Ende eines Kultautos "Der Käfer ist tot, es lebe der Käfer!"

Ende eines Kultautos: "Der Käfer ist tot, es lebe der Käfer!" Fotos
Volkswagen Aktiengesellschaft

Vom Symbol des Wirtschaftswunders zum Auslaufmodell: Vor 30 Jahren lief in Emden der letzte deutsche Käfer vom Band. VW-Techniker Heinz Wischkony und Johann Kamp erinnern sich an den Tag, an dem eine Epoche zu Ende ging - und gleichzeitig eine neue begann. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
    3.1 (548 Bewertungen)

Dudu konnte fast alles. Der gelbe Superkäfer war imstande zu schwimmen, zwischen Hauswänden hochzufahren, auf Stelzen seinen Weg fortzusetzen, zu fliegen. Kein Auto, sondern ein Held, ein Kultobjekt, glorifiziert wie kaum ein anderes Gefährt. Doch auch Helden müssen irgendwann einmal gehen, Dudu sogar auf höchst unrühmliche Weise: Bereits innerhalb der ersten zehn Minuten wurde Dudu in seinem letzten Film zum Totalschaden - genau im selben Jahr, in dem auch sein reales Ebenbild, den deutsche Käfer, das Zeitliche segnete: Am 19. Januar 1978, vor genau 30 Jahren, rollte im VW-Werk Emden der letzte in der Bundesrepublik produzierte Käfer vom Band. Das Ende einer Ära.

"Wir alle haben gespürt, dass dieser Donnerstag in die Geschichte eingehen würde", sagt Heinz Wischkony, damals Werksleiter von VW Emden. Schon allein, weil die Presse "von Konstanz bis Kiel" sich seit dem Morgen auf dem Betriebsgelände tummelte. Amerikaner, Engländer, Franzosen - aus allen Teilen der Welt seien Kamerateams angereist, um dem Käfer die letzte Ehre zu erweisen, erinnert sich der heute 76-Jährige. Für elf Uhr habe man die Journalisten in Halle 1A bestellt, wo ein kleines Team von 50 bis 60 Mann den Buckelporsche zusammenschraubte - unter der Aufsicht von Johann Kamp, Montageleiter der ersten Stunde.

Seit der Werksgründung im Jahr 1964 arbeitete der heute 78-Jährige bei VW Emden, seine Geschichte und die des Käfers sind untrennbar miteinander verwoben. "In Gummistiefeln, mit Lodenmantel und Hut haben wir die ersten Käfer zusammengebaut", erinnert sich Ex-Montageleiter Kamp. Denn die Hochkonjunktur forderte Höchstleistung, die Autos mussten raus, auch wenn das Werk, auf ehemaligen Kohlfeldern errichtet, noch nicht ganz fertig war. Zahlreiche Ungelernte habe er in der Mannschaft gehabt, sagt der Maschinenbauer. Menschen, die zuvor mehr schlecht als recht von Landwirtschaft oder Fischerei gelebt hatten - und die nun, durch den Bau des VW-Werks in Emden, des mit Abstand größten Arbeitgebers der Region, eine neue Chance bekamen.

Der Käfer gehörte zur Familie

Der Käfer war mehr als nur das Fahrzeug, das sie produzierten, er war ihre Existenzgrundlage. Und für Ortschaften wie etwa Moordorf gehörte der Käfer gewissermaßen zur Familie: Rund 80 Prozent der Bevölkerung, so Kamp, arbeiteten bei VW. Dass keiner durch den Stopp der Käferproduktion den Job verlor, da alle Arbeiter nun für Golf, Passat und Audi 80 gebraucht wurden, habe die Menschen nicht wirklich getröstet - ein Familienmitglied lässt sich eben nicht so leicht ersetzen.

"Wir haben uns alle mit dem Auto identifiziert", sagt Kamp, obwohl die Belegschaft wusste, dass die Tage des Käfers gezählt waren. Zu unsicher, zu unbequem, zu zugig, zu klein, zu hoher Spritverbrauch - die Mängelliste wurde immer länger, der Konkurrenzdruck immer größer. Der Todesstoß kam, so Wischkony, aus den USA, wo 1967 erstmals Abgas- und Sicherheitsvorschriften eingeführt wurden, die den Käfer erheblich verteuerten.

Neue, moderne Modelle mussten her, schließlich machte VW sich selbst Konkurrenz: mit den Baureihen Golf, Passat und Polo, die zwischen 1973 und 1975 auf den Markt drängten. Von nun an fristete der Käfer ein Nischendasein, sukzessive drosselte VW die Produktion. 1974 rollte in Wolfsburg der letzte Käfer vom Band, gleichzeitig fuhr das Werk in Emden die Montage stark zurück.

Beeindruckendes Blitzlichtgewitter

"Ab 1977 wurde der Käfer auf eine kleine Nebenlinie verbannt, nur noch 40 Stück liefen am Ende pro Tag vom Band", sagt Wischkony mit Wehmut und illustriert seine Gefühle mit einem Bild: "Sie lieben Ihr Haus und wollen da nie rausgehen. Aber wenn das Dach anfängt zu brennen und das Feuer sich langsam ausbreitet, dann gehen auch Sie vor die Tür und packen Handtasche und Familie mit ein", sagt er und lacht kurz auf. Ein Ende der Produktion war absehbar - und dennoch war die Trauer groß, als Tag X dann tatsächlich anbrach.

Bis elf Uhr schob die letzte Frühschicht an der kleinen Nebenlinie in Halle 1A ihren ganz normalen Dienst. Seit sechs Uhr morgens war Kamp da und überwachte die letzten Handgriffe: Rahmen auflegen, Chassisteile aufmontieren, Karosse von oben aufsetzen, alles verschrauben, das sei es im Wesentlichen gewesen, berichtet der Ex-Montageleiter. "Viel wurde nicht gesprochen an jenem Tag", erinnert er sich. Ein Großteil der Truppe sei ohnehin in Mexiko gewesen, um bei dem neuen VW-Werk in Puebla Geburtshilfe zu leisten.

Dann, pünktlich um elf Uhr war es so weit: Behäbig krabbelte der letzte Käfer vom Band, ein gelber 1300er. Kurze Politur, letzte Aufräumarbeiten, Blumengestecke links und rechts über die Kotflügel drapiert - und schon strömten Journalisten, Vertreter der Stadt Emden, Führungskräfte und Honoratioren in die Halle. Beeindruckend sei das nun folgende Blitzlichtgewitter gewesen, erinnert sich Wischkony. Als Werksleiter konnte er sich keinen Gefühlsausbruch erlauben, in jenem Moment.

Der erste Buckelporsche aus Mexiko

Anders als die einfache Belegschaft: "Viele haben sich weggedreht, um ihre Tränen zu verbergen", sagt Kamp. Er selbst habe sich beherrscht, wenn auch mit Mühe. Tapferes Lächeln, niedergeschlagene Minen, offene Trauer: die Pressefotos, die jenen Moment in Halle 1A festgehalten haben, sprechen eine lebendige Sprache. Doch wenn die Schreiber dachten, mit dem Abschlussbild sei die Pressekonferenz beendet und schon eilig Richtung Ausgang strebten, so hatten sie nicht mit Wischkonys Überraschungscoup gerechnet.

"Nach dem offiziellen Foto nahm ich das Megaphon in die Hand und bat die Presse, unverzüglich in Kleinbusse einzusteigen, die vor der Halle parkten", sagt der Werksleiter vergnügt. Im Corso seien die verdutzten Journalisten von der Halle zur Autoverladung am Hafen chauffiert worden. Mit den Worten "Der Käfer ist tot, es lebe der Käfer" deutete Wischkony in die Luft - und präsentierte dem erstaunten Publikum den ersten Buckelporsche aus Mexiko, der just in dem Moment am Verladehaken eines Schiffes baumelte.

Die Botschaft: Der Käfer ist eben doch unsterblich. Zwar nahm Dudu ein unwürdiges Ende, sein Vorbild aus den USA jedoch ist seit 1968 nicht totzukriegen. Spätestens seit Herbie 2005 eine Renaissance als Kinofilm feierte, mit Lindsay Lohan, Matt Dillon und Michael Keaton in den Hauptrollen, dürfte auch dem unverbesserlichsten Toyota-Fahrer klar geworden sein: Ein Auto ist mehr als nur ein Ding mit vier Rädern.

Artikel bewerten
3.1 (548 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Frank Kern 16.01.2008
Hier wäre es besser gewesen ab `65 die Entwicklung des VW`s wieder an Porsche zurückzugeben.Die hätten sicher was daraus gemacht,und der Wagen wäre in einer modernen Adaption weiterhin am Markt und nicht als Golf-Verschnitt,sonder mit Seele und dem Motor am richtigen Fleck. Siehe 911.
2.
Andreas Kurz 16.01.2008
Nach meinem Kenntnisstand baute VW zwar ab 1978 keine Käfer-Limousinen mehr in Deutschland, doch bei Karmann rollte bis Januar 1980 noch das Käfer Cabrio als 1303 Version vom Band. Dieses Cabrio war es auch, was zu einem echten Aufschrei aller Fans führte, als es durch den Golf ersetzt wurde, denn die 1200/1300 Modelle mit kurzem Vorderwagen kaufte kaum noch einer. Und der Mexiko-Käfer machte seine Sache nicht so schlecht. Im Film wird der letzte Mexikaner, der offiziell von VW 1985 verkauft wurde gezeigt("Sondermodell Zinngrau"), gesagt wird aber, das wäre der letzte in Deutschland hergestellte Käfer gewesen. Ich weiß, beim Käfer wird man schnell zum Korinthenkacker, aber wenn mans weiß und wenn man großer Fan war, stört es einen eben doch.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH