Meine Nacht mit Elvis "Ich will nackte Mädels sehen!"

Elvis Presley war 1959 als junger Soldat in Deutschland, da begegnete ihm die Münchnerin Toni Netzle. Sie verbrachten die Nacht in einem Strip-Schuppen - aber Leibwächter ließen den "King of Rock 'n' Roll" keine Sekunde aus den Augen.

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Er will in ein Striptease-Lokal. Unbedingt. "Ich will nackte Mädels sehen!" Diese Worte werde ich nie vergessen. Denn gesagt - besser: fast schüchtern in mein Ohr geflüstert - hat sie kein Geringerer als Elvis Presley. So ein Etablissement hat er noch nie von innen gesehen. Und ich mit meinen 28 Jahren auch nicht. Ich brenne auf dieses Abenteuer, stelle mir ein unglaublich verruchtes Ambiente vor - und das mit der aufregendsten Begleitung der Welt…

Bei seinem München-Besuch 1959 darf ich ihn eine ganze Nacht begleiten. Elvis, geboren am 8. Januar 1935, ist inzwischen als Soldat der US-Army im hessischen Friedberg stationiert und 24 Jahre alt. In München besucht er die 18-jährige Schauspielerin Vera Tschechowa, mit der ich befreundet bin. Sie nimmt mich mit.

Es ist bitterkalt an diesem Märzabend. Mit Vera und unserer Clique von sechs, sieben Leuten stehe ich frierend und wahnsinnig aufgeregt am Treffpunkt, einer finsteren Seitengasse der Maximilianstraße. Ein Taxi stoppt, drei Männer steigen aus. Einen erkenne ich im fahlen Laternenlicht: Er sieht unverschämt gut aus, ist weltberühmt und kommt direkt auf uns zu. Elvis.

Eine Liaison nur zu PR-Zwecken

Die Begleiter sind Red West und Lamar Fike, seine Bodyguards aus Memphis. Keine Sekunde weichen sie dem jungen Weltstar von der Seite. Elvis will heute auf die Piste. Wir müssen uns so heimlich in dieser dunklen Gasse treffen, weil Fans Elvis überall, wo er auftaucht, sofort belagern. Ich kann kaum glauben, dass wir tatsächlich verabredet sind mit dem "King of Rock 'n' Roll". Mit dabei sind auch der Textdichter Walter Brandin und seine Frau Elisabeth, die in der Schauspielagentur von Veras Mutter Ada Tschechowa arbeitet.

Vor dem Treffen zerbreche ich mir den Kopf: Was soll ich bloß anziehen? Ich wähle ein graugrünes Sackkleid, selbst geschneidert - gerade der letzte Schrei, aber von meiner Figur lässt es nichts erahnen. Sei's drum. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mit Elvis Presley zu flirten.

Seit einem halben Jahr ist er Soldat in Friedberg, hat vom ausschweifenden Nachtleben an der Isar gehört und bei einem Fotoshooting in Frankfurt kurz zuvor die bildhübsche Vera Tschechowa kennengelernt. Elvis hält sein Versprechen, sie in München zu besuchen.

Den beiden wird auch eine Liaison angedichtet, allerdings nur zu PR-Zwecken, wie ich weiß - damit weibliche Fans Elvis nicht mehr bedrängen, weil er scheinbar vergeben ist. Priscilla Beaulieu wird er erst später kennenlernen und heiraten. Vera, die blutjunge Schauspielerin, spielt die Rolle der Geliebten perfekt: Sobald ein Fotograf in der Nähe ist, himmelt sie Elvis an.

Walter Brandin, der sein Geld mit Liedtexten für Udo Jürgens und Gilbert Bécaud verdient, kennt einen Laden mit "Wäschemodenschauen" - das "Moulin Rouge". Also nächster Halt des Taxis: Herzogspitalstraße 6 in Münchens Altstadt. Striptease-Bar. Nackte Mädels!

Mehr als "oben ohne" ist nicht drin

Der Strip-Schuppen gehört einem Ex-Sergeant der Army. Als wir die Treppe in den ersten Stock hochgehen, sperrt er die Tür ab. Keiner darf mehr rein. Aus Sicherheitsgründen. Die Hausband stimmt sofort Elvis-Hits an. Elvis lacht, klopft im Rhythmus auf den Tisch, singt mit. Aber sofort herrschen die Leibwächter ihn an: Er wisse doch, dass er nicht außerhalb Amerikas singen und performen dürfe. Das verbietet der Vertrag mit seinem Manager.

Dieser harsche Ton stört mich kolossal. Wir sitzen an einem langen Tisch direkt vor der Bühne, ich darf neben Elvis Platz nehmen. Kaviar und Champagner werden aufgefahren. Als Elvis zum Schampus greift, nehmen ihm die Bodyguards das Glas gleich aus der Hand. Er bekommt nur Tomatensaft. Alkohol ist ihm verboten.


