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Ende der DDR Der Saboteur von Bad Saarow

Ende der DDR: Der Saboteur von Bad Saarow Fotos
Michael Heide

Und wenn die Volksarmee auf das Volk schießt? Im Revolutionssommer 1989 stand die DDR kurz vor dem Bürgerkrieg - und NVA-Berufssoldat Michael Heide wurde aus Angst vor Blutvergießen zum Saboteur: Mit dem Skalpell in der Tasche startete der Stabsfähnrich die waghalsige "Operation Sperrfeuer".

Es war 2.15 Uhr nachts an einem der letzten Augusttage des Jahres 1989. Gerade hatte ich, damals ein 34-jähriger Stabsfähnrich der Nationalen Volksarmee, den Nachtdienst vom Operativen Diensthabenden in der Militärmedizinischen Akademie in Bad Saarow übernommen. Angenehm war es draußen nach der großen Tageshitze; erfrischend, nicht kalt. Dazu die wohltuende nächtliche Ruhe. Denn ruhig war es in diesen Tagen in der DDR ansonsten wahrlich nicht.

Es brodelte und rumorte im Land. Fluchtwelle und Proteste erschütterten die Gesellschaft. Die Herrschenden reagierten hartleibig bis zum Starrsinn. Es schien möglich, dass die SED-Führung die Unruhe im Land mit einer gewaltsamen, "chinesischen Lösung" beenden würde, so wie die KP Chinas im Mai mit dem Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens. Nicht auszudenken, wenn hier, mitten in Europa, Demonstrationen von Bürgern mit Waffengewalt niedergeschlagen würden. Aber Hardliner an den Hebeln der Macht gab es noch genug.

Den großen Knall, den Bürgerkrieg wollte ich nicht. Da würde ich nicht nur nicht mitmachen, sondern mich mit allem dagegenstemmen. Auch als Soldat der NVA, der der DDR Treue geschworen hatte. Längst hatte ich abgeschlossen mit dem System, dem ich einst so viel Vertrauen entgegenbrachte und das mir viel ermöglicht hatte. Aber der Konfrontationskurs von Partei und Regierung gegen die eigene Bevölkerung gab für mich den Ausschlag zu handeln.

Ein paar Minuten, die alles änderten

Als Kind war ich vier Wochen vor dem Mauerbau mit der Mutter aus der DDR über Berlin in den Westen gelangt. Zur Schule ging ich in Hamburg und Gelsenkirchen, bevor ich mit elf Jahren durch familiäre Wirrungen in einer Nacht-Nebel-Aktion ganz allein wieder in die DDR zurückkehrte. Nach dem Abitur wurde ich Berufsoldat bei der NVA um, so hoffte ich damals, den besseren Teil Deutschlands gegen das vermeintlich menschenfeindliche System des Imperialismus zu verteidigen.

Eigentlich hatte ich die Offizierslaufbahn angestrebt, aber ich durfte nur Unteroffizier und dann Fähnrich werden, wegen zu schlechter Augen. Ich spürte irgendwie, dass das ein vorgeschobener Grund war. Eine Kindheit in beiden deutschen Staaten mit entsprechenden Erfahrungen und Verwandtschaftsbeziehungen war der DDR-Obrigkeit wohl suspekt. Anders als viele DDR-Bürger konnte ich aus eigenem Erleben Vergleiche ziehen. Den Dienst verrichtete ich dennoch gern und, will man all die Auszeichnungen als Maßstab nehmen, auch gut. Als Fernstudent konnte ich mich an zivilen Hochschulen einschreiben, wurde zweifacher Ingenieur. Konnte ich mich da so einfach abwenden von dem Staat, der mir diese Möglichkeiten eröffnet hatte?

Der Zeitpunkt, an dem mein Widerstreben gegen Partei und Regierung Gestalt annehmen musste, rückte näher. Nicht länger wollte ich Teil der Unterdrückungsmaschinerie sein, auch kein passiver Beobachter aus sicherer Entfernung. Und so kam es in dieser lauen Augustnacht 1989 zum Schwur. Es waren nur wenige Minuten, die alles änderten, aber vorbereitet worden waren sie wochenlang - und ganz allein: Jeder Mitwisser hätte das Risiko erhöht, enttarnt zu werden. Nicht einmal meine Frau war eingeweiht - zu riskant. Nicht, weil ich ihr nicht traute. Aber sie könnte sich ja aus Versehen verplappern - und wer weiß, für wen derjenige arbeitete?

Schüsse auf das Volk?

Mein Arbeitsplatz war die Militärmedizinische Akademie in Bad Saarow südöstlich von Berlin. Die Akademie war das Zentrum der NVA-Militärmedizin. Hier gab es herausragende Ärzte und Wissenschaftler, aber zwangsläufig auch eine große politischen Nähe zum SED-System. In Bad Saarow wurde ausgebildet, geforscht, behandelt. Aber es wurde auch überwacht und bespitzelt - eine eigene kleine Diensteinheit des MfS residierte ganz offen in dem Komplex. Und dazu kamen, das war ein offenes Geheimnis, verdeckt arbeitende Stasi-Leute.

Was ich vorhatte, war eine Militärstraftat erster Kategorie. Flog die Sache auf, konnte ich kaum Gnade erwarten. Trotzdem stand mein Entschluss fest: Ich würde einen kleinen, knapp 30 Minuten langen chirurgischen Eingriff in das System der DDR-Landesverteidigung vornehmen.

Dass Demonstrationen gewaltsam verhindert werden sollten, stand für mich fest. Denn es ging längst um die Macht und um den Fortbestand der DDR. Es ging um alles oder nichts. Und den alten Männern im SED-Politbüro war ohne weiteres zuzutrauen, dass sie Verletzte oder sogar Tote in Kauf nehmen würden, nun, da ihre Herrschaft auf dem Spiel stand. Einheiten der DDR-"Sicherheitsorgane", zu denen die NVA auch gehörte, würden wohl bald für den Einsatz in festgelegten Bereitstellungsräume zusammengezogen - Einheiten, die für einen Krieg gegen Nato-Truppen ausgebildet waren. Und die nun womöglich auf die eigene Bevölkerung schießen sollten.

Meldung an den Minister

Ließ sich so ein Bürgerkriegsszenario verhindern? Von einem Einzelnen gar? Wie konnte er es wenigstens versuchen? Es gab da einen Ansatzpunkt. Bevor ich als Fähnrich nach Bad Saarow kam, war ich einige Zeit Leiter Nachrichten in einer anderen Dienststelle gewesen. Daher kannte ich die Abläufe im Alarmierungsfall - und wusste genau, wie die Nachrichtenkette für diesen Fall unterbrochen werden konnte.

Obwohl niemand eingeweiht war, blieb die "Operation Sperrfeuer", wie ich meinen Plan taufte, riskant. War der andere, der mit mir Nachtdienst schob, vielleicht ein Stasi-Mann? Hatte er sich nur zur Tarnung schlafen gelegt und würde womöglich putzmunter in der Tür stehen und mich bei meiner Aktion überraschen? Ich würde nicht sagen können, die Folgen nicht gekannt zu haben. In den Dienstvorschriften war klar geregelt, wie solche Vorfälle zu handhaben waren: "Meldehöhe Minister" - mein Vergehen würde bei DDR-Verteidigungsminister Heinz Kessler persönlich auf dem Schreibtisch landen.

Immerhin ging es hier um Geheimnisverrat in Tateinheit mit Sabotage - dafür wurde eine Freiheitsstrafe von bis zu acht Jahren angesetzt. Weil die Lage in der DDR instabil war, konnte ein Verräter mit allem rechnen, nur nicht mit einem rechtsstaatlichen Verfahren. Im Gegenteil, seine Vorgesetzten würden an ihm wohl ein Exempel statuieren wollen, um Nachahmer von vornherein abzuschrecken.

Keine Spur darf zurückbleiben

Es war inzwischen 2.45 Uhr nachts. Das Operationsbesteck liegt bereit: ein Skalpell, Papier, Klebstoff. Das Ziel: die Militärmedizinische Akademie bei der Auslösung erhöhter Gefechtsbereitschaft von den Alarmierungswegen abzuschneiden. Die Methode: unbemerkt das Codewort für die Weitergabe des Alarmbefehls aus den beiden zweifach versiegelten und mit Siegelschnur umschlungenen Doppelumschlägen zu entwenden, die bei Gefechtsalarm zu öffnen waren.

Dann ging alles sehr schnell. Ein kurzer Blick auf die Uhr: 2.49 Uhr. Alles war ruhig. Mit dem Skalpell öffnete ich behutsam die zwei äußeren Umschläge. Ich entnahm ihnen die kleineren Couverts mit dem Codewort und ersetzte sie durch mitgebrachte leere Umschläge. Dann kam der entscheidende Part: Die aufgeschlitzten Außenumschläge mussten sorgfältig zugeklebt werden. Keine Spur durfte zurückbleiben. Die Umschläge mit den Codewörtern waren Geheime Verschlusssache und wurden alle 24 Stunden auf Siegelbruch sowie Vollständigkeit geprüft, die Übergabe erst danach per Unterschrift quittiert. Bei den kleinsten Unregelmäßigkeiten würde alles auffliegen.

Die heikle Operation gelang chirurgisch sauber, obwohl ich kein Mediziner war. Noch ein paar Handgriffe, und es war vollbracht: Um 3.05 Uhr lag alles wieder an seinem Platz im gesicherten Aktenschrank. Fast alles. Wenige Stunden später übergab ich die äußerlich anscheinend unversehrten Umschläge an den nachfolgenden Diensthabenden. Ohne besondere Vorkommnisse - und ohne den entscheidenden Inhalt.

Kein Weg zurück

Die beiden inneren Umschläge, auf denen die Codewörter "Winokur 398" und "Saminka 405" prangten, befanden sich in meiner Aktentasche. Einen von ihnen hatte ich gleich geöffnet - zugegeben, Neugierde war auch mit dabei gewesen. Der Befehl ""Winokur 398", so las ich auf dem gefalteten Blatt, hätte die NVA in "Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr" versetzt, die höchste existierende Alarmstufe. Sieben Buchstaben und drei Zahlen, die die ganze Kriegsmaschinerie in Bad Saarow in Bewegung gesetzt hätten. "Saminka 405", das Codewort auf dem zweiten, roten Umschlag , stand für die zweithöchste Alarmtufe, "volle Gefechtsbereitschaft".

Draußen fingen die ersten Vögel an mit ihrem Morgenkonzert. Ein neuer Tag, aber für mich kein Tag wie jeder andere. Ich hatte eine Grenze überschritten. In mir machte sich das Gefühl breit, etwas Grundlegendes getan zu haben; mit vollem Risiko, aber doch wohlüberlegt. Und jetzt gab es keinen Weg mehr zurück - nur nach vorn.

13 Jahre später lag in meinen Briefkasten Post von der Gauck-Behörde. Ich hatte mir Zeit gelassen mit der Anfrage, ob mich und meine Familie bis 1989 jemand bespitzelt hatte. Es war keine Auskunft, auf die ich mich besonders gefreut hatte. Und tatsächlich, in Bad Saarow war ein IM war auf mich angesetzt gewesen, sein Deckname war im Brief der Gauck-Behörde genannt. Im Nachhinein erschreckte mich, in welcher Gefahr ich mich eine zeitlang befand - die "zuständigen Organe" waren mir dicht auf den Fersen gewesen. Nur Umsicht und Vorsicht gaben mir den Sicherheitsabstand.

Aber wer verbarg sich hinter dem Tarnnamen? Bei einer Tasse Kaffee mit Freunden erzählte ich einige Tage darauf von dem Aktenfund und dem unbekannten Spitzel. Ich ahnte nicht, dass der IM mit mir am Kaffeetisch saß. Einige Zeit später offenbarte er sich mir - ob aus Gewissensbissen oder um seiner Enttarnung zuvorzukommen, blieb unklar; vielleicht von beidem etwas. Meine Enttäuschung wird kaum jemand nachempfinden können, dem so etwas nicht selbst widerfahren ist. Es war für mich der letzte Beweis für die Deformierungen, die ein Staat wie die DDR den Menschen, die in ihm leben, zufügte.

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1.
Peter Mugay, 10.01.2010
Es war einmal... ...und wenn er nicht gestorben ist, erzählt er zum 30. Jahrestag der Einheit den Gebrüdern Grimmspiegel das nächste Märchen. Peter Mugay Schildow bei Berlin
2.
Jürgen Schulze, 10.01.2010
Dieser Mann verdient das Bundesverdientskreuz
3.
Matthias Knab, 10.01.2010
Wow, mein Respekt Herr Heide. Sie sind ein Held fuer mich.
4.
Stefan Link, 10.01.2010
Der Bericht von der großen Drehung am Rad der Geschichte scheint von übersteigerter Selbstwahrnehmung zu zeugen. Die Anekdote von den heimlich geöffneten Kennwort-Umschlägen ist amüsant. Meines Wissens gab es aber noch andere NVA-Standorte außer dem Militärhospital Bad Saarow. Außerdem hätten sich wohl im Ernstfall durch die nach Öffnung der leeren Umschläge offensichtlich gewordene Sabotage ohne größeren Zeitverzug andere Alarmierungswege zur Herstellung der Gefechtsbereitschaft gefunden.
5.
Paul Max, 11.01.2010
Wenn sich ein 34-jähriger als Stabsfähnrich (d.h. er hat sich verpflichtet mindestens 15 Jahre bei der NVA zu dienen - und hat ja auch gleich weiter bei der Bundeswehr weitergedient - ein echter Soldat also) plötzlich selbst zum Helden stilisiert, kann ich (selbst wenn die Story stimmt) nur leise mit dem Kopf schütteln. Was will uns der Künstler damit sagen?? Andere Leute gelten (zumindest im Spiegel) als Stasi-vorbelastet, wenn sie 18-20jährig für 3 Jahre (um einen Studienplatz o.ä. zu bekommen) beim Wachregiment gedient haben. Spiegel Spiegel in der Hand, wer ist der Blödeste im Land
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