Novemberpogrome 1938 "Nie mehr zurück in dieses Land"

Emigranten schilderten Ende der Dreißigerjahre die von den Nazis organisierten Gewaltausbrüche gegen deutsche Juden und politische Gegner. Anlass war ein von der Harvard University veranstaltetes Preisausschreiben.

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Hugo Moses, Angestellter des Bankhauses Oppenheim, wurde um drei Uhr nachts herausgeklingelt. Betrunkene SS-Männer drangen in seine Wohnung ein. Der Anführer hielt ihm einen entsicherten Revolver an die Stirn, während die anderen das gesamte Mobiliar zerstörten.

Am nächsten Tag wurde der 42-jährige Moses verhaftet und musste tagelang in einem überfüllten Gefängnis ausharren. Der zweifache Vater schaffte es, freizukommen und mit seiner Familie in die USA zu fliehen. Über die verhängnisvolle Novembernacht 1938 schrieb er einen Bericht:

"Eine Wolke von Alkohol schlug mir entgegen, und die Horde drängte ins Haus. (...) Dann hörte ich nur noch das Krachen von umstürzenden Möbeln, splitterndes Glas und das Trampeln von schweren Stiefeln. (...) Nichts von dem, was an Leiden, an Entbehrung, an Demütigungen und an Schrecklichem dieser Zeit vorherging, ist mit dieser einen Nacht zu vergleichen."

Mit diesem Zeugnis nahm Hugo Moses an einem ungewöhnlichen Aufsatzwettbewerb teil: Wie die "New York Times" am 7. August 1939 unter der Überschrift "Prize for Nazi Stories" berichtete, suchten Wissenschaftler der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, Berichte von Augenzeugen, die authentisch Auskunft geben könnten über das Leben in Deutschland vor und nach Adolf Hitlers "Machtergreifung" am 30. Januar 1933.

263 Manuskripte

Zu diesem Zweck werde ein Aufsatzwettbewerb ausgeschrieben, das Preisgeld betrage insgesamt 1000 Dollar. Teilnehmen könne jeder, der aus eigener Erfahrung berichten könne, wie sich der Alltag unter den Nationalsozialisten verändert habe.

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Preisausschreiben für Emigranten: Abschied aus Deutschland

Ausführlich und auf Deutsch wurde der Aufruf in den folgenden Wochen über Informationsbüros und Hilfswerke weltweit verbreitet. Die Anleitungen waren sehr präzise: Die persönlichen Erinnerungen, "möglichst einfach, unmittelbar, vollständig und anschaulich", könnten "beliebig lang" sein, sollten aber "ein Minimum von 20.000 Worten betragen".

263 Manuskripte trafen bis zum Einsendeschluss am 1. April 1940 ein, darunter 155 aus den USA, 31 aus Großbritannien, 20 aus Palästina und sechs aus Shanghai - dort hatte sich eine jüdische Enklave gebildet, weil die "offene Stadt" keine Einreisedokumente verlangte.

Vor allem Pogromnacht Thema

Zwar gab es auch Texte, die von Nazideutschland schwärmten - etwa von einem schlesischen Konditor, der jetzt als "feindlicher Ausländer" in einem britischen Internierungslager saß, oder von einem Au-pair-Mädchen, das in Amerika vom Kriegsausbruch überrascht worden war.

Aber die große Mehrzahl stammte von Flüchtlingen: zwei Drittel von Juden, die Deutschland und Österreich seit 1933 verlassen hatten, ein Viertel von politischen und christlichen Nazigegnern. Die jüdischen Verfasser schilderten vor allem die Ausschreitungen, Brandstiftungen, Zerstörungen und Plünderungen in der Pogromnacht.

Eine alte Dame wurde in ihrer Wohnung gezwungen, mit einem Hammer alle Wertgegenstände zu zertrümmern. Ein Rabbiner musste stundenlang jüdische Lieder singen, während er mit einem Knüppel geschlagen wurde und SS-Männer ihm den Bart abschnitten. Der 21-jährige Moritz Berger aus München, der seinen Bericht mit "Rache" überschrieb, träumte davon, als Bomberpilot seine Heimatstadt dem Erdboden gleichzumachen.

"Sie haben die 35 im Bunker erschlagen"

1933 hatten 520.000 Juden in Deutschland gelebt, im November 1938 waren es noch 360.000. Nach den Pogromen versuchten auch sie, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Einig waren sich die Verfasser der Berichte, dass es für deutsche Juden undenkbar sei, je wieder in Deutschland zu leben. "Nie mehr zurück in dieses Land, wenn wir es erst lebend verlassen haben", notierte die Berliner Ärztin Hertha Nathorff eine Woche nach dem Pogrom in ihrem Tagebuch.

Die österreichische Schriftstellerin Gertrud Wickerhauser Lederer, eine Katholikin, deren jüdischer Mann, ein Wiener Internist, schon vor der Pogromnacht im KZ Buchenwald inhaftiert war, schilderte dessen Erlebnisse mit dort eingelieferten Geisteskranken auf 230 Seiten.

"Jetzt werden sie die armen Teufel in ordentliche Pflege bringen, habe ich mir gedacht und habe 20 Unheilbare, die nicht zu beruhigen waren, herausgesucht (…...) Wie ich zurückkomme, sind 35 Kranke verschwunden. Darunter ganz leichte Fälle, harmlose Neurosen. (…...) Sie haben die 35 im Bunker erschlagen."

Attentat auf Sozialdemokraten

Gertrud Wickerhauser Lederer erhielt für ihren Bericht den ersten Preis. Sie teilte die 500-Dollar-Prämie mit dem sozialdemokratischen Journalisten Carl Paeschke, der seit 1930 Redakteur in Schlesien gewesen war.

Im August 1932 hatten Nationalsozialisten auf ihn ein Attentat verübt. Als es im November 1932 in Schweidnitz zum Prozess kam, wimmelte es im Gerichtssaal nur so vor Nationalsozialisten. Zeugen wurden eingeschüchtert - und Edmund Heines, der Führer der SA-Gruppe Schlesien, verkündete im Gericht, Hitler habe die Hauptangeklagten "wegen ihrer Verdienste um die nationale Befreiung zu Truppführern der SA ernannt".

Trotz des Drucks der Nazis wurden Täter und Drahtzieher zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt, die sie aufgrund der "Machtergreifung" Hitlers jedoch nicht verbüßen mussten. Paeschke aber floh im März 1933 aus Deutschland. Seinen 58 Seiten umfassenden Bericht schrieb er im Schweizer Exil.

Vorbild Abel

Veranstaltet hatten den Aufsatz-Wettbewerb drei Wissenschaftler, angeführt von dem 27-jährigen Soziologen Edward Hartshorne. Die Methode, durch ein Preisausschreiben autobiografische Beiträge zu generieren, folgte einem Beispiel, mit dem 1934 US-Soziologe Theodore Abel frühe Mitglieder der NSDAP zu Selbstauskünften ermuntert hatte.

Bei Abels Projekt, unterstützt vom Berliner Reichspropagandaministerium, bejubelten fanatische Hitler-Anhänger mit völkischen und antisemitischen Parolen den Aufstieg des "Dritten Reiches". Die Juden indes schilderten in ihren Berichten auf bedrückende Weise das brutale Vorgehen entfesselter Kleinbürger.

Hartshorne schrieb sogar eine Rezension über Abels 1938 erschienenes Buch "Wie Hitler an die Macht kam". Der Soziologe lobte zwar Abels Darstellung, wie eine totalitäre politische Bewegung zur absoluten Staatsmacht aufgestiegen war. Er kritisierte jedoch, Abel habe den Antisemitismus verharmlost und durch die unreflektierte Wiedergabe der Nazisprüche die Terrorherrschaft gerechtfertigt.

Zeitzeugnisse im Karton

Geplant hatte Hartshorne, aus den Aufsätzen ein Buch mit dem Titel "Nazi Madness: November 1938" zu machen. Es sollte die 1941 immer noch mehrheitlich isolationistisch gesinnten Amerikaner aufrütteln, die Bedrohung durch den Nationalsozialismus endlich ernst zu nehmen und zum Kriegseintritt bereit zu sein.

Das Buchprojekt zerschlug sich jedoch, als Hartshorne im September 1941 eine Stelle beim amerikanischen Geheimdienst antrat, wo ihm eigene Publikationen untersagt waren. So verschob er die Buchpläne und verwahrte die Augenzeugenberichte in einem Pappkarton.

Dort fand sie die Heidelberger Soziologieprofessorin Uta Gerhardt ein halbes Jahrhundert später, als sie für eine Hartshorne-Biografie recherchierte. Seit den Neunzigerjahren wertet der inzwischen emeritierte Mainzer Sozialforscher Detlef Garz die autobiografischen Aufsätze systematisch aus. 2009 gab Gerhardt zusammen mit dem Berliner Autor Thomas Karlauf eine Auswahl von 21 Texten heraus.

