Ende der Prohibition Kein Alkohol war auch keine Lösung

Durch die Prohibition sollten die USA moralisch und körperlich gesunden, doch stattdessen boomte das organisierte Verbrechen. Als das allgemeine Alkoholverbot 1933 beendet wurde, feierte sogar Präsident Roosevelt - mit seinem Lieblingsdrink.

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An diesem Tag wollte Benjamin DeCasseres Geschichte schreiben - in einer New Yorker Bar. Es war der 5. Dezember 1933, und ganz Amerika wartete auf Nachrichten aus Utah. Ausgerechnet der Staat der abstinenten Mormonen war das Zünglein an der Waage bei dieser geschichtsträchtigen Entscheidung: der Ratifizierung des 21. Zusatzartikels zur amerikanischen Verfassung, der Aufhebung der Prohibition.

Falls Utah zustimmte, war die nötige Dreiviertelmehrheit der US-Bundesstaaten erreicht. DeCasseres, stadtbekannter New Yorker Lebemann, Schriftsteller und Journalist, hatte aus diesem Anlass einen besonderen Coup ausgeheckt: Am entscheidenden Tag saß er am Tresen einer Bar in Manhattan, neben ihm ein heißer Draht, der direkt in das New Yorker Büro der Nachrichtenagentur United Press lief. Wenn also die Entscheidung in Utah fiel, würde die gute Botschaft ihn unverzüglich erreichen.

Als die Nachricht schließlich eintraf, startete eine Stoppuhr, DeCasseres orderte einen Highball - und stürzte ihn herunter. Zweieinhalb Sekunden nach dem Ende der Prohibition wurde er so zum - wahrscheinlich - ersten Amerikaner, der ganz legal Alkohol trank.

"Eigentlich hatte ich mich daran gewöhnt, anrüchig zu sein"

Damit gehörte DeCasseres zu den Zigtausenden, die in New York ein rauschendes Fest erwarteten, nachdem die rund dreizehn Jahre währende staatlich verordnete Trockenheit zu Ende ging. Zur Sicherheit war die Polizei in Alarmbereitschaft versetzt worden. Tatsächlich ging es am Abend des 5. Dezember zumindest in dem oft beschworenen Sündenpfuhl New York jedoch recht gesittet zu. Ausgerechnet der beliebte Whiskey war Mangelware. So behalfen sich die Menschen mit dem, was da war: Wein und Bier. Im fernen Washington soll sich Prohibitionsgegner Präsident Franklin D. Roosevelt erst einmal genüsslich einen Martini gemixt haben.

Andere zeigten sich vom Fall des staatlichen Alkoholverbots regelrecht betroffen. Eine ganze Trinkkultur schien vor die Hunde zu gehen. "Ich wusste gar nicht mehr, wie man legal trinkt. Wie es ist, von der Straße hereinzukommen und einen Drink zu bestellen, ohne dass dir ein Bulle den Arm auf die Schulter legt", sinnierte der Komponist Alec Wilder. "Und eigentlich", fügte er fast traurig hinzu, "hatte ich mich an den Gedanken gewöhnt, anrüchig zu sein."

Anrüchig war jeder Amerikaner, der seit dem 16. Januar 1920 Alkohol trank. An diesem Tag trat mit dem 18. Zusatz zur Verfassung ein nationales Alkoholverbot in Kraft. Zwar kannten einzelne Staaten bereits zuvor Prohibitionsgesetze, doch nun wurden die gesamten USA trockengelegt. Amerika sollte moralisch und körperlich gesunden, dies hatten sich die Gegner des "Königs Alkohol" auf die Fahnen geschrieben. Tatsächlich wurde die Prohibition jedoch ein Konjunkturpaket für die Organisierte Kriminalität.

Verbrecher wie Al Capone oder Meyer Lansky bedienten die illegale Nachfrage gerne – und machten über Nacht riesige Vermögen. Zugleich pflasterten sie aufgrund ihrer Konkurrenzkämpfe die Straßen mit Toten.

Tödlicher "Moonshine"

Vor allem die kanadische Alkoholindustrie boomte, um den großen Durst des großen Nachbarlands zu stillen. Zwischen 1923 und 1929 schnellte der Export - also der Schmuggel - in die USA von 110.000 auf 1,4 Millionen Gallonen hoch. Mehr als fünf Millionen Liter. Durch Tunnel, mit Lastern, über Flüsse, Seen und das Meer, es gab kaum eine Route, auf der kein Alkohol in die USA kam. Bei Nacht und Nebel brachten Boote den Alkohol über die Grenze, wo bereits Lastwagen warteten, die die heiße Ware weiter zu den Lokalen transportierten. Die Gangsterbosse hatten ihre Territorien fein säuberlich untereinander verteilt.

Die Gewinne waren so hoch, dass die Schmugglerkönige alles taten, um ihre Transporte heil über die Staatsgrenze zu bringen. Selbst komplizierte Verschlüsselungen nutzen die Schmugglerschiffe, um die Küstenwache im Dunklen über ihre Landungsplätze zu belassen. Natürlich wanderte auch viel Schmiergeld in die Taschen von Ordnungshütern, die in kritischen Momenten in eine andere Richtung schauen sollten.

Eine weitere Einnahmequelle war der sogenannte Moonshine. So hieß der, eben bei "Mondschein" illegal destillierte Whisky, der besser nur aus vertrauenswürdiger Quelle bezogen werden sollte: Oft panschten gewissenlose Schwarzbrenner ihr Erzeugnis. Die Folgen waren Erblindung, Lähmung, schwere Hirnschäden - und oft der Tod. Bis 1927 hatten sich rund 50.000 Amerikaner mit gepanschtem Alkohol ins Grab gesoffen.

Selbst Washingtons High Society trank illegal

Die Amerikaner tranken trotz dieser Gefahren weiter - auch die ehrbaren Bürger. Als in Washington D.C. einmal ein Alkoholschmuggler hochgenommen wurde, las sich sein Kundenverzeichnis wie ein Who's who der feinen Gesellschaft. Vor Gericht sagte Al Capone einmal: "Ich verkaufe nur Bier und Whiskey an ehrbare Bürger." Den Richter taxierend meinte er: "Leute wie Sie sind meine besten Kunden".

Die ehrbaren Kunden, die ihren Stoff nicht zu Hause tranken, taten dies in den sogenannten Flüsterkneipen, den Speakeasys. An wohlbekannten Hintertüren klopften die Durstigen an, eine Luke öffnete sich, man nannte das Codewort und schon konnte der feuchtfröhliche Abend losgehen. Natürlich musste man leise sein, "flüstern", um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

"Ich liebte Speakeasys. Wenn du die richtigen kanntest, musstest du dir nie Sorgen machen, von schlechtem Whiskey vergiftet zu werden", schwärmte Alec Wilder. Gelegenheit, in einem Speakeasy zu trinken, gab es reichlich. 16.000 Kneipen existierten vor dem Beginn der Prohibition in New York. 1929 gab es allein in dieser Stadt über 30.000 Speakeasys. Das Verbot des Alkoholkonsums machte die Leute anscheinend durstig.

Mit Alkohol gegen die Staatspleite

Die nicht einmal 3000 Prohibitionsagenten im Außeneinsatz waren machtlos gegen den allgemeinen Unwillen der Amerikaner, trocken zu werden. Der Job war miserabel bezahlt und zog daher vor allem Kandidaten an, die in allen anderen möglichen Berufen bereits gescheitert waren. Bei einem Eignungstest 1927 fielen von rund 12.000 Teilnehmern fast 60 Prozent durch. Dabei bewegte sich der Test auf Grundschulniveau. Auch nach solchen denkbar niedrig gehängten Auswahlprozeduren war keineswegs gesichert, eine zuverlässige Mannschaft zu erhalten. Noch 1929 wurde der Fall eines Agenten bekannt, der völliger Analphabet war.

