Energie aus Deutschland Schwarzes Gold im Heidesand

Texas in der Lüneburger Heide: Anfang des 20. Jahrhunderts erreichte der Erdöl-Boom den Ort Wietze in Niedersachsen. Fördertürme wucherten wie Pilze aus dem Boden, bald deckte das kleine Dorf den kompletten Ölbedarf des Kaiserreichs. Doch die Bohr-Bonanza war schnell vorbei.

Erdölmuseum Wietze

Quietschend läuft das Seil über die hölzerne Rolle des Flaschenzugs. Kräftig legen sich die Männer ins Zeug, bis endlich die Oberkante des Bohrmeißels im Standrohr auftaucht. Die beiden Männer am Strick halten kurz inne, blicken zum Bohrmeister. Als der das Signal gibt, lassen sie los. Krachend donnert der schwere Meißel in die Tiefe und bohrt sich ein Stück weiter in den Untergrund. Mühsam, manchmal nur wenig Zentimeter pro Tag, kommen die Männer voran.

Die Bohraktion aus dem Sommer 1858 ist bestens dokumentiert, denn am Bohrloch führte seinerzeit Geologie-Professor Georg Christian Konrad Hunäus Regie. Beauftragt war der berühmte Experte von niemand geringerem als der Königlich-Hannoverschen Regierung: Er sollte Rohstoffe suchen, Kohle-, Erz- oder Salzvorkommen für das Königshaus ausfindig machen - und dafür wurde kräftig gebohrt.

Insgesamt dreizehn Bohrungen hatte man dem erfahrenen Geologen bewilligt. Und da in der Region an mehreren Stellen Teer nahe der Oberfläche zu finden war, hoffte der Herr Professor, hier auf Kohle zu stoßen. Dort wo Öl austrat, müsse sich, so die weit verbreitete These der Geologen, ein Kohleflöz unter der Oberfläche befinden.

Wenig Bedarf für das dickflüssige Gold

Rund um Wietze, einem kleinen Dorf nahe Celle in der Lüneburger Heide, gab es gleich mehrere Stellen, an denen schweres, klebriges Öl auf den Wiesen und Feldern austrat. Die Bauern, auf deren Land sich die so genannten Teerkuhlen befanden, machten sich das zunutze. Sie schöpften das Öl ab und verkauften es genauso wie den Ölsand nach Hamburg. Gleich neben den Teerkuhlen ließ Professor Hunäus im April 1858 sein Bohrgestänge aufbauen, und ein Jahr später traf der primitive Bohrmeißel in knapp 36 Meter Tiefe auf eine ölführende Erdschicht.

Doch Hunäus sollte Braunkohle, Erz und Salz finden, für Erdöl interessierte sich sein königlicher Auftraggeber nicht. Mit dem schwarzen Gold wusste man damals schlicht nichts anzufangen. Mitte des 19. Jahrhunderts benutzte man Erdöl in Deutschland nur in bescheidenen Mengen - als Schmiermittel und zu Beleuchtungs- oder Heilzwecken. In den USA, wo wenige Monate später, im August 1859, Edwin Drake in Titusville/Pennsylvania fündig wurde, war das ganz anders.

Dort brach ein regelrechter Bohrboom aus. Das deutlich leichtere Öl aus den US-Vorkommen schoss geradezu aus den Bohrlöchern und wurde dort schon früh im großen Stil als Brennstoff eingesetzt, unter anderem zur Beleuchtung. In Deutschland war das vollkommen anderes. Hier interessierte man sich erst deutlich später für Leuchtöle wie Petroleum, es gab ja schließlich Kerzen. Erst mit der industriellen Revolution gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Nachfrage nach Erdölprodukten größer. Und plötzlich erinnerte man sich wieder der Vorkommen in der Lüneburger Heide.

Bohrturm an Bohrturm

Einer der ersten, der anrückte, war Bohrmeister Friedrich Hasenbein. Am 11. Juli 1899 brachte er für die Firma Kaiser eine Bohrung nieder, die den Erdöl-Boom in der Region rund um Wietze lostrat. Aus seinem Bohrloch schoss das schwarze Gold nämlich erstmals von allein an die Oberfläche - immerhin 100 Fässer à 160 Liter wurden täglich gefüllt. Zum Einsatz kamen ausgediente Heringsfässer, die dann per Ochsenkarren abtransportiert wurden.

Mit der Hasenbein-Bohrung war der Startschuss für die Ansiedlung einer ganzen Branche gefallen. Das kleine Heidedorf wurde zum Klein-Dallas Deutschlands. Schon 1904 waren 30 Ölgesellschaften in der Region tätig, und vier Jahre später wurden über 80 Prozent der Inlandsnachfrage nach Erdöl aus der Förderung rund um Wietze gedeckt. Zwei Jahre später pumpte man in und um Wietze rund 100.000 Tonnen Erdöl aus dem Heideboden - das damalige Deutsche Reich war damit vollkommen unabhängig vom Import des schwarzen Goldes.

Das Beste dabei: Damals konnte jeder bohren, solange er nur das Gerät und das nötige Kapital hatte. Um 1917 war die gesamte Gegend gespickt mit Förder- und Bohrtürmen, plötzlich sahen ganze Teile von Niedersachsen aus wie die Ölfelder von Texas oder Baku. Für die Region wurde das Erdöl der wichtigste Wirtschaftsfaktor. Mehr als 1600 Arbeiter schufteten zur Hochzeit auf dem Ölfeld und sorgten dafür, dass aus dem kleinen Dorf im Laufe der Jahre die deutsche Erdölstadt wurde. Wichtigstes Unternehmen vor Ort wurde die Deutsche Erdöl-Aktiengesellschaft, kurz DEA, die angesichts nachlassender Ergiebigkeit der Vorkommen nach und nach zahlreiche Gesellschaften in Wietze übernahm und später zum größten Erdölunternehmen des Deutschen Reichs aufstieg.

Aus für Klein-Texas

Das Klein-Texas in der Lüneburger Heide war allerdings nicht von langer Dauer. Schon ab 1914 ging die Förderquote zurück, während der Bedarf kontinuierlich stieg. Die kleinen Felder gaben immer weniger her. Zwar sorgte die 1918 aufgenommene Förderung von Ölsand, der unter Tage abgebaut wurde, noch mal für einen Aufschwung in der Region, aber die Bedeutung der Vorkommen in der Lüneburger Heide sank kontinuierlich - 1964 wurde die Förderung ganz aufgegeben.

Zwar stehen auch heute noch einige der markanten Pferdekopfpumpen in der Region, aber an die Erdölbonanza von einst erinnern nur noch das Erdölmuseum in Wietze und das Zentrallabor der DEA. Dort wird immer noch nach Vorkommen in Deutschlang geforscht. Seit 1987 wird in Deutschland so wieder in größerem Stil nach Öl gebohrt: Das Vorkommen Mittelplate im schleswig-holsteinischen Wattenmeer liefert immerhin gut 1,5 Prozent des deutschen Erdölbedarfs.

Bei Erdgas sieht es etwas besser aus: immerhin knapp zwanzig Prozent des nationalen Bedarfs wird in Deutschland gefördert. Allerdings ist die Tendenz rückläufig und große Hoffnungen, dass man noch große Vorkommen in Deutschland findet, macht sich niemand. Die Zeiten des großen Ölbooms sind vorbei, auch wenn die DEA-Spezialisten derzeit im Gifhorner Trog, nahe Wietze, wieder einmal unterwegs sind - um mit feinster Seismik die letzten Ölblasen im Untergrund zu lokalisieren.



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Karoline Krömer, 11.01.2009
1.
Man sollte hinzufügen, dass in Wietze das einzige Erdölbergwerk der Welt existierte, in dem die Bergarbeiter den Ölsand unter unglaublichen Arbeitsbedingungen förderten. Es wurden Schächte unterhalb des Öl getrieben. Nach der Arbeit waren sie pechschwarz und bekamen vom Arbeitgeber pro Mann zwei Liter Bezin, um sich zu säubern. Dar reichte allerdings nicht für die Haare, so dass die Ehefrauen der Bergleute zu Hause schwarze Kopfkissen auflegten. Dies alles kann man bei einer Führung durch das sehr empfehlenswerte Deutsche Erdölmuseum erfahren.
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