Elvis in Deutschland: Seltene Aufnahmen vom King of Rock'n'Roll

REUTERS

Ich staune, nicht das letzte Mal an diesem Abend. Und die Damen auf der Bühne strippen auch nur mit "angezogener Handbremse". Der Barbesitzer hat kurzerhand verfügt: Mehr als "oben ohne" ist nicht - aus Respekt vor seinem berühmten Gast. Einen Gefallen tut er ihm damit nicht. Elvis kommt nicht wirklich auf seine Kosten.

Dafür entwickelt sich zwischen uns ein gutes Gespräch. Wir sitzen eng beieinander, ich spüre eine Verbundenheit, als würden wir uns seit Jahren kennen. Obwohl mein Englisch eine Katastrophe ist, klappt die Verständigung ganz gut, weil wir einen Draht zueinander haben. Immer wieder mal berührt Elvis flüchtig meinen Arm, mein Kleid. Ich mag ihn auf Anhieb, bin richtig hingerissen. Er ist jungenhaft, ungekünstelt, klug, charmant und vor allem nahbar.

Keinen Schritt kann der "King" allein tun

Ein Thema liegt mir auf der Zunge: Ich habe gelesen, dass sein Manager Colonel Tom Parker ganze 75 Prozent von Elvis' Gagen kassieren soll. Für mich als politisch links gesinnter Mensch (man nennt mich "Die rote Toni") ein Unding. "Elvis, ist das wahr? 75 Prozent?", frage ich ihn direkt.

Er schaut mich verdutzt an: "Ja, stimmt, warum?" - "Na, weil das sittenwidrig ist, offener Straßenraub, Ausbeutung par excellence", entgegne ich. "Der Mann gehört ins Gefängnis!" Darauf Elvis: "Nein, nein! Der Colonel ist mein Lebensretter! Du musst das so sehen: Für mich arbeiten 65 Leute, zwei sind als Leibwächter sogar eigens in die US-Army eingetreten, um mich nach Germany begleiten zu können. Die müssen alle bezahlt werden. Und ich wurde auch mit meinen 25 Prozent zum Dollar-Millionär. Was will ich denn mehr?"

Elvis muss zur Toilette, sofort springen die Leibwächter auf und eskortieren ihn. Keinen Schritt kann der "King" allein tun. Ich finde diese totale Bevormundung zum Kotzen. Mir platzt der Kragen.

Elvis has left the Strip Club

Ich stelle einen der Bodyguards zur Rede, was das soll, Elvis wie ein Kleinkind nicht einmal allein pinkeln gehen zu lassen. Da erklärt er: "Der Colonel hat für Elvis bereits mehrere Filmverträge in Millionenhöhe abgeschlossen für die Zeit nach der Army. Wir haben mit allen Mitteln dafür zu sorgen, dass ihm nichts zustößt und er diese Verträge erfüllen kann."

Fotostrecke

21  Bilder
Elvis Presley: Der einsame Tod des King of Rock 'n' Roll
Ich spüre: Elvis ist längst ein Gefangener seines Ruhms. Er kann sich im Grunde nicht mehr frei bewegen. Sein späterer Lebensweg und sein tragischer Tod haben mich tief erschüttert.

Gegen sechs Uhr neigt sich die ansonsten lustige Nacht dem Ende zu. Elvis verlässt das "Moulin Rouge" mit seinen Bodyguards, ohne Vera. Ein bestellter Fotograf darf beim Abschied noch einige Bilder schießen. Auch eines von Elvis und mir. Ein wunderschönes Foto.

Ich rahme es zur Erinnerung ein und hänge es hinter die kleine Bar meines Lokals "Alter Simpl". Dort bleibt es, bis es am Tag nach Elvis' Tod im August 1977 plötzlich verschwunden ist. Ein Fan muss das Bild entwendet haben, das nie wieder auftaucht. Es gibt kein Negativ, keinen Kontakt zum Fotografen.

Der Verlust schmerzt mich. Das graugrüne Sackkleid vom Treffen mit Elvis habe ich bis heute aufbewahrt, auch weil er es damals dauernd berührte. An Scheußlichkeit ist das Teil nicht zu überbieten, das muss man aus heutiger Sicht sagen. Ab und zu hole ich es aus dem Schrank - und erinnere mich an die Nacht mit Elvis.

Aufgezeichnet von Alex Gernandt



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Michael Bayer, 08.01.2016
1. ..
Gott, was für eine arme Sau.
Kai Engert, 08.01.2016
2. fairer Deal?
Was denkt ihr, war der 75% Deal wirklich so fair für ihn wie Elvis dachte?
Barbara Scheuermann, 12.01.2016
3. Was für eine...
... schöne, persönlich erzählte Anekdote. Die Trauer um das verlorene Foto kann ich gut verstehen.
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