Legendäre Zwillinge von Siam Einer trank, beide wurden besoffen

Der eine mochte Whisky, der andere wollte abstinent leben. Auch bei Religion und Politik waren sie uneins - körperlich aber unzertrennlich. Seit dem legendären Paar Eng und Chang Bunker spricht man von "siamesischen Zwillingen".

Chang und Eng Bunker
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Chang und Eng Bunker


Mark Twain war fasziniert: zwei zusammengewachsene Männer, verheiratet mit zwei Schwestern, die einer ganzen Reihe von Kindern das Leben schenkten. "Die Siamesischen Zwillinge sind von Natur aus empfindsamen und liebevollen Gemüts und hängen ein ereignisreiches Leben lang mit einzigartiger Treue aneinander", notierte er 1869, "selbst als Kinder waren sie unzertrennbare Gefährten; und es wurde festgehalten, dass sie die gegenseitige Gesellschaft stets der anderer Menschen bevorzugten."

Als der amerikanische Schriftsteller, Autor der Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, auf Eng und Chang Bunker aufmerksam wurde, waren die Brüder bereits 58 Jahre alt und hatten es in den USA zu einiger Berühmtheit gebracht.

Geboren wurden die Zwillinge 1811 als In und Jun im Tambon Mae Klong, einer Gemeinde nahe Bangkok. "Dicephalus" (Doppelkopf) nennen Mediziner ein solches Geschöpf heute, oder eben: siamesische Zwillinge. In und Jun - sie waren die Zwillinge aus dem Königreich Siam (heute Thailand), deren Schicksal diese Bezeichnung prägte.

Twain fühlte sich berufen, nicht nur über die "persönlichen Gewohnheiten dieser seltsamen Kreaturen zu schreiben", sondern auch über ein paar "sonderbare Details" aus ihrem Leben.

Bis zu ihrem 17. Lebensjahr waren die beiden von der Nachbarschaft zwar bestaunt worden, ansonsten aber weitgehend unbehelligt aufgewachsen. Sie lernten schwimmen und Boot fahren und lebten beinah selbstständig. 1829 aber war es mit dem beschaulichen Leben vorbei.

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Zwillinge von Siam: Das ungewöhnliche Leben von Eng und Chang Bunker

Da nämlich entdeckte der Schotte Robert Hunter ihr Potenzial. Der in Bangkok lebende Händler glaubte zunächst, er habe es mit "seltsam aussehende Tieren zu tun", so Joseph Andrew Orser 2014 in seinem Buch "The Lives of Chang and Eng".

Von den Eltern erkaufte Hunter die Erlaubnis, die am Brustbein zusammengewachsenen jungen Zwillinge auf eine Welttournee zu schicken. In Revuen erregten sie als Kuriositäten Aufsehen und stemmten mit ihren 1,57 Meter Körpergröße spielend 127 Kilogramm schwere Kolosse in die Höhe.

Im 19. Jahrhundert war das durchaus üblich, sogenannte Abnormitätenschauen wurden zum Massenvergnügen: Der Kolonialismus steigerte die Lust am Fremden, Exotischen. Das Publikum ergötzte sich am Anblick von Menschen mit körperlichen Fehlbildungen ebenso wie an "Völkerschauen", bei denen Lappländer, Indianer und andere Völker aus fernen Ländern ausgestellt wurden wie Tiere im Wildgehege.

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Eng und Chang Bunker wurden auch immer wieder medizinisch untersucht. "Wenn man einen kitzelt, dann merkt das auch der andere", notierte einer der Ärzte, außerdem: "Wenn einer einen sauren Geschmack im Mund hat, ergeht es dem anderen genauso."

Mehr Interesse allerdings erregte das Sexualleben der beiden. Müde von der ewigen Tournee, ließen sich die Zwillinge 1839 im US-Bundesstaat North Carolina nieder, nannten sich Bunker und heirateten 1843 die Schwestern Adelaide und Sarah Anne Yates. 21 Kinder sollen die vier im Laufe ihres Lebens gezeugt haben, von denen elf das Erwachsenenalter erreichten.

Ärzte lehnten Trennung ab

Unmut erregte das Liebesleben der vier in der Nachbarschaft - einige Moralapostel drohten dem Vater der Ehefrauen, die Ernte niederzubrennen, und auch die eine oder andere Fensterscheibe ging wohl zu Bruch. Als Chang und Eng nach Frankreich reisen wollten, verweigerten ihnen die Behörden einmal gar die Einreise: Man fürchtete die erotische Wirkung der Zwillinge auf die französische Damenwelt.

Mark Twain beschäftigten eher die gegensätzlichen Temperamente der beiden. "Eng mag ausgehen, Chang ist sesshaft; Eng ist Baptist, aber Chang ist römisch-katholisch", notierte er in seinem Bericht über "Personal Habits of the Siamese Twins". Zudem habe der eine im Bürgerkrieg die Konföderierten unterstützt (Chang), der andere die Union.

Am meisten aber amüsierte Twain aber die Tatsache, dass "Chang zu den Guttemplern gehört, er arbeitet hart und ist ein enthusiastischer Unterstützer aller Templer-Reformen" - während sich Eng ganz gern ein Gläschen genehmigte.

Wenn sich Eng indes dem Alkohol hingab, wurde auch Chang ungewollt berauscht und verstieß so gegen die strengen Regeln seines Ordens. Daraufhin machten Changs zornige Glaubensbrüder den Alkoholtest. Twain: "Sie füllten Chang mit warmem Wasser und Zucker ab und Eng mit Whisky, und nach 25 Minuten konnte man nicht sagen, wer von den beiden betrunkener war." Daraufhin ließen die Templer Chang in Frieden.

1870 erlitt Chang einen Schlaganfall. In den letzten Jahren baten die Zwillinge mehrere Ärzte, sie zu trennen, doch niemand wollte das Wagnis eingehen. 1874 starben sie. Eine Autopsie bestätigte im Nachgang die Bedenken der Mediziner: Die Gefäße der Leber zu trennen, wäre trotz eines erfahrenen Arztes ein großes Risiko gewesen. Die Operation hätte einer der Zwillinge wohl nicht überlebt.



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Nils Pfeifer, 19.04.2017
1. Schlecht recherchiert?
Andere Quellen (vgl. http://www.springermedizin.at/artikel/8733-die-unzertrennlichen-siamesen-narrenturm-97) und https://de.wikipedia.org/wiki/Chang_und_Eng_Bunker) berichten, dass Rudolf Virchow das Paar bei einem Deutschlandbesuch untersuchte und dabei die Ansicht erlangte, eine Trennung sei durchaus möglich. Diese Erkenntnis wurde bei der Obduktion bestätigt. Auch über den Grund der Einreiseverweigerung nach Frankreich gibt es offenbar unterschiedliche Berichte. Interessanter Artikel, aber nicht wirklich gut recherchiert.
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