Wettbewerbs-Initiator ermordet

Nach dem Krieg zog Hartshorne im Mai 1945 als verantwortlicher Offizier für die Wiedereröffnung der deutschen Universitäten der amerikanischen Besatzungszone nach Marburg. Im August 1946 wurde er Entnazifizierungsoffizier für Bayern. Am 28. August wurde Hartshorne durch einen Kopfschuss aus einem vorbeifahrenden Jeep so schwer verletzt, dass er zwei Tage später starb.

Das Motiv für den niemals aufgeklärten Mord war möglicherweise Hartshornes leidenschaftliche Bekämpfung des Nazisystems. Das Counter Intelligence Corps (CIC), die Spionageabwehr des US-Heeres, hatte 1946 begonnen, hochrangige Nationalsozialisten über eine Geheimroute des Vatikan ("Rattenlinie") nach Südamerika zu schleusen.

Einer, der 1951 auf diesem Weg aus Deutschland flüchtete, war der Kriegsverbrecher Klaus Barbie, berüchtigt als "Schlächter von Lyon"; er hatte 1946 einige Monate unter falschem Namen in Marburg gelebt. Hartshorne hatte offenbar Wind vom Treiben des CIC bekommen - und der sowjetischen Regierung eine entsprechende Information zugespielt.

Zum Weiterlesen: Uta Gerhardt/Thomas Karlauf (Hg.): Nie mehr zurück in dieses Land. Augenzeugen berichten über die Novemberpogrome 1938. Propyläen Verlag, Berlin; 368 Seiten. Taschenbuch-Ausgabe 2011 im List Verlag.

insgesamt 6 Beiträge
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Adelheid Rother, 18.05.2018
1. Hoffentlich
wird es so etwas nie wieder geben. Heutzutage geht vor allem die AFD und die CSU gegenüber Ausländern verbal aggressiv vor (sh Haushaltsdebatte im Bundestag). Leider gibt es auch nach wie vor einen unbelehrbaren Anteil in der deutschen Bevölkerung, die mit der damaligen Vorgehensweise anscheinend keine Probleme hatten oder auch haben. Geschichtlich rückwärtsgewandte machen mir im Moment die meisten Sorgen. Dabei ist bei diesen Personen die Religion -Moslem oder Jude, aus meiner Sicht eine Ausrede, um Hass zu säen. Mitmenschlichkeit, Empathie, die sogenannten christlichen Werte, Fehlanzeige. Nie wieder sollen Menschen von "durchgeknallten" Deutschen misshandelt, getötet oder auch gefoltert werden.
Siegfried Raudolf, 18.05.2018
2. Falsch
"Der Anführer hielt ihm einen entsicherten Revolver an die Stirn" - Revolver haben keine Sicherung.
erwin fortelka, 18.05.2018
3. Ich finde es gut,
...dass immer wieder Artikel zu diesem Thema veröffentlicht werden. Denn es gibt offensichtlich einen sich immer mehr verstärkenden Trend in Deutschland, diesen schrecklichsten Teil der deutschen Geschichte zu verdrängen, zu relativieren oder totzuschweigen. Noch schlimmer sind die politischen Leugner, die mittlerweile auch im Bundestag sitzen. Diese und andere Artikel halte ich für sehr wichtig, dienen sie doch einer konsequenten und ehrlichen Aufarbeitung, die im Nachkriegsdeutschland bis heute nicht stattgefunden hat. Und eine letzte Bemerkung zum Beitrag Nr. 2 auf diesem Forum: Mehr fällt Ihnen zu diesem Thema nicht ein? Erwin Fortelka (Klarname)
Old Sack, 18.05.2018
4. schon komisch...
wieviel wenige Kommentare es in diesem Forum zu diesem Thema gibt,wobei wir auf dem besten weg sind diese Zeit wieder "aufleben" zulassen.Warten Sie es ab geben sie der AFD und allen den anderen "Deutsch"-Nationalen nur genug Zeit dafür!............Der Mensch lernt einfach nicht aus seiner Geschichte!
A Guest, 19.05.2018
5. @2
Na dann war es eben eine Pistole oder ein gespannter Revolver. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Sie nachts um 3, wenn der besoffene Mob in ihrer Wohnung wütet und Sie um ihr Leben und das Ihrer Familie bangen, solche Details exakt und präzise dokumentieren würden. Sicherlich hätten Sie auch die Anzahl der Steine in den Rillen der Stiefelsole gezählt.
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