England im Zweiten Weltkrieg Das gestohlene Dorf

England im Zweiten Weltkrieg: Das gestohlene Dorf Fotos
Shaun Matthews (LLAP)

Besetzt von der eigenen Armee: Um die Landung in der Normandie zu proben, ließen die Briten 1943 kurzerhand ein südenglisches Dorf räumen. Nach dem Sieg der Alliierten wollten die Bewohner in ihre Heimat zurückkehren - und durften nicht. Es war der Beginn eines jahrzehntelangen Kampfes. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare
    3.8 (42 Bewertungen)

Es war ein kalter Novembertag im Jahr 1943, als die Einwohner des Dorfes Tyneham unerwartet Post bekamen. Ein Bote brachte die Briefe in die 250-Seelen-Gemeinde, alle trugen den gleichen Absender: Generalmajor C. H. Miller, Kriegsministerium. Der Befehlshaber des Kommando Süd der britischen Streitkräfte hatte eine wichtige Mitteilung zu machen: "Um unseren Truppen die Möglichkeit zu geben, ihren Umgang mit den modernen Kriegswaffen zu perfektionieren", schrieb er, "benötigt die Armee ein Gelände, das ihren speziellen Bedürfnissen entspricht und in dem sie scharfe Munition einsetzen kann. Aus diesem Grund werden Sie verstehen, dass das ausgewählte Gebiet von allen Zivilisten geräumt werden muss."

Im Interesse der Nation sei es bedauerlicherweise unerlässlich, fuhr der Generalmajor fort, dass alle Bewohner ihre Häuser vorübergehend verließen. Das Datum der Evakuierung stand bereits fest: "Der Tag, an dem das Militär das Gebiet übernimmt, ist der 19. Dezember." Nur knapp ein Monat blieb den Betroffenen, sich eine neue Bleibe zu suchen und eine Arbeit, mit der sie sich in den folgenden Monaten ihren Lebensunterhalt verdienen konnten.

Zunächst stießen die königlichen Truppen auf wenig Widerstand: Der Postbote, der Pfarrer, der Lehrer, der Bäcker und all die anderen aus dem Dorf sahen es als ihre patriotische Pflicht, dem Wunsch der Regierung nachzukommen. Bis zur Heuernte, so hatten die Bauern gerechnet, würden sie wieder daheim sein. Eine Woche vor Weihnachten brachen sie auf. Als eine der letzten verließ die Näherin Helen Taylor den Ort. Bevor sie ging, heftete sie für die Truppen eine Nachricht an die Tür des Gotteshauses: "Bitte behandeln Sie die Kirche und Häuser mit Sorgfalt; unsere Häuser, in denen viele von uns seit Generationen leben, haben wir verlassen, um zu helfen, den Krieg zu gewinnen, damit die Menschen frei sind. Eines Tages werden wir zurückkehren und Ihnen für die freundliche Behandlung des Dorfes danken."

Doch dazu kam es nicht. Denn obwohl Tyneham im Zweiten Weltkrieg von keiner einzigen deutschen Bombe getroffen wurde, kehrten seine Bewohner nie zurück. Anders als viele andere britische Gemeinden wurde der Ort zu einem eher ungewöhnlichen Opfer des Krieges.

Bereit für den D-Day

Schon kurz nachdem Tynehams Einwohner gegangen waren, zogen Soldaten in das Dorf. Die Heidelandschaft an der südenglischen Küste wandelte ihr Gesicht: Stacheldrahtzäune versperrten die Wege, Panzersperren den Zugang zum Strand. Aus Sicht des Militärs war das von sanften Hügeln umschlossene Tal in der Grafschaft Dorset ein idealer Ort: Britische und amerikanische Panzertruppen würden hier geeignete Bedingungen finden, um sich auf die Landung an den Stränden der Normandie vorzubereiten.

