Zeithistoriker Lothar Gruchmann das Vernehmungsprotokoll Elsers, das 1970 erstmals veröffentlicht wurde und welches 2009, um weitere Dokumente ergänzt, wieder erschienen ist.

Sofort nach der Tat wucherten im ganzen Reich die Gerüchte. Viele Deutsche glaubten angesichts der wundersamen Errettung des "Führers" an einen fingierten Anschlag zur Erhöhung von Hitlers Popularität. Diese These erhielt ungewollte Nahrung dadurch, dass niemand vor Gericht gestellt wurde. Tatsächlich kam Elser ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin, gegen Kriegsende dann nach Dachau nahe München. Erst nach dem deutschen "Endsieg" wollte Hitler einen Schauprozess mit Elser veranstalten, am liebsten im besiegten London. Am 5. April 1945, der "Endsieg" war in weite Ferne gerückt, gab das Reichssicherheitshauptamt Anweisung, Elser "in absolut unauffälliger Weise ... zu liquidieren". Eigentlich sollte dies im Zuge eines Luftangriffs geschehen, aber die SS hatte in jenen Tagen andere Sorgen als die Vertuschung eines einzelnen Mordes. Als der Befehl am 9. April in Dachau eintraf, wurde Elser sofort erschossen und seine Leiche verbrannt.

Einzelkämpfer ohne Lobby

Aber das Drama um den mutigen Hitler-Gegner Elser war damit noch nicht zu Ende. Auch nach dem Krieg wurde er in Deutschland verfemt statt gewürdigt. Der prominente evangelische Theologe Martin Niemöller, einer der führenden Köpfe der "Bekennenden Kirche", der selbst im KZ gesessen hatte, verbreitete das Gerücht, Elser sei SS-Unterscharführer gewesen und das Attentat nur fingiert. Der Tote konnte sich gegen diese Infamie nicht mehr wehren. Er war eben kein Offizier, Professor, Unternehmer oder wenigstens von Adel, sondern nur ein kleiner Handwerker - und damit ohne jede Lobby. Elsers Mutter schrieb an Niemöller, sie müsse "doch besser wissen als ein Außenstehender", was ihr Sohn gewesen sei und was nicht. Doch der Theologe fertigte die Mutter in seiner Antwort ziemlich kaltschnäuzig ab - obwohl er zugeben musste, dass er Elser nie gesehen hatte und er reines Hörensagen verbreitet hatte.

Es dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert, bis Georg Elser die verdiente Anerkennung erfuhr. Lange schreckte die deutsche Öffentlichkeit vor Elser zurück, denn vielleicht ahnte sie, wie die Historiker Peter Steinbach und Johannes Tuchel schreiben, "dass es mit der Verkommenheit der politischen Eliten noch schlimmer bestellt gewesen war, als man vermutete, wenn ein einfacher Schreiner den verbrecherischen Charakter des Regimes durchschaut hatte".

Den Durchbruch brachte 1999 eine Biografie von Helmut G. Haasis, die den ermordeten Widerständler erstmals umfassend würdigte - und die zum 70. Jahrestag jetzt in einer überarbeiteten Neuausgabe erschienen ist. Seither sind in fast 30 deutschen Städten Straßen, Schulen und andere Einrichtungen nach Georg Elser benannt worden. Der Möbelschreiner von der schwäbischen Alb, der seine Arbeitsstelle aufgegeben hatte und nach München zog, um Hitler töten zu können, hat den Deutschen gezeigt, was Zivilcourage ist. Fast 70 Jahre hat es gedauert, bis Elser als das anerkannt wird, was er seit dem 8. November 1939 ist: ein großer Deutscher.

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1.
Norbert Ommler 08.11.2009
"Fast 70 Jahre hat es gedauert, bis Elser als das anerkannt wird, was er seit dem 8. November 1939 ist: ein großer Deutscher. " Und wie viele Jahre müssen erst noch vergehen, bis der Internationalist Elser auch unter den ruhmsüchtigen Deutschen als "vorbildlicher MENSCH" erkannt und anerkannt werden wird?
2.
Daniel Elbel 08.11.2009
Herr Piper schreibt : Es dauerte mehr als ein halbes Jahrhundert, bis Georg Elser die verdiente Anerkennung erfuhr.Lange schreckte die deutsche Öffentlichkeit vor Elser zurück,......Fast 70 Jahre hat es gedauert, bis Elser als das anerkannt wird, was er seit dem 8. November 1939 ist: ein großer Deutscher. Die Erkenntnis dieses Textes kann nur lauten : Die DDR ist dem Verfasser des Artikels und den sieben Bewertern unbekannt, bzw. war die Ehrung in der DDR in Form von Straßen-und schulbenennungen nicht DIE deutsche Öffentlichkeit die vermeintlich nie existierte.Im 20ten Jahr der sog. Wiedervereinigung symptomatisch für die Stimmung im Lande. Die DDR war schlicht nicht Deutschland; und dafür gibt es dann 4 Sternchen.Bitte setzen und nachlesen
3.
Udo Casper 08.11.2009
Sie schreiben, Niemöller habe zugeben müssen, "dass er Elser nie gesehen hatte und er reines Hörensagen verbreitet hatte". Tatsächlich jedoch schreibt Niemöller in seinem Brief an Elsers Mutter vom 23.03.1946, dass er ihr Erfahrenes berichte. Zu den eigenen Erkenntnissen Niemöllers gehörte laut dessen Aussage, dass Elsers im KZ mit SS-Angehörigen auf Du und Du stand, bevorzugt behandelt wurde, mehrere Zellen bewohnte und SS-Kost bekam. Niemöller berichtet ferner, dass er persönlich mit Elser gesprochen habe, allerdings nciht über das Attentat. In einem Vortrag vor Münchner Studenten stellt Niemöller das Attentat in den Kontext des Venlo-Zwischenfalls. Über diesen auch von britischen Geheimdienstlern behaupteten Zusammenhang findet sich bei Ihnen kein Wort. Abschließend: welches Motiv sollte Martin Niemöller für die posthume Verelumdung eines Antifaschuisten haben?
4.
Karsten Steinsohn 08.11.2009
Hallo, sehr schön das hier an Johann Georg Elser erinnert wird. Er war nur leider kein Graf sonst wäre er viel bekannter. Heute würde man ihn als Terrorist bezeichnen. Es ist leider so das große Taten erst nach vielen Jahren eine Würdigung erfahren. Ein großer Deutscher ! Ein wirklich großer deutscher
5.
Burkhard von Grafenstein 08.11.2009
Um den Krieg zu verhindern, kam das Attentat meiner Rechnung nach zwei Monate zu spät. Nur Elser als gesellschaftlicher Niemand konnte es unternehmen, Hitler auf dem Höhepunkt seiner Popularität zu beseitigen. Eine Putsch-Regierung hätte es zu diesem Zeitpunkt schwer gehabt, ihr Handeln zu rechtfertigen.
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