EM 1984 Die schönsten Ferien meines Lebens
1984, EM in Frankreich. Oliver Lück war zehn Jahre alt und reiste mit seiner Familie durchs Land. Die Spiele hörte er im Radio eines alten Renault, obwohl er kein Wort verstand. Diesen Sommer hat er nie vergessen.
Es war das Jahr, in dem die erste E-Mail Deutschland erreichte. Mark Zuckerberg und Bastian Schweinsteiger wurden geboren. Im indischen Bhopal starben mehr als 4500 Menschen beim bis heute größten Giftgasunfall in einer Chemiefabrik. Modern Talking wurde gegründet. Es war das Jahr, in dem ich zum allerersten Mal nach Frankreich fahren sollte. Es war 1984.
Die schönste Zeit des Jahres hatte begonnen: sechs Wochen Sommerferien. Ich war zehn. Und in Frankreich fand die Fußball-Europameisterschaft statt. Unser damaliger Nachbar, Wolfgang Rolff vom Hamburger SV, war Nationalspieler und auch dabei. Ich weiß noch, wie ich manchmal stundenlang auf der Lauer gelegen hatte, um beobachten zu können, wie er vom Training kam, sein Auto parkte und die wenigen Schritte mit dem Kulturbeutel unterm Arm ins Haus ging. Keine zehn Sekunden dauerte das.
Einmal traute ich mich sogar und klingelte, um nach einem Autogramm zu fragen. Ich wusste ja, dass er zu Hause war. Rolff öffnete die Tür. Er wusste sofort, warum ich gekommen war. Die Karten mit seiner Unterschrift lagen griffbereit auf einem Tisch im Eingangsflur. Als er mir eine überreichte, klopfte er mir auf die Schulter und fragte: "Willst du auch mal Fußballprofi werden?" Ich war viel zu aufgeregt, um zu antworten. Nicht mal ein "Danke" bekam ich heraus. Dann lief ich weg.
Ausgeschieden trotz Tante Käthe
Deutschland war 1984 als Titelverteidiger nach Frankreich gefahren. Doch als unser dreiwöchiger Familienurlaub begann, stand es gar nicht gut um Rummenigge, Rolff, Völler & Co. Vielleicht lag es daran, dass Jupp Derwall, der Bundestrainer aus Würselen mit der Quadratbrille und den Haaren aus Silber, der später den Ehrendoktortitel der Universität Ankara erhalten sollte, Steinzeitfußball spielen ließ. Oder daran, dass die anderen einfach besser waren.
Derwall und die Deutschen schieden schon in der Vorrunde aus. Gegen Portugal (0:0) und Spanien (0:1) war nicht viel zu holen. Gegen Rumänien langte es immerhin zu einem knappen 2:1 durch zwei Treffer von Tante Käthe. Aber als wir losfuhren ins Land des EM-Gastgebers, war eigentlich alles schon vorbei.
Wir hatten kein Auto damals. So waren es zwei lange Tage und eine kurze Nacht im D-Zug bis nach Montpellier. Mit fünfmal Umsteigen, auch in Paris und Lyon. Wir waren zu fünft und hatten 16 Gepäckstücke. Ich weiß noch, wie in Paris, am Gare du Nord, auf dem Nachbargleis der damals schnellste Zug der Welt stand: ein TGV. Ein orangefarbener Blitz, der mit 260 Kilometern in der Stunde durch Frankreich fliegen konnte. Unvorstellbar. Wir fuhren dann mit dem D-Zug weiter.
Barnabás Bese - bestimmt ein Virtuose
Ich weiß auch noch, wie ich mir meist die Zeit damit vertrieb, die Aufstellungen von Fußballmannschaften zu lesen. Die Namenskolonnen ließen meiner Fantasie freien Lauf. Auch heute ist das noch so. Ich lese die Namen der Nationalspieler und stelle mir die Gesichter dazu vor. Haukur Heidar Hauksson, Axel Witsel. Ich überlege mir, was James McClean und Mikael Lustig für Typen sind. Ob Ruslan Rotan und Joe Hart immer fair spielen oder hinter dem Rücken des Schiedsrichters wild um sich treten.
Barnabás Bese zum Beispiel, bei der EM 2016 ungarischer Abwehrmann, klingt eher nach einem Virtuosen, der barnabásbesemäßig den Ball berührt. Jeder Kommentator freut sich über einen einfachen Satz wie: "Barnabás Bese am Ball." Ein Name, der ein eigenes Straßenschild verdient.
Oberlippenbärte dagegen passen schon lange nicht mehr in die Gesichter, die ich mir zu den Namen vorstelle. Sie sind von den Fußballplätzen komplett verschwunden. In den Achtzigern trugen alle Spieler - auch Wolfgang Rolff, Rudi Völler oder Klaus Allofs - noch Schnauzer und einfache Namen, die bis heute im Gedächtnis kleben: Dirk Hupe. Bernd Krumbein. Rolf Blau, Willi Weiss. Oder Roman Geschlecht natürlich - vergisst man nie.
Meine Brüder hockten im Kofferraum
Aber zurück ins Jahr 1984, nach Südfrankreich: Als wir das Mittelmeer erreicht hatten, war es tagelang furchtbar heiß. Über 30 Grad kein Wind. Das kannten wir als Schleswig-Holsteiner gar nicht. Über eine befreundete französische Familie hatten wir eine Ferienwohnung in Frontignan bekommen, einem Badeort, in dem nur Franzosen Urlaub machten. Und wir. Wir sprachen aber kein Französisch. Und niemand außer uns verstand Englisch.
Als meine Mutter dort auf einem Markt Honig kaufen wollte, bemerkte der Mann am Stand, dass wir Deutsche waren, und riss ihr das Glas aus der Hand. Er schubste sie, schrie immer wieder "Boche", dann "Nazis", bis wir schließlich das Weite suchten. Ein anderes Mal, in einem Supermarkt, bedrohte ein älterer Monsieur meinen Vater sogar mit einem Baguette.
Trotzdem waren es die schönsten Ferien meines Lebens, wir trafen vor allem viele freundliche Franzosen. Meist waren wir mit unserer Gastfamilie zu acht in einem Renault 5 unterwegs. Sie zeigten uns die Gegend - Nîmes, Avignon oder das Ardèche-Tal. Meine Brüder hockten im Kofferraum.
An den Fußballabenden saß ich allein in dem winzigen Auto und hörte die EM-Übertragungen im Radio. Dass ich kein Wort verstand - nicht wichtig. Ich hörte ja die Namen der Spieler und stellte mir die Gesichter und Geschichten dazu vor. Und ich hörte, wenn Tore fielen. Das langte.
Dann riefen alle "PLA-TI-NI!"
Auch das Endspiel zwischen Frankreich und Spanien verfolgte ich im Renault: Tigana, Giresse und Bruno Bellone gegen Arconada, Camacho und Santillana. Aber ich hörte immer nur Platini. Der französische Spielmacher mit den langen Haaren prägte das Spiel der Franzosen und die gesamte EM. Am Ende hatte er neun Tore geschossen und war Europameister, später sogar Weltfußballer.
Die gesamte zweite Halbzeit knallte ein mächtiger Regen in dicken Tropfen wie Kleingeld aufs Autodach. Und dann war das Spiel vorbei. Erst als die ersten Franzosen mit der Tricolore durch die Straßen tanzten, die Marseillaise sangen und immer wieder "PLA-TI-NI!" riefen, war auch mir klar, wer gewonnen hatte.
Viele Jahre später - ich arbeitete inzwischen als Sportjournalist - begegnete ich Michel Platini einmal persönlich. Für wenige Minuten. Auf einer Pressekonferenz sprach er als Funktionär über die Zukunft des europäischen Fußballs. Doch ich hörte gar nicht richtig zu. In Gedanken saß ich in einem alten Renault in Südfrankreich. Ich war wieder zehn Jahre alt. Es regnete in Strömen. Das Radio lief. Und ich hatte die Stimme des Kommentators im Ohr.
- Oliver Lück, Jahrgang 1973, ist Journalist, Buchautor und Fotograf. Seit 20 Jahren schreibt er für Magazine und Tageszeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Gerade ist sein neues Buch bei Rowohlt erschienen: "Flaschenpostgeschichten. Von Menschen, ihren Briefen und der Ostsee." Und davor bereits: "Neues vom Nachbarn - 26 Länder, 26 Menschen." Mehr unter: www.lueckundlocke.de


Oliver Lück:
FlaschenpostgeschichtenVon Menschen, ihren Briefen und der Ostsee.
Rowohlt Verlag; 240 Seiten; 9,99 Euro.
- Bei Amazon bestellen.
- Bei Thalia bestellen.
- Termine für Lesungen zu "Flaschenpostgeschichten" und "Neues vom Nachbarn" finden Sie hier.
© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




