Absturz ins Empire State Building Zickzack-Flug durch Manhattans Häuserschluchten

Augenzeugen vermuteten einen japanischen Kamikaze-Angriff: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs krachte ein zweimotoriges Kriegsflugzeug in das höchste Gebäude der Welt - und löste den tiefsten Fahrstuhlabsturz aus, den je ein Mensch überlebte.

Von , New York

imago

Der Wetterbericht deutete auf nichts Ungewöhnliches hin. 21 Grad, Nieselregen, kaum Wind: kein ideales Flugwetter, aber auch kein größeres Hindernis. Nur mit dem Nebel hatte William Smith nicht gerechnet.

Oberstleutnant Smith, Vizekommandeur der 457th Bomb Group in South Dakota, war ein hochdekorierter Kampfflieger der US-Armee. Mehr als 500 Flugstunden hatte er hinter sich, meist über Europa. Der 27-Jährige gab eine fesche Figur ab, mit seinem Schnäuzer sah er aus wie Hollywood-Idol Errol Flynn. Ende Juli 1945 war mit seinem B-25-Bomber halbprivat an der Ostküste unterwegs. In Bedford bei Boston hatte er seine Frau Martha besucht. Auf dem Rückweg sollte er in Newark einen Vorgesetzten abholen und dann mit ihm nach South Dakota weiterfliegen.

Es war Samstag, der 28. Juli 1945. Der Krieg in Europa war vorbei, in Asien würde er noch ein paar Monate toben. Viele New Yorker schufteten weiterhin in Sechs-Tage-Wochen. Wie etwa die 20-jährige Sekretärin Therese Fortier. Sie arbeitete beim Kriegshilfswerk Catholic War Relief Service in Manhattan, im 79. Stock des Empire State Building. Zusammen mit ihr waren an jenem Morgen rund 1500 Menschen in dem 14 Jahre zuvor fertiggestellten, mit 381 Metern höchsten Gebäude der Welt.

"Ich kann die Spitze nicht sehen"

350 Kilometer entfernt war William Smith mit seiner zweimotorigen Maschine vom Bedford Army Air Field gestartet. Mit an Bord: Co-Pilot Chris Domitrovich, 30, und Albert Perna, 20, ein Flugzeugmechaniker der Marine aus Brooklyn, der im letzten Moment aufgesprungen war.

Der Nebel erwischte sie 15 Meilen vor dem New York Municipal Airport, dem späteren LaGuardia-Flughafen. Dichter, suppiger Nebel, der alles verschluckte. Der Fluglotse drängte Smith zur Landung. Doch Smith beharrte darauf, nach Newark weiterzufliegen, gleich auf der anderen Seite der Wolkenkratzer-Insel Manhattan.

"Ich kann die Spitze des Empire State Building nicht mehr sehen", warnte der Lotse. "Roger, Tower, danke", antwortete Smith nur. Er flog absichtlich tief und wähnte sich schon an Manhattan vorbei - doch fand sich plötzlich, als der Nebel aufriss, mitten zwischen den Wolkenkratzern.

Zickzack durch Manhattan

Als erstes ragte das New York Central Building direkt vor ihm auf. Um eine Kollision zu vermeiden, drehte er nach rechts ab. Die Motoren der B-25 röhrten so laut, dass die Leute auf der Straße stehen blieben.

Im Zickzack versuchte Smith den Gebäuden auszuweichen, einem nach dem anderen, wie in einem Actionfilm. Chrysler Building, RCA Building, Rockefeller Center. Scharfe Linkskurve, und nun südwärts - schnurstracks aufs Empire State Building zu.

Smith zog nach oben. Zu spät: Um 9.49 Uhr raste die Zehn-Tonnen-Maschine mit 322 Kilometern pro Stunde frontal in den Turm - in Höhe des 79. Stocks, in die Büros des War Relief Service. Dort, wo die Sekretärin Therese Fortier arbeitete.

Der Bomber riss ein 5,50 Meter breites und 6,10 Meter hohes Loch in die Nordfassade. Das ganze Gebäude schwankte, bis in die unteren Etagen barsten Fenster, es hagelte Splitter.

"Keiner von uns verstand, was passierte"

Der Treibstoff der B-25 explodierte in einem Feuerball und floss brennend an den Mauern herab und durch die Treppenhäuser. Pilot, Co-Pilot und Mechaniker waren sofort tot. Die Flugzeugflügel brachen ab, ein Motor schlitterte durchs gesamte Stockwerk, fiel auf der anderen Seite heraus und landete 300 Meter tiefer auf einem Penthouse-Dach, das ebenfalls Feuer fing.

Vom Empire State Building fielen brennende Trümmer auf die Straße, aufs Vordach und auf einige Autos. Der Großteil des Wracks jedoch blieb in dem Loch im 79. Stock stecken.

Auf der Fifth Avenue vor dem Gebäude sammelten sich zahllose Schaulustige. Viele hielten die Katastrophe für einen japanischen Kamikaze-Angriff. "Keiner von uns verstand, was passiert war", sagte Therese Fortier der "New York Times" 1995 zum 50. Jahrestag.

Sie hatte überlebt. Scheinbar gefangen im 79. Stock hatte sie sich kurz nach dem Crash ihre zwei Ringe von den Fingern gerissen und aus dem Fenster geworfen: "Ich dachte, wir würden alle sterben."

"Ich war gerade beim Diktat", sagte die Buchhalterin Althea Lethbridge, die im 72. Stock arbeitete, der Zeitung. "Wir sahen Flammen unter uns. Dann guckten wir hoch und sahen Flammen über uns." Lethbridge rettete sich über Treppen, an einen Mann geklammert, dessen Name sie nie erfuhr.

Fahrstuhlabsturz über 75 Etagen

Anderen war der Fluchtweg abgeschnitten. Auf der Aussichtsterrasse im 86. Stock steckten zeitweise 60 Leute fest, darunter Kinder. Anderswo brach Panik aus. Ein Mann sprang aus dem Fenster.

Die abenteuerlichste Geschichte erlebte die Fahrstuhlführerin Betty Lou Oliver. Sie hatte Brandverletzungen erlitten. Eine Gruppe Überlebender brachte sie in einen Aufzug. Doch als sich die Tür schloss, rissen die Kabel.

Der Fahrstuhl stürzte 75 Etagen ab, bevor er abrupt anhielt - auf den Stahlseilen, die sich zur riesigen Feder aufgerollt hatten. Oliver sprang dem Tod ein zweites Mal von der Schippe und kam mit Brüchen davon. Bis heute ist es laut "Guinness-Buch der Rekorde" der tiefste Aufzugsturz, den jemand überlebt hat.

Insgesamt starben 14 Menschen: neben den drei Flugzeuginsassen elf Angestellte des War Relief Service. Dutzende wurden verletzt. Hunderte Feuerwehrmänner waren im Einsatz. Der Schaden erreichte eine Million Dollar - nach heutiger Rechnung 13 Millionen Dollar.

Die Ringe, die Therese Fortier aus dem Fenster geworfen hatte, fanden sich auf der 34th Street. Fortier heiratete den Freund, der ihr einen der Ringe geschenkt hatte. Ihr Sohn sollte 1977 an einem anderen Skyscraper Schlagzeilen machen: George Willig erklomm die Südturm-Fassade des World Trade Center.

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Karla Benzheim, 28.07.2014
1. B-52 Bomber? Wohl kaum...
Ich denke mal, dass das ein Tippfehler ist (AFAIK war der Erstflug des B-52 am 15. April 1952). Es wahr wohl ein B-25-Bomber.
Cyman, 28.07.2014
2. Ah ja, ein B-52 Bomber, so so...
Ist ja interessant, aber ich fürchte, da hat man wohl in der Eile einen groben Fehler übersehen, denn es kann sich nicht um einen B-52-Bomber gehandelt haben, da dieser seinen Jungfernflug erst 1952 hatte, also erst einige Jahre nach dem Krieg überhaupt entwickelt wurde.
H1 Aberle, 28.07.2014
3. Nicht mehr ganz frisch
bereits 1994 stand ein sehr guter Artikel über diesen Absturz im Geo-Magazin. Schade, dass einestages jetzt schon abschreibt! http://www.geo.de/GEO/heftreihen/geo_epoche/die-geschichte-mit-der-fast-alles-begann-59792.html
Mann-spricht-Deutsch Texte für Geld, 28.07.2014
4. Schreibverbot?
Darf einestages jetzt nie wieder über etwas schreiben, worüber schon jemand anderes geschrieben hat? Vor 20 Jahren? Steile These für ein historisches Format.
Irina von Schlegel, 28.07.2014
5. Abgeschrieben?
Hallo "H1 Aberle", der GEO-Artikel ist wirklich gut. Sie sollten ihn auch lesen, finde ich. Therese Fortier kommt darin z.B. gar nicht vor. Wie können Sie dann auf den Gedanken kommen, Marc Pitzke habe lediglich abgeschrieben?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.