Vor allem aber machten sich die Prohibitionsagenten bei der Bevölkerung denkbar unbeliebt. Der Konflikt eskalierte, als 1929 Agenten nachts in ein Haus in Aurora, Illinois, einstiegen, um Beweismittel zu suchen. Als die verängstigte Hausherrin per Telefon die Polizei verständigen wollte, fielen Schüsse - die Frau war tot.

Skandale wie dieser, die Zunahme von Verbrechen und die Einsicht, dass man dem Alkoholkonsum nicht würde Herr werden können, ließ die Front der Prohibitionsbefürworter bröckeln. Vor allem der zukünftige Präsident der USA, Franklin D. Roosevelt von den Demokraten, lehnte die Prohibition ab und zog kräftig über das Alkoholverbot her. "Eine generelle Ermutigung zur Gesetzlosigkeit" sei daraus hervorgegangen. Auch die Ablehnung der Prohibition trug ihn bei der Wahl im November 1932 triumphierend ins Weiße Haus.

Aber noch ein anderer Grund ließ viele Politiker von der Prohibition Abstand nehmen: Amerika konnte sich das Alkoholverbot schlichtweg nicht mehr leisten. Nach dem Schwarzen Donnerstag 1929 war das Land in die Große Depression geschlittert. Die Alkoholsteuer war bestens geeignet, zumindest einige Finanzlöcher zu stopfen. Der Direktor von General Motors, Pierre S. du Pont, stellte im Radio bereits ganz eigene Schätzungen an, wie Amerika ohne die Einführung der Prohibition dastehen würde: "Anstelle einer bankrotten Staatskasse hätten wir heute keine Schulden und einen Überschuss von fünf bis zehn Milliarden Dollar." Ob die Zahlen realistisch waren, sei dahin gestellt. Klar war aber: Alkoholgenuss sollte den amerikanischen Haushalt sanieren helfen.

So stimmte am 16. Februar 1933 zunächst der Senat, am 20. Februar dann auch das Repräsentantenhaus mit großer Mehrheit für die Abschaffung der Prohibition, auch wenn einzelne Staaten das Alkoholverbot fortführten. Am 5. Dezember billigte schließlich auch Utah den 21. Verfassungszusatz - und Benjamin DeCasseres konnte endlich seinen heiß ersehnten Highball ordern.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Hans Müller, 06.12.2013
1.
Kein Hanf in Deutschland ist auch keine Lösung!
Martin Zawidzki, 06.12.2013
2.
Die beschriebenen Ereignisse lassen sich zu 100% auf die Hanfprohibition übertragen.
jan terborg, 06.12.2013
3.
Sieht man mal das prohibition nix bringt. Cannabis ist aber trozdem noch verboten.
Robin Schmitt, 06.12.2013
4.
Man könnte ja meinen dadurch hätte sich etwas geändert. Aber nein, abgesehen von Alkohol und Tabak sind alle anderen Drogen verboten und das organisierte Verbrechen hat teilweise ganze Länder im Griff. Schuld sind natürlich die Konsumenten die das ganze böse Zeug auf dem Markt halten. Es ist fast die selbe Situation wie damals. Mit dem Unterschied dass heute die Pharmalobby ein großes Interesse daran hat Cannabis, MDMA und Co vom Medikamentenmarkt fernzuhalten. Wer sollte denn sonst ihre extrem gesunden, unbedenklichen und preislich total angemessenen Ersatzstoffe kaufen?
Thomas Kreß, 06.12.2013
5.
so etwas kommt heraus, wenn die Tugendwächter regieren. mit den Drogengesetzen hat man der Mafia die "Nachfolgeprojekte" gesichert. auch hier ist es absolut überfällig, dass die, nicht kontrollierbaren" Verbote fallen.
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