Für eine realistische Gefechtsausbildung mussten die Panzer Vorstöße simulieren und über weite Strecken Munition abfeuern können. Durch die Evakuierung Tynehams war es möglich, den westlich gelegenen Schießplatz des Royal Armoured Corps zu einer neuen Schießschule auszubauen. Die Kirche, das alte Herrenhaus und all die anderen Gebäude von Tyneham lagen nun im Herzen eines gewaltigen Truppenübungsplatzes.

Doch zunächst schien es, als hätten ihre einstigen Bewohner Glück: Wie die Panzertruppen hatten feststellen müssen, hatte die Royal Air Force bereits 1941 in unmittelbare Nähe des Ortskerns eine Radarstation errichtet. Um die Luftstreitkräfte nicht zu behindern, blieb der Bereich des Dorfes von Manövern verschont. Zudem fehlte es der Panzerschule an Personal, solange sämtliche Führungskräfte für die Invasion des europäischen Festlands benötigt wurden. Als der Krieg endlich aus war, warteten die Bewohner von Tyneham deshalb voller Ungeduld auf den Moment, ihre Häuser wieder beziehen zu dürfen.

Kampf um Tyneham

Doch sie warteten vergebens. Das Drama, das in der Weihnachtszeit des Jahres 1943 begonnen hatte, nahm einen unerwarteten Verlauf: Nachdem Hitler-Deutschland längst besiegt war, sollte für die Bürger von Tyneham der Kampf um ihre Heimat erst beginnen.

Nichts deutete auf einen baldigen Truppenabzug. Frustriert und besorgt schrieben Tynehams Einwohner deshalb an das Kriegsministerium. Sie beklagten den sich verschlechternden Zustand ihrer Hütten, die verwilderten Felder und die von Granaten beschädigte Kirche. Zeitungen griffen die Beschwerden auf. Lokale Behörden, Landbesitzer und Parlamentsabgeordnete machten Druck bei der Regierung, forderten die Freigabe der Fläche und pochten auf die Einhaltung des Versprechens von Ex-Premier Winston Churchill, der den Bürgern 1943 die Rückgabe ihrer Heimat "am Ende der gegenwärtigen Notlage" zugesichert hatte.

1947 endlich reagierte die Labour-Regierung - allerdings mit einer überraschenden Nachricht: Die Gemeinde bleibe Teil des Truppenübungsplatzes. Für das Militär sei das Gelände unverzichtbar. Die erstaunliche Argumentation: Das Versprechen der Rückgabe sei mit der Annahme verbunden gewesen, dass das Land, wenn der Krieg gewonnen sei, "in jedem Fall für eine lange Zeit in der Lage wäre, militärische Angriffe zu verhindern". Doch nach der Niederlage der Achsenmächte müsse Großbritannien nun "aufrüsten und sich auf einen neuen Krieg vorbereiten" - diesmal mit der Sowjetunion. Der Kalte Krieg verlangte ein weiteres Opfer von Tynehams Bürgern.

Um deren Widerstand einzudämmen - mittlerweile war Churchill erneut an der Macht - bot die Regierung 1952 Entschädigungen an. Da die meisten der Vertriebenen ihre Grundstücke nur gepachtet hatten und nicht selbst besaßen, beschränkten sich die Zahlungen auf die entgangene Ernte. Viele waren dennoch zufrieden, ihre alten zugigen Steinhäuser gegen moderne Sozialwohnungen, die einige Kilometer entfernt von ihrer alten Heimat errichtet worden waren, eingetauscht zu haben.

Der Kampf um Tyneham aber war damit noch nicht vorbei. Das kleine Dorf mitten auf dem Truppenübungsplatz war landesweit zu einem Symbol für Verrat und Ungerechtigkeit geworden, gegen die es anzugehen galt. Die Situation eskalierte in den sechziger Jahren, als das gut 500 Jahre alte Herrenhaus von Tyneham abgerissen wurde. Ein Häufchen Unerschrockener kündigte daraufhin an, das umzäunte Dorf von den militärischen Besatzern zu befreien.

Vorstoß mit Gartenschere

An der Spitze: der junge Umwelt-Aktivist Rodney Legg, der seine politischen Ansichten im von ihm herausgegebenen "Dorset County Magazine" verbreitete. Im Protestjahr 1968 gründete er die Tyneham Action Group, die der "Daily Telegraph" seinen Lesern als eine "militante Widerstandsbewegung" vorstellte. Ausgerüstet mit Draht- und Gartenscheren schnitt Legg auf seinen Wanderungen durch die Grafschaft überwucherte oder blockierte Wege frei - und berichtete darüber in seinem Blättchen.

Die um Legg versammelte Aktivistengruppe allerdings, bestehend aus Tierschützern, die sich um das Wild auf dem Truppenübungsplatz sorgten, radikalen Fußgängern, die das Recht auf Zugang zum versperrten Küstenstreifen erstreiten wollten, und Verteidigern des traditionellen Junkertums war äußerst vielstimmig: Während es den einen darum ging, das Land wieder an die ursprünglichen Grundbesitzer zurückzugeben, dachten die anderen eher an eine Vergesellschaftung zum Schutz der Natur. Oft waren die Aktivisten daher mehr mit dem Kampf gegeneinander als dem um Tyneham beschäftigt.

Um den Streit zwischen Bürgern und Militär zu schlichten, beauftragte die Regierung 1970 einen Ausschuss mit der Suche nach einer Lösung. Dessen Vorschlag: Die Verlegung der Panzerschule auf den walisischen Truppenübungsplatz Castlemartin. Die Regierung allerdings lehnte ab. Denn in Castlemartin schoss bereits der frühere Feind und spätere Verbündete: Die Briten hatten das Panzerübungsgelände 1961 der Bundeswehr überlassen. Eine gemeinsame Nutzung durch das Royal Armoured Corps und die deutschen Streitkräfte sei unmöglich.

Bis 1975 dauerten die Verhandlungen, schließlich war das Militär zu Zugeständnissen bereit: Die Gittertore um Tyneham wurden für Zivilisten geöffnet - allerdings nur zu festgelegten Zeiten an Feiertagen und Wochenenden. Der Truppenübungsplatz blieb in Betrieb.

Helen Taylor, die Frau, die 1943 den Zettel an die Kirchentür geheftet hatte, sollte mehr als 50 Jahre später doch noch nach Tyneham zurückkehren. Wenn auch nicht zu Lebzeiten. Mit der teilweisen Öffnung des Geländes erlaubte die Armee auch wieder Bestattungen auf dem Dorffriedhof.

Artikel bewerten
3.8 (42 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Walter Wissenbach 18.12.2011
Unglaublich schöne Fotos. Bravo dazu!
2.
Stefan Dembski 19.12.2011
Nicht nur in England gab es solche Ortschaften, die den Truppen als Übungsplatz dienen. In Deutschland gab/gibt es die Ortschaft "Bonnland" im Herzen des Truppenübungsplatzes Hammelburg, welches 1937 abgesiedelt wurde und noch heute der Bundeswehr als Übungsdorf für den Orts- und Häuserkampf dient. Siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Bonnland
3. Was die Regierung einmal hat,
Markus Wollbrueck 28.09.2014
das behält sie auch. Ortschaften zum Gewinn eines Krieges, die patriotische Sektsteuer zum Aufbau der Kriegsmarine, der Soli fuer die Deutsche Einheit... Alles angeblich zeitweise und dann bleibt es doch fuer immer.
4. Bonnland...
Achim Wiegand 28.09.2014
...und in der Tat: Jeder Wehrdienstleistende, der seine Zeit bei der Infanterie verbracht hat, ist Bonnland ein Begriff. Wehrmachtsüberbleibsel.
5. Sie haben Recht
Gunther kiener 28.09.2014
wirklich tolle Fotos.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH