EM 2008 in Australien Down Under - ganz unten

Deutsch, fußballbegeistert und am falschen Ende der Welt: In Schwarz-Rot-Gold zog Marko Schubert durch australische Straßen - zum Schrecken der Einheimischen.

Marko Schubert

Dies ist meine traurige Erfolgsgeschichte. Als Kinder träumten mein Bruder Benny und ich in unserem Neubaublock in der DDR von Australien: Wir hängten uns eine große Fahne über das Bett und wünschten uns, einmal in unserem Leben so weit zu reisen. Später wurde mein Traum sogar mehr als einmal Wirklichkeit - und ich freute mich nicht. Denn es war EM.

2006 war ich zum ersten Mal in Australien. Dann brachte mich mein Beruf ins Land meiner Träume. Mindestens einmal im Jahr stand eine dreiwöchige Dienstreise nach Down Under auf dem Plan. Doch Anfang des Jahres übermittelte mir mein Boss den nächsten Australien-Termin: Juni 2008. Kein Mitleid für einen Fußballfreak wie mich.

Am 19. Juni, dem Tag des ersten Viertelfinales Deutschland gegen Portugal, fuhr mich meine Freundin Sylvie um 19 Uhr zum Flughafen. Mit hinein kam sie nicht - schließlich wollte sie noch einen guten Platz zum Fußballgucken bekommen. Im Gegensatz zu den in Vorfreude auf das Match gefüllten Straßen Berlins glich der Flughafen Tegel einer Geisterstadt. Noch nie hatte ich den Parkplatz und den Terminal so menschenleer gesehen. Nur ein einziger Inlandsflug war an der riesigen Abflugtafel für die Zeit des Spiels aufgelistet. Meiner. Im Wartebereich stand ein Fernseher, doch er zeigte Nachrichten! Wütende Reisende krochen unter den Apparat und versuchten, auf einen anderen Kanal umzuschalten. Kurz nach Anpfiff hatten wir endlich den Mitarbeiter mit der Fernbedienung gefunden und sahen unsere Jungs über den Platz flitzen. Genau in diesem Moment wurde zum Boarding aufgerufen.

Im Flieger fragte ich die Stewardess, ob denn der Kapitän die Ergebnisse durchsagen würde. Sie rief ins Cockpit: "Sagst Du die Ergebnisse durch?" Eine männliche Stimme fragte zurück: "Welche Ergebnisse?" Verstört ließ ich mich auf meinen Platz fallen. Als einer der letzten Passagiere kam eine aufgeregte Dame ins Flugzeug. "1:0 für Deutschland durch den Schweinsberger!" rief sie. Ich hätte heulen können vor Wut. "Schweinsteiger!" schrie ich sie an. Als wir in Frankfurt landeten, hatte das Spiel 3:2 geendet - ich hatte kein einziges Tor live gesehen.

Schwarz-Rot-Gold im Morgengrauen

Nach meiner Ankunft in Australien fand ich per Internet heraus, dass es einen irischen Bezahlfernseher gebe, der in einigen Städten Australiens auch in bestimmten Kneipen zu empfangen sei - meine letzte Hoffnung, das gigantische Halbfinale gegen unsere türkischen Freunde doch noch live zu verfolgen. Der Taxifahrer in Brisbane im Bundesstaat Queensland empfahl mir, es in einem englischen Pub zu versuchen. Am Spieltag lief ich nachts durch die Straßenschluchten der schlafenden Metropole zum "Pigs N Whistle". Dann tauchten aus den engen Seitenstraßen weitere Gestalten auf. Fast alle trugen Deutschland- oder Türkei-Trikots. Rechtzeitig vor Anpfiff um 4:45 Ortszeit bekam ich einen guten Platz in der einzigen geöffneten Kneipe der Stadt. Die Stimmung war freundlich und ausgelassen. Bis zur Mitte der zweiten Halbzeit, denn dann geschah das Unglaubliche: Beim Stand von 1:1 fiel plötzlich das Bild aus.

Einige Zuschauer riefen zu Hause an und erfuhren, dass auch dort nur Schnee auf dem Bildschirm zu sehen war. Doch in Australien gab es keinen Radioreporter, der das Spiel weiter kommentierte. Endlich kam das Bild wieder. Ein Zwischenstand wurde nicht eingeblendet. So sahen ich und die hundert anderen Leute im Pub von Brisbane erst nach einem ins Aus geschlagenen Ball die Wiederholung in Zeitlupe von Kloses 2:1 für Deutschland. Wir konnten es gar nicht glauben, und erst nachdem der Reporter das aktuelle Ergebnis bestätigt hatte, lagen wir uns in den Armen. Frenetischer jubelten nur die australischen Türken beim Ausgleich fünf Minuten vor Schluss - doch das 3:2 von Lahm entflammte uns für Deutschland. Eine tobende schwarz-rot-goldene Meute verstörte nach Spielende die Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Ich glaube, die meisten hatten ein wenig Angst vor uns.

Einsamer Sieg

Fußball war natürlich mein Thema im Taxi, als ich am nächsten Tag zu einem Termin fuhr. Auch der koreanische Fahrer war fußballbegeistert. Fast im Sekundentakt drückte er seine Begeisterung aus, indem er immer wiederholte "Ballack. Oh my god!", "Podolski. Oh my god!", "Sneileger (vermutlich Schweinsteiger) Oh my god!". Erst als ich ausstieg, fiel ihm ein, wer unser Finalgegner sein würde, und er brüllte mir hinterher: "Spain. Oh my god!"

Wie Recht er hatte, erfuhr ich im tropischen Cairns im Nordosten des Landes. Mein Hotel hatte einen fünfzig Meter langen Pool, umgeben von gigantischen Palmen und einen monströsen Flachbildschirm. Vor diesem Fernseher sah ich mir das Spiel an. Meine Berliner Freunde und ich haben eine Tipprunde mit einem komplizierten Punktesystem. Ich tippe immer auf Spanien, also auch diesmal: 1:0 für Spanien. Und endlich lag ich richtig! Unsere Mannschaft spielte schlecht, ich gewann. Meinen Sieg musste ich jedoch allein feiern - 20.000 Kilometer entfernt vom Geschehen.

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